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Liebe Deinen Nächsten

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Liebe Deinen Nächsten
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Ruths Zimmer war etwas größer als das andere. Es war, abgesehen von der Chaiselongue, ähnlich möbliert – aber Kern fand, daß es völlig anders aussah. Sonderbar, dachte er – es müssen die paar Sachen sein, die sie darin hat – die schmalen Schuhe, die Bluse, der braune Rock – wieviel Zärtlichkeit darin ist! Mit meinen Sachen sieht ein Zimmer nur unordentlich aus.

»Ruth«, sagte er,»wenn wir heiraten wollten… weißt du, daß wir das gar nicht könnten? Weil wir keine Papiere haben.«

»Ich weiß. Aber das soll unsere geringste Sorge sein. Wozu haben wir überhaupt eigentlich zwei Zimmer?«

Kern lachte. »Wegen der hohen Schweizer Moral. Unangemeldet, das geht noch – aber unverheiratet, das ist unmöglich!«

Er wartete am nächsten Morgen bis zehn. Dann ging er hinüber, um seinen Koffer zu holen. Er wollte ein paar Adressen abklappern und Binding weiterschlafen lassen.

Aber das Zimmer war schon leer. Binding war vermutlich schon wieder unterwegs. Kern öffnete seinen Koffer. Er war nicht verschlossen, das wunderte ihn. Er glaubte bestimmt, ihn abends abgeschlossen zu haben. Es schien ihm auch, als ob die Flaschen anders lägen, als er es gewohnt war. Er suchte rasch. Das kleine Kuvert in der versteckten Seitentasche war da. Er klappte es auf und sah sofort, daß sein Schweizer Geld fehlte. Nur zwei einsame österreichische Fünfschillingscheine flatterten ihm entgegen.

Er suchte noch einmal alles durch; auch seinen Anzug, obschon er sicher war, das Geld nicht darin zu haben. Er trug nie etwas bei sich, für den Fall, daß er unterwegs abgefaßt wurde. Ruth hatte so immer wenigstens noch den Koffer und das Geld. Aber die vierzig Franken waren verschwunden.

Er setzte sich auf den Boden neben den Koffer. »Dieser Gauner«, sagte er fassungslos. »Dieser verfluchte Gauner! Ist denn so etwas möglich?«

Er blieb eine Weile so sitzen. Dann überlegte er, ob er Ruth Bescheid sagen sollte; aber er beschloß, das erst zu tun, wenn es nicht anders mehr möglich war. Er wollte sie nicht früher als unbedingt notwendig beunruhigen.

Schließlich nahm er die Listen Binders heraus und notierte sich eine Anzahl Berner Adressen. Dann packte er seine Taschen voll Seife, Schnürsenkel, Sicherheitsnadeln und Toilettewasser und ging die Treppen hinunter.

Unten traf er den Wirt. »Kennen Sie einen Mann, der Richard Binding heißt«, fragte er.

Der Wirt dachte eine Zeitlang nach. Dann schüttelte er den Kopf.

»Ich meine jemand, der gestern abend hier war. Er hat ein Zimmer verlangt.«

»Gestern abend hat niemand ein Zimmer verlangt. Ich war ja gar nicht da. Ich war bis zwölf Uhr kegeln.«

»Ach so! Hatten Sie denn Zimmer frei?«

»Ja, drei. Die sind auch heute noch frei. Erwarten Sie noch jemand? Sie können Nummer sieben haben, auf Ihrem Korridor.«

»Nein. Ich glaube nicht, daß der, auf den ich warte, wiederkommt. Er wird schon unterwegs nach Zürich sein.«

Mittags hatte Kern drei Franken verdient. Er ging in ein billiges Restaurant, um ein Butterbrot zu essen und dann gleich weiter zu hausieren.

Er blieb an der Theke stehen und aß hungrig. Plötzlich fiel ihm das Sandwich fast aus der Hand. Er hatte an einem der entferntesten Tische Binding erkannt.

Mit einem Ruck steckte er den Rest des Butterbrotes in den Mund, schluckte es herunter und ging langsam auf den Tisch zu. Binding saß allein, die Ellenbogen aufgestemmt, vor einer großen Schüssel Schweinekoteletts mit Rotkohl und Kartoffeln und aß selbstvergessen.

Er blickte erst auf, als Kern dicht vor ihm stand. »Ah, sieh da!« sagte er nachlässig. »Wie geht’s?«

»Mir fehlen vierzig Franken in meiner Brieftasche«, sagte Kern.

»Bedauerlich«, erwiderte Binding und schluckte ein großes Stück Braten hinunter. »Wirklich bedauerlich!«

»Geben Sie mir den Rest, den Sie noch haben, heraus, und die Sache ist erledigt.«

Binding trank einen Schluck Bier und wischte sich den Mund. »Die Sache ist auch so erledigt«, erklärte er gemütlich. »Oder was hatten Sie sonst vor zu tun?«

Kern starrte ihn an. Er hatte in seiner Wut bisher noch nicht daran gedacht, daß er tatsächlich nichts tun konnte. Wenn er zur Polizei ging, wurde er nach Papieren gefragt und selbst mit eingesperrt und ausgewiesen.

Er musterte Binding mit zusammengekniffenen Augen. »Keine Chance«, sagte dieser. »Sehr guter Boxer. Vierzig Pfund schwerer als Sie. Außerdem: bei Krach im Lokal Polizei und Ausweisung.«

Kern hätte im Augenblick wenig danach gefragt, was mit ihm selbst passiert wäre; aber er dachte an Ruth. Binding hatte recht: Es gab nicht die geringste Chance für ihn, etwas zu tun. »Machen Sie so was öfter?« fragte er.

»Ich lebe davon. Und wie Sie sehen, gut.«

Kern erstickte fast vor ohnmächtiger Erbitterung. »Geben Sie mir wenigstens zwanzig Franken zurück«, sagte er heiser. »Ich brauche das Geld. Nicht für mich. Für jemand anders, dem es gehört.«

Binding schüttelte den Kopf. »Ich brauche das Geld selbst. Sie sind billig davongekommen. Sie haben für vierzig Franken die größte Lehre empfangen, die es im Leben gibt: nicht vertrauensselig zu sein.«

»Das stimmt.« Kern starrte ihn an. Er wollte gehen, aber er konnte nicht. »Ihre ganzen Papiere… das war natürlich alles Schwindel!«

»Denken Sie an, nein!« erwiderte Binding. »Ich war im Konzentrationslager.« Er lachte. »Allerdings wegen Diebstahls bei einem Gauleiter. Seltener Fall!«

Er langte nach dem letzten Kotelett, das noch in der Schüssel lag. Im nächsten Moment hatte Kern es in der Hand. »Machen Sie ruhig Skandal«, sagte er.

Binding grinste. »Ich denke nicht daran! Ich bin ziemlich satt. Lassen Sie sich einen Teller bringen und nehmen Sie von dem Rotkohl dazu. Ich bin sogar bereit, Ihnen ein Glas Bier zu spendieren!«

Kern erwiderte nichts. Er war an der Grenze, sich zu prügeln, mit allem, was ihm in die Hand gekommen wäre. Rasch drehte er sich um und ging, das erbeutete Kotelett in der Hand. An der Theke ließ er sich etwas Papier geben, um es einzupacken. Das Servierfräulein sah ihm neugierig zu. Dann fischte es zwei Gurken aus einem Glase. »Hier«, sagte sie. »Etwas dazu.«

Kern nahm auch die Gurken. »Danke«, sagte er. »Danke vielmals.« Ein Abendessen für Ruth, dachte er. Verdammt und verflucht, für vierzig Franken!

An der Tür drehte er sich noch einmal um. Binding beobachtete ihn. Kern spuckte aus. Binding salutierte lächelnd mit zwei Fingern der rechten Hand.

HINTER BERN BEGANN es zu regnen. Ruth und Kern hatten nicht mehr genug Geld, um die Eisenbahn bis zum nächsten größeren Ort zu nehmen. Sie besaßen zwar noch eine kleine eiserne Reserve, aber die wollten sie erst in Frankreich angreifen. Ungefähr fünfzig Kilometer weit nahm ein vorüberkommendes Auto sie mit. Dann mußten sie zu Fuß gehen. Kern traute sich nur selten, in den Dörfern etwas zu verkaufen. Es fiel zu sehr auf. Sie schliefen im selben Ort immer nur eine Nacht. Sie kamen abends spät, wenn die Polizeibüros schon geschlossen waren, und gingen morgens, ehe sie wieder geöffnet wurden. So waren sie immer schon aus dem Ort heraus, wenn das Anmeldeformular zur Gendarmerie gegeben wurde. Binders Liste versagte für diesen Teil der Schweiz; sie enthielt nur die größeren Städte.

In der Nähe von Murten schliefen sie in einer leeren Scheune. Nachts prasselte ein Wolkenbruch hernieder. Das Dach war schadhaft, und als sie erwachten, waren sie bis auf die Haut naß. Sie versuchten, ihre Sachen zu trocknen, aber sie konnten kein Feuer machen. Alles war feucht, und sie fanden nur mit Mühe einen Fleck, wo es nicht durchgeregnet hatte. Sie schliefen eng aneinandergedrückt, um sich zu wärmen, aber ihre Mäntel, mit denen sie sich zudeckten, waren zu naß; – sie wachten vor Kälte wieder auf. So warteten sie bis zum Morgengrauen, dann brachen sie auf.

»Das Gehen wird uns warm machen«, sagte Kern. »Irgendwo werden wir in einer Stunde auch schon etwas Kaffee kriegen.«

Ruth nickte. »Vielleicht kommt die Sonne durch. Dann werden wir rasch trocken sein.«

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