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Wer die Wahrheit sucht

Электронная книга - «Wer die Wahrheit sucht». Краткое содержание книги:

An einem frühen Dezembermorgen wird Guy Brouard — Millionär, Mäzen und Frauenheld — ermordet an einem Strand der englischen Kanalinsel Guernsey aufgefunden. Verdächtige und Motive gibt es mehr als genug. Nur die junge Amerikanerin China River hat keines. Doch alle Indizien weisen ausgerechnet auf sie. China hatte ihren Bruder aus Kalifornien nach Guernsey begleitet, um Guy Brouard die Architekturpläne für ein von ihm gestiftetes Museum zum Gedenken an die deutsche Besatzung der Insel im Zweiten Weltkrieg zu übergeben. Eine andere Verbindung existiert augenscheinlich nicht.
Simon St. James, engster Vertrauter von Chief Inspector Thomas Lynley, reist mit seiner Frau Deborah auf die winterliche Kanalinsel, um die Unschuld von China, einer alten Freundin Deborahs, nachzuweisen. Doch je tiefer sie in die verschworene Inselgemeinschaft eintauchen, desto mehr Personen entdecken sie, die dem wohltätigen Mitbürger Guy Brouard alles andere als freundschaftliche Gefühle entgegenbringen — und die auf irgendeine Weise in den Mord verstrickt sind: seine Exfrau, sein Sohn, seine Geliebte, seine Schwester, seine jugendlichen Schützlinge, der tragisch ausgebootete einheimische Architekt. Liegen die Motive in Brouards undurchsichtiger Vergangenheit? Oder reichen sie zurück bis in Guernseys wechselvolle Geschichte?
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Chateaux Brouard. St. James hatte von dem Konzern gehört: eine Kette kleiner, exklusiver Hotels, ehemalige Landhäuser, mit Niederlassungen im gesamten Vereinigten Königreich. Nichts Spektakuläres, Häuser, die geschichtliche Tradition, Antiquitäten, erlesenes Essen und Ruhe boten; das Richtige für Leute, die Ungestörtheit und Anonymität suchten, Schauspieler, die sich dem Medienrummel einmal ein paar Tage lang entziehen wollten, und Politiker mit heimlichen Affären. Das Unternehmen Chateaux Brouard hielt sich streng an den Grundsatz, dass Diskretion die Mutter des geschäftlichen Erfolgs ist.

«Sie sagten, sie wolle vielleicht jemanden schützen«, bemerkte St. James.»Wer könnte das sein?«

«Als Erster fällt mir da der Sohn ein, Adrian. «Holberry erklärte, dass auch Guy Brouards siebenunddreißigj ähriger Sohn Adrian in der Nacht vor dem Mord Gast im Haus seines Vaters gewesen war. Weiter, meinte er, wäre das Ehepaar Duffy zu nennen, Valerie und Kevin, die seit dem Tag, an dem Brouard sich auf dem Besitz niedergelassen hatte, praktisch zum Inventar von Le Reposoir gehörten.

«Ruth Brouard könnte für jeden dieser Leute lügen«, sagte Holberry. Sie sei bekannt für ihre Loyalität zu den Menschen, die ihr nahe standen. Und zumindest von den Duffys sei umgekehrt die gleiche Loyalität zu erwarten.»Ruth und Guy Brouard waren beliebt. Er hat hier auf der Insel viel Gutes getan und nie mit seinem Geld gegeizt. Und sie ist seit Jahren bei den Samaritern aktiv.«

«Menschen also, die allem Anschein nach keine Feinde hatten«, bemerkte St. James.

«Tödlich für die Verteidigung«, sagte Holberry.»Aber an dieser Front ist noch nicht alles verloren.«

Beim zufriedenen Ton seiner Stimme horchte St. James auf.»Sie haben etwas entdeckt.«

«Mehrere Dinge, ja«, bestätigte Holberry.»Sie können sich als bedeutungslos erweisen, aber man muss ihnen nachgehen, denn die Polizei hat sich von Anfang an für niemand anderen als die Geschwister River ernsthaft interessiert.«

Er berichtete von einer engen Beziehung zwischen Guy Brouard und einem sechzehnjährigen Jungen, Paul Fielder, der in einem Viertel namens Le Bouet am falschen Ende der Stadt lebte. Brouard hatte sich im Rahmen eines städtischen Programms zur Förderung benachteiligter Jugendlicher durch erwachsene Gemeindemitglieder mit Paul Fielder angefreundet, der ihm als Schützling zugeteilt worden war. Er hatte Paul praktisch adoptiert, wovon die Eltern des Jungen vermutlich nicht unbedingt begeistert gewesen waren, ebenso wenig wie wahrscheinlich Brouards leiblicher Sohn. Da konnte es leicht zu

Ausbrüchen negativer Gefühle gekommen sein, vor allem von Eifersucht, und wozu Eifersucht manchen führen konnte, das wusste man ja-

Weiter sei da dieses Fest gewesen, das Guy Brouard am Vorabend seines Todes veranstaltet hatte, fuhr Holberry fort. Alle Welt hatte seit Wochen gewusst, dass es stattfinden würde. Jemand, der Brouard nach dem Leben trachtete und ihn möglichst in einem schwachen Moment überrumpeln wollte — wie zum Beispiel nach einer durchfeierten Nacht — , konnte also im Voraus genau geplant haben, wie der Mord sich am besten bewerkstelligen und einer anderen Person in die Schuhe schieben ließ. Wie schwierig wäre es denn gewesen, heimlich nach oben zu laufen, während die Party in vollem Gang war, und falsche Spuren zu legen, vielleicht sogar mit China Rivers Schuhen zur Bucht hinunterzulaufen und ein oder zwei Abdrücke zu hinterlassen, die die Polizei später finden würde? Ja, dieses Fest und der Mord hatten miteinander zu tun, erklärte Holberry mit Entschiedenheit, und das in mehr als einer Hinsicht.

«Auch diese Geschichte mit dem Museumsarchitekten muss unter die Lupe genommen werden«, fuhr er fort.»Was da passiert ist, kam völlig unerwartet und war nicht sauber, so etwas kann nur provozieren.«

«War denn der Architekt an dem Abend da?«, fragte St. James.»Ich dachte, er ist in Amerika.«

«Nicht der Architekt. Ich spreche von dem Architekten, der ursprünglich vorgesehen war, ein Mann namens Bertrand Debiere. Er ist von hier und war genau wie alle anderen davon überzeugt, dass er mit seinem Entwurf den Auftrag für Brouards Museumsbau erhalten würde. Warum auch nicht! Brouard hatte ein Modell des Gebäudes und zeigte es seit Wochen jedem, der sich dafür interessierte. Es war Debiers eigene Arbeit. Als Brouard dann auf dem Fest den Namen des Architekten bekannt gab, für den er sich entschieden hatte. «Holberry zuckte mit den Schultern.»Man kann es Debiere nicht verübeln, dass er glaubte, er wäre der Auserwählte.«

«Rache?«

«Wer kann das sagen? Man sollte meinen, dass die Polizei ihn sich etwas genauer angesehen hätte, aber er ist ein Einheimischer. Also werden sie ihn wahrscheinlich ungeschoren lassen.«

«Weil Amerikaner von Natur aus eher zu Gewalt neigen?«, erkundigte sich St. James.»Schulmassaker, Todesstrafe, jedem seine Waffe und so weiter?«

«Das ist es weniger. Es ist die Art des Verbrechens. «Holberry blickte hoch, als leise quietschend die Tür aufging. Diskret, aber offenkundig entschlossen, für heute Schluss zu machen, trat seine Sekretärin ein, in der einen Hand einen Stapel Briefe, in der anderen einen Kugelschreiber. Sie hatte schon ihren Mantel an und trug die Handtasche am Arm. Holberry nahm ihr die Schriftstücke ab und unterzeichnete eines nach dem anderen, während er weitersprach.»Hier auf der Insel hat es seit Jahren keinen kaltblütigen Mord mehr gegeben. Der Letzte liegt so weit zurück, dass man sich selbst bei der Polizei nicht mehr daran erinnern kann, und das will was heißen. Es hat natürlich Verbrechen aus Leidenschaft gegeben, auch tödliche Unglücksfälle und Selbstmorde. Aber vorsätzlichen Mord? Seit Jahrzehnten nicht.«

Er unterschrieb das letzte Schriftstück, reichte der Sekretärin die Briefe zurück und wünschte ihr gute Nacht. Als sie gegangen war, stand er auf, trat zu seinem Schreibtisch und begann, die Papiere darauf zu ordnen. Einige verstaute er in einem Aktenkoffer, der auf dem Stuhl stand, und sagte dabei:»In Anbetracht dieser Lage der Dinge ist die Polizei leider geneigt, zu glauben, dass ein Einheimischer niemals imstande wäre, ein derartiges Verbrechen zu begehen.«

«Vermuten Sie denn, dass es neben dem Architekten noch andere Kandidaten gibt?«, fragte St. James.»Einheimische, meine ich, die Grund gehabt haben könnten, Guy Brouard den Tod zu wünschen?«

Holberry legte die Papiere aus der Hand, während er sich die Frage durch den Kopf gehen ließ. Draußen wurde eine Tür geöffnet und geschlossen, die Sekretärin auf dem Heimweg.»Meiner Meinung nach«, sagte Holberry,»hat man sich nicht einmal oberflächlich damit befasst, was für eine Position Guy Brouard hier innehatte. Er war der Weihnachtsmann: Hier ein gutes Werk, dort eine Stiftung, ein

Anbau für das Krankenhaus, und was brauchen Sie sonst noch? Wenden Sie sich einfach an Mr. Brouard. Er war der Mäzen von einem halben Dutzend Künstlern — Maler, Bildhauer, Glasbildner, Kunstschlosser — , und er bezahlte mehr als einem Jugendlichen das Studium in England. Manche sahen es als Dank an die Gemeinde, die ihn aufgenommen hatte. Aber es würde mich nicht wundern, zu hören, dass andere es anders nennen.«

«Sie meinen, wer Geld nimmt, der muss sich revanchieren?«

«So in der Richtung, ja. «Holberry klappte seinen Aktenkoffer zu.»Wer Geld gibt, erwartet im Allgemeinen eine Gegenleistung, ist es nicht so? Wenn wir den Pfaden von Brouards Geld auf der Insel folgen, werden wir, denke ich, früher oder später dahinter kommen, was als Gegenleistung erwartet wurde.«

8

Gleich früh am Morgen sorgte Frank Ouseley dafür, dass eine der Bauersfrauen aus der Rue des Rocquettes ins Tal herunterkommen und nach seinem Vater sehen würde. Er hatte nicht vor, länger als drei Stunden von zu Hause wegzubleiben, aber er war eben nicht ganz sicher, wie lange die Trauerfeier, die Bestattung und der nachfolgende Empfang dauern würden, und sich einen Teil der Zeremonie zu sparen, war undenkbar. Er wollte seinen Vater auf keinen Fall längere Zeit allein lassen, deshalb telefonierte er herum, bis er eine mitleidige Seele fand, die versprach, ein- oder zweimal mit dem Fahrrad herunterzukommen.»Mit einer süßen Überraschung für Ihren Dad. Er isst doch gern mal was Süßes, nicht?«

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