Revolte gegen die Unsterblichen [=Die Augen Heisenbergs / The Eyes of Heisenberg - de]
- Автор: Херберт Фрэнк
- Год: 1968
- Язык: немецкий
- Год: Wilhelm Heyne Verlag
- Переводчик: Leni Sobez
- Жанр: Научная фантастика
Электронная книга - «Revolte gegen die Unsterblichen [=Die Augen Heisenbergs / The Eyes of Heisenberg - de]». Краткое содержание книги:
»Was hast du gesagt?« fragte Svengaard. Mit wachsendem Staunen hatte er ihm zugehört. Er hatte kurz daran gedacht, sich bei den Regenten zu beklagen, daß man ihn gegen seinen Willen gefangenhielt, doch sein sechster Sinn hatte ihm eingegeben, daß dies unnütz wäre.
»Sieh sie doch mit Arztaugen an«, riet Glisson, »sie sterben.«
»Das stimmt«, bestätigte Harvey.
Lizbeth hatte die Augen zugekniffen, um nicht weinen zu müssen. Jetzt öffnete sie sie weit, sah die Leute an, sah sie durch Harveys und Glissons Augen.
»Sie sterben«, keuchte sie.
Die geschulten Augen eines Untergrundkuriers konnten das erkennen. Sterblichkeit auf den Gesichtern der Unsterblichen! Auch Glisson hatte es erkannt, denn seine Augen hatten die Fähigkeit, den winzigsten Reflex aufzunehmen.
»Manchmal ist das Volk direkt widerlich«, sagte Calapine.
»Das kann doch nicht sein«, wandte Svengaard ein. Der Ausdruck seiner Stimme war nicht zu deuten, und Lizbeth dachte darüber nach. Sie hatte Verzweiflung erwartet, doch sie klang ganz anders.
»Ich sage, sie sind wirklich ekelhaft!« wiederholte Calapine. »Kein Nur-Pharmazeut wird mich mehr behandeln.«
Boumour erwachte aus seiner Lethargie. Die in ihn eingepflanzte Computerlogik hatte die Unterhaltungen festgehalten, sie wiedergegeben, widersprechende Meinungen und Bedeutungen abgewogen. Als neuer Teil-Cyborg konnte auch er in den Gesichtern der Regenten lesen. Ja, das Zeichen war da! Bei den Ewiglebenden war etwas schiefgegangen. Der Schock erzeugte die Leere eines halbgeformten Gefühls in ihm, denn er hatte die Fähigkeit verloren, das eine oder andere Gefühl zu erleben.
»Ich finde keinen Sinn in ihrer Unterhaltung«, sagte Nourse, »was sagen sie denn überhaupt, Schruille?«
»Jetzt fragen wir sie einmal über die Lebensfähigen und den Ersatzembryo«, schlug Calapine vor. »Vergeßt aber nicht den Ersatzembryo.«
»Schau zur obersten Reihe hinauf«, riet Glisson, »der Große dort. Siehst du die Falten in seinem Gesicht?«
»Er sieht so alt aus«, flüsterte Lizbeth. Es war seltsam. Solange es die Regenten gab, die ewigen und unveränderlichen Übermenschen, solange hatte die Welt eine unerschütterliche Grundlage. Auch als sie sich gegen sie stellte, hatte sie dieses Gefühl der Sicherheit und Beständigkeit noch gehabt. Cyborgs starben. Das Volk starb. Aber Regenten lebten ewig.
»Was ist mit ihnen?« fragte Svengaard, »was ist mit ihnen passiert?«
»Zweite Reihe links«, sagte Glisson, »die rothaarige Frau. Siehst du die eingesunkenen Augen, den starren Blick?«
Boumour drehte den Kopf, um die Frau zu sehen. Der Makel im Aussehen der Regentin sprang nur allzu deutlich ins Auge.
»Was sagen sie denn?« fragte Calapine, und sie selbst hörte den streitsüchtigen Ton in ihrer Stimme. Sie fühlte sich gereizt, von unklaren Schmerzen belästigt.
Ein unzufriedenes Murmeln ging durch die Bänke. Da und dort hörte man Kichern, Zornesausbrüche, Gelächter.
Wir müssen diese Verbrecher doch ausfragen, überlegte Calapine. Muß ich damit anfangen? Und wann? Sie sah zu Schruille hinüber. Der hatte sich auf seinem Sitz zusammengekauert und beobachtete Harvey Durant. Sie wandte sich zu Nourse um, der sie verschwörerisch anlächelte, doch sein Blick schweifte wieder ab. An seinem Hals spürte er einen bisher unbekannten, tobenden Schmerz, auf seinen Wangen zeichnete sich ein Fleck dicker, roter Adern ab.
Sie überlassen doch alles mir, dachte Calapine mürrisch.
Sie zuckte ärgerlich die Achseln und berührte dabei ihre Kontrollkette. Flackerndes purpurnes Licht wusch über die riesige Kugel an der Seite der Halle. Ein Lichtstrahl schoß aus der Kugel, als sei er zu Boden gezogen und spielte über die Gefangenen. Schruille beobachtete das Geflacker. Bald mußten sie zu ängstlichen, kreischenden Kreaturen werden, die alles Wissen von sich gaben, damit die Instrumente der Tuyère es analysieren konnten. Nichts würde von ihnen übrigbleiben als ein Bündel zukkender Nerven, wenn das gleißende Licht sich ausbreitete und ihr Gedächtnis, ihr Wissen und ihre Erfahrungen aus ihnen sog.
»Warte!« befahl Nourse.
Er prüfte das Licht. Auf seinen Befehl hin hatte es sich nicht mehr auf die Gefangenen zubewegt. Er wußte, sie machten einen großen Fehler, der nur ihm bekannt war. In der Halle herrschte gespanntes Schweigen. Sahen ihn die anderen auch, oder würden sie ihn sogar aussprechen? Hier war die geheime Maschinerie ihrer Regierung, die alles plante, alles bestimmte. Doch jetzt war unerwartet das nackte Leben aufgetreten. Das war ein Fehler.
»Warum warten wir noch?« drängte Calapine.
Nourse versuchte sich zu erinnern. Er wußte, er war dagegen gewesen. Aber warum? Schmerz! »Wir dürfen keine Schmerzen bereiten«, sagte er. »Sie müssen die Möglichkeit haben, frei und ohne Druck zu sprechen.«
»Die sind verrückt geworden«, flüsterte Lizbeth.
»Und wir haben gewonnen«, stellte Glisson fest. »Durch meine Augen sehen es alle meine Kameraden, daß wir gewonnen haben.«
»Sie werden uns vernichten«, warnte Boumour.
»Aber wir haben gewonnen«, beharrte Glisson.
»Wie?« fragte Svengaard laut.
»Wir haben ihnen Potter als Köder angeboten und ihnen den Geschmack für Gewalttaten eingegeben«, antwortete Glisson. »Wir wußten, daß sie darauf hereinfallen würden.«
»Wieso?« fragte Svengaard flüsternd.
»Wir haben die Umgebung geändert«, erklärte Glisson. »Kleinigkeiten. Hier ein fast unmerklicher Druck, dort ein furchterregender Cyborg. Wir haben ihnen einen Vorgeschmack von Krieg vermittelt.«
»Wie?« fragte Svengaard.
»Instinkt«, antwortete Glisson. Das Wort hatte eine computergesteuerte Endgültigkeit, eine nichtmenschliche Logik, vor der es kein Entrinnen gab. »Krieg ist ein menschlicher Instinkt. Kampf. Gewalt. Aber man hat geschickt durch viele tausend Jahre die Systeme im Gleichgewicht gehalten. Der Preis, den sie dafür bezahlten, war hoch: Unbeweglichkeit, Einsamkeit, Langeweile. Ihre Anpassungsfähigkeit ist verkümmert. Sie entfernen sich immer weiter von der Linie ewigen Lebens. Bald werden sie sterben.«
»Aber Krieg?« Svengaard hatte die Geschichten über Gewalttaten gehört, vor denen die Regenten das Volk bewahrten. »Das kann doch nicht sein. Vielleicht eine neue Krankheit oder …«
»Ich habe nur die Tatsache festgestellt, die vom Computer bis zur letzten Dezimalstelle errechnet wurde«, erklärte Glisson.
Calapine schrie auf. »Was reden sie denn immer?«
Sie konnte jedes einzelne Wort der Gefangenen hören, doch sie verstand den Sinn nicht. Ein Wort hatte keine Verbindung zum nächsten, es war zusammenhangloses Gerede. »Was sagen sie?« wandte sie sich an Schruille.
»Gleich werden wir sie verhören, dann wissen wir es.«
»Ja«, sagte Calapine, »die reine Wahrheit, den Kern der Dinge.«
»Wie ist das möglich?« fragte Svengaard und atmete schwer. Hoch oben tanzte ein Paar auf einer der Bänke. Andere umarmten sich, zwei Regenten brüllten einander an.
»Beobachte sie!« riet Glisson.
»Können sie diesen Wandel denn nicht mehr … gutmachen?«
»Diese Fähigkeit ist verkümmert«, erklärte Glisson. »Und Anpassung ist in sich selbst eine neue Umwelt, und die stellt höhere Anforderungen. Schau sie an! Sie geraten außer Rand und Band.«
»Die sollen den Mund halten!« schrie Calapine, sprang auf und rannte auf die Gefangenen zu. Harvey beobachtete sie fasziniert und erschreckt zugleich. Ihre Bewegungen waren voll Disharmonie, in ihren Augen brannte Wut; sie zitterte vor Haß.
»Du!« kreischte sie und deutete auf Harvey. »Du! Warum schaust du mich immer an und murmelst dabei etwas? Antworte!«
Harvey war keines Wortes fähig — nicht vor Angst oder Zorn, sondern vor fassungslosem Staunen über die Anzeichen von Alter auf Calapines Gesicht.
Wie alt sie wohl war? Dreißig- oder vierzigtausend Jahre? Oder war sie eines der Originale und achtzigtausend?