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Das Dorf der verschwundenen Kinder

Электронная книга - «Das Dorf der verschwundenen Kinder». Краткое содержание книги:

Über dieses Buch
Als in der Grafschaft Yorkshire ein siebenjähriges Mädchen entführt wird, reißt bei den Bewohnern des kleinen Ortes Danby eine tiefe Wunde wieder auf: Schon einmal, vor fünfzehn Jahren, verschwanden im Nachbarort Dendale drei kleine Mädchen spurlos. Aber auch der Hauptverdächtige, der damals 19jährige Benny Lightfoot, verschwand von einem Tag auf den anderen. Das war in dem Jahr, als die Bewohner ihre Häuser aufgaben, weil das Dorf einem Stausee weichen musste. Nun prangt ein Graffiti an einer Eisenbahnbrücke: »Benny ist wieder da!«
Über Reginald Hill
Reginald Hill, geboren 1936, lebt seit vielen Jahren in der englischen Grafschaft Yorkshire, wo die allermeisten seiner Romane auch spielen. Er hat sich den Ruf erworben, »einer der herausragenden lebenden Krimiautoren« zu sein (Sunday Telegraph) und wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, darunter der Diamond Dagger der britischen Crime Writers’ Association, den er für sein Lebenswerk erhielt.
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Im Innern allerdings hatte sich einiges verändert. Vermutlich hatte es irgendwann einmal so ausgesehen, wie ein altes Country Pub eben aussieht. Dann beschloß irgendein oberschlauer Gastwirt, es müsse so aussehen, wie sich irgendein abgehobener Designer ein altes Country Pub vorstellt. Das Echte und Ursprüngliche wurde hinaus- und das Künstliche und Anonyme hereingeschafft, so daß ein standfester Trinker heute hin und wieder vor die Tür treten mußte, um sich ins Gedächtnis zu rufen, wo er denn trank.

Novello gefiel es so ganz gut. Sie war jung und kam aus der Stadt, und die Pubs in ihrer Gegend sahen fast alle so aus. Sie setzte sich an die Theke und bestellte ein Bier und schwarzen Johannisbeerlikör.

Das Pub war fast leer. Die Frau hinter der Theke hatte Zeit zum Schwatzen. Sie war um die Vierzig und recht kompakt gebaut, das meiste davon Muskeln, die sich wahrscheinlich im Laufe der Zeit durch ständiges Bierzapfen und Kistenschleppen ausgebildet hatten. Die heiteren Züge ihres runden, hübschen Gesichts wurden augenblicklich skeptisch, als Novello ihren Dienstausweis zückte. Doch als sie den Grund ihrer Nachforschungen angab, machte die Frau ihrer Empörung Luft und sagte: »Ich würd dieses Schwein kastrieren – ohne Betäubung. Und dann am Rest aufhängen! Wie kann ich Ihnen helfen, Herzchen?«

Novello kam nicht gleich zur Sache. Alles, was sie in der Hand hatte, war der blaue Kombi, und sie würde alle diesbezüglichen Informationen gern ohne direkte Nachfrage bekommen. Ein übergroßer Eifer zur Mithilfe konnte bei Zeugen manchmal ebenso hinderlich sein wie übergroße Schweigsamkeit.

Zuerst nahm sie die Personalien auf. Die Frau hieß Bella Postlethwaite und hatte das Lokal vor fünf Jahren gemeinsam mit ihrem Mann Jack gepachtet. Sie ernährten sich mehr schlecht als recht von vorbeifahrenden Autoreisenden.

»Nicht, daß es hier viele gäbe. Ich mein, seh’n Sie sich um – hier steht nicht grade Haus an Haus, oder? Und von der Gewinnspanne, die uns die Brauerei zugesteht, kriegt man nicht mal ’n Flohzirkus satt. Schweinehunde. Die würd ich manchmal auch gern hängen seh’n.«

Sie war eine sehr redselige Frau. Novello kam auf den Sonntagmorgen zu sprechen. Bella war früh aufgestanden, Jack wollte ausschlafen. Nein, sie habe nichts Ungewöhnliches bemerkt. Und Gewöhnliches? Tja, gewöhnlich war alles ziemlich beschissen, um es mal in aller Deutlichkeit zu sagen. Ein paar Trecker. Sonst irgendwelche Fahrzeuge? Ja, auf der Hauptstraße, aber nicht viele, weil ja Sonntag war. Und auf der Straße zum Moor? Ja, da sei auch ein Wagen gewesen. Sie hatte vor dem Haus grad ihre Blumenkästen gegossen, während sie noch im Schatten lagen, und da war dieser Wagen von der Moorstraße auf die Hauptstraße abgebogen. War einfach hochgefahren und abgebogen; da war zwar ein Stoppschild, aber man konnte die Hauptstraße gut einsehen, und es war so wenig Verkehr, daß der Wagen nicht anhalten mußte. Welche Marke? Keine Ahnung, Herzchen. Seh’n für mich alle gleich aus. Die Farbe vielleicht? Blau, würde sie meinen. Ja, ganz sicher blau.

In diesem Moment erschien ihr Ehemann. Er war so dünn, wie sie dick war, knochig, fast mager, spannenlanger Hansel und nudeldicke Dirn. Sobald er sich einmischte, machte er alle Hoffnungen auf brauchbare Informationen von der Frau zunichte.

»Sie kann unsern Cavalier nicht vom Brauereiwagen unterscheiden, so sieht’s aus«, verriet er Novello.

Bella jedoch, die ihre diesbezügliche Schwäche bereits freiwillig eingestanden hatte, war nicht gewillt, sie von jemandem herausposaunt zu hören, der nicht genug Fleisch auf den Rippen hatte, um die Bezeichnung »bessere Hälfte« zu verdienen.

»Wenigstens war ich schon auf und hab nicht meinen Arsch auf der Matratze plattgelegen wie ein gewisser jemand, den ich jetzt nicht nennen will«, konterte sie beleidigt. »Wenn du nicht den halben Samstag damit verbracht hättest, unsern Verdienst zu versaufen, dann wärst du wach genug gewesen, um dieser Lady zu helfen anstatt mich zu beleidigen.«

So jung sie auch war, hatte Novello doch genug Erfahrung um zu wissen, daß Ehestreitereien nach lang etablierten Schemata verliefen, die, einmal begonnen, nur schwer wieder abzubrechen waren.

Sie sagte laut und vernehmlich: »Dann war es also kein Cavalier, der am Sonntag vorbeifuhr. Ein größerer Wagen?«

»Ja, größer«, antwortete Bella und funkelte ihren Mann herausfordernd an.

»Sehr viel größer? Ein Lastwagen etwa?«

»Nein. Mit mehr Fenstern.«

»Dann eine Art Jeep? Sie wissen schon, ein Landrover, wie ihn die Bauern fahren? Ziemlich hoch?«

»Nein! Der war mehr lang, wie’n Leichenwagen, so ähnlich. So’n Auto, wie Geordie Turnbull fährt.«

Der letzte Satz war an ihren Mann gerichtet. Vielleicht als Signal für einen Waffenstillstand, weil sie an seine Fachkenntnisse appellierte? Nein, klang irgendwie anders. Eher wie ein Schuß aus dem Hinterhalt.

»Ach nee, an den kannst du dich natürlich erinnern«, schoß Postlethwaite umgehend zurück.

»Was für einen Wagen fährt Mr. Turnbull denn?« fragte Novello schnell, ehe beide nachladen konnten.

»Einen Volvo-Kombi«, erwiderte der Mann. »Tja, und blau ist er auch.«

»Blau? Hellblau oder dunkelblau?« hakte Novello nach.

»Hellblau.«

»Und das Fahrzeug, das Sie gesehen haben, Mrs. Postlethwaite, war das hellblau oder dunkelblau?«

»Eher hell«, meinte die Frau mit einem bösen Seitenblick auf ihren Mann. »Aber es war nicht Geordies.«

»Wie willst du das wissen?« höhnte Postlethwaite. »Alles, was du je genau angeguckt hast, war doch die Decke von seinem Schlafzimmer.«

Von wegen scharfe Geschütze – die beiden gingen jetzt zum Nahkampf über! Bella holte tief Luft und sah aus, als wollte sie ihrem Mann gleich an die Kehle springen. Dann erhaschte sie Novellos flehenden Blick und beschloß, sich dieses Vergnügen für später aufzuheben.

Mit einem vielsagenden Blick auf ihren Mann sagte sie: »Wenn ich ’n Hirn hätte wie deins, würd ich Pilze drauf züchten. Und ich weiß ganz sicher, daß es nicht Geordie Turnbulls Wagen war, weil hinten ein Kind drinsaß.«

Erst nachdem die Worte heraus waren, merkte sie, was sie da gesagt hatte, und in diesem Augenblick änderte sich das Drehbuch von Ehekomödie zu Gesellschaftsdrama.

Zehn Minuten später saß Novello an ihrem Funkgerät und sprach mit Wield in der St. Michael’s Hall.

Er lauschte so angespannt, daß sie es über die Entfernung zu spüren meinte, und fragte im Anschluß an ihren Bericht: »Wie schätzen Sie diese Bella ein?«

»Nicht gerade eine Spezialistin für Automarken. Aber bei Farben weiß sie Bescheid. Ich habe sie nach ein paar vorbeifahrenden Wagen gefragt, und sie konnte blau, schwarz und grün auseinanderhalten.«

»Und das Kind?«

»Hat sie nur ganz kurz gesehen. Ein blondes Mädchen, das hinten aus dem Fenster geguckt hat.«

»Verängstigt? Traurig? Winkend? Oder was?«

»Einfach nur geguckt. Sie hat sonst niemandem im Wagen gesehen und kann nicht sagen, ob noch ein Beifahrer drin saß. Aber was das Mädchen angeht, ist sie sicher.«

»Das fiel ihr aber nicht sofort ein, oder?«

»Das mußte es ja auch nicht. Ich wollte nicht riskieren, sie durch meine Fragen darauf zu bringen.«

Novello beschrieb ihre Befragungsstrategie.

»Gut«, sagte Wield. »Und dieser Typ, Turnbull? Was ist mit dem?«

»Sie behauptet steif und fest, daß es nicht sein Wagen war.«

»Aber sie war es, die als erste von ihm gesprochen hatte.«

»Nur um ihren Mann zu ärgern. So, wie ich das sehe, kommt dieser Turnbull regelmäßig vorbei und hält ein nettes Schwätzchen. Vielleicht haben sie was miteinander, vielleicht ärgert sie sich auch nur über ihren eifersüchtigen Mann. Jedenfalls denke ich, der ist eine Sackgasse. Bella kennt vielleicht keine Automarken, aber sie besteht darauf, daß dieser Wagen neuer und sauberer war als Turnbulls.«

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