Krieg und Frieden
- Автор: Толстой Лев Николаевич
- Язык: немецкий
- Переводчик: Hermann Roehl
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
»Ich, meine Herren«, hatte Kutusow zum Schluß gesagt, »kann den Plan des Grafen nicht billigen. Veränderungen der Stellung der Truppen in geringer Entfernung vom Feind sind stets gefährlich, und durch die Kriegsgeschichte wird diese meine Anschauung bestätigt. So zum Beispiel …« (Kutusow schien beim Suchen nach einem Beispiel nachzudenken und sah Bennigsen mit hellem, harmlosem Blick an.) »Ja, nehmen wir zum Beispiel die Schlacht bei Friedland, die der Graf wohl noch gut im Gedächtnis hat; diese Schlacht hatte nur deshalb einen … einen nicht ganz glücklichen Ausgang, weil unsere Truppen in zu geringem Abstand vom Feind ihre Stellung änderten …«
Diesen Worten folgte ein Stillschweigen, das etwa eine Minute dauerte, aber allen sehr lang erschien.
Die Debatte begann von neuem; aber es traten oft Pausen ein, und es machte sich das Gefühl geltend, daß man eigentlich nichts mehr zu sagen habe.
Als wieder einmal eine solche Pause eintrat, seufzte Kutusow schwer auf, wie wenn er sich anschickte zu reden. Alle blickten zu ihm hin.
»Nun wohl, meine Herren! Ich sehe, daß ich derjenige sein werde, der die zerschlagenen Töpfe bezahlen muß«, sagte er. Und sich langsam erhebend trat er an den Tisch. »Meine Herren, ich habe Ihre Meinungen gehört. Einige von Ihnen werden mit mir nicht einverstanden sein. Aber ich …« Er hielt inne. »Kraft der Gewalt, die mein Kaiser und das Vaterland in meine Hände gelegt haben, gebe ich den Befehl zum Rückzug.«
Gleich darauf gingen die Generale mit jener feierlichen, schweigsamen Zurückhaltung auseinander, mit der man sich nach einem Begräbnis voneinander trennt.
Einige von ihnen machten mit gedämpfter Stimme und ganz anderer Tonhöhe, als diejenige war, mit der sie bei der Beratung gesprochen hatten, dem Oberkommandierenden noch diese und jene Mitteilungen.
Malascha, die schon längst von den Ihrigen zum Abendessen erwartet wurde, stieg vorsichtig rückwärts von ihrer Lagerstätte herab, indem sie sich mit den nackten Füßchen an die Absätze des Ofens anklammerte; dann wand sie sich zwischen den Beinen der Generale hindurch und schlüpfte aus der Tür.
Nachdem Kutusow die Generale entlassen hatte, saß er lange, den Kopf in die Hand gestützt, am Tisch und überdachte immer ein und dieselbe furchtbare Frage:
»Wann, wann hat denn die Waage sich so geneigt, daß Moskaus Preisgabe notwendig wurde? Wann ist dasjenige geschehen, wodurch diese Frage entschieden wurde, und wer ist schuld daran?«
»Das hatte ich nicht erwartet!« sagte er zu dem Adjutanten Schneider, der (es war schon spät in der Nacht) zu ihm in die Stube trat. »Das hatte ich nicht erwartet! Das hatte ich nicht gedacht!«
»Euer Durchlaucht sollten sich Ruhe gönnen!« bemerkte Schneider.
»Aber trotzdem! Sie werden doch noch Pferdefleisch fressen, wie die Türken!« rief Kutusow, ohne zu antworten, und schlug mit seiner fleischigen Faust auf den Tisch. »Das werden sie tun, wenn nur …«
V
Völlig verschieden von der Handlungsweise Kutusows war bei einem gleichzeitigen Vorgang, der noch wichtiger war als der kampflose Rückzug der Armee, nämlich bei der Räumung Moskaus durch die Einwohner und der Einäscherung dieser Stadt, die Tätigkeit Rastoptschins, der uns als Urheber dieses Vorganges bezeichnet wird.
Dieser Vorgang, die Räumung und Einäscherung Moskaus, war ebenso unausbleiblich wie der kampflose Rückzug der Truppen bis hinter Moskau nach der Schlacht bei Borodino.
Jeder Russe hätte das, was geschah, vorhersagen können, nicht aufgrund von Vernunftschlüssen, sondern aufgrund jenes Gefühls, das in uns liegt und in unsern Vätern gelegen hat.
Seit den Tagen von Smolensk hatte sich in allen Städten und Dörfern der russischen Erde ohne irgendwelche Einwirkung des Grafen Rastoptschin und seiner Flugblätter ganz dasselbe begeben, was sich dann auch in Moskau begab. Das Volk erwartete sorglos den Feind; es revoltierte nicht, riß niemand in Stücke, sondern erwartete ruhig sein Schicksal, da es in sich die Kraft fühlte, im schwierigsten Augenblick das herauszufinden, was es tun müsse. Und sobald der Feind heranrückte, gingen die reicheren Elemente der Bevölkerung unter Zurücklassung ihrer Habe davon; die Ärmeren blieben zurück und verbrannten und vernichteten das Zurückgelassene.
Das Bewußtsein, daß dies damals so geschehen mußte und zu allen Zeiten so geschehen muß, lag und liegt in der Seele eines jeden Russen, und dieses Bewußtsein und, was noch mehr ist, das bestimmte Vorgefühl, daß Moskau in die Gewalt des Feindes kommen werde, war in den Kreisen der höheren russischen Gesellschaft Moskaus im Jahre 1812 lebendig. Diejenigen, die von Moskau schon im Juli und zu Anfang August wegzogen, zeigten dadurch, daß sie dies erwarteten. Und wenn die Wegziehenden ihre Häuser und die Hälfte ihrer Habe zurückließen und nur mitnahmen, was sich leicht transportieren ließ, so war diese Handlungsweise eine Folge jenes verborgenen (latenten) Patriotismus, der nicht durch Phrasen, nicht durch Tötung der eigenen Kinder zur Rettung des Vaterlandes und durch andere derartig unnatürliche Taten zum Ausdruck zu kommen sucht, sondern sich unauffällig, schlicht, wie eine unwillkürliche Funktion des Organismus betätigt und eben darum immer die stärksten Wirkungen hervorbringt.
»Es ist eine Schande, vor der Gefahr davonzulaufen; nur Feiglinge fliehen aus Moskau!« wurde ihnen vorgehalten, und Rastoptschin rief ihnen in seinen Flugblättern mit allem Nachdruck zu, daß es eine schmähliche Handlungsweise sei, aus Moskau wegzuziehen. Jedoch die Einwohner schämten sich zwar, Feiglinge genannt zu werden, und schämten sich, wegzuziehen; aber sie zogen trotzdem weg, weil sie eben das Bewußtsein hatten, daß es so sein müsse. Und warum zogen sie weg? Es ist nicht anzunehmen, daß sie sich hätten in Angst versetzen lassen durch das, was Rastoptschin, um zur Verteidigung Moskaus anzuregen, über Greueltaten mitteilte, die Napoleon in unterworfenen Ländern verübt habe. Vorzugsweise und zuerst zogen reiche, gebildete Leute weg, die sehr wohl wußten, daß Wien und Berlin unversehrt geblieben waren und daß dort die Einwohner während der Besetzung durch Napoleon eine sehr vergnügliche Zeit mit den bezaubernden Franzosen verlebt hatten, von denen damals auch in Rußland die Männer und ganz besonders die Damen entzückt waren.