Krieg und Frieden
- Автор: Толстой Лев Николаевич
- Язык: немецкий
- Переводчик: Hermann Roehl
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
»Trinken Sie ein Gläschen Branntwein, Graf?« sagte Prinzessin Marja, und diese Worte verscheuchten mit einemmal die Schatten der Vergangenheit. »Erzählen Sie uns doch etwas von sich«, fuhr sie fort. »Die Leute erzählen ja über Sie die unglaublichsten Wundergeschichten.«
»Ja«, erwiderte Pierre mit jenem mild spöttischen Lächeln, das ihm jetzt zur Gewohnheit geworden war. »Sogar mir selbst erzählen die Leute über mich Wundergeschichten, von denen ich mir nicht einmal etwas habe träumen lassen. Marja Abramowna hat mich zu sich eingeladen und mir in einem fort erzählt, was mir begegnet sei oder hätte begegnen sollen. Stepan Stepanowitsch hat mich ebenfalls belehrt, und zwar über die Art, wie ich erzählen müsse. Überhaupt habe ich bemerkt, daß es eine sehr gemächliche Situation ist, ein interessanter Mensch zu sein (ich bin nämlich jetzt ein interessanter Mensch): man lädt mich ein und erzählt mir etwas.«
Natascha lächelte und wollte etwas sagen; aber die Prinzessin ließ sie nicht zu Wort kommen.
»Es ist uns erzählt worden«, sagte Prinzessin Marja, »Sie hätten in Moskau zwei Millionen Rubel verloren. Ist das wahr?«
»Ich bin vielmehr dreimal so reich geworden«, antwortete Pierre.
Obgleich die Schulden seiner Frau und die Notwendigkeit zu bauen seine Verhältnisse geändert hatten, so fuhr Pierre doch fort, auseinanderzusetzen, daß er dreimal so reich geworden sei.
»Daß ich gewonnen habe, ist zweifellos«, sagte er. »So gleich die Freiheit …«, begann er ganz ernst; aber er änderte seine Absicht und fuhr nicht fort, da es ihm vorkam, als sei dieses Gesprächsthema doch gar zu egoistisch.
»Sie bauen?«
»Ja, Saweljitsch will es so.«
»Sagen Sie doch: Sie wußten noch nichts von dem Tod der Gräfin, als Sie hier in Moskau blieben?« sagte Prinzessin Marja, errötete aber in demselben Augenblick, da sie sich bewußt wurde, daß, indem sie diese Frage so unmittelbar nach seiner Bemerkung über die von ihm wiedererlangte Freiheit an ihn richtete, sie seinen Worten einen Sinn beilegte, den sie vielleicht nicht hatten.
»Nein«, antwortete Pierre, den offenbar die Deutung nicht genierte, welche Prinzessin Marja dem gab, was er von seiner Freiheit gesagt hatte. »Ich erfuhr es in Orjol, und Sie können sich gar nicht vorstellen, einen wie starken Eindruck diese Nachricht auf mich machte. Wir waren keine musterhaften Gatten«, fügte er schnell hinzu, als er Natascha ansah und auf ihrem Gesicht eine neugierige Spannung bemerkte, wie er sich wohl über seine Frau äußern werde; »aber dieser Todesfall hat mich tief erschüttert. Wenn zwei Menschen miteinander in Zwietracht leben, tragen sie immer beide schuld daran. Und die eigene Schuld bekommt auf einmal ein furchtbares Gewicht, wenn der andere nicht mehr lebt. Und dann, ein solcher Tod … ohne Freunde, ohne Tröstung. Sie tut mir sehr, sehr leid«, schloß er und nahm mit Genuß eine freudige Zustimmung auf Nataschas Gesicht wahr.
»Ja, da sind Sie ja wieder Junggeselle und ein Heiratskandidat«, sagte Prinzessin Marja.
Pierre wurde plötzlich dunkelrot und bemühte sich lange Zeit, Natascha nicht anzusehen. Als er sich endlich wieder dazu entschloß, war ihr Gesicht kalt, streng und sogar, wie es ihm vorkam, verächtlich.
»Aber Sie haben doch wirklich Napoleon gesehen und mit ihm gesprochen, wie man uns erzählt hat?« fragte Prinzessin Marja.
Pierre lachte auf.
»Kein einziges Mal, niemals. Alle Leute bilden sich immer ein, gefangensein wäre dasselbe wie bei Napoleon zu Besuch sein. Ich habe ihn nicht gesehen, ja nicht einmal etwas von ihm gehört. Ich war in weit schlechterer Gesellschaft.«
Das Abendessen war beendet, und Pierre, der anfangs nicht hatte von seiner Gefangenschaft erzählen mögen, geriet nun doch allmählich ins Erzählen hinein.
»Aber das ist doch richtig, daß Sie hierblieben, um Napoleon zu töten?« fragte ihn Natascha mit leisem Lächeln. »Ich habe es mir damals gleich gedacht, als wir Sie beim Sucharew-Turm trafen; besinnen Sie sich?«
Pierre gestand, daß das richtig sei, und von dieser Frage an ließ er sich, durch weitere Fragen der Prinzessin Marja und namentlich Nataschas geleitet, allmählich und unvermerkt dazu bringen, eingehende Mitteilungen über seine Erlebnisse zu machen.
Anfangs erzählte er mit jener mild spöttischen Anschauungsweise, die er jetzt für die Menschen und insonderheit für sich selbst an sich hatte; als er aber dann zu der Schilderung der Greuel und Leiden kam, die er mitangesehen hatte, wurde er, ohne es selbst zu merken, warm und sprach mit der verhaltenen Erregung eines Menschen, der starke Eindrücke in der Erinnerung noch einmal durchlebt.
Prinzessin Marja blickte mit mildem Lächeln bald auf Pierre, bald auf Natascha. Sie sah in dieser ganzen Erzählung nur Pierre und seine Herzensgüte. Natascha hatte den Kopf in die Hand gestützt und folgte, ohne sich auch nur einen Augenblick ablenken zu lassen, der Erzählung Pierres, wobei ihr Gesichtsausdruck sich beständig im Einklang mit dem Gehörten änderte; sie durchlebte offenbar mit ihm in Gedanken alles, was er erzählte. Nicht nur ihr Blick, sondern auch ihre Ausrufe und die kurzen Fragen, die sie stellte, zeigten Pierre, daß sie aus dem, was er erzählte, gerade das heraushörte, was er sagen wollte. Augenscheinlich verstand sie nicht nur das, was er erzählte, sondern auch das, was er mit Worten gern ausgedrückt hätte, ohne es doch zu können. Sein Erlebnis mit dem kleinen Kind und der jungen Frau, bei dem er gefangengenommen worden, erzählte Pierre folgendermaßen: »Es war ein schreckliches Schauspieclass="underline" verlassene Kinder, manche im Feuer … In meiner Gegenwart wurde ein Kind gerettet … Frauen, denen Plünderer ihre Sachen raubten, den Schmuck vom Hals rissen …« Pierre errötete und stockte. »Da kam eine Patrouille und arretierte alle Männer, die nicht zu den Plünderern gehörten, auch mich.«
»Sie erzählen gewiß nicht alles; Sie haben gewiß etwas getan …«, sagte Natascha und schwieg einen Augenblick, »etwas Gutes.«
Pierre erzählte weiter. Bei der Schilderung der Hinrichtung wollte er über die furchtbaren Einzelheiten hinweggehen; aber Natascha verlangte, er solle nichts auslassen.
Pierre wollte anfangen von Karatajew zu erzählen (er war schon vom Tisch aufgestanden und ging auf und ab, wobei Natascha ihm mit den Augen folgte), hielt aber inne.
»Nein«, sagte er, »Sie können doch nicht begreifen, was ich von diesem närrischen Menschen, der nicht einmal lesen und schreiben konnte, alles gelernt habe.«
»Nicht doch, nicht doch, erzählen Sie nur«, sagte Natascha. »Wo ist er denn jetzt?«
»Er ist erschossen worden, fast vor meinen Augen.«
Und Pierre begann von der letzten Zeit ihres Rückzuges zu erzählen, von Karatajews Krankheit (seine Stimme zitterte hierbei fortwährend) und von seinem Tod.
Pierre erzählte seine Erlebnisse in einer Weise, wie er sie sich selbst noch nie in der Erinnerung wieder vergegenwärtigt hatte. Er fand jetzt in allem, was er durchlebt hatte, gewissermaßen einen neuen Sinn. Jetzt, wo er dies alles Natascha erzählte, empfand er jenen seltenen Genuß, welchen Frauen durch die Art ihres Zuhörens einem Mann gewähren können, nicht die sogenannten geistreichen Frauen, deren Streben beim Zuhören entweder danach geht, sich das Gehörte einzuprägen, um ihren Verstand zu bereichern und dasselbe bei Gelegenheit wieder vorzubringen, oder danach, das Erzählte gegen ihren eigenen geistigen Besitz zu halten und so schnell wie möglich kluge Äußerungen darüber von sich zu geben, die sie sich in ihrer kleinen Verstandeswirtschaft zurechtmachen; sondern Pierre empfand den Genuß, welchen echte Frauen gewähren können, Frauen, die mit der Fähigkeit begabt sind, das Beste, was in den Darlegungen eines Mannes enthalten ist, herauszufinden und in sich aufzunehmen. Natascha war, ohne sich dessen selbst bewußt zu sein, ganz Ohr: es entging ihr kein Wort, kein Schwanken der Stimme, kein Blick, kein Zucken eines Gesichtsmuskels, keine Handbewegung Pierres. Im Flug fing sie das kaum ausgesprochene Wort auf und trug es geradewegs in ihr geöffnetes Herz; sie erriet den geheimen Sinn der ganzen seelischen Arbeit Pierres.