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Der Turm

Электронная книга - «Der Turm». Краткое содержание книги:

Hausmusik, Lektüre, intellektueller Austausch: Das Dresdner Villenviertel, vom real existierenden Sozialismus längst mit Verfallsgrau überzogen, schottet sich ab. Resigniert, aber humorvoll kommentiert man den Niedergang eines Gesellschaftssystems, in dem Bildungsbürger eigentlich nicht vorgesehen sind. Anne und Richard Hoffmann, sie Krankenschwester, er Chirurg, stehen im Konflikt zwischen Anpassung und Aufbegehren: Kann man den Zumutungen des Systems in der Nische, der süßen Krankheit Gestern der Dresdner Nostalgie entfliehen wie Richards Cousin Niklas Tietze — oder ist der Zeitpunkt gekommen, die Ausreise zu wählen? Christian, ihr ältester Sohn, der Medizin studieren will, bekommt die Härte des Systems in der NVA zu spüren. Sein Weg scheint als Strafgefangener am Ofen eines Chemiewerks zu enden. Sein Onkel Meno Rohde steht zwischen den Welten: Als Kind der roten Aristokratie im Moskauer Exil hat er Zugang zum seltsamen Bezirk Ostrom, wo die Nomenklatura residiert, die Lebensläufe der Menschen verwaltet werden und deutsches demokratisches Recht gesprochen wird.
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17. Ferngespräche

Der Frühling war still gekommen, hatte mit bleichen Sonnenfingern den Schnee entlang der F 170 fortgewischt, so daß die Felder bei Possendorf und Karsdorf mit schmutzigen Laken bedeckt zu sein schienen. Noch gab es Kältetage, aber sie froren die Niederlagen des Winters ein; der Schnee war krank, unter dem Harsch tropfte, sinterte, sickerte es, bildeten sich Wasserdrusen, quecksilberten, leckten Stege dünn zwischen Firnhöhlen, suchten einander, fanden einander, flochten Rinnsale. Eiszapfen hingen vom Dach des Schulgebäudes wie zum Trocknen aufgereihte gläserne Aale, Tropfen tockten, plingten und klockten in melodischem Wechsel; Jens Ansorge hätte das gern aufgenommen und zu einem» Tauwettersong «verarbeitet. Er dachte an etwas Ähnliches wie Tomitas Musik zu Modest Mussorgskis» Bilder einer Ausstellung«, die der japanische Klangkünstler in der Hexenküche seines Synthesizer-Labors bearbeitet und bei» Amiga «veröffentlicht hatte. Wie wurde Jens um den Besitz dieser Schallplatte beneidet! Sie war frisch erschienen, und in keinem Plattengeschäft weit und breit gab es sie zu kaufen, nicht einmal im» Philharmonia«. Der Inhaber, Herr Trüpel, hatte Christians Frage vorweggenommen und schon beim» Klong «seiner Ladenglocke geantwortet, daß»die Scheibe von Herrn To-mitta «nicht mehr vorrätig sei, nicht einmal» für die Frieks«. Und dabei hatte er Christian leer aus seinen blauen Augen angesehen, die von einer Brille mit runden Gläsern und Goldrand stark vergrößert wurden. Auch nicht unter dem Ladentisch? Das war eher eine Anwandlung von Naivität als Frechheit; Herr Trüpel hob nur die linke Braue, zögerte einen Moment, bevor er unter dem Ladentisch nachschaute, sich wieder kerzengerade aufrichtete und» Nein «antwortete. Man mußte sich mit Kassetten behelfen, Herr Trüpel legte wortlos eine vor Christian hin.»Die genügt. «Und kassierte EVP M 20, für eine Magnettonbandkassette aus dem Hause ORWO.

Tauwetter im Erzgebirge. Das Grau der Schindeldächer in den Dörfern kam wie eine steinerne Haut zum Vorschein, alt und abgearbeitet, stumpf geworden unter den Schlägen von Wind und Wetter. Die Luft verlor den metallischen Geruch des Schnees. In den höhergelegenen Orten wurden die Straßen zeitweilig unpassierbar, unterspült von reißend gewordenen Bergbächen. Die Rinde der Obstbäume an den Feldwegen wurde schwarz von Taunässe und glänzend; wie krummgearbeitete Bauersfrauen standen die Bäume am Windberg und der Quohrener Kipse.

Wenn die Klasse dienstags, in der Biologie-Doppelstunde, mit Dr. Frank eine Exkursion unternahm, hielt sich Christian von seinen Internatsnachbarn fern, um Gesprächen auszuweichen. Er nahm die Eindrücke mit wachen Sinnen auf: Dies war die Landschaft seines Vaters und von Onkel Hans, hier lebte Arthur Hoffmann, der Uhren-Großvater. Und es war die Landschaft Verenas. Sie wanderten ans Kaltwasser, die Wilde Bergfrau entlang, erkundeten den Oberlauf der Roten Bergfrau mit ihren Schlämmzuflüssen aus unterirdischen Kupferadern, die ihr die rötliche Farbe verliehen, und Christian dachte: Das hat sie gesehen, hier ist sie gewandert, hier hat sie vielleicht schwimmen gelernt, vielleicht genau hier, in dieser Uferkehlung. Er fragte sie nie, wagte es nicht, fürchtete eine ihrer schnippischen oder abweisenden Antworten zu bekommen. Um so genauer beobachtete er sie, fixierte jede Pflanze, die sie länger betrachtete, registrierte jedes Getuschel und Auflachen, wenn die Mädchen die Köpfe zusammensteckten und spöttische Blicke auf die verstreut laufenden Jungs warfen. Am häufigsten, bildete er sich ein, schien er die Zielscheibe dieser Geheimnistuereien zu sein, so daß er sich für kurze Zeit von Verena fernhielt, sogar die Nähe Dr. Franks, des Klassenlehrers, suchte, als interessierte ihn nichts mehr als der Pflanzenbestand an einem Osterzgebirgsbach. Die meisten dieser Pflanzen waren ihm durch viele Wanderungen mit Meno und Großvater Kurt vertraut. Dr. Frank fragte behutsam nach. Wenn Christian zuviel sagen wollte, ließ er ihn in Ruhe. Dann ging Frank allein, weit vor den Schülern, und lief zurück, wenn er etwas Interessantes entdeckt hatte. Er präsentierte es nie aufdringlich oder um seine Kenntnisse herauszustreichen, sondern schien sich fast dafür zu schämen, daß er um die Aufmerksamkeit der Schüler bat. Dr. Frank war ein ruhiger Mann mit halblangem, zottelig wirkendem, schon ergrauendem Haar, in das ein nachlässiger Scheitel gezogen war — weniger, so schien es Christian, weil Dr. Frank das Bedürfnis hatte, frisiert zu sein, als weil es so üblich war und man irgendeine Frisur eben haben mußte. Er war in Schmiedeberg aufgewachsen, einem Ort südlich von Waldbrunn, der sich an die Erzgebirgs-Fernverkehrsstraße schmiegte, geduckte, unscheinbare Häuser, landschaftlich reizvoll im Einzugsgebiet der Wilden Bergfrau gelegen, bestimmt von den Fabrikhallen und Schornsteinen des» VEB GISAG Ferdinand Kunert«, in dem die meisten Erwachsenen von Schmiedeberg arbeiteten. Frank war nicht nur promoviert, sondern auch habilitiert, ein» Dr. sc.«, der einzige Schullehrer im ganzen Land mit dieser Qualifikation, wie es hieß. Die Technische Universität Dresden hatte ihm sogar eine Professur angeboten, aber da er weder seine Schüler noch Schmiedeberg aufgeben wollte, hatte er abgelehnt. Christian wußte, daß sein Vater mit Frank gesprochen hatte und daß auf Franks Vermittlung beim Kreisschulrat eine Ausnahme im üblichen Auswahlverfahren gemacht worden war. Eigentlich hätte er eine der EOS in Dresden besuchen müssen. Da sie den Ruf besaßen, ideologisch besonders dogmatisch zu sein, hatte Richard seinen Sohn lieber im abgelegenen Waldbrunn gesehen.

Frank war Mitglied der SED. In einer der ersten Chemiestunden machte er die Bemerkung, daß er vor einem Schüler, der bei ihm und auf Kosten des Volkes der Deutschen Demokratischen Republik die Schule besucht habe, dann aber in den Westen gegangen sei, die Straßenseite wechseln würde, sollte er ihm wiederbegegnen. Dabei hatte er Christian mit einem melancholisch verhangenen, von scheuer Wärme durchlichterten Blick bedacht. Frank betrieb Forschungen über Linkshändigkeit. Die Zeit, in der man linkshändige Schüler konsequent dazu anhielt, mit der rechten Hand zu schreiben, war noch nicht lang vergangen. Frank selbst war ein solcher» umgepolter «Linkshänder, und diese» Umpolung «schien ihn zu verstören, denn er erwähnte sie mehrmals, zögerte, brach ab. Manchmal griff er mit der Linken nach dem Stückchen Kreide, wandte sich wie ertappt weg und hielt, wenn er sich zur Tafel drehte, die Kreide in der rechten Hand.

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