Krieg und Frieden
- Автор: Толстой Лев Николаевич
- Язык: немецкий
- Переводчик: Hermann Roehl
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Prinzessin Marja folgte der Erzählung und interessierte sich für sie; aber sie sah jetzt etwas anderes, was ihre ganze Aufmerksamkeit in Anspruch nahm: sie sah für Natascha und Pierre die Möglichkeit der Liebe und des Glückes. Und dieser Gedanke, der ihr jetzt zum erstenmal kam, erfüllte ihre Seele mit Freude.
Es war drei Uhr nachts. Die Diener kamen mit traurig-ernsten Gesichtern, um die Kerzen zu wechseln; aber niemand beachtete sie.
Pierre hatte seine Erzählung beendet. Natascha blickte ihn immer noch mit lebhaften, glänzenden Augen unverwandt und aufmerksam an, als wünschte sie auch noch das übrige zu verstehen, das er vielleicht nur nicht ausgesprochen hatte. Pierre sah ab und zu mit verschämter, glückseliger Verlegenheit zu ihr hin und überlegte, was er jetzt sagen könnte, um das Gespräch auf einen andern Gegenstand zu bringen. Prinzessin Marja schwieg. Keiner von ihnen dachte daran, daß es drei Uhr in der Nacht und Zeit zum Schlafengehen sei.
»Da reden nun die Menschen immer von Unglück und Leiden«, sagte Pierre. »Aber wenn jemand jetzt gleich, diesen Augenblick, zu mir sagte: ›Willst du bleiben, was du vor der Gefangenschaft warst, oder all dies noch einmal von Anfang an durchleben?‹, bei Gott, ich würde noch einmal Gefangenschaft und Pferdefleisch wählen. Wenn uns etwas aus dem gewohnten Geleise wirft, so denken wir, alles sei verloren; und dabei beginnt doch nur etwas Neues, Gutes. Solange Leben da ist, gibt es auch Glück. Die Zukunft kann noch viel, viel Gutes bringen. Das sage ich Ihnen«, schloß er, zu Natascha gewendet.
»Ja, ja«, sagte sie, auf etwas ganz anderes antwortend, »auch ich würde nichts anderes wünschen, als alles noch einmal von Anfang an zu durchleben.« Pierre blickte sie aufmerksam an.
»Ja, und weiter nichts!« fügte Natascha bekräftigend hinzu.
»Das kann nicht richtig sein, das kann nicht richtig sein«, rief Pierre. »Ich kann nichts dafür, daß ich lebe und leben will; und so ist es auch mit Ihnen.«
Auf einmal ließ Natascha den Kopf auf die Arme sinken und brach in Tränen aus.
»Was ist dir, Natascha?« fragte Prinzessin Marja.
»Nichts, nichts.« Sie lächelte durch ihre Tränen hindurch Pierre zu. »Gute Nacht, es ist Zeit, schlafen zu gehen.«
Pierre stand auf und empfahl sich.
Prinzessin Marja und Natascha redeten, wie immer, im Schlafzimmer noch eine Weile miteinander. Sie sprachen von dem, was Pierre erzählt hatte. Über Pierre selbst sprach Prinzessin Marja ihre Meinung nicht aus. Auch Natascha sprach nicht von ihm.
»Nun, gute Nacht, Marja«, sagte Natascha. »Weißt du, was ich oft fürchte? Wir reden nicht von ihm« (dem Fürsten Andrei), »als fürchteten wir, unserer Empfindung dadurch etwas von ihrer Erhabenheit zu nehmen, und gelangen dadurch schließlich dazu, ihn zu vergessen.«
Prinzessin Marja seufzte schwer und erkannte durch diesen Seufzer Nataschas Bemerkung als richtig an; aber mit Worten stimmte sie ihr nicht zu.
»Ist es denn möglich, ihn zu vergessen?« erwiderte sie.
»Mir hat es heute so wohl getan, alles zu erzählen«, sagte Natascha. »Es war mir peinlich und schmerzlich, tat mir aber doch wohl, sehr wohl. Ich bin überzeugt, daß er ihn wirklich geliebt hat. Darum habe ich es ihm auch erzählt … Es schadet doch nichts, daß ich es ihm erzählt habe?« fragte sie plötzlich errötend.
»Daß du es Pierre erzählt hast? O nein! Was ist das für ein prächtiger Mensch!« sagte Prinzessin Marja.
»Weißt du, Marja«, sagte Natascha auf einmal mit einem schelmischen Lächeln, das Prinzessin Marja auf ihrem Gesicht seit langer Zeit nicht gesehen hatte. »Er ist, ich möchte sagen, so rein und glatt und frisch geworden, wie wenn er aus dem Bad käme; verstehst du, wie ich es meine? Im geistigen Sinn. Nicht wahr?«
»Ja«, erwiderte Prinzessin Marja. »Er hat sehr gewonnen.«
»Und der kurze Oberrock und das kurzgeschnittene Haar; wirklich, ganz wie aus dem Bad … wie Papa manchmal …«
»Ich begreife es, daß er« (Fürst Andrei) »niemand so sehr geliebt hat wie ihn«, sagte Prinzessin Marja.
»Ja, und dabei ist er von ihm so verschieden. Man sagt ja, Männer können nur dann miteinander befreundet sein, wenn sie voneinander ganz verschieden sind. Das muß wohl richtig sein. Er ist ihm doch ganz unähnlich, in allem, nicht wahr?«
»Ja, und doch ist er ein prächtiger Mensch.«
»Nun, gute Nacht«, antwortete Natascha.
Und das schelmische Lächeln blieb, wie in Selbstvergessenheit, noch lange auf ihrem Gesicht.
XIX
Pierre konnte in dieser Nacht lange nicht einschlafen. Er ging im Zimmer auf und ab, bald die Stirn runzelnd, wie wenn er irgend etwas Schwieriges überlegte, bald plötzlich die Achseln zuckend und zusammenfahrend, bald glückselig lächelnd.
Er dachte an den Fürsten Andrei, an Natascha, an die Liebe dieser beiden und war bald eifersüchtig auf Nataschas Vergangenheit, bald machte er sich wegen dieser Eifersucht Vorwürfe, bald verzieh er es sich. Es war schon sechs Uhr morgens, und er ging immer noch im Zimmer auf und ab.
»Nun, was ist da zu machen? Wenn es doch nun einmal nicht anders geht? Was ist da zu machen? Dann muß es also geschehen«, sagte er zu sich selbst, kleidete sich schnell aus und legte sich ins Bett, glückselig und aufgeregt, aber frei von Zweifeln und von Unentschlossenheit.
»Mag auch dieses Glück noch so seltsam, noch so unmöglich scheinen, ich muß alles tun, damit sie meine Frau wird«, sagte er sich.
Noch vor ein paar Tagen hatte Pierre seine Abreise nach Petersburg auf den Freitag angesetzt. Als er am Donnerstag aufwachte, trat Saweljitsch zu ihm, um sich Befehle wegen des Packens der Sachen für die Reise zu erbitten.
»Nach Petersburg? Was ist mit Petersburg? Wer soll nach Petersburg reisen?« fragte er sich unwillkürlich, wiewohl nur im stillen. »Ja, so etwas hatte ich ja vor längerer Zeit vor; ehe sich dies noch begab, hatte ich wirklich aus irgendeinem Grund vor, nach Petersburg zu reisen«, fiel ihm ein. »Weshalb auch nicht? Vielleicht fahre ich wirklich hin. Wie gut er ist, wie aufmerksam, wie er an alles denkt!« dachte er weiter, indem er Saweljitschs altes Gesicht ansah. »Und was für ein angenehmes Lächeln!« dachte er.
»Nun, wie ist’s? Willst du noch immer nicht frei werden, Saweljitsch?« fragte Pierre.
»Was hätte ich von der Freiheit, Euer Erlaucht? Ich habe bei dem alten Herrn Grafen (Gott schenke ihm das Himmelreich) ein gutes Leben gehabt, und Sie haben mir ja auch nie etwas zuleide getan.«
»Nun, und deine Kinder?«
»Die Kinder werden auch gern in demselben Stand bleiben, Euer Erlaucht; bei solchen Herren kann man schon leben.«
»Nun, und meine Erben?« fragte Pierre. »Ich könnte mich ja auf einmal verheiraten … Das wäre nicht unmöglich«, fügte er mit einem unwillkürlichen Lächeln hinzu.
»Ich bin so frei zu sagen: das wäre sehr gut, Euer Erlaucht.«
»Ja, das denkt er sich so leicht«, dachte Pierre. »Er weiß nicht, wie schrecklich und gefährlich das ist. Man handelt dabei entweder zu früh oder zu spät … Es ist schrecklich!«
»Wie befehlen Sie? Belieben Sie morgen zu reisen?« fragte Saweljitsch.
»Nein, ich möchte es noch eine Weile aufschieben. Ich werde es dir dann schon sagen. Nimm es mir nicht übel, daß ich dir unnütz Umstände gemacht habe«, sagte Pierre, und als er Saweljitschs Lächeln sah, dachte er: »Wie sonderbar ist es doch, daß er nicht weiß, daß mir jetzt Petersburg ganz gleichgültig ist und vor allen Dingen erst das Wichtigste zur Entscheidung gebracht werden muß. Übrigens weiß er es sicherlich und verstellt sich nur. Ob ich ihm wohl etwas davon sage? Wie mag er es auffassen?« dachte Pierre. »Nein, später einmal.«