Krieg und Frieden
- Автор: Толстой Лев Николаевич
- Язык: немецкий
- Переводчик: Hermann Roehl
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Worin besteht denn der eigentliche Kern dieser Vorwürfe?
Darin, daß eine solche geschichtliche Persönlichkeit wie Alexander I., eine Persönlichkeit, die auf der höchsten überhaupt möglichen Stufe menschlicher Macht stand, gleichsam im Brennpunkt des blendenden Lichtes aller auf ihn konzentrierten Strahlen der Geschichte; eine Persönlichkeit, die jenen von der Macht nun einmal unzertrennlichen Einwirkungen der Intrigen, der Täuschungen, der Schmeichelei, der Selbstverblendung im denkbar stärksten Grad ausgesetzt war; eine Persönlichkeit, die in jedem Augenblick ihres Lebens fühlte, daß die Verantwortung für alles, was in Europa geschah, auf ihr lastet; und eine nicht erdichtete Persönlichkeit, sondern eine Persönlichkeit von Fleisch und Blut wie jeder Mensch, mit eigenen persönlichen Gewohnheiten, Leidenschaften und Bestrebungen nach dem Guten, Schönen und Wahren – der Kern jener Vorwürfe liegt darin, daß diese Persönlichkeit vor fünfzig Jahren nicht etwa sittlich schlecht war (diesen Vorwurf erheben die Historiker nicht), sondern über das Wohl der Menschheit nicht diejenigen Anschauungen hatte, die heutzutage ein Professor besitzt, der sich von Jugend auf mit der Wissenschaft beschäftigt, d.h. mit dem Lesen von Büchern, dem Anhören von Vorlesungen und dem Eintragen des Inhalts dieser Bücher und Vorlesungen in ein Heft, aus dem er dann selbst Vorlesungen hält.
Aber selbst wenn wir annehmen, daß Alexander vor fünfzig Jahren sich mit seinen Ansichten über das, worin das Wohl der Völker besteht, im Irrtum befunden habe, so müssen wir notgedrungen annehmen, daß nach Verlauf einiger Zeit auch der Historiker, welcher über Alexander den Stab bricht, sich mit seiner Ansicht über das, was das Wohl der Menschheit bildet, genau ebenso als im Irrtum befangen erweisen wird. Diese Annahme ist um so natürlicher und notwendiger, da wir bei Durchmusterung der Weltgeschichte sehen, daß die Ansicht über das, worin das Wohl der Menschheit besteht, sich mit jedem Jahr, mit jedem neuen Schriftsteller ändert, so daß das, was zu gewisser Zeit als ein Segen betrachtet worden ist, zehn Jahre darauf als ein Unheil erscheint, und umgekehrt. Und damit noch nicht genug; wir finden in der Geschichte gleichzeitig ganz entgegengesetzte Ansichten darüber, was ein Segen und was ein Unheil war: die einen rechnen die Verleihung einer Konstitution an Polen und die Errichtung der Heiligen Allianz Alexander zum Verdienst an, die andern machen ihm beides zum Vorwurf.
Von der Tätigkeit Alexanders und Napoleons dürfen wir nicht sagen, daß sie nützlich oder schädlich gewesen sei, da wir nicht sagen können, wofür sie nützlich und wofür sie schädlich war. Wenn diese Tätigkeit jemandem nicht gefällt, so gefällt sie ihm nur deswegen nicht, weil sie mit seinem beschränkten Begriff über das, was das Heil der Menschen ausmacht, nicht zusammenfällt. Ob mir nun die unversehrte Erhaltung meines Vaterhauses in Moskau im Jahre 1812 als das wahre Heil erscheint, oder der Ruhm der russischen Waffen, oder die Blüte der Petersburger Universität und anderer Universitäten, oder die Freiheit Polens, oder die Machtstellung Rußlands, oder das europäische Gleichgewicht, oder eine gewisse Art von europäischer Aufklärung, der sogenannte Fortschritt: in jedem Fall muß ich bekennen, daß die Tätigkeit einer jeden historischen Persönlichkeit außer diesen Zielen noch andere, allgemeinere und mir unfaßbare Ziele hatte.
Aber nehmen wir an, die sogenannte Wissenschaft fände eine Möglichkeit, alle Gegensätze miteinander zu versöhnen, und besäße für die historischen Persönlichkeiten und Ereignisse einen unveränderlichen Maßstab des Guten und Schlechten.
Nehmen wir an, Alexander hätte in jeder Hinsicht anders verfahren können. Nehmen wir an, er hätte gemäß der Vorschrift seiner jetzigen Tadler, der Leute, die in ihrem Professorendünkel das Endziel der Entwicklung der Menschheit zu kennen meinen, alles nach jenem Programm von Nationalität, Freiheit, Gleichheit und Fortschritt einrichten können (ein anderes Programm scheint es ja gar nicht zu geben), das ihm seine jetzigen Tadler an die Hand gegeben hätten. Nehmen wir an, dieses Programm läge im Bereich der Möglichkeit und wäre bis ins einzelne ausgearbeitet und Alexander hätte nach ihm gehandelt. Was wäre dann aus der Tätigkeit aller der Männer geworden, die die damalige Richtung der Regierung bekämpften, aus dieser Tätigkeit, die nach der Meinung der Historiker eine gute und nützliche war? Diese Tätigkeit wäre überhaupt nicht vorhanden gewesen; es wäre kein Leben vorhanden gewesen; nichts wäre vorhanden gewesen.
Wenn man annimmt, das menschliche Leben könne durch den Verstand regiert werden, so wird damit die Möglichkeit des Lebens aufgehoben.
II
Nimmt man an, wie es die Historiker tun, daß die großen Männer die Menschheit zur Erreichung bestimmter Ziele hinleiten, welche entweder in der Größe Rußlands oder Frankreichs oder im europäischen Gleichgewicht oder in der Verbreitung revolutionärer Ideen oder im allgemeinen Fortschritt oder in sonst etwas bestehen, so ist es unmöglich, die Erscheinungen der Geschichte ohne die Begriffe »Zufall« und »Genie« zu erklären.
Wenn das Ziel der europäischen Kriege zu Anfang des jetzigen Jahrhunderts in der Größe Rußlands bestand, so konnte dieses Ziel ohne jeden vorhergehenden Krieg und ohne Invasion erreicht werden. Wenn das Ziel die Größe Frankreichs war, so ließ sich dieses Ziel ohne Revolution und ohne Kaiserreich erreichen. Wenn das Ziel die Verbreitung von Ideen war, so hätte das die Buchdruckerkunst weit besser ausgeführt als die Soldaten. Wenn das Ziel in dem Fortschritt der Zivilisation bestand, so liegt die Vermutung nahe, daß es außer der Vernichtung von Menschen und ihrer Habe noch andere, zweckmäßigere Wege zur Verbreitung der Zivilisation gibt.
Warum hat sich denn alles so begeben und nicht anders? Weil es sich so begeben hat.
»Der Zufall hat die Lage geschaffen, das Genie hat sie benutzt«, sagt die Geschichte. Aber was ist Zufall? Was ist Genie?
Die Worte »Zufall« und »Genie« bezeichnen nichts wirklich Existierendes und lassen sich darum auch nicht definieren. Diese Worte bezeichnen nur einen gewissen Grad des Verständnisses der Erscheinungen. Ich weiß nicht, warum diese oder jene Erscheinung eintritt, und bin der Meinung, daß ich es nicht wissen kann; daher verzichte ich darauf, es zu wissen, und sage: Zufall. Ich sehe eine Kraft, die eine Wirkung hervorbringt, die zu den gewöhnlichen menschlichen Fähigkeiten in keinem Verhältnis steht; ich verstehe nicht, woher das kommt, und sage: Genie.
Einer Hammelherde muß derjenige Hammel, der vom Schäfer jeden Abend zur Fütterung in eine besondere Hürde getrieben wird und noch einmal so dick wird wie die anderen, als ein Genie erscheinen. Und der Umstand, daß allabendlich gerade dieser Hammel nicht in den gemeinsamen Schafstall, sondern in eine besondere Hürde kommt und dort seinen Hafer erhält, und daß dieser, gerade dieser von Fett strotzende Hammel zum Essen geschlachtet wild, muß als eine merkwürdige Vereinigung der Genialität mit einer ganzen Reihe außerordentlicher Zufälligkeiten erscheinen.
Aber die Hammel brauchen sich nur von der Vorstellung freizumachen, daß alles, was mit ihnen vorgeht, lediglich zur Erreichung der Zwecke geschieht, welche ihnen selbst vorschweben; sie brauchen nur anzunehmen, daß die mit ihnen sich zutragenden Begebnisse auch andere, ihnen unverständliche Zwecke haben können: und sie werden sofort in dem, was mit dem besonders gemästeten Hammel vorgeht, die Einheitlichkeit und Folgerichtigkeit erkennen. Und wenn sie auch nicht verstehen werden, zu welchem Zweck er gemästet wurde, so werden sie doch wenigstens einsehen, daß alles, was mit dem Hammel vorging, nicht ohne eine leitende Absicht geschah, und werden weder den Begriff »Zufall« noch den Begriff »Genie« mehr nötig haben.