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Autobiographische Schriften
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In einer Nacht aber geschah es, daß in diesem Gedränge verlorener Frauen und Lüstlinge ein weibliches Wesen, das sich eilig durch die Menge drängte, mich anredete. Sie war ganz in Schwarz gekleidet und trug einen Hut, der ihr Gesicht fast vollständig verbarg; ich kam eigentlich kaum dazu, sie richtig zu sehen; ich erinnere mich nur ihres forschend aufmerksamen Blickes. Sie sagte irgend etwas, das ich nicht verstand, in gebrochenem Französisch, drückte mir ein Blatt Papier in die Hand und ging schnell weiter. Vor dem hellen Fenster eines Cafés besah ich das Papier: es war ein kleines Blatt in Quadratform; auf der einen Seite des Blättchens stand gedruckt: »Crois-tu cela?« Auf der anderen Seite, gleichfalls auf französisch: »... bin die Auferstehung und das Leben...« usw. Die bekannten Worte. Sie werden zugeben, daß auch das ziemlich originell ist. Später sagte man mir, das sei die katholische Propaganda, die überall herumschnüffelt, unablässig, unermüdlich. Bald sind es solche Blättchen, die auf den Straßen verteilt werden, bald sind es kleine Bücher, die Auszüge aus dem Neuen und Alten Testament enthalten. Sie werden umsonst verteilt, aufgedrängt, in die Hand gedrückt. Der Propagandisten gibt es eine Unmenge, sowohl Männer wie Frauen. Es ist das eine Propaganda von feinster und berechnendster Art. Der katholische Geistliche spürt persönlich die arme Familie irgend eines Arbeiters auf, in die er sich dann unmerklich eindrängt. Er findet z. B. einen Kranken, der in Lumpen auf dem feuchten Fußboden liegt, umgeben von Kindern, die von Hunger und Kälte verkommen sind, dazu eine hungrige, nicht selten betrunkene Frau. Er gibt ihnen allen zu essen, gibt ihnen Kleider, sorgt für Heizung, behandelt den Kranken, kauft Arznei, wird zum Freunde der ganzen Familie und schließlich bekehrt er sie alle zum Katholizismus. Manchmal freilich kommt es auch vor, daß man ihn – natürlich erst nach der Heilung und aller Hilfe –, statt sich nun bekehren zu lassen, mit Geschimpfe und Schlägen hinausjagt. Aber er ermüdet nicht; er geht zu anderen. Auch dort wird er hinausgejagt; er erträgt alles, aber den einen oder anderen fängt er schließlich doch. Der anglikanische Geistliche dagegen wird doch nicht zu einem Armen gehen. Arme werden ja nicht einmal in die Kirche gelassen, weil sie nichts haben, womit sie den Platz auf der Bank bezahlen könnten. Die Ehen unter den Arbeitern und überhaupt unter den Armen sind oft illegitim, denn sich trauen zu lassen kostet viel Geld. Übrigens pflegen viele dieser Ehemänner ihre Frauen fürchterlich zu prügeln, ja, sie zu Krüppeln oder halbtot zu schlagen, und zwar geschieht das, wie es scheint, gewöhnlich mit der Feuerzange, mit der man im Kamin die Kohlen schürt. Wenigstens wird in den Zeitungsberichten, die von solchen Familientragödien, schweren Körperverletzungen oder Totschlägen handeln, immer die Feuerzange erwähnt. Die Kinder aus diesen Ehen beginnen oft schon im frühesten Alter ein Straßenleben, mischen sich unter die Menge und kehren schließlich überhaupt nicht mehr zu ihren Eltern zurück. – Die anglikanischen Pfarrer und Bischöfe sind stolz und reich, leben in reichen Pfarreien und werden dick in vollkommenster Gewissensruhe. Sie sind große Pedanten, sind sehr gebildet und glauben selber wichtig und in allem Ernst an ihre stumpfsinnig-moralische Würde, an ihr Recht, ruhige und selbstgerechte Moral zu predigen, fett zu werden und nur für die Reichen da zu sein. Das ist die Religion der Reichen und zwar schon ohne jede Maske. Nun, wenigstens ist's so – rationell und es wird nichts vorgetäuscht. Aber diese selben bis zur Stumpfheit überzeugten Professoren der Religion haben eine Liebhaberei von eigener Art: das ist die Mission. Sie durchziehen als Missionare die ganze Welt, sie dringen ins innerste Afrika, um einen Wilden zu bekehren, und vergessen darüber eine Million Wilder in London, weil diese nichts besitzen, womit sie zahlen könnten. Doch die reichen Engländer und überhaupt alle dortigen goldenen Ochsen sind überaus religiös, sind es auf eine finstere, mißmutige und eigentümliche Art. Die englischen Dichter aber besingen von jeher mit Vorliebe die Schönheit der Pfarrhäuser in der Provinz, die im Schatten hundertjähriger Eichen und Weiden stehen, besingen ihre tugendhaften Frauen und idealschönen blonden, blauäugigen Töchter.

Doch wenn die Nacht vergeht und der Tag beginnt, erhebt sich jener stolze finstere Geist von neuem herrscherhaft über der Riesenstadt. Der regt sich nicht darüber auf, was in der Nacht war, ihn stört auch das nicht, was er am Tage ringsum sieht. Baal herrscht und verlangt nicht einmal Unterwerfung, denn er ist ihrer auch so schon sicher. Sein Glaube an sich selbst ist grenzenlos; ruhig und mit Verachtung gibt er, nur um sich's vom Halse zu schaffen, organisierte Almosen und danach ist sein Selbstgefühl nicht mehr zu erschüttern. Baal versteckt auch nicht vor sich selbst, wie man das z. B. in Paris tut, gewisse ungezähmte, verdächtige und erregende Lebenserscheinungen. Armut, Leid, Murren und die Abstumpfung der Masse regen ihn nicht im geringsten auf. Voll Verachtung erlaubt er allen diesen verdächtigen, unheilkündenden Erscheinungen Seite an Seite neben seinem Leben als Wirklichkeit sichtbar zu bestehen. Er gibt sich keine Mühe, sich ängstlich, wie der Pariser, und krampfhaft zu beruhigen, zu ermutigen und sich selbst die Meldung zu erstatten, daß alles ruhig und in Ordnung sei. Er versteckt nicht, wie man das in Paris tut, die Armen irgendwohin, wo man sie nicht sieht, damit sie nicht unnütz seinen Schlaf beunruhigen. Der Pariser liebt es, wie der Vogel Strauß, seinen Kopf in den Sand zu stecken, um die Jäger, die ihm schon auf den Fersen sind, einfach nicht zu sehen. In Paris... Aber was ist denn das? Ich bin schon wieder nicht in Paris!... Herrgott, wann werde ich mich denn endlich an Ordnung gewöhnen...

Sechstes Kapiteclass="underline" Ein Versuch über den Bourgeois

Warum kauert sich hier alles das so zusammen, warum will sich hier alles in Scheidemünze einwechseln, sich einengen, sich drücken: »... bin gar nicht da, ich bin überhaupt nicht auf der Welt, ich habe mich versteckt, gehen Sie, bitte, vorüber und bemerken Sie mich nicht, tun Sie, als sähen Sie mich nicht, gehen Sie, ach gehen Sie doch vorüber!«

»Ja von wem reden Sie eigentlich? Wer kauert sich zusammen?«

»... der Bourgeois doch.« »... Himmels willen, der ist doch König, ist überhaupt alles, le tiers état c'est tout, und Sie reden von – sich verstecken!«

»... aber warum versteckt er sich denn so hinter dem Kaiser Napoleon? Warum hat er denn in seiner Abgeordnetenkammer die hohen Phrasen vergessen, die er früher so liebte? Warum will er sich an nichts erinnern und warum winkt er mit beiden Händen ab, wenn man ihn an irgend etwas, das in alten Zeiten war, erinnert? Warum ist bei ihm im Sinn und Blick und auf der Zunge sogleich Alarm, wenn andere in seiner Gegenwart noch irgend einen Zukunftswunsch zu äußern wagen? Und wenn er selber einmal aus reiner Einfalt übermütig wird und plötzlich auch in sich noch einen Wunsch verspürt, warum erschrickt er dann gleich und bekreuzigt sich, um den Einfluß des Bösen zu bannen: »Herrgott, was hab ich da... was fällt mir überhaupt ein!« und warum bemüht er sich darnach noch lange, sein törichtes Benehmen durch Fleiß und Artigkeit gewissenhaft wieder gut zu machen? Warum sieht er immer so aus, als sage er fast wortwörtlich: »Heute mache ich wieder ein paar Geschäftchen in meinem Laden und, so Gott will, morgen auch und vielleicht auch noch übermorgen, wenn Gott mir gnädig ist... Nun und dann, dann aber... wenn man nur schneller ein Sümmchen in Sicherheit hätte, und«... und weiter denkt er nicht;– après moi le déluge. Warum hat er alle Armen irgendwohin weggeschafft und warum beteuert er, es gäbe sie in Frankreich überhaupt nicht? Warum begnügt er sich so stillschweigend mit einer Regierungspresse und mit vorschriftsmäßiger Literatur? Warum will er sich so furchtbar gern einreden, seine Zeitungen seien nicht käuflich? Warum willigt er ein, so viel Geld für Spione auszugeben? Warum wagt er gegen die Mexikanische Expedition auch nicht mit einer Silbe zu mucksen? Warum werden auf den Bühnen seiner Theater die Ehemänner immer als so edle und mit Geld und Gütern wohlversehene Herren dargestellt, die Liebhaber dagegen immer als irgend solche armselige, verlumpte Habenichtse ohne Stellung und ohne Protektion, als irgend solche Kommis oder Künstler, jedenfalls als im höchsten Grade lumpige Leutchen? Warum gaukelt er sich vor, daß die Epousen alle ohne Ausnahme bis zum Äußersten ihren Gatten treu seien, daß sein Heim in Wohlbehagen still gedeihe, der pot-au-feu in tugendvollster Hitze brodele und die Kopfzier seines eigenen Hauptes in einer so tadellosen Verfassung sei, wie man sie sich besser gar nicht denken könnte? Gerade bezüglich der Kopfzier ist seine Überzeugung von ganz besonderer Festigkeit: so ist es nun einmal vereinbart, ohne alles Gerede, so hat es sich von selbst eingeführt und festgesetzt; und wenn auch auf den Boulevards jeden Augenblick geschlossene Mietskutschen mit herabgezogenen Rollvorhängen vorüberfahren, wenn es auch überall Zufluchtsstätten für alle möglichen interessanten Erfordernisse gibt und wenn auch die Toiletten der Epousen nur allzuoft teurer sind, als nach dem Beutel des Gemahls anzunehmen wäre, so bleibt es doch dabei, denn so ist es nun einmal vereinbart und unterschrieben – also was wollen Sie nun noch? Und warum ist es so vereinbart und unterschrieben? Ja aber: wenn es das nicht wäre, dann könnte man ja womöglich denken, das Ideal sei noch nicht erreicht, Paris sei noch nicht das vollendete irdische Paradies, könnte denken, daß man schließlich doch noch was wünschen dürfe, daß folglich der Bourgeois auch selber noch nicht ganz zufrieden sei mit dieser Ordnung, für die er einsteht und die er allen aufbinden will. Man könnte glauben, daß es in dieser Gesellschaft doch irgend welche Sprünge und Risse gibt, die man ausbessern müßte. Sehen Sie, deshalb schwärzt der Bourgeois die Risse in seinen Stiefeln mit Tinte, damit man nur ja nicht, Gott behüte, etwas bemerke! Die Epousen aber naschen derweil Süßigkeiten, sind behandschuht, daß die russischen Damen im fernen Petersburg sie bis zur Hysterie beneiden, zeigen ihre Füßchen und raffen auf den Boulevards überaus graziös die Röcke. Was will man denn noch zum vollkommenen Glück? Eben deshalb sind auch Romantitel wie z. B. »... Frau, der Mann und der Liebhaber« unter den gegenwärtigen Verhältnissen bereits unmöglich, da es Liebhaber doch nicht mehr gibt, gar nicht geben kann. Und selbst wenn es ihrer in Paris so viele geben sollte wie Sand am Meer (und es gibt ihrer dort vielleicht sogar noch mehr), so sind sie dennoch nicht vorhanden und können gar nicht vorhanden sein, sintemal es ein für allemal so festgestellt und unterschrieben ist und nun alles in Tugenden glänzt. Das aber ist unbedingt erforderlich daß alles in Tugenden glänzt.

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Главный герой
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