Das schwarze Buch der Geheimnisse
- Автор: Хиггинс Фиона Э.
- Год: 2011
- Язык: немецкий
- Жанр: Ужасы
Электронная книга - «Das schwarze Buch der Geheimnisse». Краткое содержание книги:
Die englische Originalausgabe erschien bei Macmillan Children’s Books, London, unter dem Titel »The Black Book of Secrets«
»Du wirst schon eine Möglichkeit finden, aber beeil dich besser. Er muss schon den halben Berg hinunter sein.«
»Ihr kommt nicht mit?«
Joe schüttelte den Kopf. »Ich habe meine Rolle gespielt. Jetzt bist du an der Reihe.«
Resigniert streckte ich die Hände aus, verschwendete aber nun keine Sekunde mehr. Was ich Joe noch sagen wollte, konnte vorerst warten. Er hatte recht. Ich musste das Schwarze Buch zurückholen. Die Geheimnisse des ganzen Dorfes standen darin, auch solche aus anderen Gegenden. Die von Perigoe, Horatio und Obadiah kannte Jeremiah bereits, aber was war mit all den anderen? Es gab so viele Geheimnisse. Ich begriff, dass ich dieses ganze Geschäft bis jetzt für eine Art Spiel gehalten hatte, das Joe und ich mit den Dorfbewohnern gespielt hatten – wir alle gegen Jeremiah Ratchet. Aber es war längst kein Spiel mehr. Es war todernst. Ich hatte ihre Geständnisse aufgeschrieben, und nun war es meine Pflicht, sie in Sicherheit zu bringen.
Ich stürmte also aus der Tür, schlitterte und rutschte die Straße hinunter, ich verwünschte sowohl Jeremiah als auch Joe und wurde von tiefen Zweifeln gequält. Vielleicht lag Job Wright gar nicht falsch. Vielleicht benutzte Joe das ganze Dorf, und ich war zu blind gewesen, es zu bemerken? Ich hatte mich in meiner Sehnsucht nach einem richtigen Vater so selbstsüchtig an dieses neue Leben geklammert, dass mir gar nicht aufgefallen war, was vor meinen Augen passierte. War das nun die Strafe dafür, dass ich angenommen hatte, was mir nicht zustand? Trotzdem ergab das alles keinen Sinn.
»Es geht nicht um Geld«, sagte ich in die Nacht. »Es muss um etwas anderes gehen.«
Jeremiah war schon im Haus, hatte aber in seiner Eile die Tür nicht ganz geschlossen. Ich schlich mich in die Eingangsdiele und folgte den nassen Fußspuren bis in Jeremiahs Arbeitszimmer. Unmittelbar hinter der Tür kauerte ich mich auf den Boden und sah zu, wie er sich in einem Sessel niederließ. Irgendwo in der Nähe stand Fleischpastete, ihr Duft ließ mir das Wasser im Mund zusammenlaufen.
Einen Plan hatte ich noch nicht. Mein Herz klopfte so laut, dass ich befürchtete, es könnte mich verraten. Ich sah Jeremiahs Kopf, ich hörte, wie er Seiten umblätterte. Bald würde es zu spät sein, und er würde alles wissen. Dann hörte ich, wie er das Buch zuklappte, und ich sah eine lose Seite zu Boden flattern. Er beugte sich vor und hob sie auf. Er murmelte etwas, dann stöhnte er und sank in seinem Sessel zurück. Jetzt konnte ich nur noch sein lautes, keuchendes Atmen hören.
Ich weiß nicht mehr, wie lange ich wartete, bevor ich auf Zehenspitzen zu ihm hinging. Er saß so still da, dass ich dachte, er sei eingeschlafen. Ich stellte mich direkt vor ihn hin. Seine Augen waren weit aufgerissen, und einen Moment dachte ich, er wollte nach mir greifen, aber er saß einfach nur da – ein schrecklicher Anblick. Sein Gesicht war weiß, sein Atem ging stoßweise und rasselnd. Ich ahnte, dass ich vor einem Sterbenden stand.
»Wer ist da?«, flüsterte er keuchend, und ich konnte ihn kaum verstehen.
Ich bückte mich und hob das Buch vom Boden auf.
»Wer hat Euch das angetan?«, fragte ich.
Langsam und lautlos formten Jeremiahs Lippen ein Wort.
Joe.
Ich konnte nichts weiter tun und ging weg.
Kapitel 36
Fragment aus den
Erinnerungen des Ludlow Fitch
Jeremiahs Sterbewort hatte meine Welt zertrümmert. Ich sah in seine Augen und konnte keine Lüge darin erkennen. Langsam ging ich den Berg hinauf, mein Herz war schwer wie Blei. Ich fühlte mich innerlich entzweigerissen. Die ganze Zeit hatte ich Joe für besser gehalten als alle anderen, besser, als ich je hoffen durfte, selbst zu sein. Doch am Ende war er genauso schlecht wie meine Ma und mein Pa, wenn nicht schlechter; meines Wissens hatten sie immerhin noch nie jemanden vorsätzlich umgebracht. Gut, ich hatte mir wie alle andern gewünscht, Joe möge sich gegen Jeremiah wenden. Aber nie hätte ich gedacht, dass es so ausgehen würde. Es ließ sich nicht anders sagen, Joe Zabbidou war ein Mörder.
Aber wie hatte er es getan?
Wieder und wieder ging ich in Gedanken die letzte Begegnung der beiden durch und suchte nach Hinweisen. Es war keine Waffe im Spiel gewesen, Jeremiah hatte keinerlei Verletzung. Vielleicht war er vergiftet worden. Aber wie? In dem Schnaps hätte Gift sein können. Aber sie hatten beide vom selben Schnaps getrunken. War es vielleicht im Glas gewesen?
Das war’s! Joe hatte Gift in Jeremiahs Glas getan, bevor er den Schnaps eingoss. Jeremiah hatte ihn in einem Zug ausgetrunken und das Gift – gewiss zu Joes Freude – mit einem zweiten Glas vollends hinuntergespült.
Joe saß vor dem Kaminfeuer und wartete auf mich. Er hatte ein Glas in der Hand und sah aus, als wäre nichts Ungewöhnliches geschehen. Sogar das Zimmer hatte er aufgeräumt.
»Hast du’s?«
Ich gab ihm das Buch.
»Gut gemacht. Ich wusste, dass ich mich auf dich verlassen kann.«
Ich wollte etwas sagen, aber ich war noch immer ganz durcheinander. Da sah ich seinen Ranzen auf dem Tisch. Er war ausgebeult und so prall gefüllt, dass sich die Nähte spannten. Daneben stand der kleine Beutel zum Zuziehen. Kalte Angst überkam mich. Endlich fand ich meine Stimme wieder.
»Ihr wollt doch nicht weggehen?«
Er hob die Hand, um mir Schweigen zu gebieten.
»Schscht«, sagte er. »Hör mal!«
Draußen ging etwas vor sich. Ich hörte Stimmengemurmel und das Knirschen von Schritten auf verharschtem Schnee. Ich schlich zur Tür des hinteren Zimmers und linste in den Laden. Gestalten in Umhängen bewegten sich auf der anderen Seite des Fensters, Gesichter wie Teufelsfratzen im Schein brennender Fackeln. Dicht zusammengedrängt bildeten sie eine unheimliche Silhouette: Obadiah Strang, daneben die kleine Gestalt von Perigoe Leafbinder und neben ihr die wuchtige von Horatio Cleaver.
»Komm raus, Joe Zabbidou!«, johlten die Schattengestalten vielstimmig. »Oder wir räuchern dich aus!«
Beim Anblick dieser dämonischen Schar wurden mir die Beine schwach, und entsetzt wankte ich zu Joe zurück. »Sie sind draußen!«, flüsterte ich. »Alle! Sie wollen uns was antun, wie Polly gesagt hat. Sie werden uns umbringen.«
Aber Joe blieb seelenruhig sitzen und nahm einen langen Schluck aus seinem Glas.
»Hab Geduld«, sagte er. »Hab Geduld.«
»Dafür ist keine Zeit«, rief ich verzweifelt und zerrte an seinem Umhang.
Er fasste mich an den Handgelenken und hielt mich auf Abstand. »Warte noch.«
»Komm raus, Joe Zabbidou, komm raus!« Die Stimmen schwollen zu einem drohenden Chor an. Dann zersprang mit Getöse die Schaufensterscheibe, Glassplitter prasselten auf den Ladentisch, und der Raum wurde erfüllt von Rauch, vom Geruch nach brennendem Öl und vom durchdringenden Knacken von Flammen. Die Leute auf der Straße traten gegen die Tür und schlugen sie mit Knüppeln ein. Der Lärm war ohrenbetäubend, der Rauch schwarz und erstickend, die Hitze nahm zu.
»Komm raus, Joe Zabbidou!«, schrien sie. »Komm raus!«
Er rührte sich immer noch nicht und hielt mich weiterhin fest. Ich wollte mich losreißen, aber sein Griff war wie ein Schraubstock. »Wollt Ihr mich auch sterben lassen?«, schrie ich, aber er hörte nicht auf mich. Er hatte den Kopf zur Seite geneigt und lauschte gespannt.
Inzwischen schrie ich gellend. Das abscheuliche Konzert draußen hatte sich zu fast unmenschlichen Lauten gesteigert. Dichte Rauchwolken quollen ins hintere Zimmer, sodass ich kaum mehr die Hand vor Augen sehen konnte. Da drang eine Stimme aus dem Chaos. Eine kreischende Stimme, die alles andere übertönte. Pollys Stimme.
»Ratchet ist tot! Jeremiah Ratchet ist tot!«
Da ließ Joe mein Handgelenk los und hob triumphierend die Arme über seinen Kopf.
»Acta est fabula«, sagte er. »Es ist vorbei.«