Liebe Deinen Nächsten
- Автор: Ремарк Эрих Мария
- Язык: немецкий
- Жанр: Классическая проза
Электронная книга - «Liebe Deinen Nächsten». Краткое содержание книги:
Beer lachte. »Vorläufig liegt sie erst einmal im Krankenhaus. Irgendeine Wohltätigkeitsinstitution wird nachher schon die Kosten übernehmen.«
Kern sah ihn an. »Und Ihr Honorar?«
Beer lachte wieder. »Behalten Sie Ihre paar Franken nur. Ich kann ohne sie leben. Sie können morgen wieder fragen kommen.« Er stand auf.
»Wo liegt sie?« fragte Kern. »In welchem Stock?«
Beer legte seinen knochigen Zeigefinger an die Nase. »Warten Sie mal… Zimmer 35 im zweiten Stock.«
»Welches Fenster ist das?«
Beer zwinkerte mit den Augen. »Ich glaube, es ist das zweite von rechts. Es nützt aber nichts; sie wird schon schlafen.«
»Ich meinte nicht deswegen.«
»Natürlich nicht«, erwiderte Beer.
Kern fragte sich nach dem Krankenhaus durch. Er fand es rasch und blickte auf die Uhr. Es war eine Viertelstunde vor neun. Das zweite Fenster von rechts war dunkel. Er wartete. Er hätte nie geglaubt, daß es so langsam neun Uhr werden könne. Plötzlich sah er, daß das Fenster hell wurde. Er stand angespannt und schaute auf das rötliche Viereck. Er hatte einmal etwas von Gedankenübertragung gehört und versuchte sich jetzt zu konzentrieren, um Kraft zu Ruth hinüberzuschicken. – Laß sie gesund werden, laß sie gesund werden! dachte er eindringlich und wußte nicht, zu wem er betete. Er holte tief Atem und ließ ihn langsam ausströmen; er erinnerte sich, daß tiefes Atmen als wichtig bezeichnet war in dem Buch, das er gelesen hatte. Er ballte die Fäuste und spannte die Muskeln an, er hob sich auf die Zehen, als wollte er losspringen, und flüsterte immer wieder gegen das helle Lichtkarree in die Nacht:»Werde gesund! Werde gesund! Ich liebe dich!«
Das Fenster verdunkelte sich. Er sah einen Schatten. Sie soll doch im Bett bleiben! dachte er, während ein Sturzbach von Glück ihn überströmte. Sie winkte; er winkte wild zurück. Dann erinnerte er sich, daß sie ihn nicht sehen konnte. Verzweifelt blickte er nach einer Laterne, nach einem Schein Helligkeit aus, um sich davorzustellen. Nichts war zu sehen. Da kam ihm ein Gedanke. Er riß eine Schachtel Zündhölzer aus der Tasche, die er morgens zu seinen zwei Zigaretten geschenkt bekommen hatte, zündete eins an und hielt es hoch.
Der Schatten winkte. Er winkte vorsichtig mit dem Zündholz zurück. Dann riß er ein paar neu an und hielt sie so, daß sie sein Gesicht beleuchteten. Ruth winkte heftig. Er machte Zeichen, sie solle sich niederlegen. Sie schüttelte den Kopf. Er beleuchtete sein Gesicht und nickte nachdrücklich. Sie folgte nicht. Er merkte, daß er fortgehen mußte, um sie dazu zu bewegen, sich wieder ins Bett zu legen. Er machte ein paar Schritte, um zu zeigen, daß er ginge. Dann warf er alle brennenden Streichhölzer hoch. Sie fielen flackernd zu Boden und verlöschten. Das Licht brannte noch einen Augenblick. Dann erlosch es, und das Fenster schien dunkler zu sein als alles andere.
»GRATULIERE, GOLDBACH!« SAGTE Steiner. »Sie waren heute zum erstenmal gut! Ohne jeden Fehler, ruhig und überlegen. Erstklassig, wie Sie mir den Tip gegeben haben mit dem Streichholz im Busenhalter! Das war wirklich schwer.«
Goldbach sah ihn dankbar an. »Ich weiß selbst nicht, wie es gekommen ist. Plötzlich, wie eine Erleuchtung, von gestern auf heute. Passen Sie auf, ich werde noch ein gutes Medium. Morgen werde ich anfangen, mir andere Tricks auszudenken.«
Steiner lachte. »Kommen Sie, trinken wir einen Schnaps auf das freudige Ereignis.«
Er holte eine Flasche Marillengeist und schenkte ein. »Prosit, Goldbach!«
»Prosit!«
Goldbach verschluckte sich und stellte das Glas nieder. »Entschuldigen Sie«, sagte er. »Ich bin das nicht mehr gewohnt. Wenn Sie nichts dagegen haben, möchte ich jetzt gern gehen.«
»Aber natürlich! Wir sind ja fertig hier. Wollen Sie nicht wenigstens Ihr Glas noch austrinken?«
»Ja, gern.« Goldbach trank gehorsam.
Steiner gab ihm die Hand. »Und üben Sie nicht zu viele Tricks. Sonst finde ich vor lauter Raffinement nichts mehr.«
»Nein. Nein.«
Goldbach ging rasch die Allee hinunter zur Stadt. Er fühlte sich leicht, als wäre eine schwere Last von ihm abgefallen. Aber es war eine Leichtigkeit ohne Freude… als wären seine Knochen voll Luft und sein Wille aus Gas, nicht mehr lenkbar und jedem Winde preisgegeben.
»Ist meine Frau da?« fragte er das Mädchen an der Tür der Pension.
»Nein.« Das Mädchen fing an zu lachen.
»Weshalb lachen Sie denn?« fragte Goldbach befremdet.
»Warum soll ich nicht lachen? Ist es verboten zu lachen?«
Goldbach sah sie abwesend an. »So meine ich das nicht«, murmelte er. »Lachen Sie nur.«
Er ging den schmalen Korridor entlang in sein Zimmer und horchte nach nebenan. Er hörte nichts. Sorgfältig bürstete er seine Haare und seinen Anzug; dann klopfte er an die Verbindungstür, obschon das Mädchen gesagt hatte, seine Frau sei nicht da. Vielleicht ist sie inzwischen gekommen, dachte er. Vielleicht hat das Mädchen sie nicht gesehen. Er klopfte noch einmal. Niemand antwortete. Er drückte vorsichtig die Klinke herunter und trat ein. Das Licht am Spiegel brannte. Er starrte auf das Licht wie ein Schiffer auf einen Leuchtturm. Sie wird gleich wiederkommen, dachte er. Sonst würde das Licht nicht brennen.
Er wußte schon, irgendwo in seinen luftleichten Knochen, in dem grauen Aschengewirr seiner Adern, daß sie nicht wiederkommen würde. Er wußte es unterhalb seiner Gedanken, aber sein Kopf hielt mit dem Eigensinn der Angst wie an einem Balken, der ihn vor der Flut retten könne, an den sinnlosen Worten fest: Sie muß wiederkommen… sonst würde das Licht nicht brennen…
Dann entdeckte er die Leere des Zimmers. Die Bürsten und die Cremetöpfe vor dem Spiegel fehlten; eine Tür des Schrankes stand halb offen, und der rosa- und pastellfarbene Fleck der Kleider fehlte in der Öffnung; sie gähnte schwarz und verlassen. Nur der Geruch im Zimmer war noch da, ein Hauch Leben, aber auch schon dünner… Erinnerung und lauernder Schmerz. Dann fand er den Brief und wunderte sich stumpf, daß er ihn so lange nicht gesehen hatte – er lag mitten auf dem Tisch.
Es dauerte lange, ehe er ihn öffnete. Er wußte ohnehin alles – wozu ihn noch öffnen? Schließlich riß er ihn mit einer vergessenen Haarnadel, die neben ihm auf einem Sessel gelegen hatte, auf. Er las ihn, doch die Worte drangen nicht mehr durch die Eisschicht seines Gehirns; sie blieben tot, Worte aus einer Zeitung, einem Buch, zufällige Worte, die ihn nichts angingen. Die Haarnadel in seiner Hand war lebendiger.
Er saß ruhig da und wartete auf den Schmerz und wunderte sich, daß er nicht kam. Es war nur ein taubes Gefühl, eine ungeheure Dämpfung, wie der angstvolle Augenblick vor dem Einschlafen, wenn er eine zu große Dosis Brom genommen hatte.
Er saß lange Zeit so. Er sah seine Hände an – sie lagen wie weiße, tote Tiere auf seinen Knien; blasse, empfindungslose Kraken mit fünf schlaffen Tentakeln. Sie gehörten nicht zu ihm. Er gehörte überhaupt nicht zu sich selbst, er war der Körper eines andern, dessen Augen nach innen gerichtet waren und eine Lähmung anstarrten, die nur manchmal in sich erzitterte.
Schließlich stand er auf und ging in sein Zimmer zurück. Er sah die Krawatten auf dem Tisch liegen. Mechanisch suchte er eine Schere heraus und begann die Binder zu zerschneiden, sorgfältig, Streifen um Streifen. Er ließ die abgeschnittenen Stücke nicht auf den Boden fallen, sondern sammelte sie pedantisch in der hohlen Hand und schichtete sie auf dem Tisch zu einem bunten Häufchen. Mitten in dieser automatischen Tätigkeit überraschte er sich dabei, was er tat; er legte die Schere beiseite und hörte auf. Gleich darauf hatte er vergessen, was er getan hatte. Er ging mit steifen Schritten durch das Zimmer und setzte sich in eine Ecke. Dort blieb er hocken und rieb sich die Hände, immer wieder, mit einer sonderbar müden, greisen Bewegung, als fröre er und hätte nicht mehr die Kraft, sich wirklich zu wärmen.
14
Kern warf die letzten Streichhölzer in die Luft. Da legte sich eine Hand auf seine Schulter. »Was machen Sie denn da?«