Krieg im Spiegel (Smiley Bd 4) [calibre 2.23.0]
- Автор: Ле Карре Джон
- Год: 2011
- Язык: немецкий
- Жанр: Шпионские детективы
Электронная книга - «Krieg im Spiegel (Smiley Bd 4) [calibre 2.23.0]». Краткое содержание книги:
»Welcher verdammte Narr hat ihm gesagt, das Ministerium überhaupt um Erlaubnis zu bitten?« fragte Haldane wütend. Dann meinte er: »Sie werden es ihm sagen müssen. Es hängt von Ihnen ab.«
»Es Leclerc zu sagen?«
»Nein, Sie Idiot. Leiser!«
Sie aßen etwas, danach gingen Haldane und Avery mit Leiser in sein Zimmer zurück.
»Wir müssen Sie jetzt verkleiden«, sagten sie.
Sie ließen ihn sich ausziehen, wobei sie ihm Stück für Stück die warme und teure Kleidung wegnahmen:
Jacke und Hose in aufeinander abgestimmtem Grau, cremefarbenes Seidenhemd, schwarze kappenlose Schuhe, dunkelblaue Nylonsocken. Beim Lösen des Krawattenknotens stießen seine Finger auf die goldene Nadel mit dem Pferdekopf. Er zog sie vorsichtig heraus und hielt sie Haldane hin. »Was ist damit?«
Haldane hatte für die Wertgegenstände Umschläge mitgebracht. In einen davon steckte er nun die Nadel, klebte ihn zu und warf ihn, nachdem er etwas darauf geschrieben hatte, aufs Bett. »Ihr Haar haben Sie gewaschen?«
»Ja.«
»Wir haben keine ostdeutsche Seife auftreiben können. Tut mir leid, aber Sie werden sich drüben selbst welche besorgen müssen. Soviel ich weiß, ist sie gerade knapp.«
»In Ordnung.«
Nackt bis auf die Armbanduhr, saß Leiser nun auf dem Bett, vorgebeugt, die kräftigen Arme über den haarlosen Schenkeln gekreuzt. Die Kälte überzog seinen weißen Körper mit einer Gänsehaut. Haldane öffnete einen Koffer und zog ein Bündel Kleider sowie ein halbes Dutzend Paar Schuhe heraus. Während Leiser die ungewohnten Kleidungsstücke anzog - die weit geschnittene, an den Beinen breite und an der Hüfte zusammengezogene Hose aus billigem Baumwollstoff, die schäbige, Falten werfende, graue Jacke, die unnatürlich hell gefärbten braunen Schuhe -, schien er vor ihren Augen zusammenzuschrumpfen und sich in irgendeinen früheren Zustand zurückzuverwandeln, den sie nur erahnt hatten. Ohne das Öl zeigte sein braunes Haar jetzt graue Strähnen und fiel unordentlich über Stirn und Ohren. Er warf ihnen einen schüchternen Blick zu, als habe er ein Geheimnis verraten: ein Bauer in der Gesellschaft der Gutsherrenschaft. »Wie sehe ich aus?«
»Sehr gut«, sagte Avery. »Sie sehen großartig aus, Fred.«
»Was ist mit einem Schlips?«
»Ein Schlips würde das Ganze zerstören.« Er probierte alle Schuhe aus, wobei es ihm Schwierigkeiten machte, sie über die groben Wollsocken zu ziehen.
»Es sind polnische«, sagte Haldane und reichte ihm noch ein Paar. »Die Polen exportieren sie nach Ostdeutschland. Nehmen Sie lieber noch ein zweites Paar mit. Man weiß nicht, wieviel Sie zu laufen haben werden.«
Dann holte Haldane aus seinem Zimmer eine schwere Geldkassette und schloß sie auf. Zuerst zog er eine Brieftasche heraus. Sie war schäbig und hatte ein Mittelfach aus Zellophan, in dem Leisers Personalausweis steckte. Er war gestempelt und abgegriffen. Wie in einer Falle gefangen, blickte das Paßfoto Leisers aus dem Ausweis durch die flache Zellophanhülle. Neben dem Ausweis gab es in der Brieftasche noch eine Reisegenehmigung und einen Brief der Rostocker Schiffswerft, in dem eine Stelle angeboten wurde. Haldane leerte das Seitenfach der Brieftasche und erklärte den Inhalt Stück für Stück, wobei er die einzelnen Papiere wieder an ihren alten Platz zurücksteckte.
»Lebensmittelkarte, Führerschein, Parteiausweis. Wie lange sind Sie schon in der Partei?«
»Seit neunundvierzig.«
Dann kam das Bild einer Frau und drei oder vier schmierige Briefe, von denen zwei noch in ihren Umschlägen steckten.
»Liebesbriefe«, erklärte Haldane kurz.
Als nächstes kamen ein Gewerkschaftsausweis und der Ausschnitt aus einer Magdeburger Zeitung, in dem über die Produktionszahlen einer Magdeburger Fabrik berichtet wurde, ein Foto des Brandenburger Tores, wie es vor dem Krieg ausgesehen hatte, und das abgegriffene Zeugnis eines früheren Arbeitgebers. »Das also war die Brieftasche«, sagte Haldane. »Fehlt nur noch das Geld. Alles andere ist in Ihrem Rucksack - Proviant und derartige Sachen.« Er reichte Leiser ein Bündel Geldscheine aus seiner Kassette. Leiser stand in der unterwürfigen Haltung eines Mannes vor ihm, der einer Leibesvisitation unterzogen wird - mit etwas vom Körper weggehaltenen Armen und ein wenig breitbeinig. Er nahm alles entgegen, was Haldane ihm reichte, steckte es sorgfältig weg und nahm wieder die gleiche Haltung ein. Er unterschrieb eine Quittung für das Geld. Haldane prüfte kurz die Unterschrift und steckte das Papier dann in eine schwarze Aktentasche, die er neben sich auf ein Tischchen gelegt hatte.
Dann kamen die Kleinigkeiten, die ein Mann namens Hartbeck wahrscheinlich bei sich tragen würde: ein Schlüsselbund an einer Kette, an dem auch der Kofferschlüssel hing, ein Kamm, ein khakifarbenes Taschentuch voller Ölflecken und eine Handvoll Ersatzkaffee in einer Tüte aus Zeitungspapier, ein Schraubenzieher, ein Stück dünner Draht und die frisch abgedrehten Enden einer Metallstange - der sinnlose Kleinkram aus den Taschen eines Arbeiters. »Die Uhr werden Sie leider nicht mitnehmen können«, sagte Haldane.
Leiser knipste den Verschluß des goldenen Armbandes auf und ließ die Uhr in Haldanes ausgestreckte Hand gleiten. Dafür bekam er eine in Ostdeutschland hergestellte Uhr aus Stahl, die sorgfältig nach Averys Wecker gestellt wurde.
Schließlich trat Haldane zurück. »So wird's gehen.
Bleiben Sie dort stehen und kontrollieren Sie Ihre Taschen. Vergewissern Sie sich, daß Sie alles dort haben, wo Sie es gewöhnlich tragen würden. Berühren Sie nichts anderes in diesem Zimmer, haben Sie verstanden?«
»Ich kenne die Regeln«, sagte Leiser, während er zu seiner goldenen Uhr auf dem Tisch hinübersah. Er nahm das Messer entgegen und hakte die schwarze Scheide an seinem Hosenbund fest. »Was ist mit meiner Pistole?«
Haldane ließ den Stahlverschluß seiner Aktentasche zuschnappen; es klang, als fiele eine Tür ins Schloß. »Sie nehmen keine mit«, sagte Avery. »Keine Pistole?«
»Ist nicht vorgesehen, Fred. Man glaubt, es sei zu gefährlich.«
»Für wen?«
»Es könnte zu gefährlichen Situationen führen. Politisch, meine ich. Einen bewaffneten Mann nach Ostdeutschland hineinzuschicken. Man hat Angst vor einem Zwischenfall.«
»Angst!«
Er starrte Avery lange an, als suche er in dem jungen, glatten Gesicht nach etwas, das nicht darin war. Er wandte sich an Haldane. »Ist das wahr?« Haldane nickte.
Plötzlich streckte Leiser seine zu einer Schale geformten Hände vor, in einer schrecklichen Geste der Armut. Er preßte die Finger zusammen, als gelte es, den letzten Wassertropfen aufzufangen. Seine Schultern zuckten unter der ärmlichen Jacke, sein Gesicht spiegelte gleichzeitig Flehen und Furcht. »Die Pistole, John! Ihr könnt einen Menschen doch nicht ohne Pistole losschicken! Laßt mir doch um Gottes willen die Pistole!«
»Tut mir leid, Fred...«
Seine Hände waren noch immer ausgestreckt, als er sich nun zu Haldane wandte. »Sie wissen gar nicht, was Sie da tun!«
Leclerc hatte den Lärm gehört und stand in der Tür. Haldanes Gesicht war ausdruckslos wie ein Fels. Leiser hätte es mit nackten Fäusten schlagen können, ohne einen Kern von Erbarmen bloßzulegen. Seine Stimme sank zu einem Flüstern. »Was tun Sie? Guter Gott, was versuchen Sie da zu tun?« Plötzlich über alles im klaren, schrie er beide an: »Ihr haßt mich, jawohl! Was habe ich euch getan? John, was habe ich getan? Wir waren doch Kameraden, nicht?« Als Leclerc schließlich sprach, klang seine Stimme unbeteiligt und kühl, als wolle er betonen, daß zwischen ihnen Welten lagen. »Worum geht es hier?«
»Er macht sich wegen der Pistole Sorgen«, erklärte Haldane.
»Daran können wir leider nichts ändern. Das liegt nicht in unseren Händen. Sie wissen, Fred, wie uns zumute ist. Natürlich wissen Sie das. Wir haben einen Befehl. Da kann man nichts machen. Haben Sie vergessen, wie es früher gewesen ist?« Und steif, ein Mann voll Pflichtbewußtsein und Entschlossenheit, fügte er hinzu: »Über die mir erteilten Befehle kann ich nicht diskutieren. Was soll ich Ihnen also sagen?« Leiser schüttelte den Kopf. Seine Hände sanken herab. Die Disziplin war von ihm abgefallen. »Schon vorbei.« Er sah Avery an. »In gewisser Weise ist ein Messer sogar nützlicher, Fred«, sagte Leclerc tröstend. »Es macht keinen Lärm.«