Krieg und Frieden
- Автор: Толстой Лев Николаевич
- Язык: немецкий
- Переводчик: Hermann Roehl
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Sie zogen weg, weil ein Russe sich überhaupt nicht die Frage vorlegen konnte, ob es unter der Herrschaft der Franzosen in Moskau gut oder schlecht sein werde. Für einen Russen war es eben schlechthin unmöglich, unter der Herrschaft der Franzosen zu leben: das war das Schlimmste, was es auf der Welt gab. Sie zogen sowohl vor der Schlacht bei Borodino als auch mit noch größerer Eile nach der Schlacht bei Borodino weg, ohne sich um die Aufrufe zur Verteidigung der Stadt zu kümmern, und trotzdem der Oberkommandierende von Moskau bekanntmachen ließ, er beabsichtige, das heilige Bild der Iberischen Muttergottes durch die Straßen tragen zu lassen, und trotz der Luftballons, durch die die Franzosen vernichtet werden sollten, und trotz all des Unsinns, den Rastoptschin in seinen Flugblättern schrieb. Sie sagten sich, um mit dem Feind zu kämpfen, dazu sei die Armee da, und wenn diese dazu nicht imstande sei, so könnten sie selbst nicht mit ihren Fräulein Töchtern und mit ihrer Dienerschaft auf die Drei Berge ziehen, um gegen Napoleon zu streiten, sondern sie müßten wegziehen, so schmerzlich es ihnen auch wäre, ihre Habe der Vernichtung preiszugeben. Sie zogen weg, ohne an die großartige Bedeutung dieses Ereignisses zu denken: daß eine so riesenhafte, reiche Residenz von den Einwohnern verlassen und mit Sicherheit eingeäschert werde (denn leere Häuser nicht zu demolieren und anzuzünden, das liegt nicht im Charakter des russischen Volkes); sie zogen weg, ein jeder aus eigenem Trieb, und dabei vollzog sich, eben infolge ihres Wegzuges, jenes großartige Ereignis, das für alle Zeit der schönste Ruhm des russischen Volkes bleiben wird. Jene vornehme Dame, die schon im Juni mit ihren Mohren und Hausnarren von Moskau nach ihrem Gut im Gouvernement Saratow aufbrach, in der unbestimmten Empfindung, daß sie keine Untertanin dieses Bonaparte sein könne, und trotz der Besorgnis, auf Befehl des Grafen Rastoptschin zurückgehalten zu werden, jene Dame hat in schlichter, natürlicher Weise bei dem großen Werk mitgewirkt, durch welches Rußland gerettet wurde. Graf Rastoptschin aber, der vielfach die Wegziehenden schmähte und doch selbst die Behörden fortschaffen ließ; der dem betrunkenen Gesindel unbrauchbare Waffen verabfolgte; der bald Heiligenbilder in den Straßen herumtragen ließ, bald dem Metropoliten Awgustin verbot, Reliquien und Bilder aus den Kirchen herauszubringen; der zur Verhinderung des Fortzuges alle Privatfuhrwerke in Moskau mit Beschlag belegte und doch den von Leppich gebauten Luftballon auf hundertsechsunddreißig Wagen wegtransportieren ließ; der einerseits Andeutungen machte, daß er Moskau einäschern werde, und später erzählte, wie er sein eigenes Haus angezündet habe, andrerseits eine Proklamation an die Franzosen erließ, in der er ihnen mit feierlichen Worten den Vorwurf machte, sie hätten seine Kleinkinderbewahranstalt zerstört; der bald den Ruhm der Einäscherung Moskaus für sich in Anspruch nahm, bald seine Beteiligung dabei in Abrede stellte; der bald dem Volk befahl, alle Spione zu fangen und zu ihm zu bringen, bald deswegen das Volk schalt; der alle Franzosen aus Moskau wegschaffte und dabei doch gerade Madame Auber-Chalmé, die den Mittelpunkt der ganzen französischen Kolonie in Moskau gebildet hatte, in der Stadt bleiben ließ; der den bejahrten, allgemein geachteten Postdirektor Klutscharew, ohne daß ihm ein spezielles Verschulden nachgewiesen werden konnte, arretieren und in die Verbannung transportieren ließ; der das Volk aufforderte, sich auf den Drei Bergen zu versammeln, um gegen die Franzosen zu kämpfen, und dann, um von diesem Volk loszukommen, ihm einen Menschen zur Ermordung preisgab und selbst durch den hinteren Ausgang seines Hauses sich davonmachte; der bald sagte, er werde das Unglück Moskaus nicht überleben, bald in die Alben französische Verse über seine Beteiligung an dieser Tat schrieb1: dieser Mann hatte kein Verständnis für die Bedeutung des Ereignisses, das sich da vollzog, sondern wollte nur selbst etwas tun, andere in Erstaunen versetzen, etwas Patriotisches, Heldenhaftes ausführen, jubelte ausgelassen wie ein Knabe über das großartige, unvermeidliche Ereignis der Räumung und Einäscherung Moskaus und suchte mit seiner Kinderhand die gewaltige, ihn mit sich fortreißende nationale Stimmung bald zu befördern, bald aufzuhalten.
Fußnoten
1 Je suis né Tartare,
Je voulus être Romain.
Les Français m’appelèrent barbare,
Les Russes George Dandin.
Obgleich von Herkunft recht und schlecht Tatar,
Hätt ich als großer Römer gern gegolten;
Doch ward von den Franzosen ich Barbar
Und von den Russen George Dandin gescholten.
Anmerkung des Verfassers.
VI
Helene, die mit dem Hof von Wilna nach Petersburg zurückgekehrt war, befand sich in einer schwierigen Lage.
In Petersburg hatte sie die besondere Protektion eines großen Herrn genossen, der eines der höchsten Ämter im Staat bekleidete. In Wilna aber war sie in nähere Beziehungen zu einem jungen ausländischen Prinzen getreten. Als sie nun nach Petersburg zurückgekehrt war, befanden sich beide, der Prinz und der hohe Würdenträger, ebendort, machten beide ihre Rechte geltend, und Helene stand nun vor einer Aufgabe, die ihr bisher in ihrer Laufbahn noch nicht vorgekommen war: zu beiden ihr bisheriges nahes Verhältnis aufrechtzuerhalten und keinen von ihnen zu verletzen.
Indes, was einer andern Frau schwer oder selbst unmöglich erschienen wäre, das kostete der Gräfin Besuchowa keine lange Überlegung; augenscheinlich erfreute sie sich nicht ohne Grund des Rufes, eine außerordentlich kluge Frau zu sein. Hätte sie versucht, ihr Tun zu verheimlichen und sich durch Schlauheit aus der unbequemen Lage herauszuwickeln, so würde sie gerade dadurch, daß sie sich in dieser Weise schuldig bekannt hätte, ihre Sache verdorben haben; aber Helene schlug ein ganz entgegengesetztes Verfahren ein. Wie ein wahrhaft großer Geist, der alles kann, was er will, stellte sie sich von vornherein auf den Standpunkt, daß sie im Recht sei (was sie übrigens aus voller Überzeugung glaubte) und alle andern im Unrecht.
Als sich der junge ausländische Prinz zum erstenmal erlaubte, ihr Vorwürfe zu machen, hob sie ihren schönen Kopf stolz in die Höhe, wendete sich mit einer halben Drehung zu ihm hin und sagte in bestimmtem, festem Ton:
»Da sieht man den Egoismus und die Grausamkeit der Männer! Ich habe auch nichts anderes erwartet. Die Frauen opfern sich für die Männer und leiden, und das ist dann ihr Lohn! Mit welchem Recht verlangen Sie, Monseigneur, von mir Rechenschaft über meine Freundschaftsverhältnisse und über meine Neigungen? Das ist ein Mann, der mir mehr als ein Vater gewesen ist.«
Der Prinz wollte etwas erwidern; aber Helene ließ ihn nicht zu Wort kommen.
»Nun ja«, sagte sie, »vielleicht hegt er gegen mich andere als nur väterliche Gefühle; aber das ist doch für mich noch kein Grund, ihm meine Tür zu verschließen. Ich bin ja doch kein Mann, daß ich so undankbar sein sollte. Lassen Sie sich sagen, Monseigneur, daß ich über alles, was meine innersten Empfindungen angeht, nur Gott und meinem Gewissen Rechenschaft ablege«, schloß sie, berührte mit der Hand ihre bebende schöne Brust und schaute nach oben.
»Aber um des Himmels willen, hören Sie mich doch nur an …«
»Heiraten Sie mich, und ich werde Ihre Sklavin sein.«
»Aber das ist doch unmöglich.«
»Sie mögen nicht zu mir herabsteigen; Sie …«, sagte Helene und brach in Tränen aus.
Der Prinz suchte sie zu beruhigen; Helene aber sagte schluchzend, wie wenn sie von ihrer Erregung hingerissen wäre, nichts könne sie hindern, eine andere Ehe einzugehen; dafür gebe es Beispiele (damals gab es solcher Beispiele allerdings erst wenige; aber sie nannte Napoleon und andere hohe Personen); sie sei nie die Frau ihres Mannes gewesen; sie sei geopfert worden.