Wer die Wahrheit sucht
- Автор: Джордж Элизабет
- Серия: Inspector Lynley (de) #12
- Год: 2004
- Язык: немецкий
- Год: Blanvalet
- ISBN: 3-7645-0099-9
- Переводчик: Mechtild Sandberg-Ciletti
- Жанр: Полицейские детективы
Электронная книга - «Wer die Wahrheit sucht». Краткое содержание книги:
Simon St. James, engster Vertrauter von Chief Inspector Thomas Lynley, reist mit seiner Frau Deborah auf die winterliche Kanalinsel, um die Unschuld von China, einer alten Freundin Deborahs, nachzuweisen. Doch je tiefer sie in die verschworene Inselgemeinschaft eintauchen, desto mehr Personen entdecken sie, die dem wohltätigen Mitbürger Guy Brouard alles andere als freundschaftliche Gefühle entgegenbringen — und die auf irgendeine Weise in den Mord verstrickt sind: seine Exfrau, sein Sohn, seine Geliebte, seine Schwester, seine jugendlichen Schützlinge, der tragisch ausgebootete einheimische Architekt. Liegen die Motive in Brouards undurchsichtiger Vergangenheit? Oder reichen sie zurück bis in Guernseys wechselvolle Geschichte?
Der Junge wusste nicht, dass sie hinter ihm war. Er schien kein festes Ziel zu haben. Nachdem er die Schar der Trauergäste im Skulpturengarten hinter sich gelassen hatte, hielt er auf ein Oval aus frischem grünem Rasen zu, das jenseits eines eleganten Wintergartens am einen Ende des Hauses lag. Am Rand der Rasenfläche sprang er zwischen zwei Rhododendren hindurch und hob vom Boden den dünnen Ast einer Kastanie auf, die in der Nähe einer Gruppe von drei Stallgebäuden stand. Vor dieser Gebäudegruppe bog er plötzlich nach Osten ab. Zwischen Bäumen hindurch konnte Deborah in der Ferne eine Steinmauer erkennen, hinter der sich Wiesen und Felder ausbreiteten. Doch anstatt diesen Weg weiterzuverfolgen — den sichersten, um die Beerdigung und alles, was dazu gehörte, hinter sich zu lassen — , folgte er der gekiesten Straße, die zum Haus zurückführte. Beim Gehen schlug er mit seinem Ast wie mit einer Gerte gegen das üppige Buschwerk an der Auffahrt, die eine Reihe peinlich gepflegter Gärten östlich vom Haus begrenzte. Er betrat keinen dieser Gärten, sondern schlug sich durch die Bäume jenseits des Gebüschs und begann, schneller zu gehen, als er offenbar jemanden hörte, der sich den in diesem Gebiet abgestellten Autos näherte.
Deborah verlor ihn aus den Augen. Unter den Bäumen war es dunkel, und er war von Kopf bis Fuß braun gekleidet und in dieser Umgebung daher schwer zu erkennen. Sie lief einfach in der Richtung weiter, die sie ihn hatte einschlagen sehen, und entdeckte ihn bald wieder auf einem Weg, der zu einer Wiese hinunter abfiel. Etwa in der Mitte der Wiese erhob sich hinter einer Gruppe zarter Ahornbäume das Schindeldach eines Gebäudes, das wie ein japanisches Teehaus aussah. Das Ensemble war von einem kunstvollen, mit kräftigen roten und schwarzen Akzenten versehenen Holzzaun umgeben, den man mit Öl behandelt hatte, um seine ursprüngliche satte Farbe zu erhalten. Es war, wie sie jetzt sah, ein weiterer Garten.
Der Junge überquerte eine zierliche Holzbrücke, die sich über eine Bodenvertiefung schwang. Er warf seine Gerte weg, suchte sich seinen Weg über einige Trittsteine und näherte sich einer Bogenpforte im Zaun. Er stieß sie auf und trat in den Garten. Die Pforte fiel lautlos hinter ihm zu.
Deborah eilte ihm nach, überquerte wie er die Brücke über einen kleinen Graben, in dem man mit Rücksicht darauf, was dort wuchs, graue Steine angeordnet hatte. Als sie zur Pforte kam, bemerkte sie, was sie zuvor nicht gesehen hatte: eine Bronzeplakette, die in das Holz eingelassen war. A la memoire de Miriam et Benjamin Brouard, assassines par les Nazis a Auschwitz. Nous n 'oublierons jamais. Deborah verstand genug, um zu begreifen, dass dies ein Garten des Gedenkens war.
Die Welt, die sie hinter der Pforte erwartete, unterschied sich von allem, was sie bisher von Le Reposoir gesehen hatte. Das üppige und ausufernde Wachstum von Büschen und Bäumen war hier durch strenge Ordnung gezähmt. Den Bäumen hatte man einen großen Teil des Laubs genommen, die Büsche waren zu klaren, dem Auge gefälligen Formen geschnitten. Miteinander verschmolzen sie zu einer Komposition, die den Blick zu einer weiteren Bogenbrücke lenkte. Sie überspannte einen großen unregelmäßig geformten Seerosenteich, und jenseits stand das Teehaus, dessen Dach Deborah zuvor gesehen hatte. Eine seiner Türen, nach Art japanischer Privathäuser mit Papier bespannt, war aufgeschoben.
Deborah folgte dem Weg an der Umgrenzung des Gartens entlang und überquerte die Brücke. Unter ihr schwammen große, farbenprächtige Karpfen, vor ihr zeigte sich das Innere des Teehauses, ein einziger Raum, mit einem niedrigen Ebenholztisch ausgestattet, um den herum auf den traditionellen Binsenmatten sechs Sitzkissen lagen.
An der Breitseite des Teehauses zog sich eine tiefe Veranda entlang, zu der man über zwei Stufen gelangte. Deborah versuchte gar nicht erst, unbemerkt zu bleiben, als sie hinaufging. Besser, dachte sie, wenn der Junge sie für einen Trauergast hielt, dem ebenfalls nach einem Spaziergang zumute war, und nicht für jemanden, der ihm absichtlich gefolgt war, um mit ihm zu reden, obwohl er wahrscheinlich gar nicht reden wollte.
Er kniete vor einem Teakschränkchen, das auf der anderen Seite des Teehauses in die Wand eingebaut war. Die Tür stand offen, und er war gerade dabei, einen schweren Papierbeutel aus dem Schränk- chen zu nehmen. Deborah sah zu, wie er ihn mühsam herausbugsierte, öffnete, darin herumkramte und einen Plastikbehälter herauszog.
Plötzlich drehte er sich um und sah Deborah. Er zeigte kein Erschrecken beim unerwarteten Anblick der Fremden, sondern sah sie ruhig und offen an. Nach einem Moment richtete er sich auf, ging an ihr vorbei auf die Veranda hinaus und weiter zum Seerosenteich.
Als er an ihr vorüberkam, sah sie, dass in dem Behälter kleine runde Kügelchen waren. Er trug sie ans Wasser, wo er sich auf einem glatten grauen Felsbrocken niedersetzte und eine Hand voll Kügelchen aus dem Behälter nahm, um sie den Fischen zuzuwerfen. Im Wasser wirbelte es augenblicklich in allen Regenbogenfarben.
Deborah sagte:»Macht es dir was aus, wenn ich zuschaue?«
Der Junge schüttelte den Kopf. Er war vielleicht siebzehn Jahre alt, und sein Gesicht war voller Pickel. Er errötete, als sie sich zu ihm auf den Felsen setzte. Eine Weile beobachtete sie schweigend die Fische, die mit gierigen Mäulern nach allem schnappten, was sich auf der Wasseroberfläche bewegte. Sie können froh sein, dachte sie, dass sie hier in diesem geschützten Gewässer leben, wo alles, was sich an der Oberfläche regt, tatsächlich Nahrung ist und nicht Köder.
«Ich mag Beerdigungen nicht«, sagte sie.»Ich glaube, das kommt daher, dass ich bei der ersten noch ziemlich klein war. Meine Mutter ist gestorben, als ich sieben war, und jedes Mal, wenn ich auf einer Beerdigung bin, wird alles wieder lebendig.«
Der Junge sagte nichts, doch die Hand, die das Futter ins Wasser warf, bewegte sich kaum wahrnehmbar langsamer. Davon ermutigt, fuhr Deborah zu sprechen fort.
«Das ist eigentlich merkwürdig, denn damals, als es geschehen war, habe ich es gar nicht so stark empfunden. Man kann natürlich sagen, das käme daher, dass ich nicht verstanden habe, was passiert war. Aber ich habe es verstanden. Ich wusste genau, was es heißt, wenn jemand stirbt: Dass er dann für immer fort ist und ich ihn nie wiedersehe; dass er vielleicht bei Gott und den Engeln ist, jedenfalls an einem Ort, an den ich noch lange, lange nicht komme. O ja, ich wusste, was es heißt. Ich wusste nur nicht, was es alles mit einschließt. Das habe ich erst viel später begriffen, als diese Mutter-Tochter-
Geschichten, die sich vielleicht zwischen uns entwickelt hätten, einfach nicht passierten — mit niemandem.«
Noch immer schwieg er. Aber er hielt in der Fütterung der Fische inne und sah nur zu, wie sie nach den Futterklümpchen schnappten. Sie erinnerten Deborah an Menschen, die gesittet an der Bushaltestelle anstehen und sich beim Eintreffen des Busses plötzlich in einen wilden Haufen stoßender Ellbogen, Knie und Regenschirme verwandeln.
Sie sagte:»Sie ist seit fast zwanzig Jahren tot, und ich frage mich noch heute manchmal, wie es gewesen wäre. Mein Vater hat nie wieder geheiratet, ich habe sonst keine Familie, und oft denke ich, wie schön es wäre, wenn es außer uns zwei noch andere gäbe. Wenn meine Eltern, zum Beispiel, mehr Kinder bekommen hätten. Meine Mutter war erst zweiunddreißig, als sie starb, mir, mit meinen sieben Jahren, erschien sie damals uralt, aber heute weiß ich, dass sie noch viele Jahre vor sich gehabt hätte, um weitere Kinder zu bekommen. Schade, dass nichts daraus geworden ist.«