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Nach all den Jahrmilliarden

Электронная книга - «Nach all den Jahrmilliarden». Краткое содержание книги:

Dem jungen Archäologen Tom Rice erfüllt sich sein größter Wunsch, als er in das Team einer wissenschaftlichen Expedition aufgenommen wird, die rätselhafte Fundstätten von Artefakten einer Alienkultur untersuchen soll. Vor rund einer Milliarde Jahren haben die Fremden ein Sternenimperium geschaffen, aber eines Tages verschwanden sie von der Bildfläche. Ihre Kultur, ihr Werden und Vergehen, ist den Menschen ein Rätsel. Bis Tom Rice eines Tages ein Artefakt findet, das über die Kluft von Jahrmilliarden hinweg visuelle Aufzeichnungen aus dem Alltag der Fremden gespeichert hat. Die Wissenschaftler erfahren, daß irgendwo zwischen den Sternen ein von einem Roboter bewachter Außenposten existiert. Und von dort führt die Spur in das letzte Refugium der Fremden…
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„Weil es in der Natur des Menschen liegt“, sagte ich, „das eigene Licht dadurch über den Scheffel zu stellen, indem man jemand anders heruntermacht. Früher waren die Juden oder Neger oder Chinesen oder Katholiken oder Protestanten die Opfer oder irgend jemand anders, der sich zufälligerweise von den anderen Leuten in seiner Umgebung unterschied. Diese Art der Diskriminierung ist heute nicht mehr möglich, hauptsächlich deshalb, weil sich die Rassen und Religionen und Gebräuche auf der Erde so miteinander verknüpft und vermischt haben, daß ein Computer notwendig wäre, um zu ermitteln, wem gegenüber man aufgrund seiner Herkunft Vorurteile entwickeln könnte. Jetzt haben wir Androiden. Es ist haargenau dasselbe. Ihr Androiden lebt länger als wir, ihr habt attraktivere Körper, ihr seid uns in vielen Dingen überlegen, aber wir haben euch erschaffen, und wenn wir auch neidisch auf euch sind, so finden wir doch ein wenig Spaß daran, uns Androidenwitze zu erzählen, Androiden von unseren Gemeinschaften auszuschließen und solche Dinge. Eine Voraussetzung für diese Sache mit der Diskriminierung besteht darin, daß das Opfer zahlenmäßig schwächer als man selbst sein muß und daß es sich um jemanden handelt, den man insgeheim bewundert oder fürchtet. So glaubte man etwa, Juden seien tüchtiger als normale Leute, oder Neger seien anmutiger und agiler als normale Leute, oder Chinesen könnten härter arbeiten als normale Leute. Und so wurden Juden und Neger und Chinesen zugleich beneidet und verachtet. Bis sich die Gene soweit vermischt hatten, daß jeder einen Teil jedes anderen besaß und diese Denkweise somit überholt war.“

„Vielleicht“, sagte Kelly mit einem angedeuteten Lächeln, „besteht die Lösung des Problems mit der Androiden-Diskriminierung darin, schwächliche und häßliche Androiden zu erschaffen!“

„Sie wären nur die Ausnahme, die die Regel bestätigt, Kelly. Die einzig wirkliche Lösung wäre, den Androiden die Fähigkeit zur Reproduktion zu geben, so daß sie sich überall mit den anderen verheiraten könnten. Aber man sagt, die Entwicklung des fruchtbaren Androiden läge noch fünfhundert Jahre in der Zukunft.“

„Zweihundert“, stellte Kelly gelassen richtig. „Oder weniger. Androidische Biologen befassen sich mit diesem Problem. Jetzt, da wir gleichberechtigt sind, jetzt, da wir nicht länger die Sklaven und Lasttiere sind, als die ihr uns erschaffen habt, haben wir damit begonnen, unsere eigenen Bedürfnisse zu untersuchen.“

Ich fand diese Worte ziemlich verunsichernd.

„Nun, vielleicht wachsen wir am Ende über unsere törichten Einstellungen den Androiden gegenüber hinaus“, sagte ich schwach.

Kelly lachte. „Und wann wird das sein? Du hast die Wahrheit gesagt: Voreingenommenheit ist Teil eures Wesens. Ihr Natürlichen seid so albern! Ihr durchstöbert das ganze Universum auf der Suche nach Leuten, die ihr verachten könnt. Ihr spottet über die Schwerfälligkeit der Calamorianer, ihr macht Witze über die Größe und den Geruch der Dinamonianer, ihr lacht über die Gebräuche der Shilamakka und Thhhianer und all der anderen extraterrestrischen Rassen. Ihr bewundert ihre ungewöhnlichen Talente und Fähigkeiten, aber insgeheim seht ihr von oben auf sie herab, weil sie zu viele Augen oder Köpfe oder Arme besitzen. Habe ich recht?“

Ich hatte den Eindruck, als glitte mir die Kontrolle über den Verlauf des Gesprächs aus den Händen. Ich hatte einfach nur wissen wollen, wie es ist, ein Android zu sein und einen so schwierigen Platz in der modernen Gesellschaft einzunehmen — doch statt dessen wurde ich in die Defensive gedrängt und versuchte, die blöde Voreingenommenheit zu rechtfertigen, die der Homo sapiens so schätzt.

Es war das Auftauchen Jans, das mir aus der Klemme half. Sie glitt zu uns in die Kabine, und ihr Gesicht zeigte den fahlen, geisterhaften Ausdruck, der oftmals zu beobachten ist bei den Leuten, die nach einigen Stunden Ruhezeit aus der Nichtskammer herauskommen: Ihre Augen blickten verträumt, und ihre Gesichtsmuskeln waren so entspannt, daß sie wie ein Schlafwandler aussah. Das kommt davon, wenn man mit zugestopften Ohren und abgedeckten Augen in einem warmen Chemikalienbad liegt. Jan schwebte wie die kopflosen Gattinnen von Heinrich VIII. herein, sah mich an, sah Kelly an, lächelte eigentümlich, sagte mit einer silberhellen, trillernden Stimme: „Entschuldigung“ und schwebte wieder hinaus. Sonderbar.

Irgendwie machte das der Diskussion über Rassendiskriminierung ein Ende. Wir versuchten nicht, sie fortzusetzen. Statt dessen begann Kelly über Inschriftsknoten zu sprechen, und nach einiger Zeit sagte ich gute Nacht und ging schlafen. Seitdem haben wir einige Abende zusammen verbracht und uns bis spät nachts unterhalten. Ich glaube, Kelly benutzt mich in gewisser Weise dazu, den linkischen Annäherungsversuchen von Leroy Chang zu entgehen, aber das stört mich nicht. Da Jan mich ganz offensichtlich ignoriert, ist es angenehm, Kelly als Gesprächspartner zu haben. Und ich habe die lohnende Entdeckung gemacht, daß ein Android in vielerlei Hinsicht eine richtige, wirkliche Person sein kann. Am Grunde von Kellys Wesen befindet sich ein Kern aus Ruhe, der von nichts durchdrungen werden kann — was für mich ein Beweis ihres künstlichen Ursprungs ist. Doch jenseits dieser Grundfeste ist sie durchaus Stimmungen unterworfen; sie hat intensive Gefühle, versteht Spaß, ist kultiviert und noch vieles andere mehr. Sie neigt ein wenig dazu, dauernd ihre Menschlichkeit unter Beweis stellen zu müssen, in einer Wenn-du-meine-Haut-ritzt-blute-ich-dann-etwa-nicht?-Art, aber das ist nicht weiter verwunderlich. Ich will nicht behaupten, ich hätte meine Vorurteile abgeschüttelt. Ich denke noch immer, daß Kelly sehr menschlich ist, aber… Und es ist dieses verdammte Aber, das nicht verschwinden will. Doch ich mache Fortschritte.

Es macht mir ein wenig. Angst, daran zu denken, daß es in ein paar hundert Jahren vielleicht zu Heiraten zwischen Menschen und Androiden kommt und Kinder gezeugt werden. Ich frage mich, warum mich diese Vorstellung so erschreckt. Weil wir von einem Spritzer Androidenblut in unser Gen-Reservoir vielleicht verändert werden? Verbessert werden? Dieser Gedanke schmerzt dort, wo meine Vorurteile ihren Ursprung haben.

Aber dann werde ich nicht mehr da sein, um es zu erleben. Das ist tröstlich. Oder?

Nach dieser unklaren Bemerkung, die jetzt zehn Tage zurückliegt, habe ich keine weiteren Aufzeichnungen gesprochen. Der November geht nun allmählich seinem Ende entgegen, und ich habe diesen Würfel nur wieder zur Hand genommen, um den Nachtrag hinzuzufügen, daß wir GGC 1145591 in fünf weiteren Tagen erreichen. Ich bezweifle, ob bis dahin etwas Wichtiges geschieht, und deshalb schließe ich den Würfel jetzt ab.

Es ist alles beim alten geblieben, in jeder Hinsicht. Wann immer ich Jan sehe, ist sie mit Saul zusammen, und sie sind ganz vertieft in die Diskussion über die selbstentwertenden französischen Briefmarken von 2115 oder was auch immer. Kelly hat vorgeschlagen, ich solle zum Gegenangriff übergehen und eine Münzsammlung anlegen. Dieser Vorschlag scheint mir kaum durchführbar. Zum Teufel auch, ich glaube, Saul ist einfach der bessere Mann. Doch ich würde zu gern wissen, warum.

Beiseite mit diesen Nebensächlichkeiten. Die Dunkelsonne erwartet uns.

11

12. Dezember 2375

Dritter Planet von GGC 1145591

Wir sind hier ziemlich auf uns allein gestellt. Und alles ist außerordentlich seltsam. Als ich einen so gesetzten Beruf wie Archäologie ergriff, habe ich nicht im Traum daran gedacht, daß ich dadurch einmal so etwas erleben würde.

Wir befinden uns in einem Sonnensystem, in dem es kein Tageslicht gibt. Wir scheinen verzaubert zu sein, in Gnome verwandelt, dazu verurteilt, durch finstere Tunnel zu laufen, die nur von einem trüben, purpurnen Glühen beleuchtet werden, einem matten Schimmer, der von irgendwo weit über uns herabsickert. Aber hier gibt es keine Tunnel. Wir befinden uns auf der Oberfläche eines Planeten. Das ganze Universum ist auf einen Faktor reduziert: immerwährende Finsternis.

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