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Liebe Deinen Nächsten

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Liebe Deinen Nächsten
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Goldbach ließ die Hände sinken. Er sah die Auswahl billiger, kunstseidener Krawatten, die auf dem Tisch lagen. Ja, damals im Anwaltszimmer unter den Kollegen… wie scharfsinnig hatte er da nachgewiesen, daß die Liebe der Frau nach dem Herrn und Meister verlange; damals, als er sechzigtausend Mark im Jahr verdiente und Lena Schmuck schenkte, dessen Erlös sie jetzt für sich verbrauchte.

Er horchte darauf, wie sie sich zu Bett legte. Er tat es jeden Abend und haßte sich deswegen, aber er konnte es nicht lassen. Seine Wangen wurden fleckig, als er das Knarren der Federn hörte. Er biß die Zähne zusammen, ging zum Spiegel und sah sich an. Dann nahm er einen Stuhl und stellte ihn in die Mitte des Zimmers. »Nehmen wir an, neunte Reihe, die dritte Frau, einen Schlüssel im Schuh versteckt«, murmelte er. Aufmerksam machte er neun kurze Schritte bis zum Stuhl, blinzelte mit dem rechten Auge, fuhr sich mit drei Fingern über die Stirn und schob den linken Fuß vor – weiter; er war jetzt ganz konzentriert, er sah Steiner suchen und schob den Fuß noch weiter vor.

Im rötlichen Licht der Glühbirne schwankte sein Schatten armselig und verschroben an der Wand mit.

»WAS UNSER KLEINER wohl macht, Lilo?« sagte um dieselbe Zeit Steiner. »Weiß der Himmel, es ist nicht allein wegen des dämlichen Goldbach… er fehlt mir tatsächlich oft, der Kleine!«

13

Kern und Ruth waren in Bern. Sie wohnten in der Pension Immergrün. Sie stand auf Binders Liste. Man konnte dort zwei Tage bleiben, ohne polizeilich angemeldet zu werden.

Am zweiten Abend klopfte es sehr spät an Kerns Zimmertür. Er war schon ausgezogen und gerade dabei, zu Bett zu gehen. Ohne sich zu rühren, wartete er einen Moment. Es klopfte wieder. Lautlos, auf nackten Füßen, lief er zum Fenster. Es war zu hoch, um herunterzuspringen, und es gab auch nirgendwo eine Regenrinne, um daran hochzuklettern. Langsam ging er zurück und öffnete die Tür.

Ein Mann von etwa dreißig Jahren stand draußen. Er war einen Kopf größer als Kern, hatte ein rundes Gesicht mit wasserblauen Augen und weißblonden, krausen Haaren und hielt einen grauen Velourshut in den Händen, an dem er nervös herumfingerte.

»Entschuldigen Sie«, sagte er,»ich bin ein Emigrant wie Sie…«

Kern hatte das Gefühl, als wüchsen ihm plötzlich Flügel. Gerettet! dachte er. Keine Polizei!

»Ich bin in großer Verlegenheit«, fuhr der Mann fort. »Binding ist mein Name. Richard Binding. Ich bin unterwegs nach Zürich und habe keinen Centime mehr, um irgendwo unterzukommen für die Nacht. Ich will Sie nicht um Geld bitten. Ich wollte Sie nur fragen, ob ich die Nacht hier auf dem Fußboden schlafen kann.«

Kern sah ihn an. »In diesem Zimmer? Auf dem Fußboden?«

»Ja. Ich bin das gewohnt, und ich werde Sie bestimmt nicht stören. Ich bin jetzt seit drei Nächten unterwegs. Sie wissen, wie das ist, draußen auf den Bänken mit der ewigen Angst vor der Polizei. Da ist man froh, wenn man irgendwo ein paar Stunden sicher ist.«

»Das weiß ich. Aber sehen Sie sich doch das Zimmer an! Es ist ja nirgendwo so viel Platz, daß Sie sich lang ausstrecken können. Wie wollen Sie denn da schlafen?«

»Das macht nichts!« erklärte Binding eifrig. »Das geht schon! Dort in der Ecke zum Beispiel! Ich kann im Sitzen schlafen und mich gegen den Schrank lehnen. Das geht sehr gut! Wenn man nur etwas Ruhe hat, kann unsereins doch überall schlafen!«

»Nein, das geht nicht.« Kern überlegte einen Moment. »Ein Zimmer hier kostet zwei Franken. Ich kann Ihnen das Geld geben. Das ist am einfachsten. Dann können Sie gründlich ausschlafen.«

Binding hob abwehrend die Hände. Sie waren groß und rot und dick. »Ich will kein Geld von Ihnen! Dazu bin ich nicht gekommen! Wer hier wohnt, braucht seine paar Groschen selber!

Und dann – ich war schon unten und habe gefragt, ob ich nicht irgendwo schlafen könnte. Es ist kein Zimmer frei.«

»Vielleicht ist eins frei, wenn Sie zwei Franken in der Hand haben.«

»Ich glaube nicht. Der Wirt sagte mir, er würde jemand, der zwei Jahre im Konzentrationslager war, immer umsonst schlafen lassen. Aber er hätte tatsächlich kein Zimmer frei.«

»Was?« sagte Kern,»Sie waren zwei Jahre im Konzentrationslager?«

»Ja.« Binding klemmte seinen Velourshut zwischen die Knie und holte aus seiner Brusttasche einen zerschlissenen Ausweis hervor. Er faltete ihn auseinander und gab ihn Kern. »Hier – sehen Sie! Das ist mein Entlassungsschein aus Oranienburg.«

Kern nahm den Schein vorsichtig, um die brüchigen Faltkniffe nicht zu zerreißen. Er hatte noch nie ein Entlassungszeugnis aus dem Konzentrationslager gesehen. Er las den Aufdruck, den vorgedruckten Text, den mit Schreibmaschine eingefügten Namen Richard Binding – dann blickte er auf den Stempel mit dem Hakenkreuz und die saubere, klare Unterschrift des Beamten – es stimmte. Es stimmte sogar in einer pedantisch ordentlichen und bürokratischen Weise, und gerade das machte das Ganze fast unheimlich – als käme jemand mit einer Aufenthaltserlaubnis und einem Visum aus dem Inferno wieder.

Er gab den Schein an Binding zurück. »Hören Sie«, sagte er,»ich weiß, was wir machen! Sie nehmen mein Bett und Zimmer. Ich kenn jemand in der Pension, der ein größeres Zimmer hat. Ich kann dort sehr gut schlafen. So ist uns beiden geholfen.«

Binding starrte ihn mit runden Augen an. »Aber das ist doch ganz unmöglich!«

»Im Gegenteil! Es ist das Leichteste von der Welt!« Kern nahm seinen Mantel und streifte ihn über seinen Pyjama. Dann legte er seinen Anzug über den Arm und griff nach seinen Schuhen. »Sehen Sie! Ich nehme das mit. So brauche ich Sie nicht einmal allzu früh zu stören. Ich kann mich drüben anziehen. Es freut mich, etwas tun zu können für jemand, der so viel mitgemacht hat.«

»Aber…« Binding ergriff plötzlich Kerns Hände. Es sah aus, als wollte er sie küssen. »Mein Gott, Sie sind ja ein Engel!« stammelte er. »Ein Lebensretter!«

»Ach wo!« erwiderte Kern verlegen. »Einer hilft dem andern mal aus, das ist alles. Was sollte sonst aus uns werden? Schlafen Sie gut!«

»Das werde ich! Weiß der Himmel!«

Kern überlegte einen Moment, ob er seinen Koffer mitnehmen sollte. Er hatte in einer kleinen Seitentasche darin vierzig Franken versteckt. Aber das Geld war gut versteckt, der Koffer war abgeschlossen, und er scheute sich, einem Mann, der im Konzentrationslager gewesen war, so offen sein Mißtrauen zu zeigen. Emigranten stehlen nicht untereinander. »Gute Nacht! Schlafen Sie gut!« sagte er noch einmal und ging.

Ruth wohnte auf demselben Korridor. Kern klopfte zweimal kurz an ihrer Tür. Das war das Zeichen, das sie miteinander ausgemacht hatten. Sie öffnete sofort. »Ist etwas passiert?« fragte sie erschrocken, als sie die Sachen in seiner Hand sah. »Müssen wir ausreißen?«

»Nein. Ich habe nur mein Zimmer so einem armen Teufel gegeben, der im Konzentrationslager war und ein paar Nächte nicht geschlafen hat. Kann ich hier bei dir auf der Chaiselongue schlafen?«

Ruth lächelte. »Die Chaiselongue ist alt und wackelig; aber glaubst du nicht, daß das Bett groß genug ist für uns beide?«

Kern trat rasch ein und küßte sie. »Ich stelle manchmal wirklich die dümmsten Fragen der Welt«, sagte er. »Aber glaube mir, es ist nur Verlegenheit. Es ist alles noch zu neu für mich.«

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