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18 Geisterstories

Электронная книга - «18 Geisterstories». Краткое содержание книги:

Schaurige Geschichten von klassischen und modernen Gespenstern.
Ausgewählt und herausgegeben von Manfred Kluge.
Inhalt:
Laertes
Karl Hans Strobl
Vier Geister in ›Hamlet‹
Fritz Leiber
Das arme alte Gespenst
Heinrich Seidel
Die Klausenburg
Ludwig Tieck
Der Geisterberg
Gustav Adolf Becquer
Gäste zur Nacht
Alexander Puschkin
Der schwarze Schleier
Charles Dickens
Das weiße Tier
Ein Nachtstück
Georg von der Gabelentz
Das geheimnisvolle Telegramm
Anonymus
Der geraubte Arm
Vilhelm Bergsöe
Die Nacht von Pentonville
Jean Ray
Das Gespenst
Knut Hamsun
Der Geist
Frederic Boutet
Die Kleinodien des Tormento
Paul Busson
Altersstarrsinn
Robert Bloch
Der Spuk von Rammin
Hanns Heinz Ewers
Reitet, Colonel!
Mary-Carter Roberts
Die Stimme aus dem Jenseits
Werner Gronwald
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Die Mahlzeit war vorüber, Vetter Jakob hatte mehrmals Zeit gefunden, die Bedeutung des Kiefernzweiges zu erklären und von seiner Reise nach England zu erzählen, Doktor Siemsen hatte praktisch bewiesen, daß derselbe sich auch wirklich wie der beste Mistelzweig benutzen ließ, als der Pfarrer plötzlich fragte: »Nun, Siemsen, was geben Sie uns denn am heutigen Weihnachtsabend zum Besten? Haben Sie die Geschichte mitgebracht?«

»Ja, die Geschichte, die Geschichte, liebster Doktor Siemsen!« schrien die Kinder durcheinander. »Sie müssen uns Ihre Geschichte erzählen!«

»Die Geschichte?« wiederholte Doktor Siemsen mit so verwunderter Miene, als sei diese Zumutung etwas ganz Neues für ihn.

»Jawohl, machen Sie kein so unschuldiges Gesicht«, sagte der Pfarrer. »Seit fünfzehn Jahren haben Sie uns jeden Weihnachtsabend eine Geschichte erzählt, da müßte es doch wunderlich zugehen, wenn Sie heut abend keine in petto hätten.«

»Man sagt, Sie ersännen dieselben, wenn Sie auf die Praxis fahren«, schaltete Jakob ein. »Sie sind ja der größte Märchendichter der Gegend. Sie müssen uns wirklich eine Geschichte erzählen; denn als ich in England war …«

»Sei’s denn!« unterbrach ihn Doktor Siemsen mit einem feinen ironischen Lächeln, das Vetter Jakob nicht bemerkte. »Was wünschen Sie?«

»Eine rechte Weihnachtsgeschichte«, rief Vetter Jakob, »etwas Romantisches, etwas Dämonisches á la Dickens.«

»Ja, eine Spukgeschichte!« stimmte der älteste Pfarrersknabe ein. »Dann blasen wir die Lichter aus und schrauben die Lampe nieder, und dann schreit Karoline, wenn das Gespenst kommt.«

»Wie abscheulich du bist, Fritz!« schmollte Karoline und ward blutrot. »Das hab’ ich nur einmal getan, und das sind über fünf Jahre her. Jetzt will ich gerade eine Spukgeschichte haben.«

»Ach nein, nein, bester Doktor Siemsen!« rief eine der Freundinnen aus der Stadt. »Erzählen Sie lieber etwas Spaßhaftes aus Ihrer Jugendzeit, etwas aus dem Studentenleben, das verstehen Sie so prächtig.«

»Lassen Sie ein wenig Moral darin enthalten sein«, bemerkte der Pfarrer, welcher eifrig damit beschäftigt war, eine Pfeife für seinen alten Freund zu stopfen und ein Glas Punsch zu bereiten, das er auf den kleinen Tisch neben dem Lehnsessel stellte.

»Wohlan«, sagte der Doktor mit einem schelmischen Lächeln, »ich will versuchen, das Verlangen aller Teile zu befriedigen, obschon mir das schwer genug fallen mag. Ich sprach unterwegs bei Peter Nielsen vor, welcher vergangenes Jahr überfahren wurde und den rechten Arm brach. Das erinnerte mich an eine kleine Geschichte aus meiner ersten Studentenzeit, und auf der Fahrt hierher hab’ ich über die Form nachgedacht, welche man ihr geben könnte. Wollen Sie sie hören?«

Der Pfarrer nickte, die Kinder hatten schon ihre Stühle näher zu dem jovialen Doktor herangerückt, welcher, nachdem er von dem Punsch genippt und seine Pfeife angezündet, folgendermaßen begann:

»Es war in meinen jungen Tagen, das heißt«, fügte Doktor Siemsen lächelnd hinzu, »ich zählte achtzehn bis neunzehn Jahre, als Sölling mein Repetent in der Anatomie war. Dieser Sölling war ein trefflicher Bursche, stets voller Spaße und scherzhafter Einfälle und immer gleich lustig aufgelegt, ob er nun am Seziertische oder bei einer Bowle im alten Akademikum saß. Er hatte nur einen Fehler, wenn man das überhaupt einen Fehler nennen kann, nämlich seinen übertriebenen Anspruch auf Pünktlichkeit. Kam man nur einige Minuten zu spät, gleich brummte Sölling und wurde an dem Abend nicht wieder freundlich gestimmt; er selbst kam niemals zu spät, wenigstens nicht in unserem Kreise.

An einem Mittwochabend sollte die kleine Schar sich, wie gewöhnlich, präzise um sieben Uhr bei mir in der Regenz[2] versammeln. Ich hatte zu diesem Zwecke die gewöhnlichen großartigen Vorbereitungen getroffen; ich hatte ein paar Stühle zu den meinigen geliehen; ich hatte alle meine Pfeifen gestopft und hatte Hans dazu bewogen, das Frühstücksgeschirr vom Sofa zu entfernen, wohin er es regelmäßig stellte, statt es auf den Korridor hinauszutragen. Allmählich versammelte sich die Gesellschaft, die Uhr schlug sieben, aber zu unserer großen Verwunderung sahen und hörten wir nichts von Sölling.

Die Uhr wies zwei, drei, ja fünf Minuten nach sieben, ehe wir Sölling die Treppe heraufkommen und in gewohnter Weise mit kurzen Schlägen an die Tür klopfen hörten. Als er eintrat, sah er so ärgerlich und gleichzeitig so verstört aus, daß ich unwillkürlich ausrief: »Was ist Ihnen, Sölling? Man hat Sie doch nicht bestohlen?«

»Allerdings hat man das«, erwiderte Sölling verdrießlich; »und es ist kein gewöhnlicher Dieb gewesen«, fügte er hinzu, indem er seinen Oberrock an den Türnagel hängte.

»Was ist Ihnen denn fortgekommen?« fragte mein Schlafkamerad Nansen.

»Beide Arme meines Skeletts, das ich gerade vom allgemeinen Hospital erhalten hatte«, sagte Sölling mit einer Miene, als hätte man ihm seinen letzten Pfennig gestohlen. »Es ist reiner Vandalismus!«

Wir andern brachen in ein Gelächter über einen so absonderlichen Diebstahl aus, aber Sölling fuhr fort:

»Kann jemand von euch das begreifen? Beide Arme futsch, gerade im Schultergelenk abgeschnitten, und, was das Seltsamste ist, dasselbe war bei meinem alten, räucherigen Skelett der Fall, welches drinnen in meiner Schlafstube stand – nicht mehr Arme, als hier auf meiner flachen Hand!«

»Das ist schlimm«, bemerkte ich; »wir sollten ja heute abend gerade die Anatomie des Armes durchnehmen.«

»Osteologie!« verbesserte Sölling ernsthaft. »Hole dein Skelett hervor, kleiner Siemsen! Es ist nicht so gut wie meins, aber wir können uns immerhin für heute damit behelfen.

Ich schritt nach der Fensterecke, wo ich hinter einem einfachen grünen Shirting-Vorhang meine anatomischen Schätze – ›das Museum‹, wie Sölling es nannte – verbarg. Aber wer schildert meine Verblüfftheit, ja, meinen Schreck, als ich zwar mein Skelett auf seinem alten Platze und, wie gewöhnlich, mit der Studentenuniform, Tschako, Säbel und Patronentasche geschmückt fand, aber – ohne Arme.

»Zum Henker!« schrie Sölling, »Das ist derselbe Dieb, der bei mir gewesen ist; die Arme sind ganz auf dieselbe Weise vom Schulterblatte gelöst, wie in meiner Wohnung. Das hast du selbst getan, kleiner Siemsen!«

Ich beteuerte meine vollkommene Unschuld, während ich mich gleichzeitig über die Mißhandlung meines schönen Skeletts ärgerte; aber Nansen rief: »Wartet einen Augenblick, ich bin gleich wieder da.«

Mit diesen Worten schoß er in sein Zimmer, kehrte aber fast in demselben Augenblick blaß und verlegen zurück. Das Skelett war noch dagewesen, aber die Arme waren verschwunden, gestohlen, und die Schulterbänder ganz auf dieselbe Art wie bei dem meinen zerschnitten.

Die Sache, welche an und für sich rätselhaft war, begann jetzt unheimlich zu werden. Vergebens zerbrachen wir uns die Köpfe mit Vermutungen und Erklärungen; wir kamen dadurch nicht weiter und sandten zuletzt jemanden nach der anderen Seite des Korridors, wo der junge Student Ravn wohnte, der, wie ich wußte, von dem Portier des allgemeinen Hospitals gestern ein Skelett erhalten hatte. Hier zeigte sich indes eine neue Schwierigkeit; Ravn war ausgegangen und hatte den Schlüssel mitgenommen. Hans konnte die Tür nicht aufmachen, obschon sie sonst willig genug war, und ein Bote, den wir nach dem Korridor der Isländer hinüber schickten, kam mit dem Bescheide zurück, daß Bjövulf Skafteson seinen Stubengenossen Einar Skallefanger mit dem einzigen dort vorhandenen Skelette solchermaßen ›verarbeitet‹ habe, daß nur noch ein Paar zerbrochene Hüftknochen übrig geblieben. Hier war guter Rat teuer. Keiner von uns begriff den Zusammenhang. Sölling schalt und fluchte abwechselnd, und die Gesellschaft stand im Begriff aufzubrechen, als wir plötzlich jemand die Treppe heraufpoltern hörten. Gleich darauf ward die Tür aufgerissen, und herein trat eine seltsam hohe und dürre Gestalt. Es war Niels Daae, ein ältlicher Student, den wir damals alle sehr gut kannten.

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2

Die Regenz ist ein altertümliches Gebäude unweit der Kopenhagener Universität, in welchem eine Anzahl ärmerer Studenten freie Wohnung erhält.

Anm. des Übersetzers.

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