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Kerker und Ketten

Электронная книга - «Kerker und Ketten». Краткое содержание книги:

Der Pfeifer und seine Freunde quälen sich in den Steinbrüchen von El Mengub. Schon haben sie den sicheren Tod vor Augen, da dürfen sie neue Hoffnung schöpfen: die Piratin Marina, in schmerzlicher Haßliebe an Michel Baum gekettet, versucht, die Gefangenen zu befreien. Doch bald wird sie selbst von Sklavenhändlern verschleppt, und nun ist es an Michel, sie zu suchen. Aber der Bej von Tunis hält ihn fest, und erst eine Palastrevolution schafft ganz neue Verhältnisse. Doch Marina bleibt verschwunden.
In buntbewegten Szenen wird die Welt des ausgehenden 18. Jahrhunderts gegenwärtig.
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»Ich habe schon kühne Reiter gesehen, die es aus sportlichen Gründen wagten. Wenn man ein leicht tretendes Pferd besitzt, dessen Hufe unbeschlagen sind, wenn man dazu ein sehr guter, ruhiger und vor allem schneller Reiter ist, darf man so etwas schon wagen. Es kann allerdings auch passieren, daß Roß und Reiter versinken. Wen die zähe Masse einmal gepackt hat, den läßt sie nicht mehr los.« »Na, dann lieber nicht«, grinste Ojo.

Ein starker Wind kam auf und riß den Reitern die Worte in Fetzen vom Munde, so daß die Unterhaltung bald einschlief.

Das Schott hatte eine Länge von etwa zehn Kilometern. Von Zeit zu Zeit verengte sich das Ufer durch von Norden nach Süden führende Bergvorsprünge. Je weiter sie sich der Mitte näherten, desto unübersichtlicher wurde die Gegend.

Der Wind trug Wolken vom Meer her über das Gebirge. Ojos Seemannsnase witterte bereits den Regen.

»Es dauert nicht mehr lange mit dem Sonnenschein«, brummte er unwillig. »Wir werden in ein paar Minuten naß bis auf die Haut sein.«

»Das ist nicht zu ändern«, lächelte Michel. »Und es ist auch nicht das erstemal, daß wir durchregnen. Ich glaube, wir werden uns daran gewöhnen müssen. Solange sich die Sonne überhaupt noch blicken läßt, haben wir wenigstens Hoffnung, daß wir auch wieder trocken werden.«

Der Wind wurde noch stärker.

Plötzlich verhielt der Pfeifer sein Pferd.

»Was ist los?« erkundigte sich ungeduldig Steve.

»Hast du das Gebirge im Auge behalten, Diaz?« wandte sich Michel an den spanischen Gefährten.

»No, Senor Doktor, habe in den Himmel geschaut. Werde wohl nie eine richtige Landratte werden.«

»Da«, rief Michel, »betrachte dir das vorspringende Bergmassiv vor uns genau. Wir müssen daran vorbei, wenn wir am Ufer des Schotts bleiben wollen.«

Ojos Augen suchten den Kamm ab, der hier nicht höher als vielleicht fünfzig Meter war.

»Da bewegt sich etwas«, meinte er. »Es ist eine flatternde Bewegung, als ob jemand ein Fahnentuch in den Wind hielte.«»Kein Fahnentuch — aber einen Burnus«, sagte Michel. »Wir müssen uns vorsehen. Vielleicht sind es Feinde!« Isolde übersetzte ihrem Bruder die spanischen Worte.

»Feinde?« fragte der lange Steve, »woher sollen hier Feinde kommen? Glaubt ihr, daß der Daj seine Leute bis hierher geschickt hat, um uns zu suchen, Mr. Baum?«

»Nein, natürlich nicht. Wenn ich Feinde sagte, so meinte ich nicht Gegner, die auf uns lauern. Aber vielleicht sind es Berber oder Rifkabylen. Sie sollen, wie es heißt, keinen Fremden ungeschoren des Weges ziehen lassen.«

»Aber wir müssen nun einmal an ihnen vorbei. Ich schlage vor, wir reiten scharfen Galopp und bilden eine auseinandergezogene Reihe.«

»Unsinn«, meinte Michel ungehalten, »meint Ihr, sie würden sich scheuen, uns zu verfolgen? Sie werden ausgeruhte Pferde haben. Und wenn wir uns nicht auf irgendeine Weise mit ihnen einigen, so werden sie uns zu ihrem Dorf schleppen. Nehmt die Gewehre in Anschlag, macht euch schußbereit und seid aufmerksam. Wir werden zuerst feststellen, wieviele wir unter Umständen gegen uns haben.«

Sie ritten im Schritt weiter. Keine fünfhundert Meter trennten sie mehr von dem Felsvorsprung. So sehr sich Michel auch anstrengte, er konnte jetzt keine Bewegung mehr wahrnehmen. »Ihr werdet Euch getäuscht haben, Mr. Baum«, sagte Steve und legte sein Gewehr wieder quer über den Sattel.

Michel gab ihm keine Antwort. Insgeheim ärgerte er sich ein wenig über den langen Engländer, der, je näher er dem Ziel seiner Reise kam, zeigen zu müssen glaubte, daß er sich nicht gern den Anordnungen eines anderen unterordnete.

Als sie den Felsen fast erreicht hatten, knatterte ihnen eine Salve entgegen. Dann lag schlecht gezieltes Einzelfeuer über ihnen.

Michel war als erster vom Pferd und zwang das Tier, sich niederzulegen. Es sollte ihm als Deckung dienen. Die anderen folgten seinem Beispiel.

Steve Hawbury schoß bereits dorthin, wo er Pulverdampf aufsteigen sah.

»Wer hat Euch gesagt, daß Ihr schießen sollt, Steve?«, fragte der Pfeifer unwillig. »Wir haben

nicht soviel Pulver, daß wir sorglos mit unseren Vorräten umgehen könnten.«

Steve biß die Zähne zusammen und stellte das Feuer ein.

Die Räuber auf dem Kamm des Felsens mochten sich wundern, weshalb ihre Schüsse nicht mehr erwidert wurden; denn nach verhältnismäßig kurzer Zeit schwiegen auch ihre Flinten. »Ich bin dafür, daß wir sie mit Schnellfeuer eindek-ken«, sagte Steve. »Ihr könnt doch sechsmal hintereinander schießen, Mr. Baum. Inzwischen bleibt uns Zeit, jedesmal sorgfältig zu laden. Wenn wir sie niederhalten können, kann vielleicht einer nach dem anderen durchbrechen.« »Warten wir ab«, entgegnete Michel. »Wir müssen die besseren Nerven haben. Solange wir sie nicht aus ihrer Deckung locken können, hat das Schießen keinen Zweck. Ich jedenfalls verschwende meine Kugeln nicht, wenn sich mir kein Ziel bietet.«

»Pah«, sagte der lange Engländer, »ich bin lange genug in Seiner Majestät Armee gewesen, um zu wissen,wie man so etwas macht. Angriff ist die beste Verteidigung. Das ist eine alte Soldatenweisheit.«

Michel wandte sich hinter dem Rücken seines Pferdes langsam um, bis er Steve sehen konnte. »Ich halte nicht viel von Soldatenweisheit. Ich habe meine eigenen Erfahrungen, und die haben mich bisher noch nie im Stich gelassen. Hinzu kommt, daß wir vier Leute sind und keine Armee.

In unserem Fall ist es besser, sich auf den gesunden Menschenverstand zu verlassen als auf Seiner Majestät Exerzierreglement.«

»Ihr verspottet den englischen König, Mr. Baum«, sagte Steve scharf. Michel blieb ruhig.

»Ihr wißt selbst, daß mir nichts ferner liegt als so etwas. Ihr seid ein Hitzkopf, Steve.«

»Ich verbitte mir so etwas«, redete sich Steve in Wut. »Macht, was Ihr wollt, von mir aus könnt Ihr hier untätig liegen bleiben. Ich wage den Durchbruch.«

»Ihr tut, was ich sage.«

»Ich denke nicht daran.«

»Sei doch vernünftig, Steve«, sagte seine Schwester. Steve sprang empört aus seiner Deckung auf.

»Ich will nicht vernünftig sein. Ich bin ein Mann und kann meine eigenen Wege gehen!« schrie er laut.

Sein Pferd sprang auf. Und ehe die anderen noch recht begriffen hatten, was geschah, ritt der lange Engländer in höllischem Tempo auf die Enge zwischen Schott und Felsen zu.

Ojo, der von der in englischer Sprache geführten Auseinandersetzung nichts verstanden hatte, wollte ebenfalls aufspringen, weil er dachte, daß man in der Aufregung .vergessen habe, ihn zu unterrichten.

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