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Krieg und Frieden

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Krieg und Frieden
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»Aber die Gesetze, die Religion …«, wandte der Prinz, schon nachgebend, ein.

»Die Gesetze, die Religion … Wozu wären die denn erfunden, wenn sie so etwas nicht bewerkstelligen könnten!« erwiderte Helene.

Der hohe Herr war erstaunt, daß eine so einfache Erwägung ihm nicht in den Sinn gekommen war, und wandte sich mit der Bitte um Rat an die frommen Brüder von der Gesellschaft Jesu, mit denen er in nahen Beziehungen stand.

Einige Tage darauf wurde bei einem der reizenden Feste, die Helene in ihrem Landhaus auf dem Kamenny Ostrow gab, ihr ein »kurzröckiger« Jesuit, ein bereits älterer Mann mit schneeweißem Haar und schwarzen blitzenden Augen, vorgestellt, der bezaubernde Monsieur de Jobert; dieser sprach lange mit ihr im Garten, beim Schein der Illumination und den Klängen der Musik, über die Liebe zu Gott, zu Christus, zum Herzen der Muttergottes und über die Tröstungen, die die einzig wahre katholische Religion in diesem und im künftigen Leben gewähren könne. Helene war gerührt, und einige Male standen ihr und Herrn de Jobert die Tränen in den Augen, und die Stimme bebte ihnen. Der beginnende Tanz, zu welchem ein Kavalier Helene aufzufordern kam, unterbrach ihr Gespräch mit dem künftigen Berater ihres Gewissens; aber am folgenden Tag kam Herr de Jobert abends allein zu Helene, und seitdem sprach er häufig bei ihr vor.

Eines Tages führte er die Gräfin in die katholische Kirche, wo sie vor einem Altar, zu dem man sie geleitete, niederkniete. Der bezaubernde, wenn auch bereits bejahrte Franzose legte ihr die Hände auf den Kopf, und wie sie selbst nachher erzählte, fühlte sie etwas wie das Wehen eines frischen Windes, das ihr in die Seele drang. Man erklärte ihr, daß dies »die Gnade« gewesen sei.

Dann führte man ihr einen »langröckigen« Abbé zu; er hörte ihre Beichte und erteilte ihr die Absolution. Am folgenden Tag brachte man ihr ein Kästchen, in welchem sich eine Hostie befand, und ließ es ihr da, zum Gebrauch im Haus. Nach einigen weiteren Tagen erfuhr Helene zu ihrem großen Vergnügen, daß sie jetzt in die wahre katholische Kirche eingetreten sei, daß nächster Tage der Papst selbst von ihr erfahren und ihr ein gewisses Schriftstück zusenden werde.

Alles, was in dieser Zeit um sie her und mit ihr vorging, alle diese Aufmerksamkeit, die so viele kluge Männer ihr zuwandten und die sich in so angenehmen, feinen Formen bekundete, und der Zustand der Taubenreinheit, in dem sie sich jetzt befand (sie trug während dieser ganzen Zeit weiße Kleider mit weißen Bändern): alles dies bereitete ihr Vergnügen; aber trotz des Vergnügens, das sie empfand, ließ sie auch nicht einen Augenblick lang ihr Ziel aus den Augen. Und wie es immer so zugeht, daß im Punkt der Schlauheit der Dumme dem Klügeren überlegen ist, so war es auch in diesem Fall. Helene hatte es durchschaut, daß die Absicht aller dieser schönen Reden und geschäftigen Bemühungen vor allem darin bestand, nach ihrer Bekehrung zum Katholizismus von ihr Geld für die Jesuitenanstalten zu erlangen (darüber hatte man ihr bereits Andeutungen gemacht); aber bevor sie Geld hergab, bestand sie darauf, daß jene verschiedenen Operationen, durch die sie, wie es hieß, von ihrem Mann freikommen könnte, vorgenommen werden sollten. Nach ihrer Anschauung bestand das Wesen einer jeden Religion nur darin, bei der Befriedigung der menschlichen Wünsche auf die Beobachtung gewisser Anstandsregeln zu halten. Und in dieser Absicht verlangte sie bei einem dieser Gespräche mit ihrem Beichtvater energisch von ihm eine Antwort auf die Frage, inwieweit sie noch durch ihre Ehe gebunden sei.

Sie saßen im Salon am Fenster. Es dämmerte. Blumenduft drang herein. Helene trug ein weißes, an Brust und Schultern durchschimmerndes Kleid. Der wohlgenährte Abbé mit seinem dicken, glattrasierten Kinn, dem angenehmen, kräftigen Mund und den weißen Händen, die er sanftmütig auf den Knien gefaltet hielt, saß Helene nahe gegenüber, richtete mit einem feinen Lächeln um die Lippen ab und zu einen Blick stillen Entzückens über ihre Schönheit nach ihrem Gesicht und legte seine Ansicht über die Frage dar, welche sie beide beschäftigte. Helene blickte, unruhig lächelnd, nach seinem lockigen Haar und den glatt rasierten, vollen Backen mit den schwärzlichen Bartspuren und erwartete in jedem Augenblick, daß das Gespräch eine andere Wendung nehmen werde. Aber obgleich es dem Abbé augenscheinlich ein Genuß war, seine schöne Partnerin anzusehen, nahm doch die Ausübung seiner Berufstätigkeit sein Interesse zu sehr in Anspruch.

Der Gedankengang, den dieser Gewissensrat entwickelte, war folgender: »Ohne die Bedeutung dessen, was Sie taten, zu kennen, haben Sie das Gelübde der ehelichen Treue einem Mann gegeben, der seinerseits, indem er in die Ehe eintrat, ohne an die religiöse Bedeutung der Ehe zu glauben, einen Religionsfrevel beging. Diese Ehe hatte nicht die doppelte hohe Bedeutung, die sie hätte haben sollen. Aber trotzdem band Sie Ihr Gelübde. Sie haben sich von Ihrem Mann getrennt. Was haben Sie damit begangen? Eine läßliche Sünde oder eine Todsünde? Eine läßliche Sünde, weil Sie ohne böse Absicht so gehandelt haben. Wenn Sie jetzt mit der Absicht, Kinder zu haben, in eine neue Ehe träten, so könnte Ihre Sünde verziehen werden. Aber die Frage zerfällt wieder in zwei Unterfragen: erstens …«

»Aber ich denke«, bemerkte plötzlich Helene, der dies langweilig zu werden begann, mit ihrem bezaubernden Lächeln, »daß mich jetzt, nachdem ich zu der wahren Religion übergetreten bin, nicht mehr eine Verpflichtung binden kann, die mir vorher die falsche Religion auferlegt hat.«

Der Gewissensrat war erstaunt darüber, mit welcher Einfachheit und Selbstverständlichkeit das Ei des Kolumbus vor ihm hingestellt wurde. Er war entzückt über die überraschend schnellen Fortschritte seiner Schülerin; aber er vermochte sich von dem Gebäude kunstvoller Deduktionen, das er mit so viel Aufwand von Geist und Mühe errichtet hatte, nicht zu trennen.

»Verständigen wir uns, Gräfin«, sagte er lächelnd und begann die Schlußfolgerung seines Beichtkindes zu widerlegen.

VII

Helene war sich darüber klar, daß vom geistlichen Standpunkt aus die Erledigung der Sache leicht und einfach war und daß ihre Berater nur deshalb Schwierigkeiten machten, weil sie Bedenken hatten, wie die weltliche Gewalt die Sache ansehen werde.

Daher sagte sich Helene, daß es erforderlich sei, in der Gesellschaft die Sache vorzubereiten. Sie erweckte die Eifersucht des alten Würdenträgers und sagte ihm dann dasselbe, was sie ihrem andern Galan gesagt hatte, d.h. sie erklärte, das einzige Mittel, Rechte auf sie zu gewinnen, bestehe darin, sie zu heiraten. Der bejahrte hochgestellte Herr war über diesen Vorschlag, eine Frau zu heiraten, deren Mann noch lebte, im ersten Augenblick ebenso überrascht wie der junge Prinz. Aber Helenes unerschütterliche Überzeugung, daß dies ebenso einfach und natürlich sei, wie wenn sich ein Mädchen verheirate, wirkte auch auf ihn. Wäre an Helene selbst auch nur das geringste Anzeichen von Schwanken, Scham oder Verheimlichung zu merken gewesen, so wäre ihr Spiel ohne Zweifel verloren gewesen; aber nicht nur mangelte es vollständig an solchen Anzeichen von Verheimlichung und Scham, sondern sie erzählte sogar ganz im Gegenteil mit großer Harmlosigkeit und gutmütiger Naivität ihren guten Freunden (und dazu gehörte ganz Petersburg), daß ihr sowohl der Prinz als auch der hohe Würdenträger Heiratsanträge gemacht hätten und daß sie beide sehr gern habe und fürchte, den einen oder den andern zu verletzen.

Augenblicklich verbreitete sich in Petersburg das Gerücht, nicht etwa daß Helene sich von ihrem Mann scheiden lassen wolle (wäre dies der Inhalt des Gerüchtes gewesen, so hätten sich gewiß sehr viele gegen ein so gesetzwidriges Vorhaben ausgesprochen), sondern geradezu, daß die unglückliche, interessante Helene sich im Zweifel befinde, welchen von zwei Bewerbern sie heiraten solle. Die Frage war also nicht mehr darauf gerichtet, ob das überhaupt möglich sei, sondern nur darauf, welche Partie größere Vorteile biete und wie der Hof die Sache ansehen werde. Allerdings gab es einige verstockte Menschen, die sich nicht zu der Höhe dieser Anschauung erheben konnten und in diesem Vorhaben eine Beschimpfung des Sakramentes der Ehe erblickten; aber es waren ihrer nur wenige, und sie schwiegen; die meisten sprachen lebhaft interessiert von dem Glück, das der schönen Helene zufalle, und erörterten die Frage, welche Partie die bessere sei. Darüber aber, ob es recht oder unrecht sei, bei Lebzeiten des Gatten einen andern zu heiraten, redeten sie überhaupt nicht; denn diese Frage war für Leute, die klüger waren als Hinz und Kunz (wie man sich ausdrückte), offenbar längst entschieden, und wer an der Richtigkeit der Entscheidung der Frage gezweifelt hätte, der hätte damit lediglich seine eigene Beschränktheit und seine Unfähigkeit, in den Kreisen der besseren Gesellschaft zu leben, an den Tag gelegt.

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