Schamanenfeuer. Das Geheimnis von Tunguska.
- Автор: Andre Martina
- Язык: немецкий
- Жанр: Историческая проза
Электронная книга - «Schamanenfeuer. Das Geheimnis von Tunguska.». Краткое содержание книги:
»Ein Gerüstträger?« Rodius warf Olguth, der im Bug des Bootes kniete und immer noch Ausschau nach Vitaly hielt, einen fragenden Blick zu. Interessiert beobachtete der Russe, wie Bashtiris Männer das zweite Boot zu einer Uferzone hinlenkten.
Olguth, der nur halb zugehört hatte, zog ratlos die Schultern hoch. Offenbar lag ihm weit mehr am Schicksal seines Dozenten als an irgendeinem mysteriösen Aluminiumteil.
»Da treibt etwas!« schrie Kolja plötzlich und fuchtelte so wild mit seinen Armen, dass das Schlauchboot gefährlich ins Wanken geriet.
Alle Augen wanderten zum Heck, doch es war nicht Vitaly oder gar Viktoria, die an der Wasseroberfläche trieben. Von Ferne sah es vielmehr wie ein großes Stück gegerbtes Leder aus. Olguth griff hastig zum Paddel und manövrierte das Boot in Richtung des merkwürdigen Gegenstands.
»Es sind zwei«, flüsterte Kolja, nachdem das Boot näher herangekommen war. Die Umrisse des seltsamen Fundes schienen eindeutig menschlich zu sein, auch wenn es aussah, als hätte man ihnen die Haut gegerbt.
»Es sind Menschen«, stieß Rodius verblüfft hervor.
»Es waren Menschen«, verbesserte ihn Olguth atemlos. »Jetzt sind es Mumien . oder Moorleichen .«
Mit dem Fuß entriegelte Leonid die Tür zu seiner Hütte. Mit einer Sanftheit, die man ihm aufgrund seiner riesenhaften Statur niemals zugetraut hätte, legte er die junge Frau auf seinem Bett ab, dessen Matratze mit einer Decke aus Rentier- und Wolfsfellen überzogen war. Ajaci sprang wie selbstverständlich zum Fußende des Bettes, um es sich neben der Frau gemütlich zu machen, und wurde sogleich wieder verscheucht. Beleidigt verzog er sich in die Nähe des gemauerten Kamins und legte sich nieder, die Schnauze auf die Vorderpfoten gebettet. Mit beleidigter Miene verfolgte er jede kleine Regung seines Herrn.
Rasch holte Leonid ein dunkelgrünes Sweatshirt aus seiner Kleiderkiste und eine Hose aus dem gleichen Stoff, die seinem unfreiwilligen Gast zwar viel zu groß sein würde, sich aber mit einem Tunneldurchzug regulieren ließ. Behutsam trocknete er sie ab und streifte ihr schließlich die Kleidung über. Zwischendurch prüfte er immer wieder ihren Puls.
Erstes Gebot: Sie durfte nicht frieren. Nachdem er ihr die Felldecke bis zur Nasenspitze gezogen und sie sorgsam darin eingehüllt hatte, stand er auf und steckte einen Kienspan nach dem anderen in den selbst gemauerten Ofen, bis ein kleines Feuer prasselte. Dann setzte er in einem emaillierten Teekessel, der wohl noch aus dem letzten Jahrhundert stammte, Wasser auf.
Es war kein schwarzer Chinese, den er dem brodelnden Element hinzufügte, sondern eine spezielle Mischung aus sibirischen Kräutern und Pilzen, deren geheime Rezeptur nur unter Schamanen Anwendung fand. Der Dampf sowie der Sud brachten den Kranken mit seiner eigenen inneren Wirklichkeit in Verbindung und machten es möglich, einen Genesungsprozess einzuleiten, der von den guten Geistern in dessen Umgebung begünstigt wurde.
Mit einem leisen Seufzer setzte sich Leonid neben die bewusstlose Frau und bettete ihren Oberkörper auf mehrere Kissen, sodass sie halb aufrecht zu sitzen kam. Dann nahm er mit einer Hand einen tönernen Becher, den er zuvor auf einer alten Armeekiste abgestellt und mit dem Sud gefüllt hatte. Vorsichtig fächelte er seiner Patientin mit der anderen Hand den Dampf unter die Nase. Leise murmelte er einen Spruch, den Taichin ihm vor einiger Zeit beigebracht hatte, um Kranke aus dem Zustand geistiger Umnachtung zurückzuholen.
Die Bitte um Unterstützung aus der Oberwelt schien zu funktionieren - auch ohne Trommeln und laute Beschwörungsformeln. Die Augenlider der Frau begannen zu flattern, und dann sah sie ihn an. Ihre Augen waren beinah so grün wie das Gras auf der Lichtung, und obwohl ihr Blick getrübt war, schien sie wach zu sein.
Leonid kühlte den Sud, indem er mehrmals darüber blies, dann hob er mit einer Hand ihren Kopf an und half der jungen Frau, vorsichtig zu trinken. Für einen Moment verzog sie das Gesicht, nicht weil der Trunk zu heiß, sondern weil er anscheinend zu bitter war. Kein Wort kam über ihre Lippen, obwohl sie ihn unentwegt anstarrte. Zug um Zug leerte sie den Becher. Leonid stellte den leeren Becher zur Seite und bettete ihren Kopf zurück auf das Kissen. Dann strich ihr zärtlich die Haare aus dem Gesicht. Ihr Blick schien entrückt, als ob sie durch ihn hindurchsehen konnte. Sacht ließ er seine Hand auf ihrer Stirn ruhen, in der stummen Hoffnung, dass es nicht lange dauern konnte, bis sie endgültig zu sich kam. Sie war keine Ewenkin, doch warum sollte der Zauber bei ihr nicht wirken? Mittlerweile kamen etliche Russen aus der Stadt, die der Schulmedizin nicht vertrauten, um bei Krankheit Taichins Rat und Hilfe zu suchen.
Das Camp war vollkommen verwüstet. Von Viktoria Vanderberg fehlte jede Spur. Professor Rodius hatte bis zur Erschöpfung nach ihr suchen lassen. Erst recht, nachdem man Vitalys Leichnam vor knapp zwei Stunden geborgen hatte. Nun lag der tote russische Wissenschaftler in einen Plastiksack gehüllt; darin sollte er nach Vanavara in eine Kühlkammer gebracht werden, in der man für gewöhnlich Fisch aufbewahrte. Erst übermorgen würde er von dort aus seinen letzten Weg nach Moskau antreten können.
Seine Gefährten auf dem Katamaran waren mit dem Schrecken davongekommen. Attilo, der blonde Hüne mit den eisigen Augen und gleichzeitig Bashtiris bester Mann, hatte es mit einem verstauchten Arm ganz allein zum Ufer geschafft. Seine Unterwasserkamera war allerdings auf den Grund des Sees gesunken. Er selbst lag auf der provisorischen Krankenstation des Camps und wartete auf Doktor Parlowa, damit sie sich seinen verletzten Arm ansah.
Als sich der Abend über die improvisierten Holzhütten herabsenkte, war die Stimmung nicht nur wegen Vitalys Tod gedrückt. Es konnte noch Tage dauern, bis man alles wieder in seinen ursprünglichen Zustand versetzt haben würde, und eine vage Angst ging unter den Studenten umher, dass sich dieser Vorfall jederzeit wiederholen konnte.
Bashtiri fluchte, weil es immer noch kein Lebenszeichen von der deutschen Geophysikerin gab. Wenn sie nicht wieder lebend auftauchte, würde es international zu einer schlechten Presse kommen, und das wollte und konnte er sich vor der russischen Regierung, die an diesem Projekt, wenn auch aus anderen Gründen als er selbst, interessiert war, nicht leisten.
»Sie müssen etwas unternehmen!« Rodius blaffte den russischen Gasmogul aufgebracht an. In eine Decke gehüllt, saß er neben Bashtiri an einem Lagerfeuer und ereiferte sich über die scheinbare Gleichgültigkeit des Oligarchen.
»Wir können die Suche nach Frau Doktor Vanderberg nicht einfach aufgeben, nur weil es dunkel ist. Vielleicht liegt sie da draußen irgendwo im Schilf oder am Ufer des Kimchu und benötigt unsere Hilfe!« Seine Stimme überschlug sich beinahe.
Bashtiri gab ein ungeduldiges Grunzen von sich und nahm einen weiteren Schluck Wodka aus einer Zweiliterflasche, die er seit zwei Stunden ununterbrochen in der Hand hielt.
»Ich muss dem Professor recht geben.« Sven Theisen war lautlos hinzugetreten, nachdem Doktor Parlowa ihm wegen eines verstauchten Ellbogens eine Schlinge verordnet hatte. »Wer außer Ihnen hat die Mittel und die Möglichkeiten, eine solche Suche zu starten.« Seine Miene sprach Bände. Er hatte Angst. Um Viktoria - aber auch, dass er dieses Unglück verschuldet hatte.