Schamanenfeuer. Das Geheimnis von Tunguska.
- Автор: Andre Martina
- Язык: немецкий
- Жанр: Историческая проза
Электронная книга - «Schamanenfeuer. Das Geheimnis von Tunguska.». Краткое содержание книги:
»Nun sag schon, was will er von Subbota.« Aslan konnte sich vor Neugierde kaum noch halten, während nicht nur Subbota wie gebannt auf den Mann starrte, der sich wie ein Dämon vor ihm aufgebaut hatte.
»Er sagt, er soll sich fürchten. Blitze werden kommen und Feuer sprühen . Er und all die anderen Männer sollen platt gedrückt daliegen.« Tschirin war anzusehen, wie schwer ihm die weitere Übersetzung fiel. »Er fragt, ob er und seine Leute wahnsinnig geworden sind, und spricht von Wind und Wetterleuchten . und dass die Echogeister widerhallen . dann beginnt das Blut zu strömen .«
Leonard entging nicht, das Tschirin aufgeregt schluckte.
Der Schamane zog sich langsam zurück. Wie eine Katze mit aufgerichtetem Buckel schlich er rückwärts hinter das Feuer, an dem Jungen vorbei bis zum Ausgang. Bevor er das Zelt verließ, warf er einen unvermittelten, mit Zorn erfüllten Blick auf Leonard und seine beiden Mitgefangenen.
»Ketovwaren!«, zischte er.
Ein Raunen ging durch die Reihen. Doch seltsamerweise griff niemand zu den Waffen. Selbst die Kosaken schienen wie erstarrt.
»Das war bestimmt keine Einladung zu einem weiteren Besuch«, bemerkte Aslan in einem lakonischen Tonfall.
»Was wollte er uns sagen?« Leonard nahm erneut Tschirin in die Pflicht.
»Es ist ein Fluch. Er sagte, ihr sollt zurückweichen, solange ihr noch könnt, und dass seine Worte euch eine Lehre sein sollen.«
»Wer ist dieser Spinner?« Pjotr versuchte sich gleichfalls an einem beschwichtigenden Lächeln, doch es wollte ihm nicht so recht gelingen.
»Er ist Tschutschana, einer der mächtigsten Schamanen, die unsere Sippe je hervorgebracht hat.«
»Und du glaubst tatsächlich, was er sagt?« Aslan grinste hämisch.
Tschirin senkte den Blick. Offenbar empfand er die Frage des jungen Russen als Beleidigung.
Selbst als er wieder aufschaute, vermied er es, Aslan und seinen Kameraden ins Antlitz zu sehen. »Ich zolle ihm meinen allergrößten Respekt - nicht nur weil er zu den wirklich großen Schamanen Sibiriens zählt.« Er hob den Kopf und setzte eine stolze Miene auf. »Zudem ist er mein Vater.«
»Seht nur!« Kissanka war aufgesprungen und rannte mit einem erstickten Schrei zu ihrem Bruder hin, dessen bedenklichen Zustand man in der ganzen Aufregung beinahe vergessen hatte.
Fassungslos stand sie vor dem Kind, das sie mit weit aufgerissenen Augen ansah. Kissanka sank auf die Knie und betastete das Bein des Jungen. Dort, wo soeben noch die schartenartige, rot geschwollene Wunde zu sehen gewesen war, zeichnete sich jetzt nur noch ein glatt verheilter, dunkler Streifen Haut ab.
8.
Juni 2008, Tunguska - Leichenschau
Die ganze Nacht hatte Leonid am Bett sitzend bei der jungen Frau verbracht. Nach dem Tee, den er ihr am Abend vorsichtig eingeflößt hatte, verlor sie erneut das Bewusstsein und warf sich - stöhnend und offenbar von Alpträumen geschüttelt - immer wieder hin und her. Sie fieberte, der Schweiß stand in dicken Tropfen auf ihrer Stirn und durchtränkte ihr brünettes, halblanges Haar bis in die Spitzen. Obwohl er wusste, dass diese Reaktion durchaus normal sein konnte, hatte er die leise Furcht, das Falsche getan zu haben.
In seiner Verzweiflung versetzte er sich abermals in Trance, indem er die Trommel schlug und einen monotonen Singsang vor sich hinsummte, während er vor dem flackernden Feuer im Ofen auf und ab hüpfte, um die guten Geister zu beschwören - solange bis selbst Ajaci die Geduld verlor und ihn unmissverständlich anknurrte.
Es schien zu helfen, denn die junge Frau atmete zusehends ruhiger und regelmäßiger. Bis zum Morgen gelang es ihm allerdings nicht, sie von ihrer Ohnmacht zu erlösen. Selbst als er sie rüttelte und mit lauter Stimme ansprach, reagierte sie nicht und blieb bewusstlos.
Leonid betastete vorsichtig ihre immer noch heiße Stirn. Stumm betrachtete er ihr schönes Gesicht. Mit einem Gefühl tiefer Zuneigung, die sein Herz mehr und mehr übermannte, strich er ihr über die Wangen bis hinunter zu dem herzförmigen Kinn. Den Drang, sich an sie zu schmiegen, verscheuchte er aus seinem Kopf. Sie war und blieb eine Fremde, daran würde auch seine außergewöhnliche Rettungsaktion nichts ändern.
Dabei war ihm überhaupt nicht klar, was geschehen sollte, wenn die Frau tatsächlich wieder zu sich kam. Was sollte er ihr sagen? Hallo, ich bin Leonid Borisowitsch Aldanov, ich habe Sie aus einem reißenden Fluss gezogen und anschließend vor einem lauernden Dämon beschützt, indem ich mich mit Ihnen körperlich und seelisch vereinigt habe? Nein, vielleicht war es günstiger, wenn sie noch eine Weile bewusstlos blieb und er sie bei nächstbester Gelegenheit - heimlich und möglichst unbeobachtet - in Bashtiris Camp zurückbrachte.
Als es draußen heller wurde, beschloss er, sein Vorhaben so rasch wie möglich und ohne Rücksicht auf sein eigenes Risiko in die Tat umzusetzen. Im Camp gab es bestimmt einen Arzt, und der ansonsten skrupellose Gas- und Waffenmogul verfügte gewiss über einen Helikopter, der die Frau nach Krasnojarsk in ein Krankenhaus brachte. Von dort aus konnte man sie - wenn nötig - mit einem Learjet nach Moskau in eine Privatklinik transportieren.
Doch so einfach wie gedacht war die Sache nicht. Leonid hatte mit dem durchtriebenen Kaukasier noch eine Rechnung offen, die er - wenn es nach Bashtiri und seinen hochrangigen Verbündeten ging - längst mit ins Grab genommen hatte. Keiner von seinen Widersachern konnte auch nur ahnen, dass er noch lebte, und das sollte auch möglichst so bleiben. Leonid schnalzte mit der Zunge, und sofort stand Ajaci an seiner Seite. Der treue Laika-Rüde musste ihm helfen, die Frau unerkannt ins Camp zu bringen.
Nach einer nicht besonders geruhsamen Nacht am Lagerfeuer, bewacht von Bashtiris Schergen und attackiert von Myriaden von Mücken, machte sich Kolja zusammen mit den übrigen Studenten am frühen Morgen daran, das Lager aufzuräumen. Das Wetter spielte ausnahmsweise mit; der strahlend blaue Himmel ersparte den völlig erschöpften Campbewohnern einen neuerlichen Regenguss.
Professor Rodius und Professor Olguth hatten die Studenten angewiesen, die aufgefundenen Kisten mit dem technischen Material zu kontrollieren, die durch die Flutwelle hinweggeschwemmt worden waren. Bashtiris Butler bemühte sich derweil redlich, die mit Schlamm und Unrat verschmutzte Behausung seines Auftraggebers wieder bewohnbar zu machen, während Bashtiris Gespielinnen sich auf die Abreise vorbereiteten, da sie die Ansicht vertraten, dass ihr Gönner ihnen unter diesen widrigen Umständen unmöglich die vereinbarten Liebesdienste abfordern konnte.
Sergej Bashtiri, der in einem Armeeoverall und mit einem Barett wie der Diktator eines afrikanischen Bananenstaates durch das Lager schritt, schien die Abreise seiner schönen Begleiterinnen nicht im Geringsten zu stören. Wie Kolja beiläufig mitbekommen hatte, trieben den erfolgsgewohnten Mann ganz andere Sorgen. Sein Projekt war gefährdet. Obwohl die Gasförderung in diesem Gebiet durchaus Erfolg versprechend erschien, war es fraglich, zu welchem Preis sie zu haben war. Ein toter Wissenschaftler, der in einem Lagerschuppen auf seinen Abtransport in die Hauptstadt wartete, lieferte dem erfolgsgewohnten Firmenchef ein denkbar schlechtes Omen für den weiteren Verlauf der Aktion. Selbst wenn nach allem, was geschehen war, eine Menge an Fragen von seiten der Umweltverbände und der GazCom-Kon-zernleitung auf ihn niederprasseln würde, dachte er nicht daran aufzugeben. Wenn allerdings die deutsche Wissenschaftlerin verschollen blieb oder ihr Leichnam gefunden wurde, kam man in Moskau möglicherweise zu dem Schluss, dass die ganze Angelegenheit für TAI-MURO eine Nummer zu groß sein könnte. Wenn es ganz schlecht lief, musste Bashtiri seine Lizenzen für dieses Gebiet an die viel größere Muttergesellschaft GazCom zurückgeben. Dass ihm daraus Millionenverluste entstehen konnten, bedurfte keiner näheren Erklärung. Neben dem Öl wollte er schon seit längerem ins Gasgeschäft einstei-gen, doch ohne das Wohlwollen und die Zustimmung des Präsidenten war an Profit erst gar nicht zu denken. Vielleicht war es ratsam, sich zumindest der deutschen Wissenschaftler zu entledigen, indem man sie zur Aufgabe des Projektes überredete.