Der Turm
- Автор: Tellkamp Uwe
- Год: 2008
- Язык: немецкий
- Год: Suhrkamp
- Жанр: Современная русская и зарубежная проза
Электронная книга - «Der Turm». Краткое содержание книги:
Nach einer Stunde war Richard an der Reihe. Er hatte zwei Begehren: Erstens mußte er ein Zweitgutachten über den Fall eines Vulkanisateurs einholen, der, obwohl einziger Vulkanisateur im südlichen Dresden, einen Gestellungsbefehl erhalten hatte (worauf Richard im Auftrag Müllers, dessen Opel Kapitän auf einen guten Vulkanisateur angewiesen war, dem Mann in einem Erstgutachten völlige Militäruntauglichkeit wegen einer Beinverkürzung von links zehn Zentimetern bescheinigte); zweitens ging die Lebenszeit des Gasdurchlauferhitzers in der Karavelle zu Ende, und Richard wollte einen neuen beantragen.
«Vierter Stock, Flur E, Büro WA — Wohnungsangelegenheiten — Schrägstrich Römisch Zwo«, bestimmte der Mann hinter dem Schalter. Regine hatte ebenfalls zwei Dinge zu erledigen: Erstens mußte sie sich in einem Attest bescheinigen lassen, daß Hansis Geige kein Kulturerbe des Staates sei und ihre Ausfuhr auch sonst keine Staatsinteressen verletze, zweitens hatte sie eine Einladung zu einem» persönlichen Gespräch «mit dem für ihre Angelegenheit zuständigen behördlichen Mitarbeiter erhalten.»Die Schätzstelle liegt auch im vierten Stock, allerdings Flur B, aber wir können zusammen hochfahren«, sagte Regine. Im Büro WA — Wohnungsangelegenheiten — Schrägstrich Römisch Zwo erfuhr Richard, daß der Sachbearbeiter der Zentralen Anmeldung sich geirrt habe und die Stelle zur Beantragung kommunaler Gasdurchlauferhitzer sich im Elften Stock, Flur G, Büro KWV — Kommunale Wohnungsverwaltung — Arabisch Füneff, befinde. Er ging wieder zu Regine. Sie blickte nervös auf die Uhr, sie hatte einen Termin für neun Uhr dreißig, und vor der Schätzstelle warteten ungefähr zwei Dutzend Leute. Ob Richard für sie die Geige einschätzen lassen könne?
«Das müssen Sie sich aber bescheinigen lassen, meine Gutste«, warnte sie ein Herr, der vor ihr in der Schlange wartete. Er wies zum Schreibtisch am Ende des Flurs.»Erstens müssen die bestätigen, daß Sie es sind, die das Schätzgut abgibt, zweitens, daß es Ihnen gehört, drittens, daß Sie dem Herrn die Vollmacht erteilen. — Ich spreche aus Erfahrung!«
Über diese Schätzstelle, erinnerte sich Richard, als er sich nach der Bestätigungsprozedur wieder einreihte, waren in jüngster Zeit gewisse Gerüchte aufgekommen. Wernstein hatte ihm einen Fall erzählt, und Wernstein wiederum hatte ihn von der Krankenschwester, die mit einem Assistenzarzt aus der Inneren verlobt war. Dort hatte eine Medizinisch-Technische Assistentin eine Guarneri-Violine geerbt, war sich aber über die Echtheit dieser Erbschaft nicht sicher gewesen und hatte sie hier, in der Schätzstelle, prüfen lassen. Die Violine war tatsächlich eine echte Guarneri, eine Kostbarkeit, auf der die verstorbene Tante der Assistentin still und bescheiden jahrzehntelangen Konzertdienst in den II. Geigen der Dresdner Philharmonie abgestrichen hatte; niemand außer dieser Tante, die alleinstehend gewesen war, hatte um die Besonderheit ihres Instruments gewußt; erst im Testament war der Name des italienischen Geigenbauers gefallen. In der Schätzstelle nun hatte neben dem Sachprüfer ein Herr im grauen Anzug gestanden, der, nachdem der Prüfer einige Kataloge gewälzt, immer wieder mittels eines Zahnarztspiegelchens ins Innere der Geige geblickt und zur Sicherheit noch einen Kollegen konsultiert hatte, zum Telefonhörer griff und ein längeres Gespräch führte. Die Assistentin, die dachte, nun ausgesorgt zu haben, bekam nach einigen Tagen ein Schriftstück ins Haus, ausgestellt von der Finanzabteilung der Kohleninsel. Die Summe, die darin als Steuerschuld gefordert wurde, konnte die Assistentin nicht aufbringen, und so wurde ihr die Violine weggenommen. So hatte es Wernstein kolportiert; aber auch Niklas Tietze, den Richard auf den Fall ansprach, hatte davon gehört; ebenso Barbara, die es bei Friseur Wiener aufgeschnappt hatte.
Der Sachprüfer warf einen Blick auf Regines Vollmacht, schlurfte an seinen mit grünem Billardsamt bezogenen Tisch zurück und begann die Geige zu studieren.
Zuerst wendete er sie hin und her, mit spielerischen, eleganten Gesten, die Geige wirbelte, stoppte — ein Brennglasblick; weiter, ein paar Notizen mit Bleistift; weiter. Er blickte nicht ins Innere und schlug keinen Katalog auf. Schnecke, Wirbelkasten, Mensurbrett, Schnitt der f-Löcher; dann legte er die Geige unters Kinn, griff den Bogen aus dem Geigenkasten und begann die Bachsche Chaconne zu spielen. Er zelebrierte sie sauber und kräftig gut eine Minute, so daß die anderen Beamten der Schätzstelle ihre Arbeit unterbrachen und ihm zuhörten. Das Gemurmel in der Warteschlange verstummte, das Butterbrotpapier-Geknister, Rascheln und Füßescharren. Aber niemand klatschte, als der Prüfer die Geige absetzte. Richard beobachtete die knappen, genauen Hantierungen; es gab keine überflüssige oder auch nur fahrige Geste; er sah seinen Vater vor sich, wie er an der Werkbank in Glashütte eine Uhr reparierte, Malthakus, wie er Briefmarken sortierte, die gleichen genauen, feinabgestimmten Bewegungen, und das gab ihm zu denken.
Der Prüfer spannte einen Vordruck in eine Schreibmaschine und tippte ein paar Zeilen. Dann legte er das Instrument zurück und klappte den Koffer zu. Auch, wenn es der Geigenbauer — der Prüfer sprach den Namen mit spöttischer Verächtlichkeit — noch so sehr darauf anlege und, was die Geheimnisse des Zargen-, des Flödelbaus betreffe, immerhin beginne, über den Status des Hobbyschnitzers hinauszuwachsen, würden seine Geigen doch nie zum Kulturgut der Deutschen Demokratischen Republik zählen. Dies schriftlich, bitte sehr. Der Prüfer klebte eine Gebührenmarke auf das Zertifikat und schob es auf die Trennplanke in der Tür. Richard zahlte, wollte gehen.
Moment noch.
«Ja?«
Der Sachprüfer nahm die Brille ab und putzte sie umständlich.»Zur Geige gehört noch der Geigenbogen, wie Sie wissen. Ich habe Ihnen nur bestätigt, daß die Geige nicht zum Kulturgut unseres Landes gehört. Für den Bogen müssen Sie sich das ebenfalls bestätigen lassen.«
«Na, bitte schön«, Richard nestelte an dem Kasten, wollte den Bogen gleich herausholen.
«Werter Herr«, korrigierte der Sachprüfer,»ich bin zwar staatlich anerkannter Streichinstrumenten- und Bogensachverständiger, laut Vorschrift aber sind Streichinstrumente und deren Bögen getrennt zur Beurteilung einzureichen.«
«Aber ich stehe doch hier, und da könnten Sie, ich meine, das spart doch Zeit, und hinter mir warten noch andere — «
«Laut Vorschrift sind Streichinstrumente und Bögen getrennt zur Beurteilung einzureichen.«
«Also, hören Sie … so ein Unsinn!«brauste Richard auf.»Sie haben doch eben selber auf der Geige gespielt! Dazu haben Sie den Bogen verwendet, sonst hätten Sie ja gar nicht spielen können! Bitte, untersuchen Sie ihn und machen Sie Ihren Stempel auf den Wisch — «
«Wollen Sie meinem Kollegen drohen?«fragte ein zweiter Prüfbeamter und musterte Richard abschätzig von oben bis unten.»In unserem Staat herrscht die Gleichheit aller Bürger vor dem Gesetz! Wollen Sie eine Sonderbehandlung? Was glauben Sie, wer Sie sind?«
«Aber so prüfen Sie ihm doch den Bogen, das ist doch albern«, murrte ein Mann hinter Richard.»Nichts gegen die Gleichheit der Bürger undsoweiter, aber ich habe auch eine Geige und einen Bogen zu prüfen, da muß ich ja auch noch mal nach hinten wandern, und wer weiß, wie viele das heute noch betrifft, so ein Unsinn!«
«Ja, Unsinn!«bekräftigte Richard.»Ich werde mich beschweren!«
«Frechheit, gar nichts werden Sie; ich werde gleich den roten Knopf drücken!«schrie der zweite Prüfbeamte. Dann würde in Sekundenschnelle ein Uniformierter auftauchen und eine zermürbende Sachlagenklärung vornehmen, mit Protokollen, umständlich auf einer Schreibmaschine verfaßt, mit Vermerk in der Akte, die es von jedem Bürger in den Archivkellern der Kohleninsel gab.
«Wenn Sie den Bogen zertifiziert bekommen wollen, stellen Sie sich bitte hinten an«, beschied der erste Sachprüfer mit gesetzlicher Höflichkeit. Es hatte keinen Zweck, sich zu widersetzen. Damit hätte Richard Regine geschadet, die an einem anderen Tag hätte wiederkommen müssen. Richard trat beiseite, nahm ein Pausenbrot aus der Tasche, dachte an eine Bombe und stellte sich hinten an.