Die Klaue des Schlichters [The Claw of the Conciliator - de]
- Автор: Вулф Джин Родман
- Серия: Das Buch der Neuen Sonne #2
- Год: 1984
- Язык: немецкий
- Год: Wilhelm Heyne
- ISBN: 3-453-31009-8
- Переводчик: Reinhard Heinz
- Жанр: Фэнтези
Электронная книга - «Die Klaue des Schlichters [The Claw of the Conciliator - de]». Краткое содержание книги:
»Ich sehe«, sagte ich, und ich sah es tatsächlich. Während er sprach, war dieser schiefe Raum, den mein ausschließlich an übliche gewöhnter Verstand mir als normales Zimmer vorgegaukelt hatte, zu dem geworden, was er war: ein Raum mit schräger, trapezförmiger Decke und trapezförmigem Boden. Selbst die Sessel gegenüber der Wand hatten so wenig Tiefe, daß man kaum darin hätte sitzen können; die Tische waren nicht breiter als Bretter.
»Solche zusammenlaufenden Linien verleiten das Auge, es als Bild zu sehen«, führte der Mann in der gelben Robe weiter aus. »Begegnet es ihnen in Wirklichkeit – mit wenig tatsächlicher Tiefe und der zusätzlichen künstlichen Atmosphäre von monochromatischem Licht, gewinnt es den Eindruck, wiederum nur ein Bild vor sich zu haben, insbesondere wenn es durch eine lange Reihe echter Gemälde vorbelastet ist. Dein Eindringen mit dieser großen Waffe bewirkte das Emporsteigen einer echten Wand hinter dir, damit du eingeschlossen wärest, bis man dich überprüft hätte. Es erübrigt sich wohl zu sagen, daß die andere Seite mit dem Bild, das du zu sehen geglaubt hast, bemalt ist.«
Ich war verblüffter denn je. »Aber wie wußte denn das Zimmer, daß ich ein Schwert mitführte?«
»Das ist so kompliziert, daß ich es nicht richtig erklären kann … viel komplizierter als dieses dürftige Zimmer. Ich kann nur sagen, der Eingang ist mit Metalldrähten belegt, und diese wissen, wenn andere Metalle, ihre Brüder und Schwestern, in ihren Kreis treten.«
»Habt Ihr all das gemacht?«
»O nein. All diese Dinge …« Er machte eine Pause. »Und hundert mehr davon bilden das, was wir Zweites Haus nennen. Sie sind das Werk von Vater Inire, der vom ersten Autarchen dazu berufen worden ist, innerhalb der Mauern des Hauses Absolut einen Geheimpalast zu schaffen. Du oder ich, mein Sohn, hätten gewiß bloß eine Flucht verborgener Zimmer gebaut. Er richtete es so ein, daß das geheime Haus und das öffentlich zugängliche räumlich nebeneinander existierten.«
»Aber du bist nicht er«, sagte ich. »Denn nun weiß ich, wer du bist! Erkennst du mich wieder?« Ich zog meine Maske ab, damit er mein Gesicht sehen könnte.
Lächelnd antwortete er: »Du bist nur einmal gekommen. Die Khaibit gefiel dir also nicht?«
»Sie gefiel mir weniger als die Frau, für die sie sich ausgab – oder besser, ich liebte die andere mehr. Heut’ nacht habe ich einen Freund verloren, dennoch treffe ich lauter alte Bekannte. Darf ich fragen, was dich von deinem Azurnen Haus hierherführt? Bist du zum Thiasus bestellt? Ich bin vorhin einer deiner Damen begegnet.«
Er nickte geistesabwesend. Ein merkwürdiger schiefer Spiegel an einer Seite des seltsamen, flachen Raumes warf sein Profil zurück, das fein wie eine Kamee geschnitten war, woraus ich schloß, daß er ein Zwitter sein mußte. Mitleid überkam mich, gepaart mit einem Gefühl der Hilflosigkeit, als ich mir vorstellte, wie er Nacht für Nacht Männern die Tür zu seinem Etablissement im Algedonischen Viertel öffnen mußte. »Ja«, sagte er. »Ich bleibe für die Dauer des Festes und gehe wieder.«
Meine Gedanken drehten sich um das Bild, das mir Rudesind draußen im Korridor gezeigt hatte, und ich versetzte: »Dann kannst du mir sagen, wo der Garten ist.«
Ich spürte sofort, daß er sich, wohl zum ersten Mal seit Jahren, überrumpelt fühlte. Ein gequälter Zug trat in seine Augen, und seine Linke bewegte sich (wenn auch nur ein Stückchen weit) zur Phiole an seinem Hals. »Du hast also davon erfahren …«, erwiderte er. »Selbst wenn ich den Weg wüßte, warum sollte ich ihn dir vorenthalten? Viele werden zu fliehen suchen, wenn die pelagische Argosie Land sieht.«
XXI
Hydromantie
Mehrere Sekunden waren verstrichen, ehe ich ganz verstand, was der Androgyne gesagt hatte. Dann stieg aus meiner Erinnerung der süßlichwiderliche Duft von Theclas gebratenem Fleisch in meine Nase, und mir war, als spürte ich die Unrast des Laubes um mich herum. Unter dem Druck der Umstände die Nutzlosigkeit aller Vorsicht in einem solchen mit Täuschungen gespickten Zimmer mißachtend, blickte ich mich um, um mich zu vergewissern, daß uns niemand belauschte, stellte jedoch fest, daß ich unwillkürlich (denn eigentlich wollte ich ihn aushorchen, ehe ich meine Verbindung zu Vodalus offenbarte) den messerförmigen Stahl aus dem innersten Fach meiner Gürteltasche gezogen hatte.
Der Androgyne lächelte. »Ich hab’ mir gedacht, daß du derjenige wärst. Seit Tagen habe ich dich erwartet und den alten Mann draußen und viele andere angewiesen, vielversprechende Fremde zu mir zu bringen.«
»Ich wurde eingesperrt ins Vorzimmer«, erklärte ich. »So verlor ich Zeit.«
»Aber du bist entkommen, wie ich sehe. Du wärst wohl kaum freigelassen worden, ehe meine Männer es durchsucht hätten. Um so besser – es bleibt nicht mehr viel Zeit … die drei Tage des Thiasus, dann muß ich aufbrechen. Komm, und ich zeig’ dir den Weg zum Garten, obschon ich mir keineswegs sicher bin, daß man dir auch Zutritt gewährt!«
Er öffnete die Tür, durch die er gekommen war, und ich bemerkte nun, daß sie nicht ganz rechteckig war. Das Zimmer, das sich dahinter anschloß, war kaum größer als jenes, das wir verlassen hatten, aber seine Winkel wirkten normal, und es wies eine prächtige Ausstattung auf.
»Wenigstens bist du an die richtige Stelle des Geheimen Hauses gekommen«, sagte der Androgyne. »Sonst hätten wir einen langen Gang antreten müssen. Und nun entschuldige mich, bis ich die Nachricht, die du überbracht hast, gelesen habe.«
Er schritt zu einem Tisch mit einer gläsernen Platte, wie ich zunächst vermutet hatte, und legte den Stahl darunter auf ein Brettchen. Sogleich ging ein Licht an und leuchtete vom Glas hinunter, obwohl darüber keine Lampe brannte. Der Stahl wuchs bis zu Schwertgröße, und seine Riefen anstelle bloßer Furchen zum Feuerschlagen mit einem Flint wurden, wie ich sah, fließende Schriftzeilen.
»Tritt zurück!« forderte mich der Androgyne auf. »Wenn du es noch nicht gelesen hast, darfst du es auch jetzt nicht lesen.«
Ich tat, was er verlangte, und beobachtete, wie er sich eine Weile über den kleinen Riegel beugte, den ich von Vodalus’ Lichtung mitgebracht hatte. Schließlich sagte er: »Es hilft also nichts … wir müssen auf zwei Seiten kämpfen. Aber damit hast du nichts zu schaffen. Siehst du diesen Kabinettschrank mit der Eklipsenschnitzerei in der Tür? Öffne ihn und hebe das Buch, das du dort findest, heraus. Hier, du kannst es auf diesen Ständer stellen.«
Obschon ich befürchtete, das könnte eine Falle sein, öffnete ich den Kabinettschrank, den er bezeichnet hatte. Er barg ein einziges monströses Buch – fast so hoch wie ich und gut zwei Ellen breit – das mit dem Deckel aus gesprenkeltem, blaugrünem Leder mir zugewandt stand wie ein Leichnam, hätte ich den Deckel eines aufgerichteten Sarges geöffnet. Nachdem ich mein Schwert in die Scheide gesteckt hatte, ergriff ich diesen gewaltigen Band mit beiden Händen und stellte ihn in den Ständer. Der Androgyne fragte, ob ich es schon einmal gesehen hätte, was ich verneinte.
»Du hast ein erschrockenes Gesicht gemacht, beim Tragen versucht – so ist es mir vorgekommen – das Gesicht abzuwenden.« Beim Sprechen klappte er den Deckel auf. Die somit freigelegte erste Seite trug rote Schriftzeichen, die mir fremd waren. »Dies ist eine Warnung für jene, die den Weg suchen«, sagte er. »Soll ich sie dir vorlesen?«
»Es war mir, als hätt’ ich auf dem Leder einen toten Mann gesehen, und der war ich«, platzte ich heraus.
Er schloß den Deckel wieder und strich mit der Hand darüber. »Diese schillernden Farben sind nur das Werk früher Künstler … Die Linien und Zeichnungen darunter nur die Schrammen der geplagten Tierhäute, die Narben von Haken und Peitschen. Aber wenn du dich fürchtest, brauchst du nicht zu gehen.«