Der Turm
- Автор: Tellkamp Uwe
- Год: 2008
- Язык: немецкий
- Год: Suhrkamp
- Жанр: Современная русская и зарубежная проза
Электронная книга - «Der Turm». Краткое содержание книги:
Nach der Bogenprüfung (»keiner von Tourte, keiner von Pfretzschner, keiner von Schmidt«) ging Richard in den zweiten Stock, Flügel F, um Regine zu suchen. Treppauf, treppab begegnete er Bekannten, grüßte hier Frau Teerwagen, da Frau Stahl aus dem Tausendaugenhaus, hielt einen kurzen Schwatz mit Clarens.»Na, auch dienstfrei, Hans?«Clarens hob in stiller Ohnmacht die Schultern.»Was isses bei dir?«rief er zurück.
«Gasdurchlauferhitzer, Gutachten, Gefallen«, Richard hob die Geige.»Und selber?«
«Kfz-Zulassungsstelle, Kohlenkontingenterhöhung, Beerdigungsstelle!«
«Wer ist denn gestorben?«rief Richard von einer Treppe zur anderen. Der Psychiater winkte ab.»Na, sachmer maclass="underline" Die Hoffnung, mein Lieber, die Hoffnung!«und ließ sich grüßend und resigniert lächelnd in den Strom aus Bittstellenden, Antragsuchenden, Behördenboten und Sachbearbeitern zurückgleiten.»Wohin möchten Sie?«Der Beamte vor Flur F verlangte Richards Personalausweis.
«Ich warte auf jemanden.«
«Hier ist nur für Ausreisewillige. Ich darf nur diese Personengruppe einlassen.«
«Aber ich sage Ihnen doch, daß ich nur auf jemanden warte. Das ist doch nicht verboten?«
«Hm. Auf wen warten Sie?«
«Frau Regine Neubert.«
Der Beamte blätterte in seinen Unterlagen.»Ihr Name? — Wir könnten das folgendermaßen lösen. Sie bekommen einen Besuchsbewilligungsschein. Ihren Ausweis lassen Sie hier, den kriegen Sie wieder, wenn Sie zurückkommen. Sie haben eine Stunde, dann müssen Sie sich wieder bei mir melden.«
Richard sah auf, so freundlich wurde hier selten gesprochen.
«Tja, Herr Doktor. «Der Beamte ließ die Namenslisten über den Daumen reisen, nachdenklich ein Blatt nach dem anderen.
In Flur F sirrten die Nähmaschinen hinter den Türen. Die Menschenschlange reichte hier bis in den Rotundenflur. Richard konnte Regine nicht entdecken, stellte sich an ein Fenster und wartete, nicht ohne mißtrauisch, sogar feindselig beobachtet zu werden — ein Mann mit Geige, der sich nicht einreihte, was wollte der hier?
«He, Sie da«, blaffte eine Frau,»vordrängeln gibt’s nicht! Wir wollen alle raus!«Richard wollte erwidern, daß er gar nicht die Absicht habe, sich vorzudrängeln, als eine Tür aufflog und eine Frau laut zeternd herausstürzte.»Ich bin Alexandra Barsano, der Name dürfte Ihnen bekannt sein, das wird Sie teuer zu stehen kommen!«schrie sie in die offenstehende Tür hinein. Von innen waren beschwichtigende Worte zu hören. Die Wartenden beobachteten schweigend, was sich vor ihren Augen abspielte. Richard erinnerte sich: Früher hatte es Fotos in der Presse gegeben, die den mächtigen Bezirkssekretär Barsano präsentierten, einen Arm stolz um die Schulter seiner Tochter gelegt; aber die junge Frau, die sich in ihre Wut steigerte, wie betrunken schwankte und flatternd ihre Arme hin- und herwarf, hatte mit dem Mädchen auf den Fotos von damals offensichtlich nichts mehr zu tun. Seitlich eines Irokesenschnitts, dessen Stachel grellgelb gefärbt waren, hingen zottelige schwarze Strähnen vom sonst kahlrasierten Kopf. Die Augen schwarzumrandet, Totenkopfringe an den Fingern, zerschlitzte Lederjacke mit aufgenähtem» Schwerter zu Pflugscharen«-Symbol auf dem Rücken, Lederhose mit Nietengürtel; über den Schultern trug Alexandra Barsano, befestigt an klirrenden Silberketten, eine Schornsteinfegerkugel. Als sie sich umwandte, sah Richard das Parteiabzeichen am Revers ihrer Jacke. Ein Mann im grauen Anzug näherte sich.
«Sie werden von mir hören!«drohte Alexandra Barsano. Der Mann im Anzug zog sie beiseite, redete leise auf sie ein. Die Tür des Büros schlug zu, öffnete sich kurz, jemand hängte ein Schild an,»geschlossen«. Die Leute wurden unruhig, murrten. Alexandra Barsano lief auf die Tür zu und hämmerte mit den Fäusten dagegen. Zwei Uniformierte erschienen und führten sie weg, sie sträubte sich nicht, die Schornsteinfegerkugel schlug gegen ihren Rücken. Der Mann ordnete seinen Anzug, fuhr sich mit einem Kamm durchs Haar, ruckte energisch das Kinn gegen die Wartenden:»Das Büro ist geschlossen!«
Die Leute murrten noch lauter.
«Provokateure lasse ich wegen Randalierens gegen die Staatsgewalt verhaften! Damit das klar ist! Das Büro ist geschlossen, aus, Feierabend!«Der Mann im Anzug stapfte davon. Die Wartenden standen noch eine Weile ungläubig, zerstreuten sich dann, fluchend und schimpfend. Die Tochter unseres Bezirkssekretärs auf der Ausreisestelle, dachte Richard, noch benommen von der Szene, als die Bürotür sich wieder öffnete und Regine heraustrat, blaß, mit verweintem Gesicht. Neben ihr stand Philipp, eine Packung» Ata«-Scheuermittel in der Hand, aus der das weiße Pulver rieselte.»Das nächste Mal kommen Sie allein, Bürgerin Neubert!«Während eines langen Gesprächs, in dem Regine nahegelegt worden war, sich von ihrem Mann zu trennen, da er ein Staatsverräter sei und man» Beweise «habe, daß er Münchner Bordelle aufsuche, war Philipp zum Waschbecken des schalldichten Gesprächsabteils getappt und hatte mit Putzlappen und Bürste ein» Ata«-Schneefest im ganzen Raum veranstaltet. Die Tür schlug zu, noch im Gehen hörte Richard es drinnen husten.
Der erste Zensor, dachte Meno, indem er den Knoten seiner Krawatte vor dem Spiegel über einem der in regelmäßigen Abständen angebrachten Flurwaschbecken zurechtrückte. Er befand sich tief im östlichen Flügel der Kohleninsel. Hier oben, unter dem Dach, war es still; in diesen Bezirk gelangte man nur mit einer Sondergenehmigung. Schiffner hatte sie für Meno ausgestellt und unterschrieben.
«Na, dann kommen Sie mal rein«, rief der Dichter Eschschloraque vom Ende des Flurs und winkte Meno kokett mit dem Zeigefinger. Obwohl die rötlichen Pfettenhölzer der Dachschräge über dem Flur ein mildes, vertrauenerweckendes Licht ausfilterten, fühlte sich Meno an einen Besuch bei Zahnärztin Knabe erinnert; in ihrer Praxis, wenigstens im Vestibül, gab es auch diese nachsichtige, pfirsichzarte und fehlerverzeihende Helligkeit (denn der Fehler war, daß die Zeit verrann, Meno hatte den Eindruck, daß die dienstbaren Geister, die die Vorzimmer der Schmerzzufüger auf Beruhigung tarnten, dies wußten); obwohl aus den Türschlüssellöchern, die er passierte, Kaffee- und Zigarettengeruch schlenderte, stellte sich das Gefühl, durch einen Tunnel ohne Abzweig zu müssen, genauso prompt ein wie in der Praxis der Zahnärztin Knabe — nur daß Meno mit dem dramaticus (Eschschloraque schrieb hauptsächlich Stücke) nicht gerechnet hatte. Heute sollte er im Auftrag Schiffners alle vier Obergutachter der Außenstelle Dresden der Hauptverwaltung aufsuchen; nur mit zweien, Albert Salomon, wegen seiner gewundenen und taktierenden Urteile» Slalomon «genannt, und mit Karlfriede Sinner-Priest, genannt die» Geheimrätin«, hatte er hier schon einmal verhandelt.
«Treten Sie ein, Rohde. Mögen Sie Tee? — Erfreulich. Teetrinker sind meist gute Gesprächspartner. Intelligente Mörder sind sie außerdem, und meist haben sie etwas zu sagen. Ich brauche das für eins meiner Stücke, müssen Sie wissen. Ist es nicht viel wirkungsvoller, wenn ein Folterknecht an einer Teetasse nippt, als wenn er bloß ein Bierchen kippt?«
«Machen Sie es sich nicht zu einfach, wenn Sie besagten Folterknecht Tee trinken lassen? Die Kritik sagt: Oh Gott, der Folterknecht trinkt Bier, natürlich ein proletarischer Anstrich! Wie vermeidet das ein schlauer Autor? Er läßt ihn Tee trinken. Das ist so erwartbar unerwartet, Herr Eschschloraque, und inzwischen auch Klischee.«
«Sie mögen recht haben, lieber Rohde. Sollte ich also doch zum Bier zurückkehren? Unsere Kritiker erkennen doch nicht, daß dieses Bier durch alle Röhren der inszenatorischen Getränkeabfüllung geflossen ist und sozusagen eine höhere, zweite Naivität erreicht hat. Ich entgehe dem Klischee, indem ich das Klischee erneuere … Hm. Interessante Taktik, aber man müßte den Folterknecht einen Exkurs über das unschuldige Bier machen lassen. Ich habe trotzdem Mut zum Tee. Ich biete Earl Grey.«