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Krieg und Frieden

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Krieg und Frieden
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»Ah, guten Tag, Fürst; guten Tag, mein Lieber. Komm nur mit …«, sagte er mit müder Stimme, indem er sich umsah, und stieg schwerfällig die Freitreppe hinan, die unter seinem Gewicht knarrte.

Er knöpfte sich den Rock auf und setzte sich auf ein Bänkchen, das auf der Plattform stand.

»Nun, was macht der Vater?«

»Gestern habe ich die Nachricht von seinem Tod erhalten«, antwortete Fürst Andrei kurz.

Kutusow blickte den Fürsten Andrei mit erschrockenen, weitgeöffneten Augen an; dann nahm er die Mütze ab und bekreuzte sich:

»Sei ihm das Himmelreich beschieden! Gottes Wille geschehe an uns allen!« Er seufzte schwer aus tiefster Brust und schwieg eine Weile. »Ich habe ihn herzlich geliebt und geschätzt und teile deinen Schmerz von ganzer Seele.«

Er umarmte den Fürsten Andrei, drückte ihn an seine fette Brust und hielt ihn lange fest. Als er ihn dann losließ, sah Fürst Andrei, daß Kutusows aufgeschwemmte Lippen zitterten und ihm die Tränen in den Augen standen. Kutusow seufzte und faßte mit beiden Händen nach der Bank, um aufzustehen.

»Komm zu mir, komm, wir wollen noch miteinander reden«, sagte er.

Aber in diesem Augenblick stieg Denisow, der sich vor seinem hohen Vorgesetzten ebensowenig fürchtete wie vor dem Feind, obgleich die Adjutanten an der Freitreppe ihn mit zornigem Flüstern zurückzuhalten suchten, sporenklirrend die Stufen hinan und trat auf die Plattform. Kutusow, der immer noch die Arme auf die Bank gestemmt hielt, blickte ihn unzufrieden an.

Denisow nannte seinen Namen und erklärte, er habe Seiner Durchlaucht eine Sache von großer Wichtigkeit für das Wohl des Vaterlandes mitzuteilen. Kutusow betrachtete ihn mit müdem Blick, nahm mit einer ärgerlichen Gebärde die Hände wieder in die Höhe, legte sie über dem Bauch zusammen und fragte: »Für das Wohl des Vaterlandes? Nun, was denn also? Sprich!« Denisow wurde rot wie ein junges Mädchen (dieses Erröten nahm sich auf dem schnurrbärtigen, alten Trinkergesicht ganz seltsam aus) und begann dreist seinen Plan einer Durchbrechung der feindlichen Operationslinie zwischen Smolensk und Wjasma auseinanderzusetzen. Denisow hatte in diesen Gegenden gelebt und kannte das Terrain genau. Sein Plan schien zweifellos gut zu sein, namentlich nach der Überzeugungsfreudigkeit zu urteilen, mit der er sprach. Kutusow sah auf seine Füße und blickte sich mitunter nach dem Hof des benachbarten Bauernhauses um, als wenn er von dort etwas Unangenehmes erwartete. Wirklich erschien aus dem Bauernhaus, nach dem er hinschaute, während der Auseinandersetzung Denisows ein General mit einer Mappe unter dem Arm.

»Nun?« sagte Kutusow mitten in Denisows Darlegung hinein. »Schon fertig?«

»Jawohl, Euer Durchlaucht«, erwiderte der General.

Kutusow wiegte den Kopf hin und her, als ob er sagen wollte: »Wie kann nur ein einziger Mensch das alles schaffen?« und fuhr fort Denisow zuzuhören.

»Ich gebe mein Ehrenwort als russischer Offizier«, sagte Denisow, »daß ich die Verbindung Napoleons durchbrechen werde.«

»Wie ist der Oberintendant Kirill Andrejewitsch Denisow mit dir verwandt?« unterbrach ihn Kutusow.

»Er ist mein Onkel, Euer Durchlaucht.«

»So, so! Wir waren befreundet«, sagte Kutusow heiter. »Schön, schön, mein Lieber; bleibe nur hier beim Stab; wir wollen morgen weiter darüber reden.«

Er nickte Denisow zu, wandte sich von ihm weg und streckte die Hand nach den Papieren aus, die ihm Konownizyn gebracht hatte.

»Ist es Euer Durchlaucht nicht gefällig, sich ins Zimmer zu bemühen?« fragte der diensttuende General in unzufriedenem Ton. »Es ist erforderlich, daß Euer Durchlaucht Terrainpläne ansehen und einige Papiere unterschreiben.«

Ein Adjutant, der aus der Tür trat, meldete, daß in dem Quartier alles bereit sei. Aber Kutusow, der offenbar erst dann ins Zimmer gehen wollte, wenn er mit allem fertig sein würde, runzelte die Stirn.

»Nein, mein Lieber, laß mir ein Tischchen hierherbringen; ich werde die Sachen hier ansehen«, erwiderte er. »Geh du nicht fort«, fügte er, zu dem Fürsten Andrei gewendet, hinzu.

Fürst Andrei blieb auf der Freitreppe, so daß er den Bericht des diensttuenden Generals mit anhörte.

Während dieses Berichtes vernahm Fürst Andrei hinter der Haustür das Geflüster von Frauenstimmen und das Knistern eines seidenen Frauenkleides. Bei mehrmaligem Hinblicken nach dieser Richtung bemerkte er hinter der Tür eine volle, rotwangige, hübsche Frau in einem rosa Kleid und einem lila seidenen Kopftuch, die mit einer Schüssel offenbar auf den Eintritt des Oberkommandierenden wartete. Kutusows Adjutant erklärte dem Fürsten Andrei flüsternd, dies sei die Hausfrau, die Gattin des Popen, die Seiner Durchlaucht Brot und Salz zu überreichen beabsichtige; ihr Mann habe den Durchlauchtigen in der Kirche mit dem Kreuz empfangen, und sie wolle ihn nun im Haus begrüßen. »Ein sehr hübsches Frauchen«, fügte der Adjutant lächelnd hinzu. Bei diesen Worten sah sich Kutusow um. Er hörte den Bericht des diensttuenden Generals (der Hauptgegenstand desselben war eine Kritik der Position bei Zarewo-Saimischtsche) in derselben Weise an, wie er soeben Denisow und wie er sieben Jahre vorher die Debatten im Kriegsrat bei Austerlitz angehört hatte. Er hörte augenscheinlich nur deswegen, weil er Ohren hatte, die, obwohl in dem einen von ihnen ein Stückchen Schiffseil steckte, nicht umhin konnten zu hören; aber es war klar, daß nichts von alledem, was ihm der diensttuende General sagen konnte, imstande war, ihn in Verwunderung zu setzen oder sein Interesse zu erregen, daß er vielmehr alles, was ihm gesagt wurde, vorherwußte und es nur deswegen anhörte, weil er es eben anhören mußte, gerade wie man in der Kirche die Liturgie anhören muß. Alles, was Denisow gesagt hatte, war gescheit und vernünftig gewesen; was der diensttuende General sagte, war noch gescheiter und vernünftiger; aber es war klar, daß Kutusow Wissen und Verstand geringschätzte und etwas anderes für wichtiger hielt, wonach er alle Fragen entscheiden zu müssen glaubte, etwas anderes, was mit Wissen und Verstand nichts zu tun hatte. Fürst Andrei beobachtete aufmerksam den Gesichtsausdruck des Oberkommandierenden, und der einzige Ausdruck, den er dabei wahrnehmen konnte, war ein Ausdruck von Langeweile sowie ein Ausdruck von Neugier, was wohl das Geflüster der Frauenstimme hinter der Tür zu bedeuten habe, und der Wunsch, den Anstand zu wahren. Es war augenscheinlich, daß Kutusow Verstand und Wissen und sogar das patriotische Gefühl, das Denisow an den Tag gelegt hatte, geringschätzte, aber nicht etwa gegenüber seinem eigenen Verstand, Gefühl und Wissen (denn diese suchte er gar nicht zu zeigen), sondern einem andern Moment gegenüber. Er schätzte sie gering gegenüber seinem Alter und seiner Lebenserfahrung. Die einzige eigene Willensäußerung, die bei diesem Rapport von Kutusow ausging, erfolgte, als es sich um das Marodieren der russischen Truppen handelte. Der diensttuende General legte gegen Ende seines Rapportes dem Durchlauchtigen ein Schriftstück zur Unterschrift vor, in dem auf die Beschwerde eines Gutsbesitzers hin angeordnet wurde, es sollten mehrere Kommandeure wegen Abmähens grünen Hafers zur Verantwortung gezogen werden.

Nachdem Kutusow den Bericht hierüber angehört hatte, schmatzte er mit den Lippen und wiegte den Kopf hin und her.

»In den Ofen damit … ins Feuer!« sagte er. »Und ich will dir ein für allemal sagen, mein Lieber: alle solche Beschwerden ins Feuer! Mögen die Soldaten mit Gesundheit das Getreide abmähen und das Holz verbrennen! Ich befehle das weder noch erlaube ich es; aber bestrafen kann ich dafür niemand. Ohne das geht es nun einmal nicht. Wo Holz gehauen wird, fliegen die Späne.« Er blickte noch einmal in das Schriftstück hinein. »O diese deutsche Peinlichkeit!« sagte er kopfschüttelnd.

XVI

»Nun, jetzt ist alles erledigt«, sagte Kutusow, nachdem er das letzte Schriftstück unterschrieben hatte. Er erhob sich schwerfällig, reckte die Falten seines dicken, weißen Halses zurecht und schritt mit heiter gewordenem Gesicht auf die Tür zu.

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