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Mord im Garten des Sokrates

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Mord im Garten des Sokrates
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Chilon war schon lange nicht mehr der Jüngling, als den ich ihn kennengelernt hatte. Ein guter und angesehener Arzt war inzwischen aus ihm geworden. «Den kleinen Hippokrates» nannten ihn die Leute, und das war keinesfalls abwertend gemeint, galt er doch als rechtmäßiger und ebenbürtiger Nachfolger seines Lehrers. Nur Chilon selbst wollte von solchen Vergleichen nichts wissen. Er vermisste seinen Meister. Oft sprachen wir über ihn und fragten uns, wann Hippokrates wohl nach Athen zurückkommen würde.

Mein Freund begrüßte mich herzlich und rief sofort seinen Helfer Melatos, damit der sich um Ariadne kümmerte. Sein besorgtes Gesicht und die schwarzen Ringe unter den Augen verrieten mir, dass er in den letzten Nächten ebenso wenig geschlafen hatte wie ich.

«Du hast davon gehört?», fragte ich, um irgendetwas zu sagen. Chilon bejahte.

Chilon hatte an jenem Tag keine Patienten und konnte mich daher gleich nach oben begleiten. Wir setzten uns und sahen über die Bucht und die Häfen hin. Mein Schiff war weit und breit nicht in Sicht. Ja es schien überhaupt kein Schiff einzukommen - ein ungewöhnlicher Anblick für Piräus an einem so strahlenden Tag. Das türkisfarbene Wasser des Saronischen Golfs lag wie ein Spiegel vor uns. Die Sonnenstrahlen blinkten auf den Wellen, und silberne Reflexe tanzten auf seiner Oberfläche. Die Hafenmöwen drehten ihre Kreise in der salzigen Luft. Weit und breit war kein Schiff zu sehen. An den Molen saßen die Sklaven und starrten auf das Meer. Es gab nichts zu tun. Es war keine Ladung zu löschen. Die großen Holzkräne standen still. Die Taue an ihren Armen baumelten im Wind. Es war, als ob Piräus am helllichten Tage schliefe.

«Seit wann ist es hier so ruhig?», fragte ich Chilon. «Seit wann bleiben die Schiffe aus?»

«Ich weiß es nicht genau. Es ist mir noch gar nicht richtig aufgefallen. Gestern war noch ganz normaler Betrieb ... Heute Morgen wurde es plötzlich leise. Ich habe mir nichts dabei gedacht - bis eben», antwortete er beunruhigt.

«Glaubst du, die Spartaner blockieren die Einfahrt?», fragte ich.

Chilon zuckte mit den Schultern. «Ich weiß es nicht. Irgendetwas ist merkwürdig.»

Wir verstummten und starrten zum Hafen. Ein Schiff, irgendwann müsste doch ein Schiff auftauchen! Nichts. Vor uns lag nur das weite Meer. Die Wellen schlugen gegen die Docks. Das leise Rauschen des Wassers machte mich schläfrig.

«Möchtest du dich ein wenig hinlegen?», fragte Chilon nach einer Weile. «Ich kann dich rufen, wenn dein Schiff ankommt.»

Ich schreckte auf. Ich musste für einen Moment eingenickt sein.

«Nein, entschuldige bitte. Ich habe in den letzten beiden Nächten nicht geschlafen.» Ich streckte mich, um den Schlaf aus meinen Gliedern zu vertreiben. Plötzlich erinnerte ich mich wieder an sein Gesicht und seinen toten Körper. Ich hatte von ihm geträumt.

«Weißt du, an wen ich gerade denken musste?», fragte ich.

«Wie könnte ich das?», gab Chilon zurück.

«An Periander», sagte ich, ohne meinen Blick auf meinen Freund zu richten. «Seit dieses Unglück über die Stadt gekommen ist, denke ich wieder an ihn ...»

«Und in den letzen vier Jahren?»

«Kein einziges Mal ... Seltsam, nicht?»

Chilon schob seinen Stuhl zurück. Er saß jetzt ein Stück hinter mir, sodass ich ihn nicht mehr sehen konnte. Er schwieg, aber ich hörte seinen ruhigen Atem.

«Ich habe meine Arbeit damals nicht zu Ende gebracht. Perianders Mörder lebt immer noch unter uns, angesehen und reich. Wie ich ihn kenne, besucht er sogar noch Perianders Eltern und lässt sich dafür danken, diesen armen Hund von Lysippos angeklagt und vor seinen Henker gebracht zu haben.»

«Du glaubst immer noch, dass Kritias Periander umgebracht hat?», fragte Chilon.

«Ich bin mir sicher», erwiderte ich, «ganz sicher.»

«Wie kannst du so überzeugt sein?»

«Er ist der Autor der ΑΘΗΝΑΙΩΝ ΡΟΛΙΤΕΙΑ! Er hat es vor allen bekannt. Erinnerst du dich nicht an diesen Satz? <Die Armut musste ihn ins Verbrechen treiben!> Wie er sich damals vor dem Areopag aufgebaut hat ...», erwiderte ich bitter.

Chilon antwortete nicht, aber ich fühlte, dass er etwas auf dem Herzen hatte.

«Was ist mit dir?», fragte ich. «Möchtest du mir etwas sagen?»

«Du bist mein Freund, und ich will dich nicht verletzen», begann Chilon zögernd. «Aber ich fürchte, allein der Umstand, dass Kritias dieses Buch geschrieben hat, beweist nicht, dass er auch der Mörder dieses armen Jungen ist.»

«Du hast recht», gab ich zu, «aber das ist auch nicht der einzige Beweis.»

«Sondern?»

«Platon!», entgegnete ich, wohl ahnend, Chilon würde sich auch von diesem Argument nicht so leicht überzeugen lassen. Wir sprachen nicht zum ersten Mal über Kritias als Perianders Mörder.

«Erklär es mir», bat er mich, obwohl ich es sicher schon einmal getan hatte.

«Du weißt doch, Platon und Periander standen sich sehr nahe. Als ich mit Platon über Perianders Tod sprach, ist er vor meinen Augen zusammengebrochen. Ich bin mir sicher, er und Periander liebten sich. Trotzdem hat Platon mir bei meiner Suche nach dem Mörder zu keiner Zeit geholfen oder mir auch nur zu helfen versucht. Er kannte Periander wie kein anderer. Er kannte seinen Umgang, seine Sorgen und seine Wünsche. Sokrates hatte mir erzählt, dass Periander in den letzten Wochen vor seinem Tod sehr besorgt war, beinahe verzweifelt. Platon muss gewusst haben, was ihn bedrückte. Aber er hat es mir nie gesagt. Er hat mir gar nichts gesagt. Und er meidet mich noch heute ...», antwortete ich.

«Was schließt du daraus?»

«Ich schließe daraus, dass er den Mörder deckt. Er deckt ihn, weil er ihm nahesteht, sehr nahe, so nahe, wie man nur einem Angehörigen stehen kann. Er deckt seinen Onkel.»

«Du kannst recht haben, was Platon angeht», sagte Chilon ganz und gar ruhig. «Aber Kritias ist nicht der einzige Angehörige Platons .»

«Aber der einzige, der die ΑΘΗΝΑΙΩΝ ΡΟΛΙΤΕΙΑ geschrieben hat», fiel ich ihm schroff ins Wort. Noch nicht einmal von Chilon, den ich wie einen Bruder zu lieben begonnen hatte, konnte ich mir in dieser Sache etwas sagen lassen.

Er blieb still und antwortete nicht mehr. Chilon war ein viel zu zarter Mensch, um auf meine Grobheit einzugehen oder mir, wie ich es verdient hätte, den Kopf zurechtzurücken. Stattdes-sen legte er mir nur ruhig die Hand auf die Schulter. Ich sollte es nun gut sein lassen. Dann stand er auf und ging an die Tür. Er rief seinen Sklaven, damit er uns Wasser und Obst brachte.

Mein Schiff lief an diesem Tag nicht mehr ein. Wir warteten vergeblich. Dafür zeigten sich am frühen Abend die Segel eines großen Frachters am Horizont, und mit dem Sonnenuntergang lief er im Kantharos ein. Das Schiff lag tief und schwer im Wasser, und weit über hundert Passagiere standen an Deck. Am Hauptmast wehte die Flagge der Kolonie Lampsakos. Als wir die Fahne erkannten, liefen wir zum Pier hinunter. Vielleicht brachte uns dieser Frachter Neuigkeiten von unseren Soldaten. Vielleicht war unsere Flotte doch nicht ganz verloren, und der ein oder andere Schiffsverband unter einem mutigen und klugen Trierarchen hatte noch einen Weg aus der spartanischen Umklammerung gefunden. Was Admiral Konon gelungen war, konnten auch andere vollbracht haben. Wie sonst, wenn nicht unter dem Schutz eines solchen Verbandes konnte ein Frachter aus einer verlorenen Kolonie unbehelligt und augenscheinlich unbeschädigt nach Athen kommen?

Das Schiff dockte an. Sobald die Leinen verknotet und die Landebrücken festgehakt waren, strömten die Passagiere von Bord. Ich hielt einen jungen Mann an, der mit seiner Frau und zwei Kindern auf uns zukam. Er machte einen verlorenen Eindruck; sein Weib schien gerade noch geweint zu haben.

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