Krieg und Frieden
- Автор: Толстой Лев Николаевич
- Язык: немецкий
- Переводчик: Hermann Roehl
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
»Ach, wie schön, wie herrlich!« sagte er zu sich, wenn man ihm den sauber gedeckten Tisch mit der appetitlich riechenden Bouillon heranrückte, oder wenn er sich am Abend in sein weiches, reines Bett legte, oder wenn er sich erinnerte, daß seine Frau und die Franzosen nicht mehr waren. »Ach, wie schön, wie herrlich!«
Und nach alter Gewohnheit stellte er sich die Frage: »Nun, und was jetzt? Was werde ich jetzt tun?« Und sogleich gab er sich selbst die Antwort: »Nichts. Ich werde leben. Ach, wie herrlich!«
Das, womit er sich früher gequält hatte, was er beständig gesucht hatte, nämlich ein Lebensziel, existierte jetzt für ihn gar nicht. Nicht in dem Sinne, daß dieses gesuchte Lebensziel nur jetzt augenblicklich für ihn zufällig nicht existiert hätte, sondern er fühlte, daß es ein solches Lebensziel nicht gab und nicht geben konnte. Und gerade dieses Fehlen eines Lebenszieles verlieh ihm jenes volle, freudige Bewußtsein der Freiheit, das ihn jetzt beglückte. Er konnte kein Lebensziel haben, weil er jetzt den Glauben hatte, nicht den Glauben an irgendwelche Grundsätze oder Worte oder Ideen, sondern den Glauben an den lebendigen, stets zu fühlenden Gott. Vorher hatte er Ihn in Zielen gesucht, die er sich selbst gesetzt hatte. Dieses Suchen nach einem Ziel war nur ein Suchen nach Gott gewesen. Und plötzlich hatte er in seiner Gefangenschaft nicht durch Worte, nicht durch Vernunftschlüsse, sondern durch das unmittelbare Gefühl das erkannt, was ihm schon vor langer Zeit die Kinderfrau gesagt hatte, daß Gott hier und da und überall sei. Er hatte in der Gefangenschaft erkannt, daß Gott in Karatajew größer, unendlicher und unbegreiflicher sei als in dem Baumeister des Weltalls, von dem die Freimaurer redeten. Es war ihm zumute wie jemandem, der das, was er sucht, dicht neben sich vor seinen Füßen findet, nachdem er lange seine Sehkraft angestrengt hat, um in die Ferne zu blicken. Er hatte sein ganzes Leben lang hierhin und dorthin gespäht, über die Köpfe der ihn umgebenden Menschen weg, und das Richtige wäre gewesen, ohne besondere Anstrengung der Augen einfach vor sich hin zu schauen.
Er hatte es vorher nicht verstanden, in irgend etwas das Große, Unbegreifliche und Unendliche zu sehen. Er hatte nur gefühlt, daß es irgendwo sein müsse, und nach ihm gesucht. In allem Nahen, Begreiflichen hatte er nur das Begrenzte, Kleinliche, Irdische, Sinnlose gesehen. Er hatte sich mit einem geistigen Fernrohr bewaffnet und in die Ferne geschaut, dahin, wo dieses Kleinliche, Irdische, in den Nebel der Ferne gehüllt, ihm groß und unendlich erschien, nur weil es nicht deutlich sichtbar war. So war ihm das westeuropäische Leben, die Politik, die Freimaurerei, die Philosophie, die Philanthropie erschienen. Aber auch in jene Ferne war damals, in den Augenblicken, die er seine Schwäche nannte, sein Geist eingedrungen, und er hatte dort dasselbe Kleinliche, Irdische, Sinnlose gesehen. Jetzt aber hatte er gelernt, das Große, Ewige und Unendliche in allem zu sehen, und warf darum ganz natürlich, um es zu sehen und seinen Anblick zu genießen, jenes Fernrohr weg, durch das er bisher über die Köpfe der Menschen hinweggesehen hatte, und betrachtete freudig um sich herum das ewig sich verändernde, ewig große, unbegreifliche und unendliche Leben. Und in je größerer Nähe er sich die Gegenstände für sein Schauen wählte, um so ruhiger und glücklicher wurde er. Die furchtbare Frage nach dem Warum, die früher alle Bauwerke seines Verstandes zerstört hatte, existierte jetzt für ihn nicht mehr. Jetzt hatte er für diese Frage nach dem Warum in seiner Seele immer die einfache Antwort bereit: weil es einen Gott gibt, jenen Gott, ohne dessen Willen kein Haar von eines Menschen Haupt fällt.
XIV
Pierre hatte sich in seinem äußeren Wesen fast gar nicht verändert. Dem Anschein nach war er noch ganz derselbe, der er früher gewesen war. Ebenso wie früher war er zerstreut und schien sich nicht mit dem, was er vor Augen hatte, sondern mit etwas Eigenem, Besonderem zu beschäftigen. Der Unterschied zwischen seinem früheren und seinem jetzigen Zustand bestand darin, daß er früher, wenn er vergessen hatte, was vor ihm war oder was man zu ihm sagte, mit schmerzlich gerunzelter Stirn gleichsam den erfolglosen Versuch machte, etwas von ihm weit Entferntes zu erkennen. Jetzt dagegen war er zwar gleichfalls oft achtlos gegen das, was man ihm sagte und was vor ihm war; aber jetzt schaute er mit einem leisen, gewissermaßen spöttischen Lächeln das an, was vor ihm war, und hörte das an, was man ihm sagte, obwohl er offenbar etwas ganz anderes sah und hörte. Früher hatten ihn die Leute für einen zwar guten, aber unglücklichen Menschen angesehen und sich deshalb unwillkürlich von ihm ferngehalten; jetzt spielte beständig ein Lächeln der Lebensfreude um seinen Mund, und in seinen Augen leuchtete die Anteilnahme an dem Ergehen der andern und die Frage: »Seid ihr auch wohl ebenso zufrieden wie ich?« Und die Leute fühlten sich wohl im Verkehr mit ihm.
Früher hatte er viel geredet, war beim Reden heftig geworden und hatte wenig zugehört; jetzt ließ er sich nur selten durch das Gespräch hinreißen und verstand es, so zuzuhören, daß die Leute ihm gern ihre innersten Geheimnisse offenbarten.
Die Prinzessin, die ihn nie hatte leiden können und, seit sie sich ihm nach dem Tod des alten Grafen verpflichtet fühlte, eine besonders feindliche Gesinnung gegen ihn gehegt hatte, merkte zu ihrem Ärger und zu ihrer Verwunderung nach einem kurzen Aufenthalt in Orjol, wohin sie mit der Absicht gekommen war, ihm zu zeigen, daß sie es trotz seiner Undankbarkeit für ihre Pflicht halte, ihn zu pflegen – die Prinzessin merkte bald, daß sie ihn gern hatte. Pierre bemühte sich in keiner Weise um die Zuneigung der Prinzessin. Er betrachtete sie nur mit einem neugierigen Interesse. Früher hatte die Prinzessin die Empfindung gehabt, daß in dem Blick, mit dem er sie ansah, Gleichgültigkeit und Spott lägen, und sie hatte, wie anderen Leuten gegenüber, so auch ihm gegenüber eine Verteidigungsstellung angenommen und nur die streitbare Seite ihres Wesens herausgekehrt; jetzt dagegen fühlte sie, daß er sich sozusagen bis zu den innersten Partien ihres Seelenlebens durchgegraben hatte, und so zeigte sie ihm denn, anfangs noch mit Mißtrauen, dann aber mit wirklicher Dankbarkeit, die verborgenen guten Seiten ihres Charakters.
Der listigste Mensch hätte sich nicht geschickter in das Vertrauen der Prinzessin einstehlen können, als es Pierre dadurch tat, daß er die Erinnerungen an die beste Zeit ihrer Jugend bei ihr wachrief und eine freundliche Teilnahme dafür bekundete. Und doch bestand Pierres ganze List nur darin, daß er sein eigenes Vergnügen suchte, indem er in der verbitterten, vertrockneten und in ihrer Art hochmütigen Prinzessin menschliche Empfindungen weckte.
»Ja, er ist ein sehr, sehr braver Mensch, wenn er sich unter dem Einfluß guter Menschen befindet, solcher Menschen wie ich«, sagte die Prinzessin zu sich selbst.
Die Veränderung, die mit Pierre vorgegangen war, beobachteten in ihrer Weise auch seine Diener Terenti und Wasili. Sie fanden, daß er weit leutseliger geworden sei. Wenn Terenti seinem Herrn beim Auskleiden behilflich gewesen war und ihm gute Nacht gewünscht hatte, so zögerte er oft mit dem Hinausgehen, blieb mit den Stiefeln und Kleidern in der Hand stehen und wartete, ob sich der Herr nicht in ein Gespräch mit ihm einlassen wollte. Und meist hielt Pierre ihn noch zurück, wenn er merkte, daß Terenti Lust hatte, noch ein wenig zu reden.
»Na, sag doch mal …, ja, sag mal, wie habt ihr euch denn eigentlich Essen beschafft?« fragte er dann wohl.
Und dann begann Terenti eine Erzählung von der Zerstörung Moskaus und von dem seligen Grafen und stand lange mit den Kleidern da und redete und redete; manchmal hörte er auch an, was Pierre erzählte, und ging dann mit dem angenehmen Bewußtsein, daß der Herr ihm nahestehe und ihm freundlich gesinnt sei, ins Vorzimmer hinaus.
Der Arzt, welcher Pierre behandelte und ihn täglich besuchte, hielt es zwar, wie das für Ärzte obligatorisch ist, für seine Pflicht, sich den Anschein zu geben, als sei ihm jede Minute um der leidenden Menschheit willen kostbar, saß aber trotzdem stundenlang bei Pierre und erzählte ihm seine Lieblingsgeschichten und seine Beobachtungen über das Benehmen der Kranken im allgemeinen und der Damen im besonderen.