Die Klaue des Schlichters [The Claw of the Conciliator - de]
- Автор: Вулф Джин Родман
- Серия: Das Buch der Neuen Sonne #2
- Год: 1984
- Язык: немецкий
- Год: Wilhelm Heyne
- ISBN: 3-453-31009-8
- Переводчик: Reinhard Heinz
- Жанр: Фэнтези
Электронная книга - «Die Klaue des Schlichters [The Claw of the Conciliator - de]». Краткое содержание книги:
»Öffne es!« sagte ich. »Zeig mir die Karte!«
»Es gibt keine Karte. Das ist das Ding selbst«, engegnete er und klappte sowohl den Deckel als auch die erste Seite um.
Ich wurde geblendet wie von einem Blitzstrahl in finsterer Nacht. Die inneren Seiten schienen aus reinem Silber, getrieben und poliert, das jeden Funken Helligkeit im Zimmer auffing und hundertfach zurückwarf. »Das sind Spiegel«, sagte ich und erkannte, noch während ich sprach, daß es keine Spiegel, sondern jene Dinge waren, die vor weniger als einer Wache Jonas zu den Sternen hatten heimkehren lassen – und wofür wir kein anderes Wort als Spiegel haben. »Aber woher haben sie Kraft, wenn sie einander nicht gegenüberliegen?«
Der Androgyne erwiderte: »Bedenke, wie lange sie einander gegenübergelegen haben, solange das Buch geschlossen gewesen ist. Nun wird das Feld die kurzzeitige Spannung, mit der wir es belasten, aushalten. Geh, wenn du dich getraust!«
Ich getraute mich nicht. Während er sprach, bildete sich im Lichtschein über den Seiten etwas aus. Es war weder eine Frau noch ein Schmetterling, sondern hatte von beidem etwas an sich; und genau wie wir, wenn wir einen gemalten Berg im Hintergrund eines Bildes sehen, wissen, daß er in Wirklichkeit so groß wie eine Insel ist, wußte auch ich, daß ich es nur aus großer Ferne sah. Mir war, als trügen es seine Schwingen durch die Protonenstürme des Alls und wäre die ganze Urth nur ein von seinem Flügelschlag aufgewirbeltes Stäubchen. Wie ich es gesehen hatte, so sah es auch mich, fast so wie der Androgyne vor wenigen Augenblicken die Schlingen und Schleifen der Schrift auf dem Stuhl unter seinem Glas gesehen hatte. Innehaltend wandte er sich mir zu und öffnete seine Fittiche, auf daß ich sie betrachte. Sie waren mit Augen gezeichnet.
Der Androgyne schlug das Buch mit einem Knall zu, so als wäre eine Tür ins Schloß gefallen. »Was hast du gesehen?« wollte er wissen.
Mein einziger Gedanke war, daß ich nicht länger in die Seiten blicken mußte, und ich sagte: »Danke, Sieur. Wer immer Ihr sein mögt, ich will von heute an Euer Diener sein.«
Er nickte. »Vielleicht werd’ ich dich eines Tages daran gemahnen. Was du gesehen hast, danach will ich jedoch nicht noch einmal fragen. Hier, wisch dir über die Stirn. Der Anblick hat deine Stirn gezeichnet.«
Er reichte mir dabei ein sauberes Tuch, womit ich mir den Kopf abtupfte, wie er mich geheißen hatte, denn ich spürte die Nässe über mein Gesicht perlen. Als ich mir das Tuch ansah, war es rot vor Blut.
Als hätte er meine Gedanken gelesen, erklärte er: »Du bist nicht verletzt. Der medizinische Begriff dafür lautet Haematidrosis, denke ich. Unter dem Druck einer starken Gefühlswallung platzen in den betroffenen Hautpartien … zuweilen an der ganzen Haut … winzige Äderchen bei gleichzeitigem Schweißausbruch. Das wird einen häßlichen Bluterguß geben, fürchte ich.«
»Warum habt Ihr das getan?« fragte ich. »Ich dachte, Ihr wolltet mir die Karte zeigen. Ich will lediglich das Grüne
Zimmer finden, wie Rudesind da draußen ihn genannt hat, den Ort, wo die Schauspieler untergebracht sind. Hat Vodalus’ Botschaft besagt, daß der Überbringer zu töten sei?« Ich tastete bei diesen Worten nach meinem Schwert, aber ich war zu schwach, die Klinge zu ziehen.
Der Androgyne lachte. Es war zunächst ein freudiges Lachen, irgendwie zwischen dem einer Frau und dem eines Knaben schwankend, aber dann wurde daraus ein Kichern wie das eines Trunkenen. In mir regten sich Theclas Erinnerungen; fast wären sie erwacht. »War das alles, was du wolltest?« fragte er, als er sich wieder gefaßt hatte. »Du hast mich um Feuer für deine Kerze gebeten, und ich hab’ dir die Sonne geben wollen, und nun bist du verbrannt. Es war mein Fehler … Ich wollte vielleicht meine Zeit aufschieben; doch selbst dann hätt’ ich dich nicht so weit reisen lassen, hätt’ ich in der Botschaft nicht gelesen, daß du die Klaue habest. Und nun tut’s mir aufrichtig leid, aber ich kann mir nicht helfen – ich muß einfach lachen. Wohin wirst du gehen, wenn du das Grüne Zimmer gefunden hast, Severian?«
»Wohin Ihr mich schickt. Wohlgemerkt habe ich Vodalus meinen Dienst geschworen.« (Eigentlich fürchtete ich ihn und hatte Angst, er könnte Vodalus davon in Kenntnis setzen, falls ich mich als ungehorsam erwiese.)
»Aber wenn ich keine Befehle für dich habe? Hast du dich der Klaue schon entledigt?«
»Konnte es noch nicht«, sagte ich.
Es herrschte Schweigen. Er blieb stumm.
»Ich gehe nach Thrax«, fuhr ich fort. »Ich habe einen Brief für den Archon dort; er soll Arbeit für mich haben. Um der Ehre meiner Zunft willen möchte ich diesem Ruf nachkommen.«
»Das ist gut. Wie groß ist in Wahrheit deine Liebe zu Vodalus?«
Wieder spürte ich den Axtgriff in meiner Hand. Bei euch übrigen, höre ich, stirbt die Erinnerung; mein Gedächtnis verblaßt kaum. Der Nebel, der die Nekropolis in jener Nacht eingehüllt hatte, wehte mir wieder ins Gesicht, und alles, was ich gefühlt hatte, als ich von Vodalus die Münze erhielt und er davonging, bis ich ihn nicht mehr sah, lebte wieder vor mir auf. »Ich habe ihn einmal gerettet«, antwortete ich.
Der Androgyne nickte. »Das also wirst du tun. Du gehst nach Thrax, wie du beabsichtigt hast, und erzählst jedem –sogar dir selbst –, daß du das Amt bekleiden wirst, das dort auf dich wartet. Die Klaue ist gefährlich. Bist du dir dessen bewußt?«
»Ja. Vodalus sagte mir, wenn bekannt würde, daß wir sie besitzen, könnte uns das die Unterstützung der Bevölkerung kosten.«
Wieder blieb der Androgyne eine Weile stumm. Dann sagte er: »Die
Pelerinen sind im Norden. Wenn du die Gelegenheit bekommst, mußt du ihnen die Klaue wiedergeben.«
»Danach war ich von Anfang an bestrebt.«
»Gut. Noch etwas bleibt dir zu tun. Der Autarch ist hier, aber wenn du Thrax erreichst, wird er längst mit seiner Armee im Norden sein. Kommt er in die Nähe von Thrax, wirst du zu ihm gehen können. Du wirst beizeiten den Weg finden, wie du ihn ums Leben bringen mußt.«
Sein Tonfall stellte ihn ebenso bloß wie Theclas Gedanken. Ich wollte auf die Knie fallen, aber er klatschte in die Hände, und ein gebücktes Männchen huschte lautlos ins Zimmer. Es trug eine Kutte wie ein Klostermönch. Der Autarch sagte etwas zu ihm, was ich, so verstört wie ich war, nicht verstand.
Auf der ganzen Welt kann es kaum etwas Schöneres geben als den Anblick der aufgehenden Sonne, durch die tausend funkelnden Wasser des Vatis-Brunnens betrachtet. Ich bin kein Ästhet, aber der erste Anblick der tanzenden Fontänen (über die ich schon so viel gehört hatte) hat mich wohl wieder aufgerichtet. Ich erinnere mich noch immer gern daran, wie ich ihn bestaunt habe, als der Diener im Mönchsgewand mir – nach langen Meilen sinniger Korridore des Geheimen Hauses – eine Tür aufgetan hat und ich die silbernen Ströme Ideogramme über die Sonnenscheibe zeichnen gesehen habe.
»Geradeaus«, murmelte die Gestalt im Mönchsgewand. »Folgt dem Weg durch das Baumtor. Bei den Spielern werdet Ihr sicher sein.« Die Tür ging hinter mir zu und wurde zum Grashang eines Hügels.
Ich schritt auf den Brunnen zu, dessen vom Wind herangetragene sprühende Nässe mich erquickte. Eine Weile stand ich auf dem mich umgebenden Serpentinpflaster, um in den tanzenden Formen meine Zukunft zu lesen, und durchwühlte schließlich meine Gürteltasche nach einer Gabe. Die Prätorianer hatten mir alles Geld abgenommen, aber während ich die wenigen Habseligkeiten durchkramte, die ich noch darin hatte (ein Wolltuch, das Stück Wetzstein und ein Ölkännchen für Terminus Est; einen Kamm und das braune Buch für mich selbst), erspähte ich eine Münze, die zwischen den grünen Platten zu meinen Füßen steckte. Nach kurzem Hantieren konnte ich sie herausziehen – einen Asimi, der so abgegriffen war, daß von der Prägung kaum noch etwas übrigblieb. Einen Wunsch flüsternd, warf ich ihn mitten in den Brunnen. Ein Strudel erfaßte ihn dort und schleuderte ihn himmelwärts, so daß er einen Moment lang aufblitzte und versank. Ich deutete nun die Symbole, die das Wasser vor der Sonne bildete.