Autobiographische Schriften
- Автор: Достоевский Федор Михайлович
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Autobiographische Schriften». Краткое содержание книги:
»Aber wozu waren ihrer denn so viele, es waren ja ganze vier,« fuhr ich, immer noch ein wenig befremdet, fort zu fragen.
»... deren gibt es hier sehr viele. Wahrscheinlich sind diesmal nur wenige Ausländer im Zuge; wären es mehr, so hätten sie sich in den Waggons verteilt.«
»Aber ich bitte Sie, die haben uns ja überhaupt nicht angesehen; sie sahen doch die ganze Zeit zum Fenster hinaus.«
»... seien Sie unbesorgt, die haben alles gesehn... Ich versichere Sie: nur unseretwegen stiegen sie hier ein.«
»Schau-schau,« dachte ich bei mir, »da haben wir's nun: ›Überlegung hat der Franzose nicht‹!« – und ich sah ein bißchen schräg, so mit einem gewissen Mißtrauen (ich schäme mich, das gestehen zu müssen), zu meinem Schweizer hinüber. »... du, Bruder, gehörst nicht auch du zu derselben Sorte und stellst dich nur so?« blitzte es in meinem Kopf auf, aber nur einen Augenblick, ich versichere Sie. Es war unsinnig, aber was kann man dagegen tun; man denkt es eben unwillkürlich...
Der Schweizer hatte mich nicht beschwindelt. In dem Hotel, in dem ich abstieg, schrieb man sogleich mein ganzes Signalement auf und schickte es an die entsprechende Stelle. Nach der Genauigkeit und Kleinlichkeit zu urteilen, mit der die Leute einen besichtigten und beschrieben, kann man annehmen, daß auch Ihr ganzes weiteres Tun und Treiben skrupulös beobachtet wird und sozusagen alle Ihre Schritte gezählt werden. Übrigens im ersten Hotel geschah das alles heimlich; doch im zweiten, im Hôtel des Empereurs, wo ich nach meiner Rückkehr aus London abstieg, da im ersten, im Hotel Coquillière, alle Zimmer besetzt waren, ging man weit offener mit mir um. Man war dort überhaupt und in allem viel patriarchalischer. Die Besitzer, ein schon älteres Ehepaar, waren nette Leute und verhielten sich sehr rücksichtsvoll und aufmerksam gegen ihre Hotelgäste. An demselben Tage, an dem ich bei ihnen einzog, bat mich die Besitzerin, als sie mich am Abend im Flur erblickte, auf einen Augenblick in das Zimmer, das ihr Geschäftsraum war. Ihr Mann war zugegen, doch augenscheinlich war sie diejenige, die alles leitete.
»Entschuldigen Sie, daß wir Sie aufhalten,« begann sie sehr höflich, »aber ich brauche Ihre Angaben...«
»Aber ich habe Ihnen doch schon alles angegeben... meinen Paß haben Sie auch.«
»... ja, aber votre état?«
Dieses: votre état? – ist eine überaus verfängliche Sache und hat mir nirgendwo gefallen. In der Tat, was soll man da sagen? Reisender – das ist gar zu abstrakt. Homme de lettres»– da achtet einen keiner.
»Schreiben wir propriétaire, was meinen Sie?« schlug mir die Besitzerin vor. »... wird am besten sein.«
»O ja, das wird am besten sein,« pflichtete ihr der Mann bei.
Es wurde also geschrieben.
»... und jetzt: der Grund Ihres Aufenthaltes in Paris?«
»... Reisender... auf der Durchreise.«
»Hm... ja, pour voir Paris. Erlauben Sie, mßjö: Ihre Größe?«
»Meine Größe? – wieso?«
»... meine, wie groß sind Sie?«
»... Sie sehen – von mittlerem Wuchs«.
»... schon, mßjö... Aber man muß es genauer angeben... Ich denke, ich denke...« fuhr sie ein bißchen unschlüssig fort und fragte mit den Augen ihren Mann um Rat.
»... denke, soundsoviel,« meinte der Mann, nach dem Augenmaß meine Größe in Zentimetern abschätzend.
»... wozu brauchen Sie das alles?« fragte ich.
»... das ist so not–wen–dig,« versetzte die Dame, liebenswürdig das Wort in die Länge ziehend, und sie trug tatsächlich auch das Zentimetermaß ein. »Jetzt, mßjö, Ihre Haarfarbe? Blond, hm!... ziemlich hell... glattes Haar...«
Sie schrieb auch das alles auf.
»Erlauben Sie, mßjö,« – sie legte die Feder hin, stand vom Stuhl auf und trat mit dem liebenswürdigsten Ausdruck nah an mich heran – »bitte hierher, ein paar Schritte zum Fenster. Um die Farbe Ihrer Augen festzustellen. Hm!... hell...«
Und sie fragte wieder mit den Augen ihren Mann um Rat. Sie liebten sich augenscheinlich sehr.
»Mehr von grauer Farbe,« bemerkte der Mann mit einem besonders geschäftlichen, sogar besorgten Ausdruck im Gesicht.
»Voilà«, fügte er mit einem Wink hinzu und wies auf eine Stelle der Stirn über der Augenbraue, und ich begriff sehr gut, auf was er aufmerksam machen wollte. Ich habe eine kleine Narbe auf der Stirn und er wollte, daß die Frau auch dieses besondere Merkmal angebe.
»Gestatten Sie mir jetzt die Frage«, wandte ich mich an Madame, als dieses ganze Examen zu Ende war, »wird von Ihnen wirklich eine solche Ausführlichkeit in den Angaben verlangt?«
»... mßjö, das ist unbedingt not–wen–dig!...«
»Mßjö bekräftigte auch der Mann mit einem gewissen besonders eindringlichen Ausdruck.
»Aber im Hotel Coquillière hat man mich nicht danach gefragt...«
»... ist nicht möglich,« fiel mir die Besitzerin lebhaft ins Wort, »... könnte den Eigentümern sehr teuer zu stehen kommen. Wahrscheinlich hat man stillschweigend Ihr Signalement aufgenommen, doch getan hat man es jedenfalls, oh, unbedingt, unbedingt. Wir aber gehen mit unseren Gästen viel harmloser und offenherziger um, wir leben mit ihnen wie mit Verwandten. Sie werden zufrieden mit uns sein. Sie werden sehen...«
»... mßjö!«... bekräftigte der Mann mit Feierlichkeit und aus seinem Gesicht sprach sogar eine Art Gerührtsein.
Und es waren wirklich höchst ehrliche, höchst liebenswürdige Eheleute, wenigstens so weit ich sie hernach kennen lernte. Aber das Wort »not–wen–dig« ward durchaus nicht in einem Tone gesagt, der wegen der Vorschrift um Entschuldigung bat oder sie als ein notwendiges Übel betrachtete, das man nun einmal über sich ergehen lassen mußte, sondern gerade im ernstesten Sinne der unbedingten Notwendigkeit, die womöglich restlos mit ihren eigenen persönlichen Überzeugungen übereinstimmte.
Und so war ich denn in Paris.
Fünftes Kapiteclass="underline" Baal.
Und so war ich denn in Paris... Doch erwarten Sie nicht, daß ich Ihnen jetzt viel von der Stadt selbst erzählen werde. Ich denke, Sie haben über Paris als Stadt bereits so viel in russischer Sprache gelesen, daß es Ihnen schließlich schon zum Überdruß geworden ist. Außerdem sind Sie ja selber dort gewesen und haben sich gewiß alles viel besser gemerkt als ich. Ich konnte es im Auslande nun einmal nicht ausstehen, alles nach dem Führer zu besichtigen, nach dem Gesetz, aus Pflicht als Reisender, und so habe ich denn an manchen Orten so berühmte Sehenswürdigkeiten nicht gesehen, daß ich mich sogar schäme, sie zu nennen. Auch in Paris habe ich vieles nicht gesehen. Ich werde deshalb auch nicht sagen, was ich dort nicht gesehen habe, aber dafür sage ich folgendes: ich habe für Paris eine Bezeichnung gefunden, ein Epitheton, und bestehe darauf, daß es richtig ist. Nämlich: es ist die sittlichste und tugendhafteste Stadt auf dem ganzen Erdenrund. Welch eine Ordnung! Welch eine Vernünftigkeit! Was für genau bestimmte und dauerhaft eingebürgerte Verhältnisse; wie ist alles sichergestellt und vorliniert; wie sind alle zufrieden und vollkommen glücklich, und wie haben sie sich alle mit Fleiß und Mühe schließlich selbst so schön zu der Überzeugung gebracht: sie seien nun wirklich zufrieden und vollkommen glücklich und... und... und auf diesem Punkt sind sie nun stehen geblieben. Darüber hinaus führt ja auch kein Weg. Sie, meine Freunde, werden es mir nicht glauben wollen, daß sie darauf stehen geblieben sind; Sie rufen mir zu, das sei eine häßliche Verleumdung von mir, eine Verleumdung aus Patriotismus; es sei doch unmöglich, daß dort alles wirklich habe stehen bleiben können. Aber meine Freunde: ich habe Sie doch schon im ersten Kapitel dieser Aufzeichnungen darauf vorbereitet, daß ich vielleicht schrecklich viel Unwahres sagen werde. Also bitte stören Sie mich nun nicht. Zudem wissen Sie doch sehr gut, daß ich, selbst wenn ich was zusammenlüge, es in der Überzeugung tue, nicht zu lügen. Das aber ist meiner Ansicht nach schon mehr als genug. Also lassen Sie mir nun meine Freiheit.