Die Klaue des Schlichters [The Claw of the Conciliator - de]
- Автор: Вулф Джин Родман
- Серия: Das Buch der Neuen Sonne #2
- Год: 1984
- Язык: немецкий
- Год: Wilhelm Heyne
- ISBN: 3-453-31009-8
- Переводчик: Reinhard Heinz
- Жанр: Фэнтези
Электронная книга - «Die Klaue des Schlichters [The Claw of the Conciliator - de]». Краткое содержание книги:
»Ja, erinnerst du dich nicht mehr?«
Er schüttelte behäbig den Kopf mit dem struppigen, angegrauten schwarzen Haar. »Ich erwachte eines Morgens, und du warst da. Ich dachte nach. Bald gingst du wieder von mir.«
»Es waren andere Umstände – und wir hatten uns für einen Treffpunkt verabredet.« (Ich bekam Gewissensbisse, als mir einfiel, daß ich nicht daran gedacht hatte, dieses Versprechen einzuhalten.)
»Wir haben uns wiedergetroffen«, sagte Baldanders schwerfällig. Als er sah, daß mir diese Antwort nicht genügt, fügte er hinzu: »Für mich ist alles unwirklich hier bis auf Dr. Talos.«
»Deine Ergebenheit ist sehr lobenswert, aber du hättest bedenken sollen, daß er mich genauso bei sich wollte wie dich.« Es war mir unmöglich, auf diesen einfältigen, sanften Riesen ärgerlich zu sein.
»Wir werden hier im Süden Geld sammeln, um das Erbaute wiederaufzubauen, wenn sie vergessen haben.« »Wir sind hier im Norden. Aber richtig, euer Haus wurde zerstört, nicht wahr?«
»Niedergebrannt«, antwortete Baldanders. Fast sah ich in seinen Augen die sich spiegelnden Flammen. »Bedauere, wenn dir etwas zugestoßen ist. Ich habe die ganze Zeit nur an die Burg und meine Arbeit gedacht.«
Ich ließ ihn zurück und inspizierte die Requisiten unseres Theaters – nicht daß sie das nötig zu haben schienen oder ich in der Lage gewesen wäre, dies bis auf die offensichtlichsten Mängel überhaupt festzustellen. Es hatte sich eine Traube von Schaustellern um Jolenta gebildet, und Dr. Talos verjagte die Gaffer und hieß Jolenta ins Zelt gehen. Kurz darauf hörte ich das Klatschen seines Stockes auf Fleisch; grinsend, aber noch mißmutig, kam er wieder heraus. »Sie kann nichts dafür«, sagte ich. »Du weißt, wie sie aussieht.«
»Zu protzig. Viel zu protzig. Weißt du, was mir an dir gefällt, Severian? Du gibst Dorcas den Vorzug. Wo ist sie übrigens? Hast du sie seit deiner Rückkehr gesehen?«
»Ich warne dich, Doktor. Daß du sie mir nicht schlägst.«
»Ich würde nicht daran denken. Ich habe nur Angst, daß sie sich verirrt.«
Sein erstaunter Gesichtsausdruck überzeugte mich davon, daß es sein Ernst war. Ich erklärte: »Wir haben nur einen Moment miteinander reden können. Sie ist zum Wasserholen gegangen.«
»Ganz schön mutig von ihr«, erwiderte er und fügte ob meiner verdutzten Miene hinzu: »Sie fürchtet sich davor. Das ist dir gewiß nicht entgangen. Sie ist reinlich, aber wenn sie sich wäscht, darf das Wasser nur fingertief sein; wenn wir Brücken überqueren, hält sie sich zitternd an Jolenta fest.«
Dorcas kam nun zurück, und falls der Doktor noch etwas sagte, hörte ich es nicht. Als sie und ich uns an diesem Morgen wiederbegegnet waren, konnte keiner von uns mehr tun, als zu lächeln und den anderen mit ungläubigen Händen anzufassen. Nun kam sie zu mir, stellte die Eimer, die sie trug, ab und schien mich mit ihren Augen zu verschlingen. »Ich habe dich so sehr vermißt«, begann sie. »Ich bin so einsam gewesen ohne dich.«
Ich lachte bei dem Gedanken, daß ich vermißt wurde, und hielt den Saum meines rußschwarzen Mantels empor. »Hast du das vermißt?«
»Den Tod, meinst du. Ob ich den Tod vermißte? Nein, dich hab’ ich vermißt.« Sie ergriff meinen Mantel und zog mich daran zu der Pappelreihe, die eine Wand des grünen Zimmers bildete. »Ich hab’ dort eine Bank gefunden, wo Kräuterbeete sind. Komm und setz dich zu mir! Sie können uns für eine Weile entbehren nach so vielen Tagen, und Jolenta wird schließlich herauskommen und das Wasser sehen, das sowieso für sie bestimmt ist.«
Sobald wir die geschäftige Zeltstadt, wo Gaukler ihre Messer und Akrobaten ihre Kinder durch die Luft warfen, hinter uns gelassen hatten, umschloß uns die Stille der Gartenanlagen. Diese sind vielleicht das größte Stück Land, das zur Verschönerung gedacht und zur Zierde bepflanzt ist, ausgenommen jene Wildnis, die der Garten des Increatus ist und von uns unsichtbaren Händen gehegt wird. Überhängende Hecken wölbten sich zu einem engen Durchlaß herab. Ein Hain mit weißen, duftenden Zweigen nahm uns auf, der mich in betrüblicher Weise an die blühenden Pflaumenbäume erinnerte, durch die Jonas und ich von den Prätorianern gezerrt worden waren, obschon jene wohl zum Schmuck gedacht waren, während diese wohl um der Früchte willen gezogen wurden. Dorcas hatte einen Zweig mit einem halben Dutzend Blüten abgebrochen und steckte ihn sich ins hellblonde Haar.
Hinter dem Obstgarten schloß sich ein Kräutergarten an, der so alt wirkte, daß er von allen bis auf die Bediensteten, die ihn pflegten, vergessen schien. In die Steinbank darin waren Häupter gemeißelt, die vom vielen Rasten fast ihre Gesichtszüge eingebüßt hatten. Des weiteren barg er Beete mit schlichten Blumen und mit duftenden Kräutern – Rosmarin, Angelika, Minze, Basilikum und Gartenraute, allesamt in einer Erde so braun wie Schokolade von den Mühen unzähliger Jahre.
Auch ein Bach entsprang darin, woraus Dorcas gewiß ihr Wasser geschöpft hatte. Seine Quelle war wohl einmal ein Springbrunnen gewesen – nun sprudelte das Naß in eine schlichte Steinschale, strömte über den Rand und schlängelte sich in kleinen, grob gemauerten Wässerungskanälen zu den Bäumen. Wir ließen uns auf der Steinbank nieder, ich lehnte mein Schwert dagegen, und Dorcas ergriff meine Hände.
»Ich habe Angst, Severian«, sagte sie. »Ich habe so schreckliche Träume.«
»Seit ich fort gewesen bin?«
»Die ganze Zeit.«
»Als wir Seite an Seite auf dem Feld schliefen, erzähltest du mir, aus einem schönen Traum erwacht zu sein. Du sagtest, er sei sehr genau und wie echt gewesen.«
»Wenn er schön gewesen ist, so hab’ ich’s vergessen.«
Mir war bereits aufgefallen, daß sie das aus dem verfallenen Brunnen quellende Wasser mit den Blicken mied.
»Jede Nacht träumte ich, durch Straßen mit Läden zu gehen. Ich bin glücklich, zumindest zufrieden. Ich habe Geld und eine lange Liste von Dingen, die ich damit kaufen will, im Kopf. Immer wieder sage ich in Gedanken diese Liste auf und überlege, in welchem Teil des Viertels ich die einzelnen Sachen in bester Qualität zum niedrigsten Preis bekommen kann.
Aber während ich von Laden zu Laden streife, wird mir allmählich bewußt, daß mich jeder haßt und verachtet, und ich erkenne als Ursache, daß sie mich für einen unreinen Geist halten, der in den Frauenleib gefahren ist, den sie vor sich sehen. Schließlich betrete ich ein winziges Geschäft, das ein alter Mann und eine alte Frau betreiben. Sie sitzt häkelnd darin, während er ihre Waren auf dem Ladentisch für mich ausbreitet. Ich höre hinter mir das Garn rascheln, das sie verknüpft.«
Ich fragte: »Was willst du kaufen?«
»Kleidchen.« Dorcas hielt ihre weißen Händchen eine halbe Spanne auseinander. »Puppenkleidchen, vielleicht. Ich erinnere mich insbesondere an kleine Hemdchen aus feiner Wolle. Schließlich entscheide ich mich für eins und gebe dem alten Mann Geld. Aber es ist gar kein Geld – nur ein Klumpen Dreck.«
Ihre Schultern bebten, und ich legte tröstend den Arm um sie.
»Dann will ich schreien, daß sie irren, daß ich nicht das widrige Gespenst bin, für das sie mich halten. Doch ich weiß, was immer ich tue, wird als letzter Beweis dafür ausgelegt, daß sie recht haben, und die Silben ersticken mir im Halse. Am allerschlimmsten, ist, daß in diesem Moment das Knistern des Garnes aufhört.« Sie hatte wieder meine freie Hand ergriffen und drückte sie nun, als wollte sie mir ihre Worte gewaltsam einschärfen. »Ich weiß, mich kann keiner verstehen, der nicht den gleichen Traum gehabt hat, aber es ist schrecklich. Schrecklich!«
»Vielleicht werden jetzt, da ich wieder bei dir bin, diese Träume aufhören.«
»Und dann schlafe ich oder sinke wenigstens in eine Schwärze. Wenn ich nicht wach werde, folgt ein zweiter Traum. Ich sitze in einem Boot und werde über einen gespenstischen See gestakt …«
»Zumindest das ist mir nicht schleierhaft«, sagte ich. »Du bist mit Agia und mir in einem solchen Boot gefahren. Es hat einem Mann namens Hildegrin gehört. Du wirst dich gewiß daran erinnern.«