Das Geheimnis der Schnallenschuhe
- Автор: Кристи Агата
- Год: 2009
- Язык: немецкий
- Жанр: Классические детективы
Электронная книга - «Das Geheimnis der Schnallenschuhe». Краткое содержание книги:
Die Originalausgabe erschien unter dem Titel
ONE, TWO BUCKLE MY SHOW
© 1940 Agatha Christie Limited, a Chorion Company.
Alistair Blunt fragte: «Sind Sie müde?»
«Ja, ich bin müde. Und was ich Ihnen zu sagen habe – ist nicht angenehm.»
«Ist sie tot?»
«Das hängt davon ab», antwortete Poirot langsam, «wie Sie die Sache betrachten…»
Blunt sagte stirnrunzelnd: «Mein lieber Mann – ein Mensch muss doch entweder tot oder lebendig sein. Eines von beiden muss also auch auf Miss Sainsbury Seale zutreffen, oder?»
«Ja – aber wer ist Miss Sainsbury Seale?»
«Meinen Sie damit, dass diese Person – gar nicht existiert?», fragte Blunt zögernd.
«Nein, nein: Sie hat existiert. Sie hat in Kalkutta gewohnt, gab Sprachunterricht, war wohltätig, und auf der ‹Maharanah› kam sie nach England. Sie war auf demselben Schiff, das auch Mr Amberiotis benutzte. Obschon sie nicht in der gleichen Klasse reisten, hat er ihr einen kleinen Dienst erwiesen – es drehte sich um ihr Gepäck. In Kleinigkeiten scheint er ein hilfsbereiter Mensch gewesen zu sein. Und manchmal, Mr Blunt, macht sich Hilfsbereitschaft in unerwarteter Weise bezahlt. So erging es auch Mr Amberiotis. Der Zufall wollte, dass er die Dame in London auf der Straße wiedertraf. Er war in Geberlaune und lud sie zum Mittagessen ins Savoy ein. Das war ein unerwartetes Fest für sie – und für Mr Amberiotis ein unerwarteter Glücksfall! Denn seiner Gutmütigkeit lag keinerlei Berechnung zugrunde – er hatte keine Ahnung, dass diese verwelkte, ältliche Dame ihm ein Geschenk machen würde, das für ihn einer Goldgrube gleichkam. Und doch tat sie das – freilich ohne es zu wissen.
Sie war nicht besonders helle, verstehen Sie. Eine brave, gutmütige Haut, aber mit der Intelligenz – sagen wir – einer Henne.»
Blunt fragte: «Dann ist die Chapman also nicht von ihr umgebracht worden?»
Poirot sagte langsam: «Ich weiß nicht recht, wie ich den Fall darstellen soll. Ich werde, glaube ich, dort anfangen, wo er für mich begonnen hat. Mit einem Schuh!»
Blunt fragte verständnislos: «Mit einem Schuh?»
Poirot nickte. «Ja, mit einem Schnallenschuh. Ich kam von der Behandlung beim Zahnarzt, und als ich auf den Stufen des Hauses Queen Charlotte Street 58 stand, hielt ein Taxi, und ich sah den Fuß der Frau, die im Begriff war auszusteigen. Ich gehöre zu den Männern, die sich Fuß und Knöchel bei einer Frau ansehen. Es war ein wohlgeformter Fuß mit schlanker Fessel und einem teuren Strumpf – aber der Schuh gefiel mir nicht. Es war ein neuer, glänzender Lackschuh mit einer großen, verzierten Schnalle. Nicht schick – gar nicht schick!
Und während ich diese Beobachtungen anstellte, kam der restliche Teil der Frau zum Vorschein. Das war, offen gesagt, eine Enttäuschung: eine angejahrte Dame ohne Charme und schlecht angezogen.»
«Miss Sainsbury Seale?»
«Sehr richtig. Bei ihrem Aussteigen ereignete sich ein kleiner Unglücksfalclass="underline" Die Schnalle ihres einen Schuhs verfing sich in der Tür des Taxis und wurde abgerissen. Ich hob die Schnalle auf und gab sie ihr zurück. Das war alles. Der Zwischenfall war abgeschlossen.
Im weiteren Verlauf des gleichen Tages suchte ich mit Chefinspektor Japp die Dame auf, um ihr verschiedene Fragen zu stellen – übrigens hatte sie da die Schnalle noch nicht wieder angenäht. Am selben Abend verließ Miss Sainsbury Seale ihr Hotel und verschwand spurlos. Bis dahin, wollen wir sagen, reicht der erste Teil.
Der zweite Teil begann, als Chefinspektor Japp mich in die King Leopold Mansions kommen ließ. In einer der Wohnungen stand eine Pelztruhe, und in dieser Pelztruhe war eine Leiche gefunden worden. Das erste, was ich sah, als ich an die Truhe trat, war – ein abgetragener Schnallenschuh!»
«Nun?»
«Sie haben den springenden Punkt nicht ganz erfasst:
Es war ein abgetragener Schuh, ein Schuh, der schon längere Zeit in Gebrauch gewesen war. Nun bedenken Sie aber: Miss Sainsbury Seale war am Abend des gleichen Tages in die King Leopold Mansions gekommen – des Tages, an dem Morley ermordet worden war. Am Morgen waren die Schuhe neu gewesen – am Abend waren sie alt. Sie verstehen – man kann ein Paar Schuhe nicht in einem einzigen Tage abtragen.»
Alistair Blunt bemerkte ziemlich gleichgültig: «Wahrscheinlich hat sie zwei Paar besessen.»
«Ah – aber gerade das war nicht der Fall. Japp und ich hatten ihr Zimmer im Glengowrie Court Hotel durchsucht und keine Schnallenschuhe gefunden. Ja, sie hätte ein Paar alte Schuhe besitzen und nach einem anstrengenden Tag am Abend anziehen können – aber dann hätten wir das neue Paar im Hotel vorfinden müssen, nicht wahr? Sie werden zugeben, dass das Fehlen des zweiten Paars ein auffallender Umstand war.»
Blunt sagte mit schwachem Lächeln: «Ich kann nicht einsehen, dass es so wichtig gewesen sein soll.»
«Nein – wichtig nicht, aber es stört mich, wenn ich mir etwas nicht erklären kann. Ich stand vor der Pelztruhe und betrachtete den Schuh – die Schnalle war erst kürzlich mit der Hand angenäht worden. Ich will zugeben, dass in mir in diesem Augenblick Zweifel aufstiegen. Zweifel an mir selbst. Ja, sagte ich mir im Stillen, Hercule Poirot, vielleicht warst du an diesem Morgen etwas leichtsinnig. Du hast die Welt durch eine rosa Brille gesehen. Sogar die alten Schuhe sind dir neu vorgekommen!»
«Vielleicht war das tatsächlich die richtige Erklärung?»
«Aber nein, keineswegs. Meine Augen täuschen mich nicht! Weiter: Ich untersuchte die Leiche, und was ich sah, gefiel mir gar nicht. Warum war das Gesicht mit Absicht brutal verstümmelt und unkenntlich gemacht worden…?»
Alistair Blunt rückte unruhig hin und her.
«Müssen wir das alles noch einmal durchgehen? Wir wissen doch schon…»
Hercule Poirot entgegnete mit fester Stimme: «Es ist notwendig. Ich muss mit Ihnen alle Phasen des Weges durchgehen, der mich schließlich zur Lösung geführt hat. Ich sagte mir: ‹Hier stimmt etwas nicht. Da liegt eine tote Frau in der Kleidung der Sainsbury Seale – ausgenommen vielleicht die Schuhe? – und daneben die Handtasche der Sainsbury Seale: Und warum hat man ihr Gesicht so zugerichtet, dass es nicht zu erkennen ist? Etwa, weil das Gesicht nicht das von Miss Sainsbury Seale ist?› Und sofort beginne ich alles zusammenzutragen, was ich über die Erscheinung der anderen Frau – der Frau, der die Wohnung gehört – erfahren habe, und ich frage mich: Ist es nicht möglicherweise die andere Frau, die da tot vor mir liegt? Dann gehe ich und schaue mir das Schlafzimmer der anderen Frau an. Ich versuche mir auszumalen, um was für eine Art Frau es sich handelt. Oberflächlich betrachtet, scheint sie sich von der Seale sehr zu unterscheiden. Elegant, auffallend angezogen, stark zurechtgemacht. Aber in den wesentlichen Zügen ihr nicht unähnlich: Haar, Körperbau, Alter. Ein Unterschied ist jedoch vorhanden: Mrs Albert Chapman hatte Schuhgröße fünf, während Miss Sainsbury Seale, wie ich wusste, Strümpfe Nummer zehn trug, also wenigstens Schuhgröße sechs hatte. Mrs Chapman besaß also kleinere Füße als Mrs Sainsbury Seale. Ich ging zu der Leiche zurück. Wenn meine halb gare Theorie stimmte und das die Leiche von Mrs Chapman in Miss Sainsbury Seales Kleidern war, dann mussten ihr die Schuhe zu groß sein. Ich ergriff einen der Schuhe – aber er saß fest. Das sah also aus, als sei es doch die Leiche von Miss Sainsbury Seale! Aber warum war dann das Gesicht verstümmelt? Ihre Identität war doch schon durch die Handtasche bewiesen, die man leicht hätte entfernen können, aber nicht entfernt hatte.
Es war ein Rätsel – ein höchst verwickeltes Rätsel. In meiner Verzweiflung stürzte ich mich auf Mrs Chapmans Adressbuch: Ein Zahnarzt war der einzige Mensch, der mit Bestimmtheit feststellen konnte, wer die tote Frau war – oder nicht war. Zufällig war Mrs Chapmans Zahnarzt Mr Morley. Morley war tot, aber die Identifizierung ließ sich trotzdem ermöglichen. Sie kennen das Ergebnis. Die Leiche wurde bei der Totenschau durch Mr Morleys Nachfolger als diejenige von Mrs Albert Chapman identifiziert.»
Blunt verriet Zeichen der Ungeduld, aber Poirot beachtete sie nicht. Er fuhr fort: «Nun stand ich vor einem psychologischen Problem. Was für eine Art Frau war Mabelle Sainsbury Seale? Auf diese Frage gab es zwei Antworten. Die erste war die nächstliegende, die durch Mabelles ganzes Leben in Indien und durch das Zeugnis ihrer persönlichen Bekannten gegeben wurde. Danach war sie ein gewissenhaftes, ernstes, etwas törichtes Wesen. Gab es noch eine andere Sainsbury Seale? Anscheinend ja. Es gab die Frau, die mit einem bekannten ausländischen Agenten zu Mittag aß; die Frau, die Sie, Mr Blunt, unter der offensichtlich falschen Vorspiegelung, sie sei eine enge Freundin Ihrer Frau gewesen, auf der Straße ansprach; die Frau, die Morleys Haus verließ, unmittelbar bevor dort ein Mord begangen wurde; die Frau, die eine andere just an dem Abend besuchte, an dem diese höchstwahrscheinlich ermordet wurde; die Frau, die seither verschwunden war, obwohl die gesamte Polizeimacht Englands nach ihr suchte. Ließen sich alle diese Handlungen mit dem Leumund vereinbaren, den ihre Freunde ihr ausstellten? Anscheinend doch nicht. Wenn also Miss Sainsbury Seale nicht das gute, liebenswerte Geschöpf war, als das sie erschien, dann war sie möglicherweise eine kaltblütige Mörderin oder zumindest Helfershelferin.