Einsteins Erben (Phantastische Bibliothek) [сборник]
- Автор: Франке Герберт Ф.
- Год: 1976
- Язык: немецкий
- Год: Suhrkamp Verlag
- ISBN: 3-518-39087-2
- Жанр: Научная фантастика
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»Vielleicht dachten sie nur logisch?«
»Unvermittelt kündigten sie eine Demonstration ihrer Stärke an. Ihr wißt, daß der Mond Sperrgebiet ist, aber ihr wißt nicht, warum. Sie benützen ihn als Zielscheibe. Jedes Jahr erfolgt auf der Hinterseite, von der Erde aus unsichtbar, aber durch die Seismographen genau zu orten, eine Explosion. Offenbar handelt es sich um eine Kernwaffe unbekannter Art. Sie haben bereits ein richtiges Muster in den Mondboden gepflügt … witzigerweise ein Sechseckmuster – man weiß nie, wo der nächste Einschlag erfolgt, aber er liegt stets präzise in einem Rasterpunkt.«
»Eine wirksame Abschreckung!«
»Und jetzt?«
»Das Bombardement hat aufgehört.«
»Wann?«
»Vor fünf Jahren.«
»Eine Finte?«
»Wozu?«
»Was steckt dahinter?«
»Vielleicht ist ihr System zusammengebrochen.«
»Vielleicht fühlen sie sich stark genug, um auf eine solche Abschreckung verzichten zu können.«
»Eine Geste der Versöhnung?«
Der Oberst hob die Schultern, rutschte auf seinem Sitz hin und her, wobei er näher an Sonja rückte.
»Vielleicht ein Zeichen der Resignation. Sie müssen bemerkt haben, daß sich unser technischer Stand dem ihren nähert – wir holen auf, besonders auf dem wichtigsten Gebiet, dem der Kybernetik. Vor zwanzig Jahren haben wir unsere groben Probeobjekte durch miniaturisierte Automaten ersetzt. Einige waren nicht größer als Spielwürfel. Einige haben wir als Gesteinsbrocken oder Holzsplitter getarnt, einige in Tiere eingebaut, in Vögel oder Fluginsekten. Sie wurden trotzdem abgefangen, aber immerhin – sie konnten ein gehöriges Stück weit eindringen.«
»Wie steht es jetzt? Ist das Abwehrsystem noch in Betrieb?«
»Soweit wir festgestellt haben, nein. Seit fünf Jahren kommen wir mit unseren Automaten bis an den Rand ihrer Städte. Unsere jetzige Aktion ist die Konsequenz daraus.«
»Aber niemand kann sicher sein …«
»Niemand. Natürlich nicht. Wir tragen ein Risiko. Aber der negative Fall interessiert uns im Moment nicht. Wir stellen uns auf den positiven Fall ein. Morgen werden wir die Stadtgrenze erreichen. Wir haben den Befehl, einzudringen. Und dann beginnt eure Aufgabe. Wir werden euch beschützen.«
Dan lag auf dem Rücken und starrte zur Decke. Das Lager war weich, der Ventilator trieb einen schwachen Luftzug über ihn hinweg. Die Luft kam aus der Umwälzanlage, aus den Filtern, und nicht von außen. Es gab keine Verbindung mit der Außenwelt. Die Tür war abgeschlossen und ließ sich nur mit einem Spezialschlüssel öffnen, die Fenster waren keine Öffnungen, sondern durchsichtige Stellen in der Kunststoffwand.
Er richtete sich auf, schwenkte die Beine über die Kante, setzte die bloßen Füße auf die gewärmten Fliesen. Leise, um seine beiden Mitbewohner nicht zu wecken, stand er auf und trat ans Fenster. Ein plattes Gesicht starrte ihm entgegen, sein Spiegelbild? Plötzlich verschwamm es, ein paar Schritte, hohl und laut, draußen der Posten, nun wieder weiter entfernt … er hielt seine Maschinenpistole umkrampft, zog sich Schritt für Schritt zurück …
Schon jetzt war Dan kein Mensch mehr. Er war ein Monster, das man heimlich im Schlaf beobachtet, das einem das Gruseln lehrt, selbst wenn es im Käfig sitzt, dem man zutraut, daß es andere anspringt, zerfleischt, auffrißt, das auf unbegreifliche Art Einfluß ausüben kann, verzaubert, behext, entseelt, Scheusal, Gott, Golem, Mißgeburt, Ungetüm … man sollte ihrem Willen entsprechen, sollte ihnen geben, was sie erwarteten, sollte ihnen die Panik in die Knochen jagen, das Grauen ins Gehirn …
Dan brach in Gelächter aus, als der Posten weglief, sich an die finsterste Ecke zurückzog. Dann erst merkte er den Grund: Er ertappte sich dabei, daß er das Gesicht an die Scheibe preßte und Grimassen schnitt, die Lippen verzog, die Zunge herausstreckte, die Augen rollen ließ, die Wangen aufblies …
Er taumelte zum Lager zurück und versank in ein dumpfes Brüten.
Schlafen, traumlos schlafen …
Doch sobald er die Augen schloß, wurden die Erinnerungen lebendig. Irgend etwas rief den Speicherinhalt seiner Gehirnzellen an, ohne daß er sich dagegen wehren konnte. Es strömte, verwirrend, chaotisch, überflutete ihn, ertränkte ihn …
Nachwirkungen der Pharmaka?
Folge der Verhöre?
Vielleicht kam es nur vom Nichtstun, von der Leere seines Daseins. Müdigkeit, Überdruß, Langeweile … Vielleicht war es die Hoffnungslosigkeit. Er hatte keine Zukunft – was sollte er erwarten? Er hatte keine Aufgabe mehr und sah kein Ziel.
Er hatte diese Leere schon einige Male kennengelernt – es war nicht sein erster Einsatz gewesen. Wenn alles vorbei war, die Besetzung, die Analyse, die Übernahme der Kontrollen, die Umschulung, die Eingliederung, dann hatte er sie gefühlt. Ein Ziel zu erreichen ist immer ein Verlust. Man muß ihn hinnehmen, versuchen, sich wiederzufinden, sich einzugliedern in neues funktionelles Geschehen, ohne das man nackt und hilflos ist.
Er hatte sie gefühlt, aber nur für kurze Zeit. Es gab weitere Aufgaben, ja eigentlich war alles nur Vorbereitung auf die eine große Aufgabe.
Sie begannen immer wieder von vorn. Unterricht, Training, Berechnungen, Simulationen, Prüfungen, Diskussionen, Programme. Die Isolierung. Der Countdown. Besetzung, Analyse, Übernahme der Kontrollen, die Umschulung, die Eingliederung. Rückkehr, die Pause, in der die Langeweile wächst und die Ungeduld. Eine neue Aufgabe …
Sie hatten Erfolg gehabt.
Stets geht alles glatt.
Alles ist erprobt.
Durch Simulationen geprüft.
In Planspielen vorbereitet.
Die Programme sind fehlerlos.
Enthalten alle Möglichkeiten.
Sind auf Unwahrscheinlichkeiten eingestellt.
Beziehen selbst das Unvorhersehbare ein.
Die Entscheidungen sind zwingend
die Urteile begründet
die Risiken kalkuliert
die Rechnungen korrekt
die Systeme transparent
die Funktionen überschaubar
die Methoden effektiv
die Resultate vorhersehbar
Störungen werden beseitigt
Widerstände gebrochen
Mißerfolg ist ausgeschlossen
Das schwächste Glied der Kette ist der Mensch.
Das schwächste Glied der Kette ist der Mensch.
Doch der Mensch ist flexibel
Anpassungsfähig
fähig zu lernen
kann sich entwickeln
Unzulänglichkeiten ablegen
Widerstand aufgeben
Emotionen unterdrücken
Reflexe beherrschen
Impulse drosseln sich
in den Griff bekommen
Wir führen Sie – zur Perfektion
Wir schulen Sie
Wir beseitigen Ihre Schwächen
Wir schalten Ihre Instinkte aus
Wir legen eine Basis nutzvoller Motivationen an
Wir lehren Sie Objektivität
Wir lehren Sie Sachlichkeit
Wir lehren Sie das kühle Denken
Wir befreien Sie von überalterten Denkgewohnheiten
Wir befreien Sie von anarchischen Trieben
Wir befreien Sie von menschlichen Bindungen
Wir stellen Ihnen eine Aufgabe
Wir setzen Ihnen ein Ziel
Wir geben Ihrem Dasein Sinn …
Dan zuckte zusammen, horchte auf. Die Augen waren ihm zugefallen, er war eingenickt. Sein Körper brauchte Erholung, aber seine Gedanken kamen nicht zur Ruhe, quälten ihn, ängstigten ihn, verwirrten ihn. Er grübelte, versuchte die Bilder zu ordnen, durchforschte sich selbst – sachlich, wie er es gelernt hatte, kühl, kritisch, auch im Stress … er und die Mitglieder des Teams, sie waren perfekt geschult, beherrschten die Routinen, hatten sich in der Gewalt, kannten ihre Fähigkeiten, wußten ihr Instrumentarium zu gebrauchen, hatten stets einen Katalog heuristischer Methoden zur Hand, wenn die Bestimmungsstücke zur Lösung der auftretenden Probleme fehlten.