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Wer die Wahrheit sucht

Электронная книга - «Wer die Wahrheit sucht». Краткое содержание книги:

An einem frühen Dezembermorgen wird Guy Brouard — Millionär, Mäzen und Frauenheld — ermordet an einem Strand der englischen Kanalinsel Guernsey aufgefunden. Verdächtige und Motive gibt es mehr als genug. Nur die junge Amerikanerin China River hat keines. Doch alle Indizien weisen ausgerechnet auf sie. China hatte ihren Bruder aus Kalifornien nach Guernsey begleitet, um Guy Brouard die Architekturpläne für ein von ihm gestiftetes Museum zum Gedenken an die deutsche Besatzung der Insel im Zweiten Weltkrieg zu übergeben. Eine andere Verbindung existiert augenscheinlich nicht.
Simon St. James, engster Vertrauter von Chief Inspector Thomas Lynley, reist mit seiner Frau Deborah auf die winterliche Kanalinsel, um die Unschuld von China, einer alten Freundin Deborahs, nachzuweisen. Doch je tiefer sie in die verschworene Inselgemeinschaft eintauchen, desto mehr Personen entdecken sie, die dem wohltätigen Mitbürger Guy Brouard alles andere als freundschaftliche Gefühle entgegenbringen — und die auf irgendeine Weise in den Mord verstrickt sind: seine Exfrau, sein Sohn, seine Geliebte, seine Schwester, seine jugendlichen Schützlinge, der tragisch ausgebootete einheimische Architekt. Liegen die Motive in Brouards undurchsichtiger Vergangenheit? Oder reichen sie zurück bis in Guernseys wechselvolle Geschichte?
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«Aber Guy hatte sich entschieden«, widersprach Frank.»Es wäre eine Missachtung seines Andenkens, sich nicht an seine Entscheidung zu halten, Nobby. Nein, sagen Sie jetzt nichts. Hören Sie mir einen Moment zu. Ich verstehe, dass Sie enttäuscht sind. Ich weiß, Guys Wahl sagt Ihnen nicht zu. Aber die Entscheidung lag bei Guy, und wir müssen mit ihr leben.«

«Guy ist tot. «Debiere unterstrich jede Silbe mit einem Faustschlag in seine offene Hand.»Ganz gleich, welche Architektur für den Bau er gewählt hat, wir können jetzt das Museum so erbauen, wie wir es für richtig halten. Und wie es am zweckmäßigsten ist. Das ist Ihr Projekt, Frank. War es von Anfang an. Sie besitzen die Ausstellungsstücke. Guy wollte Ihnen lediglich ein Haus für sie geben.«

Er war seiner absonderlichen Erscheinung und Sprache zum Trotz sehr überzeugend. Unter anderen Umständen hätte Frank sich vielleicht zu seiner Auffassung bekehren lassen. Doch in der gegebenen Situation musste er fest bleiben. Sonst würde es einen Skandal geben.

«Ich kann Ihnen nicht helfen, Nobby«, sagte er.»Es tut mir Leid.«

«Aber Sie könnten mit Ruth reden. Auf Sie hört sie.«

«Das kann sein, aber ich wüsste ehrlich gesagt nicht, was ich sagen sollte.«

«Ich würde Sie instruieren. Ich würde Ihnen vorher erläutern, was Sie sagen müssen.«

«Wenn Sie das so genau wissen, dann sprechen Sie selbst mit ihr.«

«Aber auf mich hört sie doch nicht. Jedenfalls lang nicht so wie auf Sie.«

Frank breitete die Hände aus.»Es tut mir Leid, Nobby. Wirklich. Was kann ich noch sagen?«

Nobby, dem das letzte Fell weggeschwommen war, sah niedergeschlagen aus.»Sie könnten sagen: Es tut mir leid, Nobby, ich werde etwas tun, um die Dinge zu ändern. Aber das ist Ihnen wahrscheinlich zu viel, Frank.«

Tatsächlich war es zu wenig, dachte Frank. Eben weil sich die Situation geändert hatte, standen sie da, wo sie in diesem Moment standen.

St. James bemerkte, wie die beiden Männer sich aus der Prozession zur Begräbnisstätte lösten. Er sah, wie intensiv sie miteinander sprachen, und nahm sich vor, herauszufinden, wer sie waren. Zunächst aber folgte er den übrigen Trauergästen auf ihrem Weg.

Deborah ging neben ihm. Ihre Schweigsamkeit den ganzen Morgen über sagte ihm, dass das Gespräch, das sie beim Frühstück geführt hatten, sie immer noch belastete. Es war eine jener sinnlosen Auseinandersetzungen gewesen, bei der nur einer der Streitenden versteht, worum es eigentlich geht. Und der war unglücklicherweise nicht er gewesen. Er hatte lediglich bei Deborah angefragt, ob sie es für vernünftig halte, sich zum Frühstück nur gegrillte Tomaten und Champignons zu bestellen, woraufhin sie mit einer Rekapitulation ihrer gesamten gemeinsamen Geschichte antwortete. Das zumindest hatte er am Ende gefolgert, nachdem Deborah ihm vorgeworfen hatte, sie ständig zu» gängeln, als wäre ich unfähig, auch nur einen eigenen Entschluss zu fassen. Ich habe genug davon. Ich bin ein erwachsener Mensch und wäre dir dankbar, wenn du endlich mal anfingst, mich entsprechend zu behandeln.«

Er hatte erstaunt die Augen aufgerissen, dann den Blick auf die Speisekarte gesenkt und sich gefragt, wie es von einem Gespräch über Proteine zu Anklagen wegen herzloser Bevormundung gekommen war.»Wovon redest du, Deborah?«, hatte er törichterweise gefragt, und diese Frage, die zeigte, dass er ihrer Logik nicht hatte folgen können, hatte direkt ins Desaster geführt.

Ein Desaster war es allerdings nur in seinen Augen gewesen. In ihren war es ganz eindeutig ein Moment gewesen, in dem endlich lang vermutete, aber unaussprechliche Wahrheiten über ihre Ehe zutage kamen. Er hatte gehofft, sie würde ihm die eine oder andere Wahrheit auf der Fahrt zur Trauerfeier und danach zur Beerdigung offenbaren, aber das hatte sie nicht getan. So vertraute er nun darauf, dass sich mit dem Verstreichen einiger Stunden die Dinge zwischen ihnen von selbst regeln würden.

«Das muss der Sohn sein«, murmelte ihm Deborah zu. Sie standen hinten in der Trauergemeinde an einem Hang, der sanft zu einer Mauer emporstieg. Innerhalb dieser Mauer und vom Rest des Geländes getrennt, war ein Garten. Wege schlängelten sich zwischen gepflegten Büschen und Blumenbeeten unter Bäumen hindurch, die, jetzt kahl, mit Bedacht so gepflanzt waren, dass sie steinernen Sitzbänken und kleinen Teichen Schatten spendeten. Überall waren moderne Skulpturen zu sehen: eine Granitfigur in zusammengekauerter Haltung; eine Elfe in Kupfer, von Grünspan überzogen, unter den Blättern einer Palme; drei Bronzemädchen mit Schleppen aus Seetang; eine marmorne Nymphe, die eben einem Teich entstieg. Eine erhöhte Terrasse mit einer einsamen Bank unter einer überwachsenen Pergola an ihrem hinteren Ende überblickte die Anlage. Auf dieser Terrasse, zu der fünf Stufen hinaufführten, war das Grab ausgehoben worden, vielleicht damit künftige Generationen, wenn sie den Garten betrachteten, gleichzeitig die letzte Ruhestätte des Mannes vor Augen hatten, der ihn geschaffen hatte.

St. James sah, dass der Sarg schon in die Grube hinuntergelassen worden war, die letzten Gebete waren gesprochen. Eine blonde Frau, die eine Sonnenbrille trug, als befände sie sich bei einer Beerdigung in Hollywood, trieb jetzt den Mann an ihrer Seite an, vorzutreten. Als sie mit Worten nichts erreichte, versetzte sie ihm einen kleinen Stoß in Richtung zum Grab. In dem Erdhaufen daneben wartete eine mit schwarzen Bändern geschmückte Schaufel.

St. James stimmte Deborah zu: Das musste der Sohn sein, Adrian Brouard, der Einzige, der, neben Ruth Brouard und den Geschwistern River, am Vorabend der Ermordung seines Vaters im Haus gewohnt hatte.

Brouard verzog gereizt den Mund. Er wehrte seine Mutter ab und näherte sich dem Erdhaufen. Vom ehrfürchtigen Schweigen der Menge begleitet, nahm er eine Schaufel voll Erde und kippte sie auf den Sarg hinunter. Der dumpfe Aufprall, als die Erde das Holz traf, klang wie das Echo einer zufallenden Tür.

Adrian Brouard folgte eine Frau, die etwas Vogelähnliches hatte und so schmächtig war, dass man sie von hinten leicht für einen pu- bertären Knaben hätte halten können. Sie reichte die Schaufel feierlich an Adrian Brouards Mutter weiter, der, nachdem sie ihre Pflicht getan hatte, die Schaufel von einer dritten Frau aus der Hand gerissen wurde, noch ehe sie diese wieder in den Erdhaufen stoßen konnte.

Rund um das Grab erhob sich Gemurmel, und St. James sah sich die Frau genauer an. Unter dem riesigen schwarzen Hut, den sie trug, war von ihrem Gesicht kaum etwas zu erkennen, aber es war immerhin zu sehen, dass sie eine tolle Figur hatte, die sie mit einem engen anthrazitgrauen Kostüm zusätzlich zur Geltung brachte. Nachdem auch sie ihr Häufchen Erde in die Grube geworfen hatte, übergab sie die Schaufel einem linkischen jungen Mädchen mit hängenden Schultern. Sie erwies dem Toten ihre Reverenz und wollte die Schaufel dann einem Jungen reichen, der etwa in ihrem Alter und seinem Aussehen nach vermutlich ihr Bruder war. Doch anstatt nun seinerseits dem Ritual Genüge zu tun, wandte sich der Junge plötzlich mit einer heftigen Bewegung ab und drängte sich zwischen den Trauergästen hindurch.

Neuerliches Gemurmel erhob sich.

«Was hat das denn zu bedeuten?«, fragte Deborah leise.

«Tja, das sollte man sich auf jeden Fall näher ansehen«, antwortete St. James. Er erkannte die Gelegenheit, die sich ihm durch das Verhalten des Jungen bot.»Meinst du, du kannst ihm mal auf den Zahn fühlen, Deborah? Oder möchtest du lieber zu China zurück?«

Er hatte Deborahs Freundin noch immer nicht kennen gelernt und war nicht sicher, ob er sie überhaupt kennen lernen wollte, wenn er auch den Grund für sein Widerstreben nicht zu fassen bekam. Aber er wusste, dass ein Zusammentreffen unvermeidlich war, und redete sich deshalb ein, er wolle ihr etwas Positives mitteilen können, wenn es so weit war. Bis dahin jedoch sollte Deborah jederzeit die Freiheit haben, ihre Freundin zu besuchen. Sie hatte das heute noch nicht getan, und die beiden Amerikaner fragten sich vermutlich, was ihre Londoner Freunde inzwischen erreicht hatten.

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