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Das flammende Kreuz: Roman (German Edition)

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Das flammende Kreuz: Roman (German Edition)
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Ich ertappte mich dabei, dass ich zustimmend nickte. Ich stimmte nicht immer mit Rawlings überein, was seine Diagnosen oder Behandlungsmethoden anging, doch in diesem Fall war ich der Meinung, dass er den Nagel auf den Kopf getroffen hatte. Doch was war mit Jocasta?

Da war sie ja, auf der nächsten Seite.

Jocasta Cameron, vierundsechzig Jahre alt, Tri-gravida, gut genährt und allgemein von guter Gesundheit, von sehr jugendlichem Aussehen.

Tri-gravida? Bei dieser beiläufigen Anmerkung hielt ich einen Moment inne. Was für ein schlichter, schmuckloser Ausdruck für das Austragen – ganz zu schweigen vom Verlust – dreier Kinder. Drei Kinder über das gefährliche Säuglingsalter hinaus aufgezogen zu haben, nur, um sie alle zugleich zu verlieren, noch dazu auf solch grausame Weise. Die Sonne war warm, doch ich spürte, wie sich bei diesem Gedanken Kälte über mein Herz senkte.

Was, wenn es Brianna wäre? Oder der kleine Jemmy? Wie ertrug eine Frau einen solchen Verlust? Ich hatte es selbst erlebt, und ich fasste es immer noch nicht. Es war schon lange her, und doch erwachte ich dann und wann des Nachts und spürte das warme, schlafende Gewicht eines Kindes auf meiner Brust, seinen warmen Atem an meinem Hals. Ich hob die Hand und berührte meine Schulter, die sich vorgeschoben hatte, als läge der Kopf des Kindes dort.

Ich nahm an, dass es einfacher war, eine Tochter bei der Geburt zu verlieren, ohne dass das Fehlen ihrer jahrelangen Gesellschaft löchrige Fetzen in das Gewebe des Alltags reißen konnte. Und doch kannte ich Faith bis ins letzte Atom ihres Wesens; mein Herz hatte ein Loch, das genau ihre Form hatte. Vielleicht half es ja, dass sie zumindest eines natürlichen Todes gestorben war; dies gab mir das Gefühl, dass sie nach wie vor irgendwie bei mir war, dass sie gut versorgt und nicht allein war. Doch seine Kinder im Krieg durch blutiges Gemetzel zu verlieren?

In dieser Zeit konnte Kindern so viel zustoßen. Aufgewühlt machte ich mich wieder an meine Lektüre der Fallgeschichte.

Keine Anzeichen einer organischen Erkrankung, keine äußerlichen Beschädigungen der Augen. Das Weiße der Augen ist klar, die Wimpern frei von jeder Ablagerung, kein Tumor zu sehen. Die Pupillen reagieren normal, wenn man eine Lichtquelle daran vorbeiführt oder dieselbe verdunkelt. Wenn man eine Kerze dicht an die Seite hält, beleuchtet sie den glasigen Zustand des Auges, zeigt jedoch keinen Defekt in seinem Inneren. Mir fällt eine leichte Schlierenbildung auf, die auf einen drohenden Grauen Star im linken Auge hinweist, doch dies reicht nicht aus, um den allmählichen Verlust des Augenlichtes zu erklären.

»Hmm«, sagte ich laut. Sowohl Rawlings’ Beobachtungen als auch seine Schlussfolgerungen stimmten mit den meinen überein. Im Vorübergehen erwähnte er den Zeitraum, über den sich die Verschlechterung von Jocastas Sehvermögen hingezogen hatte – ungefähr zwei Jahre – und das Voranschreiten der Verschlechterung – nichts Abruptes, sondern eine graduelle Verkleinerung des Blickfeldes.

Ich hielt es für wahrscheinlicher, dass es länger gedauert hatte; manchmal fand der Verlust so allmählich statt, dass die Leute die kleinen Verschlechterungen gar nicht bemerkten, bis dann ihr Augenlicht ernsthaft bedroht war.

… Teile der peripheren Vision gingen verloren wie abgehobelter Käse. Auch kann die Patientin das geringe, verbliebene Sehvermögen nur bei gedämpftem Licht nutzen, da das Auge stark gereizt und schmerzempfindlich reagiert, wenn es grellem Sonnenlicht ausgesetzt wird.

Ich habe dieses Krankheitsbild bereits zweimal gesehen, jeweils bei älteren Menschen, jedoch nicht so weit fortgeschritten. Habe meine Meinung geäußert, dass das Sehvermögen bald vollständig ausgelöscht sein wird und dann keine Verschlechterung mehr möglich ist. Glücklicherweise hat Mr. Cameron einen schwarzen Bediensteten, der lesen kann und den er seiner Frau als Begleiter überlassen hat, damit er sie vor Hindernissen warnt, ihr vorliest und ihr ihre Umgebung beschreibt.

Inzwischen war es weiter fortgeschritten, und Jocasta war vollkommen blind. Also war es eine allmählich fortschreitende Erkrankung – das sagte mir nicht viel, denn es galt für die meisten Augenerkrankungen. Wann hatte Rawlings sie gesehen?

Es kam eine ganze Reihe von Krankheitsbildern in Frage: Netzhautdegeneration, ein Tumor des Sehnervs, Parasitenbefall, Retinitis Pigmentosa, eine Entzündung der Schläfenarterie – wahrscheinlich keine Netzhautablösung, diese wäre abrupt geschehen –, doch mein persönlicher Verdacht lautete auf Glaukom. Ich konnte mich erinnern, wie Phaedre, Jocastas Leibdienerin, einmal Tücher in kaltem Tee ausgewrungen und angemerkt hatte, dass ihre Herrin »schon wieder« Kopfschmerzen habe, in einem Tonfall, der auf ein häufiges Vorkommen schließen ließ – und dass Duncan mich gebeten hatte, ihr ein Lavendelkissen zu machen, um das »Megrimmen« seiner Frau zu lindern.

Möglich jedoch, dass Jocastas Kopfschmerzen nichts mit ihrem Augenlicht zu tun hatten – ich hatte mich damals nicht nach der Natur der Kopfschmerzen erkundigt; es konnte ja sein, dass es schlichte Anspannungsschmerzen oder Migräneanfälle waren, nicht die Druckschmerzen, die manchmal Begleiterscheinungen eines Glaukoms waren – manchmal auch nicht. Schließlich verursachten auch Arterienentzündungen häufig Kopfschmerzen. Das Frustrierende daran war, dass das Glaukom selbst absolut keine vorhersehbaren Symptome hatte – außer der schließlich einsetzenden Blindheit. Es wurde dadurch verursacht, dass die Flüssigkeit im Inneren des Augapfels nicht richtig ablaufen konnte und sich dadurch der Augeninnendruck so weit erhöhte, dass es zu Beschädigungen kam, ohne das geringste Warnsignal für die Patientin oder ihren Arzt. Doch es gab auch noch andere Arten von Erblindung, die ebenfalls weitgehend ohne Symptome verliefen …

Ich war noch tief in meine Spekulationen versunken, als mir bewusst wurde, dass Rawlings seine Notizen auf der Rückseite weitergeführt hatte – auf Lateinisch.

Ich kniff die Augen zu, denn das überraschte mich ein wenig. Ich konnte sehen, dass er die Worte als Fortsetzung der vorhergehenden Passage geschrieben hatte; wenn man mit dem Federkiel schreibt, weisen die Worte einen charakteristischen Wechsel von dunklen und bleicheren Stellen auf, weil die Tinte mit jedem Eintauchen der Feder aufgefrischt wird, und wenn man verschiedene Tintensorten benutzte, hatte jede Passage einen anderen Farbton. Nein, dies war zur selben Zeit geschrieben worden wie der Absatz auf der vorherigen Seite.

Doch warum der plötzliche Wechsel zum Lateinischen? Rawlings verfügte zweifellos über einige Lateinkenntnisse – was dafür sprach, dass er ein gewisses Maß an formeller Bildung genossen hatte, selbst wenn es keine offizielle, medizinische Ausbildung gewesen war –, doch normalerweise machte er in seinen klinischen Notizen keinen Gebrauch davon, abgesehen von gelegentlichen Wörtern oder Phrasen, die zur formellen Beschreibung eines Krankheitsbildes notwendig waren. Doch hier standen anderthalb Seiten auf Latein, in gewissenhaften Buchstaben verfasst, die kleiner waren als seine übliche Handschrift, so als hätte er sich den Inhalt dieser Textpassage sorgfältig zurechtgelegt – oder vielleicht, als hätte er sie geheim halten wollen, wofür schon der bloße Gebrauch des Lateinischen zu sprechen schien.

Ich blätterte die Seiten des Notizbuches zurück, um zu überprüfen, ob ich mit meinem Eindruck Recht hatte. Nein, er hatte zwar hier und dort lateinisch geschrieben – jedoch nicht oft, und immer so wie hier, als Fortsetzung einer auf Englisch begonnenen Passage. Wie merkwürdig. Ich schlug die Seite, die River Run betraf, wieder auf und begann sie auszuknobeln.

Nach ein oder zwei Sätzen gab ich es auf und machte mich auf die Suche nach Jamie. Er war in seinem Studierzimmer auf der anderen Flurseite und schrieb Briefe. Oder auch nicht.

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