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Krieg und Frieden

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Krieg und Frieden
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»Ja, mit einem solchen Mann sich zu unterhalten, das ist ein Vergnügen«, sagte er. »Das ist eine andere Sache, wie wenn man unsere Leute hier aus der Provinz vor sich hat.«

In Orjol wohnten einige gefangene französische Offiziere, und der Arzt brachte einen von ihnen, einen jungen Italiener, mit sich zu Pierre.

Dieser Offizier kam von da an häufig zu Pierre, und die Prinzessin mußte oft über die zärtlichen Gefühle lachen, die der Italiener für Pierre an den Tag legte. Der Italiener fühlte sich offenbar nur dann glücklich, wenn er zu Pierre kommen und sich mit ihm unterhalten und ihm von seiner Vergangenheit, von seinem häuslichen Leben und von seiner Zuneigung zu ihm erzählen und ihm gegenüber seiner Erbitterung gegen die Franzosen und speziell gegen Napoleon freien Lauf lassen konnte.

»Wenn alle Russen Ihnen auch nur ein wenig ähnlich sind«, sagte er zu Pierre, »so ist es geradezu ein Frevel, mit einem Volk, wie das Ihrige, Krieg zu führen. Sie, die Sie so viel von den Franzosen erlitten haben, hegen nicht einmal einen Groll gegen diese Menschen.«

Und diese leidenschaftliche Zuneigung des Italieners hatte sich Pierre jetzt nur dadurch erworben, daß er in ihm die besseren Triebe seiner Seele angeregt und daran seine Freude gehabt hatte.

Gegen Ende von Pierres Aufenthalt in Orjol kam sein alter Bekannter, der Freimaurer Graf Willarski, zu ihm, derselbe Willarski, der ihn im Jahre 1807 in die Loge eingeführt hatte. Willarski war mit einer reichen Russin verheiratet, die große Güter im Gouvernement Orjol besaß, und bekleidete in der Stadt interimistisch ein Amt im Proviantwesen.

Als Willarski erfahren hatte, daß Besuchow in Orjol sei, kam er, obwohl er nie näher mit ihm bekannt gewesen war, zu ihm und ließ es nicht an jenen Freundschaftsbezeigungen fehlen, die gewöhnlich Menschen einander erweisen, welche sich in der Wüste treffen. Willarski langweilte sich in Orjol und war glücklich, wieder einmal mit einem Menschen aus seiner Sphäre und, wie er annahm, mit den gleichen Interessen zusammenzukommen.

Aber zu seiner Verwunderung bemerkte Willarski bald, daß Pierre dem, was er selbst für das wahre und echte Leben hielt, sehr fern stand und, wie er bei sich selbst Pierres Wesen charakterisierte, in Apathie und Egoismus versunken war.

»Sie vernachlässigen sich, lieber Freund«, sagte er zu ihm.

Trotzdem hatte Willarski an dem Umgang mit Pierre jetzt mehr Vergnügen als früher und besuchte ihn täglich. Für Pierre dagegen, wenn er Willarski ansah und ihm zuhörte, war es ein seltsamer, schwer faßlicher Gedanke, daß er selbst vor gar nicht so langer Zeit ein ebensolcher Mensch gewesen sein sollte.

Willarski war verheiratet, hatte Kinder und war durch die Verwaltung der Güter seiner Frau, durch seinen Dienst und durch die Sorge für seine Familie stark beschäftigt. Er war aber der Ansicht, daß alle diese Beschäftigungen nur Hindernisse für das wahre Leben und sämtlich nur geringwertig seien, weil sie nur auf sein und seiner Familie persönliches Wohl abzielten. Militärische, administrative, politische und freimaurerische Angelegenheiten nahmen beständig sein Interesse in hohem Grad in Anspruch. Pierre machte keinen Versuch, ihn von seiner Anschauung abzubringen, erlaubte sich auch nicht, ein tadelndes Urteil auszusprechen, sondern betrachtete mit seinem jetzt stets ruhigen, fröhlichen, etwas spöttischen Lächeln diesen seltsamen, ihm so wohlbekannten Typus.

In seinem Verkehr mit Willarski, mit der Prinzessin, mit dem Arzt und mit allen Leuten, mit denen er jetzt zu tun hatte, zeigte Pierre einen neuen Charakterzug, der ihm die Zuneigung aller erwarb: die Anerkennung der Berechtigung eines jeden Menschen, in seiner eigenen Weise zu denken, zu empfinden und die Dinge anzuschauen, und die Anerkennung der Unmöglichkeit, jemand durch Worte zu einer andern Überzeugung zu bringen. Diese berechtigte Eigentümlichkeit eines jeden Menschen, die früher auf Pierre die Wirkung gehabt hatte, ihn in Aufregung zu versetzen und gereizt zu machen, bildete jetzt die Grundlage des teilnehmenden Interesses, das er den Menschen zuwandte. Der mitunter geradezu diametrale Widerspruch, in welchem die Ansichten der Menschen mit ihrem Leben und untereinander standen, machte ihm Freude und rief bei ihm ein mildes, spöttisches Lächeln hervor.

In praktischen Dingen fühlte Pierre jetzt zu seiner Überraschung, daß er einen Schwerpunkt besaß, an dem es ihm früher gefehlt hatte. Früher hatte jede Geldangelegenheit, namentlich Bitten um Geld, die bei seinem großen Reichtum sehr oft an ihn gerichtet wurden, ihn in die schlimmste Aufregung und Ratlosigkeit versetzt. »Soll ich geben oder nicht?« hatte er sich in solchen Fällen gefragt. »Ich habe es, und er sagt, er brauche es nötig. Aber ein andrer sagt, er brauche es noch nötiger. Wer braucht es nun am nötigsten? Und vielleicht sind sie beide Betrüger?« Aus all solchen Zweifeln hatte er früher keinen Ausgang finden können und allen gegeben, solange er etwas zu geben hatte. Und in ganz ebensolchen Zweifeln hatte er sich früher bei jeder sein Vermögen betreffenden Frage befunden, wenn ihm der eine sagte, er müsse es so, und der andere, er müsse es anders machen.

Jetzt fand er zu seinem Erstaunen, daß es in all diesen Fragen keine Zweifel und Bedenken mehr für ihn gab. Es hatte jetzt in seinem Innern ein Richter seinen Sitz genommen, der nach gewissen, ihm selbst unbekannten Gesetzen entschied, was Pierre tun und nicht tun solle.

Er war in Geldsachen ebenso gleichgültig wie früher; aber jetzt wußte er mit unzweifelhafter Sicherheit, was er tun mußte und was nicht. Zum erstenmal funktionierte dieser neue Richter anläßlich der Bitte eines gefangenen französischen Obersten, der zu Pierre kam, ihm viel von seinen Heldentaten erzählte und zum Schluß die Bitte oder beinahe die Forderung an ihn richtete, ihm viertausend Francs zu geben, damit er sie seiner Frau und seinen Kindern schicken könne. Pierre schlug ihm dies ohne die geringste Mühe und Anstrengung ab und wunderte sich hinterdrein, wie einfach und leicht das vonstatten gegangen war, was ihm früher als eine unlösbar schwere Aufgabe erschienen war. Zu derselben Zeit aber, als er dem Obersten eine abschlägige Antwort gab, sagte er sich, er müsse notwendig eine List gebrauchen, um vor seiner Abreise aus Orjol den italienischen Offizier zu bewegen, Geld von ihm anzunehmen, dessen er augenscheinlich sehr bedürftig war.

Ein neuer Beweis dafür, daß sein Blick für praktische Dinge an Festigkeit gewonnen hatte, war ihm die Entscheidung, die er in der Frage der Schulden seiner Frau und in der Frage der Wiederherstellung oder Nichtwiederherstellung der Moskauer Häuser und der Landhäuser traf.

Der Oberadministrator war zu ihm nach Orjol gekommen, und Pierre hatte mit ihm eine allgemeine Berechnung seiner veränderten Einkünfte angestellt. Der Brand Moskaus hatte ihn nach dem ungefähren Überschlag des Oberadministrators etwa zwei Millionen Rubel gekostet.

Um diese Verluste wieder einzubringen, legte der Oberadministrator ihm einen Anschlag vor, bei welchem trotz dieser Verluste seine Einnahmen nicht abnehmen, sondern sogar steigen würden, wenn er es ablehne, die von der Gräfin hinterlassenen Schulden zu bezahlen, wozu er nicht verpflichtet sei, und wenn er darauf verzichte, die Moskauer Häuser und die Landhäuser wiederherzustellen, die ihn jährlich achtzigtausend Rubel kosteten und nichts einbrächten.

»Ja, ja, das ist richtig«, sagte Pierre, fröhlich lächelnd. »Ich brauche weder das eine noch das andere zu tun. Ich bin dann also durch die Zerstörung Moskaus bedeutend reicher geworden.«

Aber im Januar kam der Haushofmeister Saweljitsch aus Moskau, erzählte ihm von den Zuständen in Moskau und von einem Kostenvoranschlag, den ihm der Baumeister für die Wiederherstellung der Häuser und der Landhäuser gemacht hatte, und redete davon wie von einer entschiedenen Sache. Um dieselbe Zeit erhielt Pierre Briefe aus Petersburg von dem Fürsten Wasili und anderen Bekannten. In diesen Briefen war von den Schulden seiner Frau die Rede. Und Pierre gelangte zu der Überzeugung, daß der Plan, der ihm vom Oberadministrator vorgelegt war und der ihm so gut gefallen hatte, doch nicht das Richtige sei und daß er zur Erledigung der Angelegenheiten seiner Frau nach Petersburg fahren und in Moskau bauen müsse. Warum das notwendig sei, das wußte er nicht; aber er wußte mit aller Bestimmtheit, daß es notwendig sei. Seine Einnahmen verminderten sich infolge dieses Entschlusses um drei Viertel. Aber es war notwendig; das fühlte er.

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