Das schwarze Buch der Geheimnisse
- Автор: Хиггинс Фиона Э.
- Год: 2011
- Язык: немецкий
- Жанр: Ужасы
Электронная книга - «Das schwarze Buch der Geheimnisse». Краткое содержание книги:
Die englische Originalausgabe erschien bei Macmillan Children’s Books, London, unter dem Titel »The Black Book of Secrets«
Sie nickte und ging schnell hinaus – ein abgegriffenes rötlich braunes Buch unter dem Arm.
Nur eins? Wie bescheiden, dachte Mouldered.
Kapitel 39
Fragment aus den
Erinnerungen des Ludlow Fitch
Kaum hatten die versammelten Dorfleute gehört, dass Ratchet tot sei, hatten sie kehrtgemacht und waren die Straße hinuntergerannt. Joe lief nach vorn in den Laden und fing an, mit einem alten Mantel aus dem Schaufenster auf die Flammen einzuschlagen. Um ehrlich zu sein, es war mehr Rauch als Feuer, und das Löschen dauerte nicht lange. Trotzdem war der Schaden beträchtlich. Alles war angekohlt oder rauchgeschwärzt, und der beißende Geruch machte das Atmen unangenehm. Zu retten gab es wenig. Der schneidende Wind, der jetzt durch die zerbrochenen Fenster und die zertrümmerte Tür hereinblies, fegte den Rauch davon und machte die Luft allmählich wieder klar. Ich half Joe, ohne zu wissen warum. Keuchend vor Anstrengung zertrampelte er schließlich eine letzte eigensinnige Flamme, dann setzte er sich und ruhte sich aus.
»Was für eine Schande, diese unnötige Zerstörung«, murmelte er. »Aber ich denke, es hätte schlimmer kommen können. Immerhin habe ich das hier noch.« Er bückte sich und zog unter Mauerbrocken, Glassplittern und Asche das Holzbein hervor, wundersamerweise unversehrt, und ging damit ins Hinterzimmer. Als ich zur Tür hineinschaute, hatte er schon Schal und Umhang an und mühte sich, das Holzbein in seinem Ranzen unterzubringen.
Plötzlich ging alles viel zu schnell. Einerseits war ich wütend auf Joe wegen seines Verhaltens und wegen des Mordes, den er nach meiner festen Überzeugung begangen hatte, und andererseits hatte ich Angst, weil er wegging.
»Das ist alles? Ihr wollt einfach so gehen?«
»Ich kann hier nicht mehr viel tun«, sagte er. »Es gibt keinen Grund, zu bleiben.«
»Und der Laden?«
»Der Laden ist am Ende. Wir können irgendwo anders neu anfangen.« Er schwang sich den Beutel über die Schulter, kam nach vorn und stieg auf dem Weg zur Tür vorsichtig über die Trümmer. »Kommst du mit?«
Wie konnte er nur so ruhig sein? Mein Herz raste.
Ich zögerte. »Ich weiß nicht, ob ich mit Euch gehen kann.«
»Oh.« Das klang, als habe er mit dieser Möglichkeit nicht gerechnet. Er runzelte die Stirn. »Ich dachte, du hast gewusst, dass wir nicht für immer hier bleiben können. Vielleicht hätte ich ja schon eher etwas sagen sollen. Meine Arbeit zwingt mich zu ständigem Weiterziehen.«
»Das ist es nicht«, sagte ich. »Ich wäre mit Euch überallhin gegangen, aber …« Ich konnte es nicht sagen. Die Worte blieben mir im Hals stecken. Wortlos standen wir voreinander, bis das Schweigen von einer leisen Stimme gebrochen wurde. Wir blickten auf. Es war Perigoe.
»Mr Zabbidou«, sagte sie. »Mr Zabbidou.« Sie stieg durch die Überreste der Tür, fassungslos beim Anblick der Zerstörung. »Ich möchte mich entschuldigen«, flüsterte sie. »Alle wollen sich entschuldigen. Wir wissen, dass es falsch war, Euch so zu behandeln. Wir hätten Euch vertrauen sollen. Es war der Brief, der uns so einen großen Schreck eingejagt hat.«
»Ah«, sagte Joe. »Der Brief.«
Perigoe machte ein Gesicht, als würde sie jeden Moment in Tränen ausbrechen. »Es war der älteste der Bäckerjungen, er hat den Brief geschrieben und seinen eigenen Vater erpresst, um sich auf diese Weise die Taschen zu füllen. Er war dahintergekommen, dass Elias bei Euch war, und er wusste, dass man Euch den Brief anlasten würde. Ruby hat einen zweiten gefunden, den der Junge Dr. Mouldered schicken wollte. Sie fühlen sich alle ganz schrecklich, Mr Zabbidou. Ihr habt recht gehabt: Wir hätten nur eine Weile warten müssen. Seid Ihr auch Arzt? Habt Ihr gewusst, dass Jeremiah was mit dem Herzen hatte?«
Ich hätte laut lachen können. Jetzt hielten sie Joe wieder für einen Helden. Was aber quälte mich eigentlich so? Jeremiah hatte so viele Feinde gehabt, dass es irgendwann einmal ein böses Ende mit ihm hatte nehmen müssen, so oder so. Spielte es da wirklich eine Rolle, wie es nun dazu gekommen war? Trotzdem konnte ich den Gedanken nicht ertragen, dass Joe etwas mit einer so erbärmlichen Sache zu tun hatte. Die ganze Zeit über hatten mich Gewissensbisse geplagt, weil ich einmal heimlich in dem Schwarzen Buch gelesen hatte. Dabei wurden wirklich viel größere Sünden begangen als diese!
»Sein Herz?«, wiederholte Joe. »Ja, ich dachte mir schon, dass mit dem Mann etwas nicht stimmt.«
Perigoes Blick fiel auf den Beutel auf Joes Schulter. Ihr Augenlid zuckte heftig, und sie wurde rot.
»Wollt Ihr weggehen?«
»Allerdings. Ich denke, Pagus Parvus kommt jetzt ohne mich aus.«
Eine Träne rollte aus ihrem Augenwinkel, doch Perigoe schniefte und wischte sie schnell weg. »Dann bin ich froh, dass ich Euch noch erreicht habe. Ich möchte Euch etwas geben.« Sie händigte ihm ein kleines Buch aus. »Es bedeutet mir nichts mehr, jetzt, wo Jeremiah tot ist. Zu viele böse Erinnerungen. Ich meine, wen interessieren schon Schafe?«
Joe zögerte. »Ihr wisst doch aber, was es wert ist, nicht wahr?«
Perigoe nickte. »Ich könnte kein Geld dafür nehmen. Ihr aber verdient es, nach allem, was Ihr uns gegeben habt.«
»Wenn es Euer Wunsch ist, dann nehme ich es.« Joe steckte das Buch in seinen Umhang, aber ich konnte gerade noch den Titel lesen: Die Einsamkeit des Bergschäfers.
»Und dann noch das hier. Nun hätte ich es beinahe vergessen. Dr. Mouldered hat es gefunden. Ich dachte, es könnte wichtig sein.«
Sie gab ihm ein Papier, und Joe küsste ihre Hand. Dann flüsterte sie einen Abschiedsgruß und huschte davon.
»Siehst du«, sagte Joe, während er das zusammengefaltete Papier einsteckte. »Erbschaft. Wenn ich das Buch verkaufe, können wir monatelang von dem Geld leben.«
»Erbschaft?«, sagte ich spöttisch. »Ihr meint, Ihr bekommt Euer Geld von Toten.«
Joe lächelte. »Das kommt der Wahrheit vermutlich recht nahe.«
»Von Leuten, die Ihr umbringt.«
»Ich habe nie jemanden für Geld umgebracht, Ludlow. Das liegt nicht in meinem Wesen.«
»Gleich werdet Ihr mir erzählen, es verstößt gegen Eure Regeln.«
Joe seufzte und stellte seinen Ranzen ab. »Du warst mir in all diesen Wochen eine große Hilfe, Ludlow, ich bin dir sehr dankbar. Du bist ehrlich und loyal gewesen, und ich weiß sehr wohl, dass es nicht leicht für dich war. Mehr als das, ich dachte, ich hätte in dir etwas gesehen, etwas, das ich seit Jahren suche. Damals, in dieser Nacht, als ich dich draußen im Schnee fand, hast du mich an mich selbst erinnert, als ich jung war. Ich habe eine Zukunft für dich gesehen. Deshalb möchte ich gern, dass du mit mir kommst. Ich habe große Hoffnungen in dein Talent. Wir sollten gemeinsam weiterarbeiten. Ich kann dir die Welt zeigen. Sag doch, warum du nicht mitkommen willst.«
Warum nicht, ja, warum nicht? Natürlich wollte ich mitgehen, sehnlichst sogar. Hätte er vor einem Tag gefragt, noch vor ein paar Stunden, ich hätte nicht gezögert. Aber nun lagen die Dinge anders. Ich war nicht sicher, ob er der Mensch war, für den ich ihn immer gehalten hatte. Ich wusste nicht einmal mehr genau, wer ich selbst war.
»Du hättest eine wunderbare Zukunft, Ludlow. Es gibt so vieles, was ich dich lehren könnte.«
»Zum Beispiel Mord?« Endlich war das Wort heraus, und meine Erleichterung war unbeschreiblich – so unbeschreiblich wie meine plötzliche Furcht.
»Ah«, sagte er, und seine Miene hellte sich auf. »Ich habe mich schon gefragt, wann du damit herausrücken würdest. Du glaubst offenbar, ich hätte Jeremiah umgebracht?«
Ich nickte langsam. »Könnt Ihr denn beweisen, dass Ihr’s nicht getan habt?«
»Ich …«, fing Joe an, aber da rief wieder eine Stimme von der Ladentür her. Es war Horatio, atemlos und schwitzend vom Lauf die steile Straße aufwärts.
»Ich musste kommen«, rief er, während er über den Schutt sprang. »Bevor Ihr geht, Joe, muss ich Euch sagen, dass ich etwas Schreckliches getan habe. Es war nicht sein Herz. Ich habe es getan! Ich habe ihn getötet.«