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18 Geisterstories

Электронная книга - «18 Geisterstories». Краткое содержание книги:

Schaurige Geschichten von klassischen und modernen Gespenstern.
Ausgewählt und herausgegeben von Manfred Kluge.
Inhalt:
Laertes
Karl Hans Strobl
Vier Geister in ›Hamlet‹
Fritz Leiber
Das arme alte Gespenst
Heinrich Seidel
Die Klausenburg
Ludwig Tieck
Der Geisterberg
Gustav Adolf Becquer
Gäste zur Nacht
Alexander Puschkin
Der schwarze Schleier
Charles Dickens
Das weiße Tier
Ein Nachtstück
Georg von der Gabelentz
Das geheimnisvolle Telegramm
Anonymus
Der geraubte Arm
Vilhelm Bergsöe
Die Nacht von Pentonville
Jean Ray
Das Gespenst
Knut Hamsun
Der Geist
Frederic Boutet
Die Kleinodien des Tormento
Paul Busson
Altersstarrsinn
Robert Bloch
Der Spuk von Rammin
Hanns Heinz Ewers
Reitet, Colonel!
Mary-Carter Roberts
Die Stimme aus dem Jenseits
Werner Gronwald
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Er war ein schnurriger Gesell, dieser Niels Daae, der echte Typus einer Rasse, die jetzt fast ausgestorben ist, die aber zu meiner Zeit nicht so selten war. Er hatte durch ein seltsames Spiel der Verhältnisse, wie er es selbst nannte, fast alle Fakultäten durchgemacht und konnte Zeugnisse vorlegen, daß er nahe daran gewesen war, nicht nur ein, sondern drei ganze Examina zu bestehen.

Er hatte als Theologe begonnen, aber die Erklärung des Erbschaftsverhältnisses zwischen Jakob und Esau hatte ihn zur Jurisprudenz hingeführt. Als Jurist war er durch einen interessanten Giftmischerfall zu der Erkenntnis gelangt, daß das medizinische Studium ein höchst notwendiges Nebenfach sei, das keinesfalls vernachlässigt werden dürfe, und er hatte sich deshalb mit solchem Eifer auf dasselbe geworfen, daß er das Jus vergessen hatte und der Erwartung leben durfte, mit vierzig Jahren sein Examen zu bestehen und im gesetzten Alter eines Fünfzigers Praxis zu bekommen.

Niels Daae nahm die Sache, welche wir diskutierten, sehr ernsthaft. »Jeder Topf«, sagte er, »hat zwei Henkel, jede Wurst zwei Zipfel, jede Sache zwei Seiten, ausgenommen die vorliegende, welche drei hat. (Beifall.) Vom juristischen Standpunkte betrachtet, fällt sie unzweifelhaft unter die Kategorie Diebstahl, oder vielmehr Einbruch, oder vielmehr noch richtiger Einbruchsdiebstahl. Indes kann die Sache eine Kollision von Begriffen und dadurch eine Begriffsverwirrung hervorrufen, was uns zur medizinischen Seite der Sache hinführt, welche deutlich ergibt, daß der Dieb in geistig unzurechnungsfähigem Zustande gehandelt hat, sintemal er nur Arme stahl, wo er ebensogut ganze Skelette hätte nehmen können. Ist er also von juridischem Standpunkte wegen Diebstahls oder zum mindesten wegen ungesetzlicher Aneignung fremden Eigentums zu verurteilen, so muß ich ihn von medizinischem Standpunkte aus freisprechen, weil er in unzurechnungsfähigen Zustande war. Hier geraten also zwei Fakultäten, rein fachmäßig betrachtet, in Streit miteinander, und das Recht ist unentschieden. – Aber jetzt«, fuhr Niels Daae fort, »vermittle ich die Streitsache vom theologischen Standpunkt zu einer höheren Einheit, welche auf das Universelle hinweist. Die Vorsehung hat nämlich in Gestalt eines Gönners in Jütland, dessen Kindern ich die Früchte der Weisheit eingepfropft habe, mir zwei fette Gänse und zwei veritable Enten geschickt, welche heut abend bei Lars Mathiesen verspeist werden sollen, wohin ich die verehrliche Gesellschaft einlade, indem ich in dem Verschwinden der Arme nur die allweise Leitung der Vorsehung erblicken kann, welche in ihrer unbegreiflichen Weisheit sich der Weisheit widersetzt, die sonst von den Lippen meines würdigen Freundes Sölling geflossen sein würde.«

Daaes etwas konfuse Rede wurde mit Gelächter und Beifallrufen aufgenommen, und nur Sölling erhob ein paar schwache Einwendungen, welche indessen bald in der Flut von Lustigkeit und scherzhaften Einfällen erstickt wurden, die Niels Daaes plötzliches Erscheinen hervorgerufen hatte.

Ich habe oft Gelegenheit gehabt, die Beobachtung zu machen, daß improvisierte Gelage die heitersten sind, und so war es auch an jenem Abend. Niels Daae regalierte uns mit den Enten und mit seinen besten Einfällen, Sölling sang seine besten Lieder, der joviale Lars Mathiesen erzählte seine besten Geschichten, und das Bankett war im schönsten Gange, als wir draußen auf der Straße Geschrei und Rufen verschiedener Stimmen vernahmen, dann ein dumpfes Gekrach, begleitet vom Klirren zerbrochener Scheiben, mit ein paar gellenden Wehlauten untermischt.

»Es ist ein Unglück geschehen!« rief Sölling, welcher im Handumdrehen draußen vor der Türe war, – und es verhielt sich wirklich so. Als wir auf Alleegaden hinaus kamen, sahen wir, daß ein Paar durchgehende Pferde einen Kaleschwagen gegen die Bäume der Allee geschleudert hatten, und daß der Kutscher bei dieser Gelegenheit unters Rad gekommen war, das seinen rechten Arm dicht am Schultergelenk zerknickt hatte. Im Nu war unser lustiger Bankettsaal in ein Lazarett verwandelt. Gläser und Teller mußten Binden, Bandagen und den blinkenden Instrumenten der Verbandtaschen Platz machen, und unsere fröhlichen Lieder wurden von den lauten Wehklagen des unglücklichen Patienten beim Verbinden abgelöst. Die Feststimmung war dahin und wollte nicht mehr zurückkehren, Sölling schüttelte den Kopf und machte eine bedeutungsvolle Gebärde, als der unglückliche Kutscher nach dem Hospital gefahren wurde. Sein Ausspruch lautete dahin, daß der Arm amputiert oder vielmehr im Schultergelenk abgelöst werden müsse, ganz wie es bei unsern Skeletten geschehen war, – »ein verdammt sonderbares Zusammentreffen«, sagte er zu mir.

Schweigend und verstimmt wanderten wir heim auf dem alten Königswege, und zum ersten Male sah die ehrwürdige Regenz ihre Söhne von einem festlichen Gelage heimkehren, gerade als der Nachtwächter in Kannikesträde seine bekannte, bei den Studenten sehr beliebte Variante anstimmte:

Hört, ihr Herren, und laßt euch sagen,

Unsre Glock hat elf geschlagen.

Elf ist der Apostel Zahl,

Judas kommt noch überall.

»Elf!« rief Sölling aus. »Das ist zu früh, um zu Bett zu gehen, und zu spät, uns noch weiter herumzutreiben. Laß uns zu dir hinaufgehen, kleiner Siemsen, und versuchen, heute abend noch unsere Lektion nachzuholen. Du hast Loders anatomische Tafeln, mit denen müssen wir uns behelfen, es wird schwer genug halten, daß wir bis Weihnacht fertig werden. Es war auch ganz verwünscht, daß uns just heute abend die Arme gestohlen wurden!«

»Der Doktor kann sonst leicht genug Arme und Beine bekommen, mehr als der Doktor braucht«, grinste Hans, der im selben Augenblick aus dem Tore der Regenz hervortrat, wo er Söllings letzte Worte aufgefangen hatte.

»Wieso, Hans?« fragte Sölling verwundert.

»Ih nun«, antwortete Hans, »das kann der Doktor bequem genug haben. Man hat ja das Plankwerk zwischen dem Trinitatis-Kirchhofe und der Porzellanfabrik niedergerissen und eine Rinne gegraben, um ein neues zu setzen. Das sah ich heute selbst, als ich durch den Kirchengang kam; aber herrjeses, was für eine Masse alter Gebeine sie da aufgewühlt haben. Es waren Arme und Beine und Köpfe dabei, mehr als der Doktor zeitlebens gebraucht!«

»Das hilft uns leider nichts, Hans«, entgegnete Sölling. »Der Kirchengang wird ja um vier Uhr geschlossen, und es ist bald halb zwölf.«

»Freilich wird er das«, grinste Hans abermals; »allein es gibt auch eine andere Manier, hineinzukommen, als gerade auf diesem Wege. Wenn der Doktor durch das Tor der Porzellanfabrik gehen wollte, so könnte er über den Hof und die Mühle in den sogenannten vierten Hof gelangen, welcher nach Springgaden hinausführt. Dort gerade haben sie das Plankwerk niedergerissen, und von dort kann der Doktor bequem nach dem Kirchhofe gelangen.«

»Ja, Hans ist ein Genie«, rief Sölling vergnügt, »das hab’ ich immer gesagt. Hör’, kleiner Siemsen, du kennst ja die Fabrik von außen und innen und besuchst oft den Studenten Outzen, welcher dort wohnt. Geh zu ihm hinauf und leihe von ihm den Schlüssel zur Quarzmühle. Du wirst schon den einen oder andern Arm finden, der nicht allzu vermodert ist. Sei nur recht flink und komme bald zurück, dann wollen wir andern dort oben auf dich warten.«

Ich muß ehrlich gestehen, daß ich in diesem Augenblick keine sonderliche Lust hatte, auf den Vorschlag Söllings einzugehen. Ich war in dem Alter, wo die Pietät vor Tod und Grab noch nicht ganz erloschen ist, und der rätselhafte Vorfall mit den gestohlenen Armen spukte mir noch im Kopfe.

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