Das Geheimnis der Schnallenschuhe
- Автор: Кристи Агата
- Год: 2009
- Язык: немецкий
- Жанр: Классические детективы
Электронная книга - «Das Geheimnis der Schnallenschuhe». Краткое содержание книги:
Die Originalausgabe erschien unter dem Titel
ONE, TWO BUCKLE MY SHOW
© 1940 Agatha Christie Limited, a Chorion Company.
In meiner Rekonstruktion des Falles wurde dieses erste Mal zum einzigen Mal. Sie hat die King Leopold Mansions nicht wieder verlassen. Ihre Rolle wurde von der andern Miss Sainsbury Seale weitergespielt. Diese andere Mabelle Sainsbury Seale zog sich entsprechende Kleider an, trug ein neues Paar Schnallenschuhe, weil die anderen ihr zu groß waren, ging zu einer belebten Tageszeit in das Hotel am Russell Square, packte die Sachen der Toten, bezahlte die Rechnung und zog ins Glengowrie Hotel. Denken Sie daran, dass niemand von den Bekannten der echten Sainsbury Seale sie von da an gesehen hat. Dort spielte sie die Rolle Mabelle Sainsbury Seales über eine Woche lang. Sie trug Mabelle Sainsbury Seales Kleider, sprach mit deren Organ, aber sie musste sich auch ein kleineres Paar Schuhe kaufen. Und dann verschwand sie: Zum letzten Mal wurde sie gesehen, als sie am Abend von Morleys Todestag wiederum die King Leopold Mansions aufsuchte.»
«Wollen Sie behaupten», fragte Alistair Blunt, «dass die Leiche in der Pelztruhe schließlich doch Mabelle Sainsbury Seale war?»
«Natürlich war sie es! Es handelte sich um einen sehr geschickten doppelten Bluff: Das verstümmelte Gesicht sollte Zweifel an ihrer Identität wecken!»
«Aber das Gebiss?»
«Ah! Darauf kommen wir jetzt. Es war nicht ihr Zahnarzt persönlich, der über das Gebiss ausgesagt hat. Morley war tot und konnte über seine Arbeit keine Auskunft mehr geben. Er hätte bestimmt gewusst, wer die Leiche war. Stattdessen wurden die Karteikarten vorgelegt – und die Karten waren gefälscht. Bedenken Sie: Beide Frauen waren Morleys Patientinnen. Es brauchte nichts weiter zu geschehen, als dass ihre Namen auf den Karten ausgetauscht wurden.»
Hercule Poirot fügte hinzu: «Und jetzt verstehen Sie auch, warum ich auf Ihre Frage, ob die Frau tot sei, geantwortet habe: ‹Das kommt darauf an, wie Sie die Sache betrachten.› Denn wenn Sie von Miss Sainsbury Seale sprechen – wen meinen Sie dann? Die Frau, die aus dem Glengowrie Court Hotel verschwand oder die richtige Mabelle Sainsbury Seale?»
«M. Poirot», sagte Alistair Blunt, «ich weiß, dass Sie großes Ansehen genießen. Deshalb finde ich mich damit ab, dass Sie wahrscheinlich Ihre Gründe für diese außergewöhnliche Annahme haben – denn es ist eine Annahme, nicht mehr. Aber soweit ich sehe, ist die ganze Geschichte von einer geradezu phantastischen Unwahrscheinlichkeit. Sie behaupten, Mabelle Sainsbury Seale sei mit Vorbedacht ermordet worden, und auch Morley habe man getötet, um eine Identifizierung der Leiche durch ihn zu verhindern. Aber was ich gern wissen möchte, ist – warum? Warum soll ein derartig verwickelter Plan in Szene gesetzt worden sein, um eine vollkommen harmlose Frauensperson in mittleren Jahren zu beseitigen, die eine Menge Bekannte und anscheinend keinen einzigen Feind besaß?»
«Warum? Ja – das ist die Frage. Warum? Wie Sie sehr richtig sagen: Mabelle Sainsbury Seale war ein vollkommen harmloses Geschöpf, das keiner Fliege etwas zuleide getan hätte! Warum also hat man sie mit Vorbedacht brutal ermordet? Nun, ich will Ihnen sagen, was ich glaube.»
«Ja?»
Hercule Poirot beugte sich vor.
«Ich glaube, dass Mabelle Sainsbury Seale ermordet worden ist, weil sie ein zu gutes Gedächtnis für Physiognomien hatte.»
«Wie meinen Sie das?»
Poirot war jetzt ganz ruhig und sachlich:
«Wir haben die beiden Persönlichkeiten voneinander geschieden: die harmlose Dame aus Indien und die geschickte Schauspielerin, die die Rolle der harmlosen Dame aus Indien spielte. Aber einen Vorfall gab es, der zwischen den beiden Erscheinungsformen lag. Welche Miss Sainsbury Seale war es, die Sie, Mr Blunt, vor Morleys Haustür ansprach? Sie werden sich erinnern, dass sie behauptete, ‹sehr befreundet mit Ihrer Frau› gewesen zu sein. Nach der Ansicht ihrer Bekannten und im Lichte der allgemeinen Umstände kann diese Behauptung nicht gestimmt haben. Deshalb durften wir den Schluss ziehen: ‹Das war eine Lüge – die echte Sainsbury Seale lügt nicht, also handelte es sich um eine Betrügerin, die einen bestimmten Zweck verfolgte.›»
Alistair Blunt nickte.
«Ja, diese Überlegung ist durchaus klar. Obwohl ich nie erfahren habe, welchen Zweck sie eigentlich verfolgt hat.»
«Pardon», fuhr Poirot fort, «erst wollen wir die Sache von der anderen Seite betrachten. Es war die echte Sainsbury Seale. Diese lügt nicht. Also muss ihre Behauptung stimmen.»
«Natürlich lässt es sich auch so betrachten – aber es ist doch höchst unwahrscheinlich…»
«Freilich ist es unwahrscheinlich! Aber wenn wir unsere zweite Hypothese als Tatsache unterstellen, dann stimmt die Behauptung! Demnach hat Miss Sainsbury Seale Ihre Frau wirklich gekannt. Sie war sogar befreundet mit ihr. Also muss Ihre Frau jemand gewesen sein, den Miss Sainsbury Seale gut gekannt haben konnte. Ein Mensch aus der gleichen Lebenssphäre wie sie. Eine Engländerin in Indien, eine Missionarin oder – um noch weiter zurückzugreifen – vielleicht… eine Schauspielerin. Jedenfalls nicht Rebecca Arnholt! Verstehen Sie jetzt, Mr Blunt, woran ich dachte, als ich von einem öffentlichen und einem privaten Leben sprach? Sie sind ein bekannter Großbankier. Aber Sie sind auch ein Mann, der eine reiche Frau geheiratet hat. Und bevor Sie diese heirateten, waren Sie bloß jüngerer Teilhaber in einer Firma, einige Zeit nach Beendigung Ihrer Studien in Oxford.
Sie begreifen: Ich begann den Fall aus der richtigen Perspektive zu betrachten. Kosten spielen keine Rolle? Natürlich nicht – für Sie. Rücksichtslose Opferung von Menschenleben? Auch das macht Ihnen nichts aus, denn Sie sind praktisch seit langer Zeit ein Diktator – und für einen Diktator wird sein eigenes Leben übertrieben wichtig und das der anderen immer unwichtiger.»
«Was wollen Sie damit sagen, Monsieur Poirot…?», fragte Blunt leise.
«Ich will damit sagen, Mr Blunt, dass Sie, als Sie die Ehe mit Rebecca Arnholt schlossen, bereits verheiratet waren. Dass Sie – geblendet durch die Hoffnung weniger auf Reichtum als auf Macht – Ihre erste Ehe verschwiegen und mit Vorbedacht Bigamie getrieben haben. Und dass Ihre richtige Frau sich mit dieser Situation abgefunden hat.»
«Und wer soll diese richtige Frau gewesen sein?»
«Als Mrs Albert Chapman war sie in den King Leopold Mansions bekannt – ein bequemer Ort übrigens, zu Fuß keine fünf Minuten von Ihrem Haus am Chelsea Embankment entfernt. Sie entliehen für sie den Namen eines wirklich existierenden Geheimagenten, weil Sie wussten, dass das die Glaubwürdigkeit der Andeutungen über den ständig abwesenden Gatten erhöhen würde. Ihrer Komödie war ein voller Erfolg beschieden. Niemand schöpfte den geringsten Verdacht. Trotzdem blieb die Tatsache bestehen, dass Ihre Ehe mit Rebecca Arnholt gesetzlich ungültig war und dass Sie sich des Verbrechens der Bigamie schuldig gemacht hatten. An eine Gefahr haben Sie nach so vielen Jahren nicht gedacht. Sie kam wie ein Blitz aus heiterem Himmel – in Gestalt einer lästigen Frauensperson, die Sie nach fast zwanzig Jahren als Gatten ihrer Freundin erkannte. Der Zufall hatte sie nach England zurückgeführt, der Zufall führte sie in der Queen Charlotte Street mit Ihnen zusammen – und der Zufall wollte es, dass Ihre Nichte dabei war und hörte, was sie zu Ihnen sprach. Sonst hätte ich es wahrscheinlich nie erraten.»
«Ich habe Ihnen selbst davon erzählt, mein lieber Poirot.»
«Nein, es war Ihre Nichte, die darauf bestand, dass ich es erfahren sollte – und da konnten Sie, um keinen Verdacht zu erregen, nicht gut protestieren. Und nach diesem Zufallstreffen passierte noch ein weiteres Malheur – von Ihrem Standpunkt aus betrachtet. Mabelle Sainsbury Seale traf Amberiotis, ging mit ihm essen und erzählte ihm von dieser Begegnung mit dem Mann einer Freundin: ‹Denken Sie nur, nach all den Jahren! Hat natürlich älter ausgesehen, aber sonst kaum verändert!› Ich gebe zu, dass das meinerseits bloßes Rätselraten ist – aber so ungefähr muss es sich abgespielt haben. Ich glaube nicht, dass Mabelle Sainsbury auch nur eine blasse Ahnung gehabt hat, dass es sich bei diesem Mr Blunt, den ihre Freundin geheiratet hatte, um den großen internationalen Finanzgewaltigen handelte. Der Name ist schließlich nicht ungewöhnlich. Aber Amberiotis, müssen Sie bedenken, war nicht nur Geheimagent, sondern auch Erpresser – und Erpresser besitzen einen unheimlichen Riecher für Geheimnisse. Amberiotis überlegte. Er beschloss festzustellen, um welchen Blunt es sich handelte. Und dann – ich zweifle nicht daran – hat er Ihnen geschrieben – oder telefoniert. Ah – gewiss! Für Amberiotis war das eine Goldgrube!»