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Liebe Deinen Nächsten

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Liebe Deinen Nächsten
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»Ich dachte schon, ich müßte allein sein«, sagte Vogt. »Und nun sind Sie hier. Wie schön der Abend ist! Dieses klare herbstliche Licht.«

Sie saßen lange schweigend auf der halb erleuchteten Terrasse. Ein paar späte Nachtschmetterlinge stießen mit ihren schweren Leibern beharrlich gegen das heiße Glas der elektrischen Glühbirne. Vogt lehnte etwas abwesend und sehr friedlich in seinem Stuhl, mit schmalem Gesicht und klaren Augen, und es erschien den beiden andern plötzlich, als nähme da ein Mensch aus einem versunkenen Jahrhundert gelassen und gefaßt Abschied von seinem Leben und der Welt.

»Heiterkeit«, sagte Vogt nachdenklich, als spräche er zu sich selbst. »Heiterkeit, die gelassene Tochter der Toleranz… sie ist unserer Zeit verlorengegangen. Es gehört zu vieles dazu – Wissen, Überlegenheit, Bescheidenheit und die ruhige Resignation vor dem Unmöglichen. Das alles ist geflohen vor dem wilden Kasernenidealismus, der heute unduldsam die Welt verbessern will. Weltverbesserer waren immer Weltverschlechterer – und Diktatoren sind nie heiter.«

»Die, denen sie diktieren, auch nicht«, sagte Kern.

Vogt nickte und trank langsam einen Schluck des hellen Weines. Dann zeigte er auf den See, der im Licht des halben Mondes silbern glänzte und den die Berge umrahmten wie die Wände einer kostbaren Schale. »Denen kann man nicht diktieren«, sagte er. »Den Schmetterlingen auch nicht und dem Laub der Bäume. Und denen auch nicht…« Er wies auf ein paar zerlesene Bücher. »Hölderlin und Nietzsche. Der eine hat die reinsten Hymnen auf das Leben geschrieben… der andere erträumte die göttlichen Tänze dionysischer Heiterkeit – und beide endeten im Wahnsinn… als wenn die Natur irgendwo eine Grenze gesetzt hätte.«

»Diktatoren werden nicht wahnsinnig«, sagte Kern.

»Natürlich nicht.« Vogt stand auf und lächelte. »Aber auch nicht vernünftig.«

»Wollen Sie wirklich morgen zur Polizei?« fragte Kern.

»Ja, ich will. Leben Sie wohl und Dank dafür, daß Sie mir helfen wollten. Ich gehe noch eine Stunde zum See hinunter.«

Er ging langsam die Straße entlang. Sie war leer, und man hörte seine Schritte noch eine Weile, nachdem er nicht mehr zu sehen war.

Kern sah Ruth an. Sie lächelte ihm zu. »Hast du Angst?« fragte er.

Sie schüttelte den Kopf.

»Mit uns ist das anders«, sagte er. »Wir sind jung. Wir kommen durch.«

ZWEI TAGE SPÄTER tauchte Binder aus Zürich auf; kühl, elegant und sicher.

»Wie geht’s?« fragte er. »Hat alles geklappt?«

Kern berichtete sein Erlebnis mit dem Kommerzienrat Oppenheim. Binder hörte aufmerksam zu. Er lachte, als Kern ihm erzählte, er hätte Oppenheim gebeten, sich für ihn zu verwenden. »Das war Ihr Fehler«, sagte er. »Der Mann ist die feigste Kröte, die ich kenne. Aber ich werde einmal eine Strafexpedition gegen ihn unternehmen.«

Er verschwand und kam abends wieder, einen Zwanzigfrankenschein in der Hand.

»Alle Achtung«, sagte Kern.

Binder schüttelte sich. »Es war nicht schön, das können Sie mir glauben. Der nationale Herr Oppenheim, der alles versteht, seiner Millionen wegen. Geld macht verdammt charakterlos, was?«

»Kein Geld auch.«

»Stimmt, aber seltener. Ich habe ihn gründlich erschreckt mit wilden Nachrichten aus Deutschland. Er gibt nur aus Angst. Um sich vom Schicksal loszukaufen. Steht das nicht in der Liste?«

»Nein. Da steht: Gibt, aber nur auf Druck.«

»Das ist dasselbe. Na, vielleicht treffen wir den Kommerzienrat noch einmal als Kollegen auf der Landstraße wieder. Das würde mich für vieles entschädigen.

Kern lachte. »Der findet schon ’raus. Aber weshalb sind Sie in Luzern?«

»Es wurde etwas zu heiß in Zürich. Ein Detektiv war hinter mir her. Und dann…« sein Gesicht verschattete sich,»komme ich von Zeit zu Zeit her, um Briefe aus Deutschland abzuholen.«

»Von Ihren Eltern?«

»Von meiner Mutter.«

Kern schwieg. Er dachte an seine Mutter. Er hatte ihr ab und zu geschrieben. Aber er konnte keine Antwort bekommen, weil seine Adresse ständig wechselte.

»Essen Sie gern Kuchen?« fragte Binder nach einer Weile.

»Ja, natürlich. Haben Sie welchen?«

»Ja. Warten Sie einen Augenblick.«

Er kam mit einem Paket zurück. Es war ein Pappkarton, in dem, sorgfältig in Seidenpapier gewickelt, eine kleine Sandtorte lag.

»Heute vom Zoll gekommen«, sagte Binder. »Die Leute hier haben sie abgeholt.«

»Aber die essen Sie doch selber«, sagte Kern. »Ihre Mutter hat sie selbst gebacken, das sieht man sofort!«

»Ja, sie hat sie selbst gebacken. Deshalb will ich sie ja nicht essen. Ich kann es nicht. Nicht ein Stück!«

»Das verstehe ich nicht. Mein Gott, wenn ich von meiner Mutter einen Kuchen bekäme! Einen Monat würde ich daran essen! Jeden Abend ein kleines Stück.«

»Aber verstehen Sie doch!« sagte Binder mit unterdrückter, heftiger Stimme. »Sie hat ihn nicht für mich geschickt! Er ist für meinen Bruder.«

Kern starrte ihn an. »Sie haben doch gesagt, Ihr Bruder sei tot.«

»Ja, natürlich. Aber sie weiß es noch nicht.«»Sie weiß es nicht?«

»Nein. Ich kann es ihr nicht schreiben. Ich kann es einfach nicht. Sie stirbt, wenn sie es erfährt. Er war ihr Liebling. Mich mochte sie nie besonders. Er war auch besser als ich. Deshalb hat er auch nicht ausgehalten. Ich komme durch! Natürlich! Sie sehen es ja!« Er schleuderte das Geld Oppenheims auf den Fußboden.

Kern hob den Schein auf und legte ihn wieder auf den Tisch, Binder setzte sich auf einen Stuhl und zündete sich eine Zigarette an. Dann zog er einen Brief aus der Tasche. »Hier… das ist ihr letzter Brief. Er lag dabei. Wenn Sie das lesen, werden Sie verstehen, daß es einem an die Knochen geht.«

Es war ein Brief auf blaßblauem Papier, mit einer weichen, schrägen Handschrift, wie von einem jungen Mädchen geschrieben. »Mein innigstgeliebter Leopold. Deinen Brief habe ich gestern erhalten, und ich habe mich so darüber gefreut, daß ich mich erst einmal hinsetzen mußte und abwarten, bis ich ruhiger wurde. Dann habe ich ihn aufgemacht und angefangen zu lesen. Mein Herz ist nicht mehr so gut durch alle die Aufregungen, das kannst Du Dir sicher wohl denken. Wie froh bin ich, daß Du nun endlich Arbeit gefunden hast! Wenn Du auch nicht viel verdienst, mach Dir nichts daraus; wenn Du fleißig bist, wird es schon vorwärtsgehen. Dann kannst Du später auch wohl wieder studieren. Lieber Leopold, achte doch auf Georg. Er ist so schnell und unbedacht! Aber solange Du da bist, bin ich ruhig. Ich habe Dir heute morgen einen Kuchen gebacken von der Sandtorte, die Du immer so gerne gegessen hast. Ich schicke ihn Dir, hoffentlich kommt er nicht zu trocken an. Obwohl, Sandtorte darf ja ruhig etwas trocken sein, deshalb habe ich.Dir die gebacken, sonst hätte ich Dir einen Frankfurter Kranz geschickt, den magst Du ja am liebsten. Aber der verdirbt sicher unterwegs. Lieber Leopold, schreib mir bald wieder, wenn Du Zeit hast. Ich bin immer so unruhig. Hast Du nicht ein Bild von Dir? Hoffentlich sind wir bald alle wieder zusammen. Vergiß mich nicht. Deine Dich liebende Mutter. Grüße Georg.«

Kern legte den Brief auf den Tisch. Er gab ihn Binder nicht in die Hand; er legte ihn neben ihm auf den Tisch.

»Ein Bild«, sagte Binder. »Wo soll ich denn ein Bild herkriegen?«

»Hat sie den letzten Brief Ihres Bruders erst jetzt bekommen?«

Binder schüttelte den Kopf. »Er hat sich vor einem Jahr erschossen. Seitdem schreibe ich ihr. Alle paar Wochen. In der Handschrift meines Bruders. Ich habe gelernt, sie nachzumachen. Sie darf nichts wissen. Es ist unmöglich. Finden Sie nicht auch, daß sie nichts wissen darf?« Er sah Kern drängend an. »Sagen Sie doch, was Sie meinen!«

»Ja. Ich glaube, es ist besser so.«

»Sie ist sechzig. Sechzig, und ihr Herz ist kaputt. Sie lebt nicht mehr lange. Ich werde es wohl schaffen, daß sie es nicht erfährt. Daß er es selbst getan hat, verstehen Sie, das könnte sie nie begreifen.«

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