Krieg und Frieden
- Автор: Толстой Лев Николаевич
- Язык: немецкий
- Переводчик: Hermann Roehl
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Die Unzufriedenheit des Kaisers mit Kutusow wuchs in Wilna noch namentlich dadurch, daß Kutusow die Bedeutung des bevorstehenden Feldzuges offenbar nicht begreifen wollte oder nicht begreifen konnte.
Als am Vormittag des folgenden Tages der Kaiser zu den bei ihm versammelten Offizieren die Äußerung tat: »Sie haben nicht nur Rußland gerettet, Sie haben Europa gerettet«, da sagten sich bereits alle, daß der Krieg noch nicht beendet war.
Kutusow war der einzige, der das nicht begreifen wollte; er sprach offen seine Meinung dahin aus, ein neuer Krieg könne Rußlands Lage nicht verbessern und seinen Ruhm nicht erhöhen; er könne nur seine Lage verschlechtern und es von der hohen Stufe des Ruhmes herabziehen, auf der es jetzt stehe. Er bemühte sich, dem Kaiser die Unmöglichkeit der Aufbringung neuer Truppen zu beweisen; er sprach von der schwierigen Lage der Bevölkerung, von der Möglichkeit eines Mißerfolges usw.
Bei solcher Denkart erschien der Feldmarschall naturgemäß nur als Hindernis und Hemmschuh für den bevorstehenden Krieg.
Zur Vermeidung von Zusammenstößen mit dem Alten fand sich von selbst ein Ausweg, der darin bestand, daß, wie bei Austerlitz und wie es am Anfang des Feldzuges mit Barclay geschehen war, dem Oberkommandierenden, ohne ihn durch einen Gewaltakt in Aufregung zu versetzen und ohne ihm darüber eine Erklärung zu geben, der Boden der Befehlsgewalt, auf dem er stand, unter den Füßen weggezogen und diese Befehlsgewalt dem Kaiser selbst übertragen wurde.
Zu diesem Zweck wurde der Stab allmählich umgestaltet, die ganze sachliche Bedeutung des Kutusowschen Stabes auf ein Nichts reduziert und auf den Kaiser übertragen. Toll, Konownizyn und Jermolow erhielten andere Stellungen. Alle sagten laut, der Feldmarschall sei recht schwach geworden und seine Gesundheit zerrüttet.
Seine Gesundheit mußte schwach sein, damit man seine Stelle dem geben konnte, der ihn ersetzen sollte. Und seine Gesundheit war auch wirklich schwach.
Wie es sich ganz natürlich und einfach und allmählich gemacht hatte, daß Kutusow aus der Türkei nach Petersburg in den Kameralhof gekommen war, um die Landwehr zu organisieren, und dann zur Armee, gerade in dem Augenblick, als er dort notwendig war, genau ebenso natürlich, allmählich und einfach machte es sich jetzt, wo Kutusows Rolle ausgespielt war, daß an seinen Platz ein neuer Mann trat, ein Mann, wie ihn die Zeit verlangte.
Der Krieg von 1812 sollte außer seiner nationalen, jedem russischen Herzen teuren Bedeutung auch noch eine andere, europäische Bedeutung haben.
Der Bewegung der Völker von Westen nach Osten sollte eine Bewegung der Völker von Osten nach Westen folgen, und für diesen neuen Krieg war ein neuer Feldherr erforderlich, der andere Eigenschaften und Anschauungen besaß als Kutusow und sich von anderen Beweggründen leiten ließ.
Alexander I. war für die Bewegung der Völker vom Osten nach dem Westen und für die Wiederherstellung der Grenzen der Reiche ebenso notwendig, wie Kutusow für die Rettung und den Ruhm Rußlands notwendig gewesen war.
Kutusow hatte kein Verständnis für die Bedeutung der Worte: Europa, Gleichgewicht, Napoleon. Er konnte kein Verständnis dafür haben. Der Repräsentant des russischen Volkes, der Russe, hatte, nachdem der Feind vernichtet, Rußland befreit war und die höchste Stufe seines Ruhmes erreicht hatte, als Russe nichts mehr zu tun. Dem Repräsentanten des Nationalkrieges blieb nun nichts weiter übrig als zu sterben. Und er starb.
XIII
Pierre empfand, wie das meistens so zu gehen pflegt, die ganze Schwere der physischen Entbehrungen und Anstrengungen, die er in der Gefangenschaft durchgemacht hatte, erst, als diese Anstrengungen und Entbehrungen ein Ende genommen hatten. Nach seiner Befreiung aus der Gefangenschaft reiste er nach Orjol, wurde am dritten Tag nach seiner Ankunft, als er sich gerade anschickte, nach Kiew zu fahren, krank und mußte in Orjol drei Monate lang das Bett hüten; er hatte, wie die Ärzte sagten, das Gallenfieber. Trotzdem ihn die Ärzte behandelten, ihn zur Ader ließen und ihm allerlei Medizin zu trinken gaben, wurde er dennoch wieder gesund.
Alles, was ihm in der Zeit von seiner Befreiung bis zu seiner Krankheit begegnet war, hatte bei ihm fast gar keinen Eindruck zurückgelassen. Er erinnerte sich nur an das feuchte, trübe Wetter, bald mit Regen, bald mit Schnee, an eine innerliche physische Mattigkeit, einen Schmerz in den Beinen und in der Seite; er erinnerte sich an den allgemeinen Eindruck, den der Anblick so vielen menschlichen Unglücks und Leidens auf ihn gemacht hatte; er erinnerte sich an die ihm lästige Neugier der Offiziere und Generale, die ihn nach allerlei befragten, an die Mühe, die er gehabt hatte, einen Wagen und Pferde aufzutreiben, und ganz besonders erinnerte er sich an seine damalige Unfähigkeit zu denken und zu fühlen. Am Tage seiner Befreiung hatte er Petja Rostows Leiche gesehen. An demselben Tag hatte er erfahren, daß Fürst Andrei nach der Schlacht bei Borodino noch länger als einen Monat gelebt und erst kürzlich in Jaroslawl bei Rostows gestorben sei. An demselben Tag hatte Denisow, der ihm diese Nachricht mitgeteilt hatte, im Gespräch auch des Todes Helenens gedacht, von dem er voraussetzte, daß er Pierre schon längst bekannt sei. All dies war Pierre damals nur sonderbar erschienen; er hatte das Gefühl gehabt, daß er nicht imstande sei, die Bedeutung aller dieser Nachrichten zu begreifen. Er hatte sich damals beeilt, nur so schnell wie möglich aus den Gegenden, wo die Menschen einander töteten, wegzufahren nach irgendeinem stillen Zufluchtsort und dort seine Gedanken zu sammeln, sich zu erholen und all das Neue und Seltsame zu durchdenken, was er in dieser Zeit erfahren hatte. Aber sowie er nach Orjol gekommen war, war er krank geworden. Als er von seiner Krankheit wieder zur Besinnung kam, sah er zwei seiner Leute um sich, die aus Moskau gekommen waren, Terenti und Wasili, sowie die älteste Prinzessin, die in Jelez, auf einem Gut Pierres, wohnte und auf die Nachricht von seiner Befreiung und seiner Krankheit zu ihm gereist war, um ihn zu pflegen.
Während seiner Genesung entwöhnte sich Pierre nur allmählich von der ihm bereits zur Gewohnheit gewordenen Lebensweise der letzten Monate und gewöhnte sich wieder daran, daß ihn am Morgen niemand weitertrieb, daß ihm niemand sein warmes Bett wegnahm und daß ihm mit Sicherheit sein Mittagessen, sein Tee und sein Abendessen bevorstand. Aber im Traum sah er sich noch lange als Gefangenen mit jener ganzen Umgebung. Ebenso allmählich gelangte Pierre zum Verständnis jener Nachrichten, die er nach seiner Befreiung aus der Gefangenschaft erfahren hatte: vom Tod des Fürsten Andrei, vom Tod seiner Frau, von der Vernichtung der Franzosen.
Das frohe Gefühl der Freiheit, jener vollen, unentreißbaren, dem Menschen innewohnenden Freiheit, deren er sich zum erstenmal nach dem Ausmarsch aus Moskau am ersten Rastort bewußt geworden war, erfüllte Pierres Seele während seiner Rekonvaleszenz. Er wunderte sich darüber, daß diese innerliche, von äußeren Umständen unabhängige Freiheit sich jetzt wie zum Überfluß und zum Luxus noch mit einer äußerlichen Freiheit umgab. Er war allein in der fremden Stadt, ohne Bekannte. Niemand verlangte etwas von ihm; nirgends lud man ihn ein. Alles, was er wünschte, hatte er; der Gedanke an seine Frau, der ihn früher fortwährend gepeinigt hatte, war in seinem Kopf nicht mehr vorhanden, da auch sie selbst nicht mehr existierte.