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Wer die Wahrheit sucht

Электронная книга - «Wer die Wahrheit sucht». Краткое содержание книги:

An einem frühen Dezembermorgen wird Guy Brouard — Millionär, Mäzen und Frauenheld — ermordet an einem Strand der englischen Kanalinsel Guernsey aufgefunden. Verdächtige und Motive gibt es mehr als genug. Nur die junge Amerikanerin China River hat keines. Doch alle Indizien weisen ausgerechnet auf sie. China hatte ihren Bruder aus Kalifornien nach Guernsey begleitet, um Guy Brouard die Architekturpläne für ein von ihm gestiftetes Museum zum Gedenken an die deutsche Besatzung der Insel im Zweiten Weltkrieg zu übergeben. Eine andere Verbindung existiert augenscheinlich nicht.
Simon St. James, engster Vertrauter von Chief Inspector Thomas Lynley, reist mit seiner Frau Deborah auf die winterliche Kanalinsel, um die Unschuld von China, einer alten Freundin Deborahs, nachzuweisen. Doch je tiefer sie in die verschworene Inselgemeinschaft eintauchen, desto mehr Personen entdecken sie, die dem wohltätigen Mitbürger Guy Brouard alles andere als freundschaftliche Gefühle entgegenbringen — und die auf irgendeine Weise in den Mord verstrickt sind: seine Exfrau, sein Sohn, seine Geliebte, seine Schwester, seine jugendlichen Schützlinge, der tragisch ausgebootete einheimische Architekt. Liegen die Motive in Brouards undurchsichtiger Vergangenheit? Oder reichen sie zurück bis in Guernseys wechselvolle Geschichte?
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«Dich als Sündenbock zu benutzen«, sagte Deborah.

«Das ist die einzige Erklärung, die mir einfällt.«

«Das würde heißen, dass alles, was geschehen ist, geplant war. Sogar dass man einen Amerikaner hier herüberlotst, um ihm den schwarzen Peter zuzuschieben.«

«Zwei Amerikaner«, verbesserte China.»Zur Sicherheit: Wenn der eine als Verdächtiger nicht überzeugend sein sollte, ist immer noch der andere da. Und wir beide sind prompt in die Falle reingestolpert. Zwei doofe Kalifornier, die noch nie in Europa waren — es ist klar, dass diese Leute genau so jemanden gesucht haben. Zwei naive Trottel, die keine Ahnung haben würden, was sie tun sollten, wenn sie hier Probleme bekämen. Und der Abschuss ist, dass ich gar nicht mitkommen wollte. Ich wusste gleich, dass die Sache stinkt. Aber ich hab's mein Leben lang nicht fertig gebracht, meinem Bruder eine Bitte abzuschlagen.«

«Er ist todunglücklich, dass alles so gekommen ist.«

«Er ist immer todunglücklich«, erwiderte China.»Dann fühle ich mich schuldig. Du musst ihm eine Chance geben, sage ich mir. Du weißt, er würde das Gleiche für dich tun.«

«Er dachte wohl, er würde dir mit der Reise was Gutes tun. Wegen Matt. Damit du ein bisschen Abstand bekommst. Er hat es mir übrigens erzählt. Das mit euch beiden. Von der Trennung. Das tut mir wirklich Leid. Ich hatte Matt immer gern.«

China drehte ihren Becher in der Hand. Sie starrte ihn so intensiv und so lange an, dass Deborah schon glaubte, sie wolle mit ihr nicht über ihre langjährige Beziehung zu Matt Whitecomb sprechen. Aber gerade als Deborah das Thema wechseln wollte, begann China zu erzählen.

«Am Anfang war es hart. Man wartet keine dreizehn Jahre darauf, dass ein Mann sich für einen entscheidet. Das ist viel zu lang. Ich glaube, irgendwie hab ich immer gewusst, dass es mit uns nichts werden würde. Aber ich hab eben so lang gebraucht, um den Mut zu finden, Schluss zu machen. Ich hatte Angst vor dem Alleinsein. Was mache ich ganz allein an Silvester? Wer schickt mir am Valentinstag Blumen? Wie verbringe ich den vierten Juli? Man muss sich mal vorstellen, wie viele Beziehungen wahrscheinlich nur aufrechterhalten werden, damit die Leute die Feiertage nicht allein verbringen müssen. «China schob den Teller mit ihrem Stück Guernsey Gache mit einem kleinen Schauder von sich weg.»Ich kann das nicht essen. Tut mir Leid. «Dann sagte sie:»Tja, jetzt muss ich mich um Wichtigeres sorgen als Matt Whitecomb. Warum ich jahrelang versucht habe, aus einer tollen sexuellen Beziehung eine Ehe samt Häuschen mit Garten und niedlicher Kinderschar rauszukitzeln, darüber kann ich nachdenken, wenn ich alt bin. Jetzt muss ich erst mal — Es ist schon komisch, wie das manchmal läuft. Wenn ich nicht hier säße und Angst haben müsste, ins Gefängnis zu wandern, würde ich jetzt vielleicht darüber grübeln, warum ich so lange gebraucht habe, um zu erkennen, wie Matt wirklich ist.«

«Wie denn?«

«Er ist ein riesiger Feigling. Ich hatte es dauernd vor der Nase, aber ich wollte es nicht sehen. Nur ein Ton davon, dass vielleicht was Dauerhafteres als immer nur Wochenenden und Kurzurlaube ganz schön wäre, und schon war er weg. Eine unerwartete Geschäftsreise. Ein Haufen Arbeit zu Hause. Bedenkzeit. Wir haben uns in den dreizehn Jahren so oft getrennt, dass die Beziehung anfing, so was wie ein wiederkehrender Albtraum zu werden. In dieser Beziehung ging's allmählich nur noch um die Beziehung, verstehst du? Stundenlang wurde darüber geredet, warum wir Schwierigkeiten haben, warum ich das eine will und er das andere, warum er abhaut und ich klammere, warum er das Gefühl hat, zu ersticken, und ich mir verlassen vorkomme. Wieso, zum Teufel, haben Männer solche Angst davor, sich einzulassen?«China ergriff ihren Löffel und rührte ihren Tee um. Sie sah Deborah an.»Du bist wahrscheinlich nicht die Richtige für diese Frage. Du hast ja in dieser Hinsicht nie Probleme gehabt.«

Deborah kam nicht dazu, ihr die Tatsachen ins Gedächtnis zu rufen, dass sie während ihres dreijährigen Aufenthalts in Amerika von Simon völlig getrennt gewesen war. Ein Klopfen an der Wohnungstür hinderte sie daran. Mit einem Matchsack über der Schulter kam Cherokee herein.

Er stellte den Sack ab und sagte:»Ich bin raus aus dem Hotel, Chine. Ich lass dich doch hier nicht allein.«»Es ist aber nur ein Bett da.«

«Dann schlaf ich auf dem Boden. Du brauchst Familie um dich, und die bin ich.«

Keine Widerrede, sagte sein Ton.

China seufzte. Sie sah nicht erfreut aus.

Die Kanzlei von China Rivers Anwalt befand sich in der New Street, nicht weit vom Royal Court House, dem Justizgebäude, entfernt. Chief Inspector Le Gallez hatte den Anwalt angerufen, um ihm den Besuch von St. James anzukündigen, und dieser musste keine fünf Minuten warten, als ihn die Sekretärin in das Büro ihres Chefs führte.

Roger Holberry wies einladend zu einem der drei Sessel, die sich um einen kleinen Tisch gruppierten, und nachdem die beiden Männer sich gesetzt hatten, teilte St. James dem Anwalt die Fakten mit, die er von Le Gallez erhalten hatte. Er wusste, dass Holberry bereits im Besitz dieser Fakten war, doch um festzustellen, ob Le Gallez ihm vielleicht dies oder jenes unterschlagen hatte, mussten sie ihre Informationen vergleichen. Nur so ließen sich eventuelle Lücken finden und schließen.

Holberry schien nichts gegen eine Zusammenarbeit einzuwenden zu haben. Le Gallez, sagte er, habe ihn bei seinem Anruf über St. James informiert. Der Chief Inspector war nicht glücklich darüber, dass die Verteidigung offenbar Verstärkung bekommen hatte, aber er war ein ehrlicher Mensch und hatte nicht die Absicht, sie bei ihren Bemühungen, China Rivers Unschuld zu beweisen, zu behindern.»Er hat keinen Zweifel daran gelassen, dass Sie seiner Ansicht nach nicht viel werden ausrichten können«, sagte Holberry.»Er ist davon überzeugt, dass seine Beweiskette lückenlos ist.«

«Was für Befunde bezüglich der Leiche haben Sie von der Gerichtsmedizin?«

«Bisher nur das, was die äußere Untersuchung ergeben hat. Unter anderem Ablagerungen unter den Fingernägeln.«

«Keine toxikologischen Befunde? Gewebeanalyse? Organuntersuchungen?«

«Dafür ist es noch zu früh. Die Proben müssen alle nach Großbritannien geschickt werden, und da landen sie erst mal in der Warteschleife. Wie der Tod herbeigeführt wurde, steht allerdings eindeutig fest. Das hat Le Gallez Ihnen sicher gesagt.«

«Ja, durch den Stein. «St. James berichtete dem Anwalt, dass er Le Gallez darauf hingewiesen hatte, wie unwahrscheinlich die Vermutung war, eine Frau könnte einem erwachsenen Mann einen Stein so tief in die Kehle stoßen, dass er daran erstickte.»Und wenn keine Spuren eines Handgemenges festgestellt wurden. Was haben denn die Ablagerungen unter den Fingernägeln ergeben?«

«Nichts, außer ein paar Sandkörnchen.«

«Und am Körper des Toten, was hat man da gefunden? Blutergüsse, Hautabschürfungen oder sonst etwas in dieser Richtung?«

«Wieder nichts«, antwortete Holberry.»Le Gallez weiß, dass er praktisch nichts in der Hand hat. Er verlässt sich vollkommen auf seine Zeugin. Brouards Schwester hat etwas gesehen. Was, das weiß der Himmel. Le Gallez hat es uns bisher nicht verraten.«

«Könnte sie selbst es getan haben?«

«Möglich. Aber unwahrscheinlich. Die Leute, die die beiden kennen, sagen übereinstimmend, dass sie sehr an ihrem Bruder gehangen hat. Sie haben fast ihr ganzes Leben lang zusammengelebt. Sie hat sogar für ihn gearbeitet, als er sein Unternehmen aufbaute.«

«Was ist das für ein Unternehmen?«

«Chateaux Brouard«, sagte Holberry.»Sie haben einen Haufen Geld gemacht und sich in Guernsey niedergelassen, als er sich vom Geschäft zurückzog.«

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