Schamanenfeuer. Das Geheimnis von Tunguska.
- Автор: Andre Martina
- Язык: немецкий
- Жанр: Историческая проза
Электронная книга - «Schamanenfeuer. Das Geheimnis von Tunguska.». Краткое содержание книги:
Ungerührt hatte die Tungusin damit begonnen, den Verband des Jungen abzuwickeln.
»Was tut sie da?«, flüsterte Pjotr. »Der Junge hat die Schwindsucht, und zwar im fortgeschrittenen Stadium. Wenn er kalt wird und sich die Grippe holt, ist ihm schon gar nicht mehr zu helfen.«
Aslan, der mit angewinkelten Knien neben Leonard saß, schaute mit stoischer Miene zu ihm auf. »Sie wird den kleinen Kerl umbringen. Wenn die Blutung aufbricht, hat er es ohnehin überstanden.«
Leonard war stehen geblieben, um sicherzugehen, dass der Schmied keinen weiteren Ärger machte. Zögernd setzte er sich zwischen Pjotr und Kissanka und verfolgte, was die tungusische Frau tat.
»Ich weiß nicht, was sie vorhat«, flüsterte er, »aber es sieht aus, als wüsste sie, was zu tun ist.«
Währenddessen ging der Stammesälteste herum und sammelte das Geschirr ein. Dann bat er seine Gäste, sich noch weiter zum Rand des Zeltes zurückzuziehen und den Platz um das Feuer frei zu machen.
Angespannte Stille machte sich breit. Mitja lag immer noch bewusstlos auf einem Rentierfell, nur noch mit seinem verschmutzten Leibchen bekleidet. Kissanka kniete neben Leonard und hielt die Hände zum Gebet gefaltet. Unaufhörlich murmelte sie vor sich hin.
»Heilige Mutter ...« Mehr konnte Leonard nicht verstehen, der Rest war nur ein raues, verzweifeltes Flüstern.
Der Stammesälteste legte weiteres Holz auf und etwas, das die Flamme kurzfristig zum Sprühen brachte. Plötzlich öffnete sich der
Vorhang zum Innern des Zeltes. Ein großer, schlanker Mann in einem seltsamen Kostüm glitt lautlos herein.
Es war ein Schamane, soviel wusste selbst Leonard, obwohl er einen solchen Menschen noch nie zuvor gesehen hatte. Tiefe Stille empfing den Mann. Dahinter huschte sein kleinwüchsiger Gehilfe in den Schatten seines Meisters.
Am Lederrock des Schamanen befanden sich unzählige Schnüre mit weißen und bunten Glasperlen. Dazwischen hingen längliche Eisenstäbe und Messingglocken, die klirrend hin und her baumelten. Brust und Rücken waren mit Tier- und Vogelkrallen verziert. Die Kapuze, die er trug, war umrahmt vom Kopffell eines Polarfuchses, dessen Schnauze über die Stirn des Trägers hinausragte und dessen Ohren bei jeder Bewegung des Mannes auf und ab flatterten. Wenn der Anlass nicht so ernst gewesen wäre, hätte Leonard beinahe lachen müssen, so komisch sah es aus. Nur das Gesicht des Mannes blieb frei. Die schwarzen Augen darin glühten wie ein Kohlefeuer.
Kissankas Mienenspiel nahm einen verängstigten Ausdruck an. Auch ihrer Schwester war der Fremde nicht geheuer. Die meisten der Deportierten setzten eine unsichere Miene auf. Nur die Kosaken machten verhaltene Witzchen, und dem alten Wassiljoff war anzusehen, dass es nicht mehr lange dauern konnte, bis er vollends die Geduld verlor.
Doch als der Schamane seine Trommel zückte, auf der eine menschenähnliche Fratze zu sehen war, und den ersten Schlag mit einem gebogenen Hämmerchen tat, verstummte jeglicher Protest. Die Glöck-chen tönten leise, und die Zähne an seiner exotischen Aufmachung klapperten im Rhythmus seiner Schritte. Unterbrochen wurden diese Klänge nur vom Zischen einer blauen Flamme, die entstand, wenn sein Gehilfe ein merkwürdiges Pulver in die Glut warf.
Der Tanz des Schamanen wurde immer ekstatischer, und seine Bewegungen wurden fahriger und unkontrollierter.
»Er ruft Ogdy, den Gott des Donners, des Feuers und des Lichts, der unser Leben bestimmt«, flüsterte Tschirin erklärend. Die leuchtenden schwarzen Augen des jungen Tungusen und seine demütige Haltung drückten die ganze Ehrfurcht aus, die er gegenüber dem Mann empfand. »Wenn er in Trance fällt«, erklärte er leise, »kann er seinen Körper verlassen, um die Seele des Jungen zu retten.«
Fremdartige Laute klangen aus der Kehle des Mannes, die sich mit dem Zischen des Feuers vermischten. Der Gesang passte sich seinen schreitenden und manchmal huschenden Bewegungen an, bei denen er sich immerzu ums Feuer bewegte, den Blick konzentriert auf den bewusstlosen Jungen gerichtet. Bald war nur noch das Murmeln des Schamanen zu vernehmen, und die Trommel schlug leise den Rhythmus an, mit dem er geradezu um das Feuer herumzuschweben schien. Wie ein großer schwarzer Vogel, der seine Schwingen ausbreitet, ließ er sich über dem Kind nieder und bedeckte es mit seinem Körper. Dann war er plötzlich still und rührte sich nicht mehr.
»Er hat seinen Körper verlassen«, wisperte Tschirin, »um zu den Ahnen Kontakt aufzunehmen und sich mit der Seele des Kindes zu verbinden.«
Der alte Wassiljoff war halb aufgesprungen, doch ein paar der Deportierten hielten ihn eisern zurück. Instinktiv erfassten sie wohl, dass dem Jungen kaum noch anders zu helfen war. Nach einer Ewigkeit hob sich der Kopf des Schamanen, und sein Mund senkte sich auf die Beinverletzung des Jungen.
Kissanka und einige Frauen hielten den Atem an, während die Kosaken nach ihren Säbeln griffen.
Die Sprache des Schamanen war nicht zu verstehen - ein Raunen, ein Glucksen, ein Kichern und ein Heulen in abwechselnder Reihenfolge, wie eine Kette aus verschiedenen Perlen. Der Gehilfe warf weiteres Pulver in die Glut, bis die Funken bläulich sprühten und einen gespenstischen Lichtschein auf sämtliche Gesichter der Anwesenden warfen.
»Schluss jetzt!«, brüllte Wassiljoff mit glasigen Augen. »Ich will, dass ihr meinen Sohn in Ruhe lasst und euer heidnisches Spiel beendet!«
Der Schamane blickte mit undurchdringlicher Miene auf. Es herrschte Totenstille. Selbst Wassiljoff hatte es plötzlich die Sprache verschlagen, als der Mann sich langsam erhob und dann wie eine Raubtier mit einer fließenden Bewegung auf ihn zu schlich. Er flüsterte unentwegt, und seine Stimme hatte einen unwirklichen Tonfall angenommen. Scheppernd und mit einem seltsamen Echo, wie aus einer anderen Welt, begann er zu sprechen. Den Blick hielt er dabei nicht auf Wassiljoff gerichtet, sondern auf Subbota, der neben ihm hockte. Leonard konnte sehen, wie der Offizier unter seinen Mantel fasste, dorthin, wo der Revolver saß.
»Netelälwe«, fauchte der Schamane, und seine Augen leuchteten bedrohlich in der herabbrennenden Glut des Feuers.
»Was hat er gesagt?« Pjotr warf Tschirin einen beunruhigten Blick zu.
»Er hat euren Offizier als Taugenichts beschimpft«, flüsterte Tschi-rin kaum hörbar. Man konnte sehen, dass ihn der Ausfall des Schamanen regelrecht ängstigte.
Die Stimme des Schamanen steigerte sich in ein heiseres Flüstern.
»Lolekeldu ... Xerunil ... tuye lokuCääären ... Toyo ... TjanääCöwC? ... Edikon d'üsa ... Xultond ... Xuydonelin ... xämiräldu ...«