Der Turm
- Автор: Tellkamp Uwe
- Год: 2008
- Язык: немецкий
- Год: Suhrkamp
- Жанр: Современная русская и зарубежная проза
Электронная книга - «Der Turm». Краткое содержание книги:
«Ich habe eine Zitrone mitgebracht, Herr Eschschloraque.«
«Soll es uns sauer werden? Säure ätzt, aber man macht nichts falsch damit. Ich könnte den Folterknecht auch Kakao trinken lassen … Oder eine Limo. Zitronenlimonade. Liebhaber der Zitrone sind mir auch lieber als die der Melone, beispielsweise, eine Melone ist doch im Grunde nichts als Zucker und Wasser, und trotz aller Kerne ist sie doch nur das auf den Gartenbau übertragene Prinzip des Blasebalgs. Übrigens brauchen Sie mir nichts zu bieten außer Argumenten, ich nähre bis dato die Illusion, unbestechlich zu sein. Nehmen Sie Platz, und setzen wir fort.«
Eschschloraque brühte Tee auf und begann mit der» Schlangenbeschwörung«, wie die Manuskriptvorstellungen und Gutachtenbesprechungen im Verlag genannt wurden. Meno sah sich um, hörte zu und beobachtete Eschschloraque. Der fragte, für welche Manuskripte Meno zu kämpfen gedenke. Meno kannte das Ritual, machte eine Geste, die alles besagen konnte und nichts festlegte: Laß dir nicht in die Karten schauen, Lektor. Nennst du einen Namen, kann der andere ihn hassen und lächelnd erledigen. Nennst du absichtlich einen falschen, um ihn in die Irre zu führen, kann der andere einverstanden sein und ihn lächelnd bestätigen. Decke deine Flanken und schütze deinen König — und sei dir bewußt, daß die Dame nie zu früh aufs Feld gehört. Opfere Bauern, wenn es um Springer oder Läufer geht, opfere die Dame, damit der letzte Bauer matt setzen kann. Und wisse, daß der andere deine Finten studiert hat und deine Schliche kennt.
«Nun gut, dann werde ich Ihnen zwei Namen sagen, um die ich im Plan kämpfen werde. Machen wir uns nichts vor, Rohde. Sie haben vierzehn Titel, zwölf davon sind …«, Eschschloraque warf einen Blick durchs Fernrohr am Fenster der mit Büchern und Papieren gestopften Stube,»wie sie sind. Zwei werden Anstoß erregen: Altbergs Aufsätze und Eduard Eschschloraques Prosabändchen voll geistreich gelogener Wahrheiten und klassischem Nagergift gegen die romantischen Wühlmäuse im Weinberg der Literatur. Sie wissen genausogut wie ich, daß eines dieser beiden Projekte erbleichen muß.«
Aber Eschschloraques Lächeln kenterte, als er fortsetzte. Meno ließ den Tee unberührt und die Augen im Zimmer wandern, während der Dramatiker, der Meno wie eine Mischung aus Clown und scharfsinnigem altem Weib vorkam, seine Spottfertigkeit unter die mehr oder minder charakteristischen Eigenheiten der Kollegen schob, deren Manuskripte er in seiner Eigenschaft als Gutachter beurteilt hatte. Goethe als Kupferstich an der Wand, die Sophien-Ausgabe seiner Werke in einem Schrank mit Glastüren, eine Goethe-Büste auf dem Dramatikerschreibtisch zwischen Sowjetfähnchen und Stalin-Porträt mit Originalautogramm; davor zwei säuberlich ausgerichtete Schreibmaschinen: eine schwarze» Erika«, daneben ein Schild an einem Holzstab ähnlich wie das» Stammtisch «oder» Reserviert «in Wirtshäusern,»sterblich «stand darauf gedruckt; ein zweites Schild, neben der anderen Schreibmaschine, Marke» Rheinmetall«:»unsterblich — wenn ich frisch bin«; Meno war inzwischen seitlich an den Tisch gerückt und brauchte sich nicht weit zurückzubeugen, indessen der Dramatiker auf- und abstapfte.»Grünspanige Wendungen, Rohde! Und immer mit herzlichen (das Ausrufezeichen punktete Eschschloraque in die Luft) Grüßen … weshalb nicht mal hepatische oder pulmonale? Atmen müssen wir schließlich alle, und warum sollte das Gute immer aus dem Herzen kommen? Bei den meisten Menschen pocht eine Uhr, kein Herz. Die Leber: Chemiefabrik des Körpers. Hat viel reichere Tränklein und Säftlein.«
Die sarkastischen Florette brachen wie an einer Sperre ab, als Eschschloraque auf das Buch des Alten vom Berge zu sprechen kam.
Meno war erstaunt über den Ernst, die kenntnisreiche, fast feierlich vorgetragene Liebe, die Eschschloraques Bemerkungen über diese Texte wärmte; er hätte es Eschschloraque nicht zugetraut, von ihm nicht erwartet.»Wissen Sie, was ich sehe, lieber Rohde, wenn ich an dies Fernrohr trete? Ich sehe ein klassisches Land, und Altberg ist unter Goethes Kindern. Goethe. Goethe! Ist doch der Vater — und alle Kritik bloß Froschbeinbewegungen. «Er habe noch nie, setzte Eschschloraque fort, solche Aufsätze über Dichter und ihre Dichtung gelesen. Das sei europäisches, ja Weltformat.
Meno glaubte seinen Ohren nicht zu trauen. Eschschloraque, dieser Kritikus und Spezialschatten, der jede Nachlässigkeit unerbittlich verfolgte, der offen für Stalin und für das stalinistische System eintrat, für den Richard Wagners Musik einem Verbrechen gleichkam, dieser Mann war entwaffnet, hatte allen Spott, alle Sauersucht verloren, stand blaß und todernst an der Tür.»Glotzen Sie nicht so, das ist Ihre verdammte Zitrone! Hm. So wolln wir leben, beten und singen, Märchen uns erzählen und über goldne Schmetterlinge lachen … Aber er mißversteht die Dinge, wenn er sagt, daß ihre Beziehungen zueinander immer nur von Menschen gestiftet werden. Sind Ihnen noch nie unbelebte Menschen vorgekommen? Haben Sie sich schon einmal mit der Idee beschäftigt, daß Sie verschiedene Schatten haben könnten, die sich im Dienst abwechseln? — Nun wissen Sie Bescheid«, sagte Eschschloraque schroff,»oder Sie glauben es jedenfalls. Das Manuskript des Autors Eschschloraque bedarf der Überarbeitung und Hebung. Seine Publikation ist zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht zu empfehlen. Und nun hinaus mit Ihnen, Sie haben mir schon genug Zeit gestohlen. Sie kriegen alles noch schriftlich, und keine faulen Tricks, Rohde!«
«Beinverkürzung links zwölf Zentimeter«, trug Dr. Pahl ein und klappte das Handbuch zu Untersuchungen der Wehrdiensttauglichkeit zu.»Der Mann ist völlig dienstuntauglich. Bei zehn Zentimetern hätte er noch als Marinefunker oder Stabsschreiber ohne Grundausbildung einberufen werden können. Bleibt natürlich die Frage, Herr Kollege, was wir im Fall einer Revision machen oder wenn die Akte der Orthopäde vom Wehrbezirkskommando liest. Der will doch sofort wissen, was für Rehabilitationsmaßnahmen wir eingeleitet haben. Gibt es orthopädische Schuhe mit zwölf Zentimeter hohen Sohlen?«
«Ich glaube nicht«, sagte Richard.»Man müßte also einfügen, daß eine Verkürzungs-OP am anderen Bein geplant ist.«
«Hm. «Pahl überlegte.»Fadenscheinig. Das wäre ja Sache der Orthopädie. Immerhin, ich kenne dort vertrauenswürdige Kollegen. Was aber, wenn irgendein Übereifriger diesen Vulkanisateur einfach mal einbestellt, um sich das Bein anzusehen?«
«Und würde er nicht wissen wollen, wie der Mann bisher gelaufen ist? Zwölf Zentimeter, Herr Pahl!«
«Jaja, der hinkt nicht bloß. Ach, wir sagen einfach, daß er sich Schuhsohlen aus alten Reifen gebastelt hat, die hat er unterm Schuh getragen. Ein Wahnsinn, diesen Mann einzuberufen! Das müssen wir verhindern. Kennen Sie den Orthopäden vom Wehrbezirkskommando, Herr Hoffmann?«
«Leider nicht.«
«Ich leider auch nicht. — Riskieren wir’s?«
«Riskieren wir’s.«
Beinahe hätte Meno» Sie?!«gerufen, als er den Alten vom Berge aus der Tür treten sah. Der Alte bat ihn in sein Zimmer.»Was trinken Sie? Tee, Mineralwasser, Limonade? Nein, ich weiß, was Sie trinken. «Altberg griff unter den Schreibtisch und fischte mit verschmitzter Miene eine Flasche mit bernsteingelber, öliger Flüssigkeit hervor.»Selbstgebrannter, das Rezept stammt von meiner Haushälterin! Ein köstliches Schlückchen, und bitte«, drängte Altberg den protestierenden Meno, goß vom Schlückchen in zwei Gläschen.»Prosit!«
Meno kostete: Glutbröckchen kollerten den Schlund hinab, verschmolzen zu einem Feueraal, der langsam und stecknadelgespickt die Speiseröhre füllte; Meno hatte das Gefühl, in Flammen zu stehen, und als ob seine Augen von innen aus ihren Fassungen gedrückt würden. Dann schwappte die Lohe zurück, brandete bis in die Haarwurzeln und Fingerspitzen, elektrisierte die Nasenlöcher und brachte Frieden. Der Alte vom Berge schenkte sich ein zweites Glas ein, kippte, kaute das Getränk wie Brot. Dann zog er die Gutachten aus der Schublade, und plötzlich war seine Freundlichkeit wie weggeblasen.