Autobiographische Schriften
- Автор: Достоевский Федор Михайлович
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Autobiographische Schriften». Краткое содержание книги:
Ja, Paris ist eine bewundernswerte Stadt. Und was für ein Komfort, was für alle möglichen Bequemlichkeiten für jene, die das Recht auf Bequemlichkeiten haben, und wiederum: welch eine Ordnung, welch eine... man möchte sagen, Windstille in der Ordnung. Ich komme immer wieder auf diese Ordnung zurück. In der Tat, noch ein Weilchen und das eineinhalbmillionenköpfige Paris wird sich in irgend so ein in Windstille und Ordnung versteintes deutsches Professorenstädtchen verwandeln, von der Art zum Beispiel irgend eines Heidelberg. Dahin geht nun mal seine ganze Neigung. Und als ob es ein Heidelberg nicht auch in großem Maßstabe geben könnte? Und welch ein Reglement in allem! Verstehen Sie mich nicht falsch: ich meine hiermit weniger ein äußeres Reglement, das belanglos wäre (im Verhältnis, natürlich), sondern die kolossale innere, geistige, aus der Seele hervorgehende Vorschriftsmäßigkeit. Paris engt sich ein, Paris verkleinert sich gern und mit Liebe, es kauert sich gerührt zusammen. Wie anders ist in der Beziehung zum Beispiel London! Ich war im ganzen nur acht Tage in London, aber wenigstens äußerlich – mit wie breiten Bildern, wie scharfen Linien, wie eigenartigen, nicht nach einem Leisten regulierten Plänen hat es sich in meiner Erinnerung eingezeichnet. Alles ist so riesenhaft und kraß in seiner Eigenart. Sogar täuschen lassen kann man sich von dieser Eigenart. Jede Kraßheit, jeder Widerspruch steht hier Seite an Seite mit der eigenen Antithese und sie gehen eigensinnig Arm in Arm einher, sich gegenseitig widersprechend und doch anscheinend keineswegs einander ausschließend. All das steht, wie's scheint, starrsinnig für sich ein und lebt nach seiner Art und stört sich gegenseitig anscheinend nicht im geringsten. Indessen aber geht auch hier derselbe hartnäckige, dumpfe und schon veraltete Kampf vor sich, der Kampf, auf Tod oder Leben, des allgemein westlichen persönlichen Prinzips mit der Notwendigkeit, sich doch irgendwie miteinander einzuleben; irgendwie eine Gemeinschaft zu bilden und sich in einem einzigen Ameisenhaufen einzurichten; ja, meinetwegen sich in einen Ameisenhaufen zu verwandeln, aber sich einzurichten ohne einander aufzufressen, denn sonst – ist die Verwandlung in Menschenfresser da! In dieser Beziehung ist dort, wenn auch in einer anderen Richtung, dasselbe zu bemerken wie in Paris: dasselbe verzweifelte Bestreben, auf dem status quo stehen zu bleiben – aus Verzweiflung wenigstens stehen zu bleiben –, alle Wünsche und Hoffnungen mit dem Fleisch aus sich herauszureißen, die eigene Zukunft zu verfluchen, an die zu glauben es selbst den Führern des Fortschritts vielleicht schon an Glauben gebricht, und Baal anzubeten. Doch lassen Sie sich bitte nicht vom Pathos irgend welcher Worte bestechen: all das ist als Bewußtheit erst in der Seele der fortgeschrittensten Erkennenden zu bemerken, unbewußt jedoch, instinktiv – in den Lebensverrichtungen der ganzen Masse. Aber der Bourgeois zum Beispiel in Paris ist bewußt, d. h. in seiner Bewußtheit sehr zufrieden und er ist überzeugt, daß alles auch so sein müsse; und er würde Sie sogar verprügeln, wenn Sie zu bezweifeln wagten, daß es so sein muß, würde Sie verhauen, weil er im Grunde doch noch irgend etwas fürchtet, ungeachtet seines ganzen Selbstgefühls. In London ist es eigentlich dasselbe, – und doch: was für breite, erdrückende Bilder! Sogar äußerlich: was für ein Unterschied gegen Paris. Diese Tag und Nacht hastende und wie ein Meer unumfaßbare Stadt, dieses Gepfeif und Geheul der Maschinen, diese über den Häusern (und bald auch unter ihnen) hinjagenden Eisenbahnen, diese Dreistigkeit des Unternehmungsgeistes, diese scheinbare Unordnung, die im Grunde die bourgeoise Ordnung in höchster Entwicklung ist, diese vergiftete Themse, diese mit Kohlenstaub durchsetzte Luft, diese großartigen Squares und Parks, diese unheimlichen Stadtwinkel wie Whitechapel mit seiner halbnackten, wilden und hungrigen Bevölkerung, die City mit ihren Millionen und dem Welthandel, der Kristallpalast, die Weltausstellung... Ja die Ausstellung kann einen stutzig machen. Man spürt die furchtbare Kraft, die hier alle diese unzähligen Menschen aus der ganzen Welt zu einer einzigen Herde zusammengetrieben hat; man erkennt einen Riesengedanken; man fühlt, daß hier bereits etwas erreicht ist: ein Sieg, ein Triumph. Und eine Angst vor irgend etwas beginnt sich in einem zu erheben. Wie frei und unabhängig man auch sein mag, um irgend etwas überkommt einen doch eine Angst. »Sollte am Ende dies das erreichte Ideal sein?« denkt man bei sich, »... hier nicht das Ende? Ist das nicht doch schon die verwirklichte › eine Herde‹ der Weissagung? Wird man die nicht wirklich als die volle Wahrheit annehmen und endgültig verstummen müssen?« All das ist so herrschend, so siegbewußt und stolz, daß es Ihnen den Atem zu beengen anfängt. Sie sehen diese Hunderttausende, diese Millionen von Menschen, die gehorsam aus der ganzen Welt hierher zusammenströmen, – Menschen, die alle mit einem einzigen Gedanken gekommen sind, die still, unablässig und stumm sich in diesem riesenhaften Palast umherdrängen, und Sie fühlen, daß sich hier endgültig etwas vollendet, vollendet und vollbracht hat. Das ist irgend ein biblisches Bild, irgend was von Babylon, ist eine Prophezeiung aus der Apokalypse, die sich leibhaftig verwirklicht hat. Sie fühlen, daß es viel ewiger geistiger Gegenwehr und Verneinung bedarf, um standzuhalten und dem Eindruck nicht zu erliegen, sich nicht vor der Tatsache zu beugen und Baal nicht für Gott zu halten, das heißt, das Verwirklichte, Bestehende nicht hinzunehmen als unser Ideal...
Nun, das ist Unsinn, werden Sie sagen, krankhafter Unsinn, Nerven, Übertreibung. Dabei wird doch niemand stehen bleiben und ebenso wird niemand das für sein verwirklichtes Ideal halten. Zudem sind doch Hunger und Sklaverei nicht jedermanns Sache und werden am besten Verneinung einflüstern und Skepsis zeugen. Satte Dilettanten aber, die zu ihrem Vergnügen umherspazieren, die können natürlich Bilder aus der Apokalypse zu sehen sich einbilden und ihre Nerven hätscheln, indem sie, um sich selbst anzuregen, aus jeder Erscheinung durch Übertreibung starke Empfindungen zu erpressen suchen...
Schön, antworte ich, nehmen wir an, daß ich mich von der Dekoration habe hinreißen lassen, mag es so sein. Noch wenn Sie gesehen hätten, wie stolz jener mächtige Geist ist, der diese kolossale Dekoration geschaffen hat, und wie stolz dieser Geist von seinem Sieg und seinem Triumph überzeugt ist, Sie wären erschauert ob seines Stolzes, seines Starrsinns und seiner Blindheit, und Sie wären erschauert auch für jene, über denen dieser stolze Geist schwebt und die er regiert. Angesichts dieser Kolossalheit, dieses riesenhaften Stolzes des alle beherrschenden Geistes, angesichts dieser feierlichen Vollendung der Schöpfungen dieses Geistes verstummt nicht selten auch die hungrige Seele, ergibt sich, unterwirft sich, sucht Rettung im Gin und in der Ausschweifung, und beginnt zu glauben, daß alles gerade so sein müsse. Die Tatsache drückt, die Masse verholzt und eignet sich alsbald Chinesentum an, oder wenn sich auch Skepsis einstellt, so sucht sie schließlich doch finster und mit einem Fluch Rettung in irgend so etwas von der Art des Mormonentums. Und in London kann man die Masse in einem Maßstabe und in einer Umgebung sehen, wie sie sonst nirgendwo in der Welt leibhaftig zu sehen ist. Man erzählte mir z. B., daß jeden Samstagabend eine halbe Million Arbeiter und Arbeiterinnen mit ihren Kindern sich wie ein Meer in die Straßen der Stadt ergießt, sich besonders in gewisse Stadtteile drängend, um dann die ganze Nacht bis fünf Uhr morgens Feiertag zu feiern, das heißt, sich viehisch satt zu essen und voll zu trinken nach der ganzen durchhungerten Woche. Diese Millionenmasse trägt ihren gesamten Wochenlohn bei sich, alles, was sie mit schwerer Arbeit fluchend verdient hat. In den Fleisch- und Eßwarenläden brennt das Gas in dicksten Flammenbüscheln, die grell die Straßen erhellen. Es ist geradezu, als werde für diese weißen Neger ein Ball veranstaltet. In den offenen Tavernen und in den Straßen überall ein Volksgedränge. Hier wird auch gegessen und getrunken. Die Trinkstuben sind aufgeputzt wie Paläste. Alles ist betrunken, doch ohne Fröhlichkeit, ist vielmehr finster, schwer, und alles ist irgendwie eigentümlich stumm. Nur hin und wieder wird diese verdächtige und auf Sie traurig wirkende Schweigsamkeit von Schimpfwörtern und blutigen Prügeleien gestört. Alles das beeilt sich, zu trinken, sich bis zur Bewußtlosigkeit zu betrinken... Die Frauen stehen den Männern nicht nach und betrinken sich gleich diesen; die Kinder laufen und kriechen zwischen ihnen umher. In einer solchen Nacht, es war gegen zwei Uhr, verirrte ich mich einmal und trieb mich lange in den Straßen umher inmitten der unzählbaren Menge dieses finsteren Volkes, fast nur mit Zeichen den Weg erfragend, da ich kein Wort Englisch kann. Ich fand schließlich den Weg, aber der Eindruck dessen, was ich gesehen, quälte mich nachher noch drei Tage. Volk ist überall Volk, hier aber war alles so kolossal, so grell, daß man gleichsam körperlich fühlte, was man sich bislang nur geistig vorgestellt hatte. Ja, hier sieht man nicht einmal mehr Volk, sondern Verlust des Bewußtseins, systematischen, gehorsamen, geförderten. Und man fühlt, wenn man alle diese Parias der Gesellschaft sieht, daß für sie die Prophezeiung noch lange nicht in Erfüllung gehen wird, daß sie noch lange keine Palmenzweige und weißen Gewänder erhalten werden und immer noch vergeblich zum Throne des Höchsten emporseufzen müssen: »... lange noch, Herr?« Und sie wissen das selbst und inzwischen nehmen sie für sich Rache an der Gesellschaft mit irgend welchen unterirdischen Mormonen, Sekten, Wanderpredigern... Wir wundern uns über die Dummheit, sich solchen Sekten anzuschließen, und erraten nicht, daß es – eine Absonderung von unserer gesellschaftlichen Formel ist, eine hartnäckige, unbewußte Absonderung: eine instinktive Absonderung um jeden Preis, da man seine Seele retten will, eine Absonderung mit Ekel vor uns und Entsetzen. Diese Millionen von Menschen, die von dem Feste der Menschheit ausgeschlossen und verjagt worden sind, die nun in unterirdischer Finsternis einander stoßen und drücken, in dieser Finsternis, in die sie von ihren älteren Brüdern geworfen wurden und in der sie nun tastend nach einem Ausgang suchen und an jede erste beste Tür pochen, um in dem dunklen Kellergewölbe nicht zu verrecken. Es ist das der letzte verzweifelte Versuch, sich zu einem eigenen Haufen zusammenzuschließen, zu einer eigenen Masse, und sich von allem abzusondern, sei es selbst vom Menschenbilde, um nur ja von eigener Art zu sein, nur ja nichts mit uns gemein zu haben...