Krieg im Spiegel (Smiley Bd 4) [calibre 2.23.0]
- Автор: Ле Карре Джон
- Год: 2011
- Язык: немецкий
- Жанр: Шпионские детективы
Электронная книга - «Krieg im Spiegel (Smiley Bd 4) [calibre 2.23.0]». Краткое содержание книги:
»Sie sahen mir zu, verstehen Sie? Sie wollten nur wissen, wann das Sicherheitszeichen kam. Es war der neunte Buchstabe. Sie warteten, bis ich fertig war, und dann waren sie auf mir drauf, einer schlug mich - das Haus war voller Männer.«
»Wer, Fred? Wer waren sie?«
»Das kann man nicht sagen. So etwas weiß man nie. Ganz so einfach ist das nicht.«
»Wessen Schuld war das, um Himmels willen? Wer hat Sie verraten, Fred?«
»Irgend jemand. Das kann man nie sagen. Sie werden das auch noch lernen.« Er schien aufgegeben zu haben.
»Diesmal sind Sie allein. Niemand weiß davon. Niemand erwartet Sie.«
»Ja. Das stimmt.« Seine Hände lagen gefaltet im Schoß. Er saß zusammengekauert da, sein Körper wirkte klein und alt. »Im Krieg war es leichter, gleichgültig wie schlimm es war, weil man daran glaubte, daß wir eines Tages gewinnen. Selbst wenn man geschnappt wurde, sagte man sich: >Sie werden mich rausholen, ein paar Männer werden abspringen, oder sie greifen an.< Auch wenn man ganz genau wußte, daß sie das niemals tun würden, konnte man es sich ausmalen, verstehen Sie? Man wollte nichts, als in Ruhe gelassen werden, damit man daran denken konnte. Aber diesen Krieg wird niemand gewinnen, oder?«
»Man kann es nicht vergleichen. Aber dies hier ist wichtiger.«
»Was tun Sie, wenn man mich schnappt?«
»Wir werden Sie herausholen. Keine Bange, was, Fred?«
»Ja, aber wie?«
»Wir haben einen großen Apparat. Es geht eine Menge vor, wovon Sie nichts wissen. Verbindungen da und dort. Sie können nicht das ganze Bild sehen.«
»Können Sie es denn?«
»Das ganze nicht, Fred. Nur der Direktor sieht das ganze. Sogar der Captain sieht es nicht.«
»Wie ist er, der Direktor?«
»Er ist seit langem bei dieser Arbeit. Sie werden ihn morgen kennenlernen. Ein bemerkenswerter Mann.«
»Und der Captain - mag er ihn?«
»Natürlich.«
»Er spricht aber nie über ihn«, sagte Leiser. »Niemand von uns redet über ihn.«
»Ich hatte da einmal ein Mädchen. Sie arbeitete in der Bank. Ich sagte ihr, daß ich wegginge. Wenn was schiefgehen sollte - ich möchte nicht, daß sie etwas erfährt, ja? Sie ist ja noch ein Kind.«
»Wie hieß sie?«
Ein kurzer mißtrauischer Blick. »Ist ja egal. Aber machen Sie keinen Wirbel, wenn sie bei Ihnen auftauchen sollte.«
»Was meinen Sie, Fred?«
»Ist ja egal.«
Danach sagte Leiser nichts mehr. Als es dämmerte, ging Avery in sein Zimmer zurück.
»Was war denn los?« fragte Haldane.
»Er war im Krieg in einem Schlamassel, in Holland. Er wurde verraten.«
»Aber er gibt uns eine zweite Chance. Wie nett von ihm! Genau, was die immer gesagt haben.« Dann: »Leclerc kommt heute früh an.« Das Taxi traf um elf Uhr ein. Noch ehe es ganz angehalten hatte, war Leclerc schon ausgestiegen. Er trug einen Dufflecoat, schwere braune Wanderschuhe und eine weiche Mütze. Er sah sehr gut aus. »Wo ist Mayfly?«
»Bei Johnson«, sagte Haldane. »Habt ihr ein Bett für mich?«
»Du kannst das von Mayfly haben, wenn er fort ist.« Um elf Uhr dreißig gab Leclerc seine Instruktionen. Für den Nachmittag war eine Besichtigungsfahrt zur Grenze vorgesehen.
Die Befehlsausgabe fand in der Halle statt. Leiser kam als letzter herein. Er stand auf der Schwelle und sah Leclerc an, der ihm gewinnend zulächelte, als gefalle ihm, was er sah. Sie waren ungefähr gleich groß. Avery sagte: »Herr Direktor, das ist Mayfly.« Seinen Blick noch auf Leiser geheftet, antwortete Leclerc: »Ich glaube, ich darf ihn Fred nennen. Guten Tag.« Er trat auf ihn zu und schüttelte ihm die Hand. Beide waren so steif wie zwei Figuren aus einem Wetterhäuschen.
»Guten Tag«, sagte Leiser.
»Ich hoffe, man hat Sie nicht zu hart angefaßt?«
»Alles in Ordnung, Sir.«
»Wir sind alle sehr beeindruckt«, sagte Leclerc. »Sie haben ausgezeichnete Arbeit geleistet.«
»Ich habe ja noch gar nicht angefangen.«
»Ich bin der Meinung, durch eine gute Ausbildung seien schon drei Viertel der Schlacht gewonnen. Meist du nicht auch, Adrian?«
»Ja.«
Sie setzten sich. Leclerc stand etwas abseits. Er hatte eine Karte an die Wand gehängt. Auf unerklärliche Weise - vielleicht durch die Landkarten, vielleicht durch seine knappe Ausdrucksweise oder womöglich auch durch sein entschiedenes Auftreten, das sowohl von dem Gedanken an die augenblickliche Zweckmäßigkeit wie von anerzogener Selbstbeherrschung diktiert war - erzeugte Leclerc die gleiche hoffnungsfrohe und tatendurstige Atmosphäre, die bereits einen Monat früher die Instruktionsstunde in der Blackfriars Road gekennzeichnet hatte. Er hatte die Gabe eines Zauberkünstlers, den Eindruck größter Vertrautheit mit den von ihm behandelten Gegenständen zu erwecken, ob er nun von Raketen oder Funkverkehr, von Tarnung oder dem Grenzabschnitt sprach, an dem Leiser hinübergehen sollte.
»Ihr Ziel ist Kalkstadt« - ein kleines Grinsen -, »das bisher nur durch seine bemerkenswerte gotische Kirche bekannt war.« Alle, auch Leiser, lachten. Daß Leclerc selbst über alte Kirchen Bescheid wußte! Er hatte eine mit verschiedenfarbigen Tinten gezeichnete Skizze der Übergangsstelle mitgebracht, auf der ein roter Strich die Grenze markierte. Alles war sehr einfach. Auf der westlichen Seite - so sagte er - sei ein niedriger, mit Ginster und Farn bewachsener Hügel, der parallel zur Grenze verlief, bis er in einem scharfen Winkel nach Osten bog und knapp zweihundert Meter vor ihr genau gegenüber einem Wachtturm abbrach. Der Turm befand sich ein gutes Stück jenseits der Demarkationslinie, an seinem Fuß verlief der Stacheldrahtzaun. Man habe festgestellt, daß der Zaun an dieser Stelle nur aus einem einzelnen Draht bestand, der zudem nur lose an seinem Pfosten befestigt war. Ostdeutsche Grenzwachen seien dabei gesehen worden, wie sie ihn auf Patrouillengängen aushakten, um in den ungeschützten Geländestreifen zwischen der Demarkationslinie und der Grenzbefestigung hinauszugehen. Leclerc würde den betreffenden Pfosten am Nachmittag Leiser zeigen. Mayfly - so sagte er - brauche bei dem Gedanken, so nah am Wachtturm die Grenze zu überschreiten, nicht erschrecken. Die Erfahrung lehre, daß die Wachen viel mehr Aufmerksamkeit auf das entfernter liegende Gelände konzentrierten. Diese Nacht sei besonders günstig. Der Wetterbericht habe starken Wind angekündigt, der Mond werde nicht scheinen. Leclerc hatte den Augenblick des Grenzüberganges auf 2.35 Uhr morgens angesetzt. Die Wachen wurden um Mitternacht abgelöst, sie blieben jeweils drei Stunden. Man konnte mit gutem Grund annehmen, daß sie nach zweieinhalb Stunden Wachdienst nicht mehr die gleiche Aufmerksamkeit zeigen würden wie zu Beginn ihrer Schicht. Die Ablösung, die von einer weiter nördlich liegenden Kaserne kam, würde zu dieser Zeit noch nicht auf dem Anmarsch sein. Man habe - fuhr Leclerc fort - große Sorgfalt auf die Klärung der Frage verwandt, ob möglicherweise Minen verlegt seien. Sie könnten hier auf der Karte sehen - sein kleiner Zeigefinger folgte der dünnen Linie grüner Punkte, die sich vom Ende des Hügels direkt über die Grenze hinüberzog -, daß hier ein alter Fußweg existiere, der tatsächlich den gleichen Verlauf nahm wie Leisers vorgesehene Route. Die Grenzwachen hatten diesen Fußweg immer vermieden und waren stets etwa zehn Meter südlich davon durchs Gebüsch gekommen. Die Schlußfolgerung sei, wie Leclerc erklärte, daß der Weg vermint sein müsse, während ein Streifen rechts davon für die Patrouillen freigelassen worden war. Leclerc machte den Vorschlag, daß Leiser den von Grenzwachen ausgetretenen Pfad nehmen sollte.