Krieg und Frieden
- Автор: Толстой Лев Николаевич
- Язык: немецкий
- Переводчик: Hermann Roehl
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Jedesmal, wenn ich die Bewegung der Lokomotive sehe, höre ich den Ton der Dampfpfeife und sehe, wie sich das Ventil öffnet und die Räder sich bewegen; aber dies gibt mir noch kein Recht zu folgern, daß das Pfeifen und die Bewegung der Räder die Ursachen der Bewegung der Lokomotive wären.
Die Bauern sagen, im Spätfrühling wehe deswegen ein kalter Wind, weil dann die Knospen der Eiche aufbrechen, und tatsächlich weht in jedem Frühling ein kalter Wind zu der Zeit, wo die Eiche zu blühen beginnt. Aber obgleich mir die Ursache des beim Aufblühen der Eiche wehenden kalten Windes unbekannt ist, kann ich doch nicht den Bauern darin zustimmen, daß die Ursache des kalten Windes in dem Aufbrechen der Eichenknospen zu suchen sein sollte; denn die Kraft des Windes liegt außerhalb der Wirkungssphäre der Knospen. Ich sehe nur ein Zusammentreffen von Umständen, wie es bei jeder Erscheinung des Lebens vorkommt, und sehe, daß, mag ich den Zeiger der Uhr, das Ventil und die Räder der Lokomotive und die Knospen der Eiche auch noch so genau beobachten, ich dadurch die Ursache des Glockengeläutes und der Bewegung der Lokomotive und des Frühlingswindes nicht erkennen werde. Zu diesem Zweck muß ich vielmehr meinen Standpunkt als Beobachter vollständig ändern und die Gesetze für die Bewegung des Dampfes, der Glocke und des Windes studieren. Ebendasselbe muß auch die Geschichtsforschung tun. Versuche nach dieser Richtung hin sind bereits unternommen.
Um die Gesetze der Geschichte zu studieren, müssen wir in dem Gegenstand der Betrachtung einen vollständigen Wechsel vornehmen, müssen die Herrscher, Minister und Generale beiseite lassen und die gleichartigen, unendlich kleinen Triebkräfte untersuchen, durch welche die Massen sich leiten lassen. Niemand kann sagen, bis zu welchem Grade es dem Menschen beschieden ist, auf diesem Weg zu einem Verständnis der Gesetze der Geschichte zu gelangen; aber soviel ist klar, daß nur auf diesem Weg die Möglichkeit liegt, die Gesetze der Geschichte zu erfassen, und daß auf diesem Weg der menschliche Verstand noch nicht den millionsten Teil der Anstrengungen aufgewandt hat, denen sich die Historiker unterzogen haben, um uns die Taten von allerlei Herrschern, Feldherren und Ministern zu erzählen und uns ihre eigenen Gedanken über diese Taten darzulegen.
II
Die Streitkräfte von zwölf verschiedensprachigen Völkern Europas brechen in Rußland ein. Das russische Heer und die Einwohnerschaft weichen unter Vermeidung eines Zusammenstoßes bis Smolensk zurück, und von Smolensk bis Borodino. Das französische Heer eilt mit beständig wachsendem Drang nach Moskau, dem Ziel seiner Bewegung. Sein Drang nimmt mit der Annäherung an das Ziel zu, so wie die Schnelligkeit eines fallenden Körpers wächst, je mehr er sich der Erde nähert. Hinter sich hat es mehrere tausend Werst eines hungrigen, feindlichen Landes, vor sich nur noch gegen hundert Werst, die es von seinem Ziel trennen. Das fühlt jeder Soldat des napoleonischen Heeres, und das Invasionsheer bewegt sich ganz von selbst, kraft des ihm innewohnenden Dranges, weiter.
In dem russischen Heer entbrennt, je mehr es sich zurückzieht, der Ingrimm gegen den Feind immer heftiger; infolge des Zurückweichens konzentriert es sich und wächst. Bei Borodino findet der Zusammenstoß statt. Weder das eine noch das andere Heer wird vernichtet; aber das russische Heer weicht unmittelbar nach dem Zusammenstoß mit derselben Notwendigkeit zurück, mit der eine Kugel nach dem Zusammenprallen mit einer anderen zurückrollt, die ihr mit größerer Wucht entgegengekommen ist; und mit derselben Notwendigkeit (wiewohl sie bei dem Zusammenstoß viel von ihrer Kraft verloren hat) rollt die eilig laufende andere Kugel, das Invasionsheer, noch eine Strecke weiter.
Die Russen ziehen sich hundertundzwanzig Werst zurück, bis hinter Moskau; die Franzosen erreichen Moskau und machen dort halt. In den darauffolgenden fünf Wochen findet kein Kampf statt. Die Franzosen rühren sich nicht. Gleich einem tödlich verwundeten Tier, das verblutend seine Wunden leckt, bleiben sie fünf Wochen lang in Moskau, ohne etwas zu unternehmen; dann fliehen sie plötzlich, ohne daß irgendeine neue Ursache hinzugekommen wäre, zurück. Sie schlagen die Kalugaer Heerstraße ein; selbst nach einem Sieg, da ja wieder bei Malo-Jaroslawez das Schlachtfeld in ihrem Besitz geblieben war, lassen sie sich auf keinen ernsten Kampf mehr ein, sondern fliehen immer schneller nach Smolensk zurück, über Smolensk hinaus, über die Beresina, über Wilna hinaus, und immer weiter.
Am Abend des 26. August waren sowohl Kutusow als auch die ganze russische Armee überzeugt, daß die Schlacht bei Borodino von den Russen gewonnen sei. Das schrieb Kutusow auch an den Kaiser. An die Truppen ließ er den Befehl ergehen, sie sollten sich zu einem neuen Kampf vorbereiten, um den Feind völlig niederzuschlagen, nicht weil er jemand hätte täuschen wollen, sondern weil er, wie jeder andere Russe, der an der Schlacht teilgenommen hatte, des festen Glaubens war, daß der Feind besiegt sei.
Aber noch an demselben Abend und dann am folgenden Tag kam eine Nachricht nach der andern von den unerhörten Verlusten, von dem Verlust des halben Heeres; und eine neue Schlacht erschien als physisch unmöglich.
Es war einfach unmöglich, eine Schlacht zu liefern, ehe nicht neue Rekognoszierungen angestellt, die Verwundeten aufgesammelt, die Munition ergänzt, die Toten gezählt, neue Kommandeure an Stelle der gefallenen ernannt waren und die Soldaten sich sattgegessen und ausgeschlafen hatten. Dazu rückte gleich nach der Schlacht, schon am andern Morgen, das französische Heer kraft jenes Dranges, der jetzt noch sozusagen in umgekehrter Proportion der Quadrate der Entfernungen gewachsen war, wie von selbst auf das russische Heer los. Kutusow hatte beabsichtigt, am andern Tag anzugreifen, und dasselbe wünschte die ganze Armee. Aber um anzugreifen, dazu genügt nicht der Wunsch, es zu tun; es muß auch die Möglichkeit, es zu tun, vorhanden sein, und an dieser Möglichkeit fehlte es. Es war unbedingt notwendig, einen Tagesmarsch zurückzugehen, dann ebenso notwendig, einen zweiten zurückzugehen und einen dritten, und als schließlich am 1. September die Armee sich Moskau näherte, da verlangte, trotzdem das Gefühl in den Reihen der Truppen sich dagegen sträubte, doch die Macht der Verhältnisse, daß die Truppen auch noch hinter Moskau zurückgingen. Und sie gingen noch einen, den letzten, Tagesmarsch zurück und überließen Moskau dem Feind.
Leute, die sich gewöhnt haben zu denken, daß die Kriegs- und Schlachtpläne von den Feldherren in derselben Weise entworfen werden, in der ein jeder von uns, in seinem Arbeitszimmer bei der Landkarte sitzend, sich die Anordnungen zurechtlegt, die er in dieser oder jener Schlacht getroffen haben würde, diese Leute mögen nun mancherlei Fragen aufwerfen: warum Kutusow bei dem Rückzug nicht so und so verfahren sei, warum er nicht vor Fili eine günstige Position besetzt habe, warum er nicht gleich von vornherein, Moskau beiseite lassend, auf die Kalugaer Heerstraße zurückgegangen sei, usw. Wer so zu denken gewohnt ist, kennt nicht oder vergißt die unvermeidlichen Umstände und Verhältnisse, unter denen die Tätigkeit eines jeden Oberkommandierenden stets vor sich geht. Die Tätigkeit des Feldherrn entspricht nicht im entferntesten der Vorstellung, die wir uns von ihr machen, wenn wir bequem und ungestört in unserm Arbeitszimmer sitzen und den Gang eines Feldzuges nachprüfen, wobei wir dann die Truppenzahl auf der einen und auf der andern Seite kennen und mit der Örtlichkeit vertraut sind und unseren Kombinationen einen bestimmten Moment als Ausgangspunkt zugrunde legen. Der Oberkommandierende befindet sich nie in jenen den Anfang eines Ereignisses bildenden Umständen und Verhältnissen, von denen aus wir stets das Ereignis betrachten. Er steht immer mitten in einer sich bewegenden Reihe von Ereignissen, dergestalt, daß er niemals, in keinem Augenblick, imstande ist, die volle Tragweite eines sich vollziehenden Ereignisses zu ermessen. Das Ereignis wächst unmerklich, von einem Augenblick zum andern, zu seiner Bedeutung heran, und in jedem Augenblick dieses konsequenten, stetigen Heranwachsens des Ereignisses befindet sich der Oberkommandierende im Mittelpunkt eines höchst komplizierten Durcheinanderwirkens von Intrigen, Sorgen, Abhängigkeit, Amtsgewalt, Projekten, Ratschlägen, Drohungen und Täuschungen und sieht sich fortwährend genötigt, auf eine zahllose Menge ihm vorgelegter, einander stets widersprechender Fragen Antwort zu erteilen.