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Autobiographische Schriften
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Betrachtet man abends im Palais-Royal das Bild, das sich dort im großen Hof bis elf Uhr nachts dem Auge bietet, so ist man unfehlbar versucht, eine Träne der Rührung zu vergießen. Um die Zeit ergehen sich nämlich dortselbst unzählige Ehemänner mit ihren unzähligen Epousen am Arm in der milden Abendluft, indes ihre reizenden, wohlerzogenen Kinderchen ringsum spielen. Dazu plätschert das Springbrünnlein und das eintönige Rauschen seines Wassers erinnert einen an etwas Ruhiges, Stilles, Tagtägliches, Beständiges, Heidelbergisches. Und so plätschert ja nicht nur ein einzelnes Springbrünnlein in Paris: der Springbrünnlein gibt es dort viele und überall ist es dasselbe, so daß wahrlich das Herz sich freuen kann.

Das Bedürfnis nach Tugend ist in Paris nicht zu löschen. Der Franzose von heute ist ernst, solide und im Herzen oft sogar gerührt, so daß ich eigentlich nicht verstehe, warum ihm noch immer so furchtbar bange ist vor irgend etwas, bange sogar trotz der ganzen gloire militaire, die in Frankreich ja so floriert und für die Jacques Bonhomme so teuer zahlt. Der Pariser liebt es unendlich, Geschäfte zu machen, doch ich glaube, selbst wenn er seine Geschäftchen abwickelt oder Sie in seinem Laden nach allen Regeln der Kunst übers Ohr haut, tut er das nicht einfach um des Gewinnes willen, wie es früher geschah, sondern aus reiner Tugend, aus einem gewissen heiligsten Pflichtgefühl. Ein Vermögen aufzuspeichern und möglichst viel Sachen zu besitzen, das ist zum Hauptgesetz der Sittlichkeit, ja zum Katechismus des Parisers geworden. Das war allerdings auch früher schon so, jetzt aber, jetzt hat das ein gewisses, sozusagen heiliges Ansehen bekommen. Früher hatte außer dem Gelde immerhin auch noch manches andere Geltung, so daß auch ein Mensch ohne Geld, wenn er statt des Geldes andere Eigenschaften besaß, noch auf eine gewisse Achtung rechnen konnte; jetzt aber ist das einfach ausgeschlossen. Jetzt muß man sich zunächst Geld verschaffen und sich obendrein möglichst viel Sachen anlegen, dann erst kann man auf eine gewisse Achtung rechnen. Und nicht bloß Achtung von seiten anderer, nein, auch Selbstachtung ist nur noch auf diesem Wege zu erlangen. Der Pariser hält sich selbst nicht für einen Sou wert, wenn er fühlt, daß seine Taschen leer sind, und das tut er nicht etwa unbewußt, nein, bewußt tut er es, tut es auf Ehre und Gewissen, tut es aus größter Überzeugung. Es werden Ihnen ganz erstaunliche Dinge erlaubt, wenn Sie nur Geld haben. Ein armer Sokrates ist nur ein dummer und schädlicher Phraseur und wird höchstens im Theater geachtet, dieweil nämlich der Bourgeois im Theater die Tugend immer noch zu achten liebt.

Fürwahr, ein sonderbarer Mensch ist dieser Bourgeois: da erklärt er unumwunden, daß Geldbesitz die höchste Tugend und Menschenpflicht sei, und dabei liebt er es ungeheuer, sich zugleich als den edelsten der Menschen aufzuspielen. Die Franzosen haben alle ein bewundernswert edles Gehaben. Selbst das erbärmlichste Französchen, das für einen Viertelrubel seinen leiblichen Vater an Sie zu verkaufen bereit ist und Ihnen dann obendrein und sogar ungebeten noch irgend etwas auf den Kauf gibt, hat gleichzeitig, ja buchstäblich in derselben Minute, in der er seinen leiblichen Vater verkauft, eine so sichere, selbstverständliche Haltung, daß Sie in Zweifeln befangen dastehen und sich bloß wundern können. Sie treten in einen Laden, um irgend etwas zu kaufen, und selbst der letzte Kommis erdrückt, jawohl, erdrückt Sie einfach mit seinem unsagbaren Edelmut. Das sind dieselben Kommis, die unserem Michailoff-Theater als Musterbeispiel des allerfeinsten Süperflü dienen. Sie fühlen sich , kaum daß Sie in den Laden eingetreten sind, sofort bedrückt, fühlen sich geradezu schuldig vor diesem Kommis. Sie haben den Laden betreten, um, sagen wir, zehn Franken auszugeben, und man empfängt Sie, als wären Sie Lord Devonshire in eigener Person. Sie empfinden aus einem unbestimmten Grunde sogleich die schrecklichsten Gewissensbisse, Sie möchten so schnell wie möglich den Irrtum aufheben, möchten versichern, daß Sie keineswegs Lord Devonshire, sondern nur so... eben nur ein bescheidener Reisender sind, und daß Sie hier bloß für zehn Franken zu kaufen beabsichtigen. Doch der junge Mann von glücklichstem Äußeren und unaussprechlichstem Edelmut in der Seele, bei dessen Anblick Sie sich selbst womöglich für einen Schurken zu halten geneigt sind (dermaßen edel sieht er aus!), beginnt bereits Ware für Zehntausende von Franken vor Ihnen auszubreiten. In einem Augenblick hat er für Sie schon den ganzen Ladentisch mit Bergen von Sachen bedeckt, und da bedenke man bloß, wieviel er, der Arme, nachher wieder einwickeln, einpacken, wegräumen muß, er, dieser Grandison, Alcibiades, Montmorency, und das noch um wessentwillen? Um Ihretwillen, der Sie die Frechheit gehabt haben – Sie mit Ihrem keineswegs beneidenswerten Äußeren, Sie mit allen Ihren Untugenden und Mängeln und Ihren ekelhaften zehn Franken –, einen solchen Marquis zu belästigen! Wenn man alles das bedenkt, beginnt man ganz unwillkürlich und auf der Stelle sich selbst zu verachten. Sie bereuen und verwünschen das Schicksal, welches es so fügt, daß in Ihrer Tasche sich gerade nur hundert Franken befinden, und Sie werfen eiligst die hundert hin, indes Ihr Blick um Verzeihung bittet. Doch großmütig wird Ihnen das für Ihre lumpigen hundert Franken Gekaufte eingewickelt, man verzeiht Ihnen auch die ganze Mühe und Ruhestörung, die Sie verursacht haben, und Sie beeilen sich, so schnell wie möglich sich aus dem Laden hinaus zu drücken. In Ihrem Hotelzimmer wundern Sie sich dann nicht wenig über die Tatsache, daß Sie, der Sie doch nur zehn Franken hatten ausgeben wollen, dabei hundert Franken losgeworden sind. Wie oft habe ich auf den Boulevards oder in der Rue Vivienne, wo sich so viele Läden mit Modegegenständen befinden, bei mir gedacht: wenn man unsere russischen Damen hierher führte und... Doch von den Folgen werden Ihnen am besten die Bevollmächtigten und Dorfältesten der Güter in den Gouvernements von Orloff, Tamboff usw. berichten können. Russen haben überhaupt die Sucht, bei Einkäufen in Läden so zu tun, als hätten sie unermeßlich viel Geld. Dafür aber gibt es auch eine Unverschämtheit in der Welt, wie z. B. bei den Engländerinnen, die sich dadurch, daß ein solcher Adonis oder Wilhelm Tell den ganzen Ladentisch für sie allein mit Haufen von Sachen bedeckt und in allen Fächern das Unterste zu oberst gekehrt hat, nicht nur nicht verwirren lassen, sondern noch – es ist nicht zu glauben! – noch wegen irgend welcher zehn Franken zu handeln anfangen. Aber der Wilhelm Tell ist kein Stümper in seinem Fach: er versteht es schon, sich zu rächen und für einen Schal im Werte von tausendfünfhundert Franken der Mylady zwölftausend abzuknöpfen, und dies noch auf eine Weise, daß sie mit ihrem Einkauf vollkommen zufrieden bleibt. Doch davon abgesehen, liebt der Bourgeois bis zur Leidenschaft unaussprechlichen Edelmut. Auf der Bühne zeige ihm unbedingt nur Uneigennützigkeit. Gustave, der Held, muß nur so strahlen vor lauter edlen Eigenschaften und der Bourgeois weint vor Rührung. Ohne unaussprechlichen Edelmut kann er nun einmal nicht ruhig schlafen. Daß er aber zwölftausend statt tausendfünfhundert Franken genommen hat, das war ja einfach seine Pflicht: er hat sie doch nur aus Tugend genommen. Stehlen ist schändlich, ist gemein, – dafür kommt man auf die Galeeren; der Bourgeois ist bereit, vieles zu verzeihen, doch nie und nimmer Diebstahl, und sollten Sie auch mitsamt Ihren Kindern Hungers sterben. Doch wenn Sie aus besagtem Pflichtgefühl, also aus Tugendhaftigkeit stehlen, oh, dann wird Ihnen alles und ohne weiteres verziehen. Dann wollen Sie eben faire fortune und sich viele Sachen anschaffen, also die Natur- und Menschheitspflicht erfüllen. Deshalb sind denn auch in seinem Kodex ganz genau die Punkte angegeben, die Diebstahl aus niedrigen Gründen, also etwa um ein Stück Brot, von Diebstahl aus hoher Tugendhaftigkeit unterscheiden. Letzterer wird sogar sehr gefördert, ist im höchsten Maße sicher gestellt und ungemein zweckmäßig organisiert.

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