Krieg und Frieden
- Автор: Толстой Лев Николаевич
- Язык: немецкий
- Переводчик: Hermann Roehl
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Ein »Zufall«, Millionen von »Zufällen« legen die Macht in seine Hände, und alle Menschen wirken, wie wenn sie sich verschworen hätten, zur Befestigung dieser Macht mit. »Zufälle« machen die Charaktere der damaligen Machthaber Frankreichs ihm gefügig; »Zufälle« gestalten den Charakter Pauls I. so, daß dieser seine hohe Stellung anerkennt; ein »Zufall« ruft eine Verschwörung gegen die ihn hervor, die, statt ihm zu schaden, im Gegenteil zur Befestigung seiner Macht dient. Ein »Zufall« gibt ihm Enghien in die Hände und veranlaßt ihn ohne vorhergehenden Plan dazu, diesen zu töten und eben dadurch, wirkungsvoller als durch alle andern Mittel, die Menge zu überzeugen, daß er das Recht auf seiner Seite habe, da er die Macht hat. Ein »Zufall« bewirkt, daß er zu einer Expedition nach England, die offenbar sein Verderben herbeigeführt hätte, zwar all seine Kraft anstrengt, diese Absicht aber doch niemals ausführt, sondern unversehens Mack und seine Österreicher überfällt, die sich ohne Kampf ergeben. »Zufall« und »Genialität« verleihen ihm den Sieg bei Austerlitz, und alle Menschen, nicht nur die Franzosen, sondern auch das ganze übrige Europa mit Ausnahme Englands, welches auch an den kommenden Ereignissen sich nicht beteiligt, alle Menschen erkennen nun »zufällig«, trotz ihres früheren Entsetzens und Abscheus vor seinen Verbrechen, seine hohe Stellung und den Titel, den er sich gegeben hat, und sein Ideal von Größe und Ruhm an, ein Ideal, das allen als etwas Schönes und Vernünftiges erscheint.
Als wollten sie einen Vorversuch machen und sich auf die bevorstehende Bewegung vorbereiten, streben die Westmächte zu wiederholten Malen in den Jahren 1805, 1806, 1807, 1809 nach dem Osten, mit immer stärkerer Wucht und wachsender Masse. Im Jahre 1811 fließt die Menschengruppe, die sich in Frankreich gebildet hat, mit den mitteleuropäischen Völkern zu einer einzigen, gewaltigen Gruppe zusammen. Gleichzeitig mit der Vergrößerung dieser Menschengruppe entwickelt sich die Kraft des an der Spitze dieser Bewegung stehenden Mannes, alles zu verantworten. In der zehnjährigen Vorbereitungszeit, die der großen Bewegung vorangeht, kommt dieser Mann mit allen gekrönten Häuptern Europas zusammen. Die gedemütigten Herren der Welt können dem sinnlosen napoleonischen Ideal von Ruhm und Größe kein vernünftiges Ideal gegenüberstellen. Wetteifernd suchen sie ihm ihre Nichtigkeit zu zeigen. Der König von Preußen schickt seine Gemahlin hin, damit sie die Gnade des großen Mannes erschmeichle; der Kaiser von Österreich erachtet es als eine besondere Huld, daß dieser Mensch die Kaisertochter in sein Ehebett nimmt; der Papst, der Hüter des Heiligtums der Völker, wirkt dienstbereit mit seiner Religion zur Erhöhung des großen Mannes mit. Nicht sowohl Napoleon selbst bereitet sich auf die Durchführung seiner Rolle vor, als vielmehr bereitet ihn seine ganze Umgebung darauf vor, die ganze Verantwortung für alles, was geschieht und noch geschehen soll, zu übernehmen. Jede seiner Handlungen, Übeltaten und unwürdigen Betrügereien, was er nur tut, alles nimmt in der Darstellung seiner Umgebung sofort die Form einer Großtat an. Das schönste Fest, das die Deutschen für ihn ersinnen können, ist die Feier der Schlacht von Jena und Auerstedt. Und nicht nur er ist groß, sondern groß sind auch seine Vorfahren, seine Brüder, seine Stiefsöhne und Schwäger. Es geschieht alles, um ihn der letzten Verstandeskraft zu berauben und ihn zu seiner furchtbaren Rolle vorzubereiten. Und da er selbst bereit ist, sind auch seine Streitkräfte bereit.
Das Invasionsheer strebt nach Osten und erreicht sein Endziel, Moskau. Die Hauptstadt ist eingenommen, das russische Heer schlimmer zugerichtet als jemals die feindlichen Heere in den früheren Kriegen von Austerlitz bis Wagram. Aber an Stelle jener »Zufälle« und jener »Genialität«, die ihn bisher so konsequent in einer ununterbrochenen Reihe von Erfolgen zu dem vorherbestimmten Ziel geführt haben, erscheint nun auf einmal eine zahllose Menge entgegengesetzter »Zufälle«, von dem Schnupfen bei Borodino bis zu den Frösten und dem Funken, der Moskau in Brand setzt, und an Stelle der »Genialität« erscheinen beispiellose Dummheit und Gemeinheit.
Das Invasionsheer flieht, kehrt wieder zurück, flieht wieder, und alle »Zufälle« sind jetzt beständig nicht mehr zu seinen Gunsten, sondern zu seinen Ungunsten.
Nun vollzieht sich eine Gegenbewegung von Osten nach Westen, die mit der vorhergehenden Bewegung von Westen nach Osten eine merkwürdige Ähnlichkeit hat. Dieselben Versuche einer Bewegung von Osten nach Westen gehen in den Jahren 1805, 1807 und 1809 der großen Bewegung voraus; dieselbe Bildung einer Gruppe von gewaltigen Dimensionen; derselbe Anschluß der in der Mitte wohnenden Völker an die Bewegung; dasselbe Schwanken in der Mitte des Weges und dieselbe Beschleunigung der Geschwindigkeit, je mehr man sich dem Ziel nähert.
Paris, das äußerste Ziel, ist erreicht. Napoleons Herrschaft und Heer ist vernichtet. Napoleon selbst hat keinen gesunden Verstand mehr; alle seine Handlungen sind offenbar kläglich und widerlich; aber wieder tritt ein unerklärlicher »Zufall« ein: die Verbündeten hassen Napoleon, in dem sie den Urheber ihrer Leiden sehen; der Macht und Herrschaft beraubt, arger Übeltaten und schändlicher Ränke überführt, hätte er von ihnen ebenso angesehen werden sollen wie zehn Jahre vorher und ein Jahr nachher: als ein außerhalb des Gesetzes stehender Räuber. Aber infolge eines seltsamen »Zufalls« sieht ihn niemand so an. Seine Rolle ist noch nicht ausgespielt. Den Menschen, den sie zehn Jahre vorher und ein Jahr nachher für einen außerhalb des Gesetzes stehenden Räuber erachten, schicken sie nach einer nur zwei Tagesreisen von Frankreich entfernten Insel, die sie ihm als Besitztum überweisen, geben ihm eine Leibwache und zahlen ihm, niemand weiß wofür, Millionen Geldes aus.
IV
Die Bewegung der Völker beginnt in ihre Ufer zurückzutreten. Die Wogen der großen Bewegung haben sich gelegt, und auf dem still gewordenen Meer bilden sich Strudel, in denen die Diplomaten herumgetrieben werden; dabei bilden sie sich ein, daß gerade sie es sind, die die Bewegung zur Ruhe gebracht haben.
Aber das still gewordene Meer erhebt sich plötzlich von neuem. Die Diplomaten meinen, daß sie, ihre Mißhelligkeiten, die Ursache dieses neuen Andranges der Kräfte seien; sie erwarten einen Krieg zwischen ihren Herrschern; die Lage scheint ihnen in unlösbarer Weise verwickelt. Aber die Woge, deren Annäherung sie fühlen, kommt nicht von der Seite, von der sie sie erwarten. Es erhebt sich noch einmal dieselbe Woge, mit demselben Ausgangspunkt der Bewegung, Paris. Es findet von Westen her ein letzter Rückschlag der Bewegung statt, ein Rückschlag, der dazu bestimmt ist, die unlösbar scheinenden diplomatischen Schwierigkeiten zu lösen und der kriegerischen Bewegung dieser Periode ein Ende zu machen.
Der Mann, der Frankreich verödet hat, kommt allein, ohne Verschworene, ohne Soldaten nach Frankreich. Jeder Polizist kann ihn verhaften; aber infolge eines seltsamen »Zufalls« tut dies niemand, im Gegenteil empfangen alle mit Begeisterung den Menschen, den sie einen Tag vorher verflucht haben und einen Monat später wieder verfluchen werden.
Dieser Mensch ist noch notwendig, um die Verantwortung für den letzten Akt des Zusammenspiels zu tragen.
Der Akt ist beendet.
Die Rolle ist endgültig ausgespielt. Der Schauspieler erhält die Weisung, sich auszukleiden und die Schminke von den Backen und den Spießglanz aus den Augenbrauen zu waschen: man bedarf seiner nicht mehr.
Und nun vergehen mehrere Jahre, während deren dieser Mensch auf seiner Insel in der Einsamkeit sich selbst eine klägliche Komödie vorspielt und intrigiert und lügt, um seine Handlungen zu rechtfertigen, wo diese Rechtfertigung doch nicht mehr nötig ist, und der ganzen Welt zeigt, was das für ein Ding war, das die Menschen für eine lebendige Kraft hielten, während in Wirklichkeit eine unsichtbare Hand es leitete.