Nie sollst Du vergessen
- Автор: Джордж Элизабет
- Серия: Inspector Lynley (de) #11
- Год: 2001
- Язык: немецкий
- Год: Goldmann Verlag
- Переводчик: Mechtild Sandberg-Ciletti
- Жанр: Полицейские детективы
Электронная книга - «Nie sollst Du vergessen». Краткое содержание книги:
Psychologische Raffinesse, präziser Spannungsaufbau und ein unfehlbarer Sinn für Dramatik charakterisieren die Kriminalromane der Amerikanerin Elizabeth George. Die Autorin, die den Anthony Award, den Agatha Award und den Grand Prix de Litérature Policière gewonnen hat, lebt in Huntington Beach, Kalifornien. Mehr Informationen zur Autorin unter www.ElizabethGeorgeOnline.com
Was natürlich die Frage herausforderte, wie das Kind dann umgekommen war.
Sie mussten alle befragt werden, aber nicht gleichzeitig. Webberly wandte sich zunächst an die junge Deutsche: »Sie waren für das Kind verantwortlich?«
Woraufhin die Mutter sagte: »Ich habe das über uns gebracht!«
»Eugenie!«, rief Richard Davies, und der andere Mann mit dem schweißfeuchten Gesicht, der bei ihr stand, sagte: »So etwas darfst du nicht sagen, Eugenie.«
Der Großvater erklärte: »Wir wissen doch alle, wer schuld ist.«
Die Deutsche jammerte: »Nein! Nein! Ich habe sie nicht allein gelassen«, und der junge Mann neben ihr sagte: »Ist schon okay«, was es nun wahrhaftig nicht war.
Zwei Personen sprachen kein Wort: eine alte Frau, die unverwandt den Großvater fixierte, und eine rothaarige junge Frau im adretten Faltenrock, die mit unverhüllter Abneigung die Deutsche beobachtete.
Zu viele Menschen, zu viele Emotionen und wachsende Verwirrung. Webberly bat alle, bis auf die Eltern, sich zurückzuziehen.
»Aber bleiben Sie im Haus«, gebot er. »Und irgendjemand muss sich um den Jungen kümmern.«
»Ich«, sagte die Rothaarige, offensichtlich die »Erzieherin«, von der der Constable gesprochen hatte. »Komm, Gideon. Wir nehmen uns mal dein Mathebuch vor.«
»Aber ich muss doch üben«, entgegnete der Junge mit ernstem Blick in die Runde der Erwachsenen. »Raphael hat gesagt -«
»Es ist schon in Ordnung, Gideon. Geh du ruhig mit Sarah-Jane.« Der Mann mit dem schweißnassen Gesicht entfernte sich von der Mutter und kauerte vor dem Jungen nieder. »Mach dir jetzt um deine Musik keine Gedanken. Geh mit Sarah-Jane, ja?«
»Komm, Junge.« Mit dem Kleinen auf dem Arm, stand der Großvater auf. Die anderen folgten ihm aus dem Zimmer, und schließlich waren nur noch die Eltern des toten Kindes übrig.
Selbst jetzt noch, hier im Park von Stamford Brook, wo Alfie kläffend Vögel und Eichhörnchen jagte, selbst jetzt noch konnte sich Webberly an Eugenie Davies erinnern, wie sie an diesem Abend ausgesehen hatte.
Sie trug eine graue Hose und eine blassblaue Bluse und war völlig reglos dagesessen. Sie hatte weder ihn noch ihren Mann angesehen, als sie wie zu sich selbst gesagt hatte: »O mein Gott, was soll jetzt aus uns werden?«
Ihr Mann ging nicht auf ihre Worte ein, sondern bemerkte, zu Webberly gewandt: »Wir waren im Krankenhaus. Man konnte nichts mehr für sie tun. Hier hatte man uns das nicht gesagt. Hier im Haus, meine ich. Da haben sie uns das nicht gleich gesagt.«
»Nein«, antwortete Webberly. »Das ist nicht ihre Aufgabe. Das überlassen sie den Ärzten.«
»Aber sie wussten es. Schon als sie noch hier im Haus waren. Sie wussten es, nicht wahr?«
»Ich vermute, ja. Es tut mir sehr Leid.«
Sie weinten beide nicht. Das würde später kommen; wenn sie begriffen, dass der Albtraum kein Albtraum war, sondern Realität, die den Rest ihres Lebens verändern würde. Im Moment waren sie betäubt von den seelischen Erschütterungen: der anfänglichen Panik, den verzweifelten Rettungsbemühungen, der Invasion fremder Menschen in ihrem Heim, dem qualvollen Warten in der Notaufnahme, dem Urteil der Ärzte.
»Sie sagten, sie würde erst später freigegeben werden. Die - ihr Leichnam«, sagte Richard Davies. »Wir durften sie nicht mitnehmen… warum nicht?«
Eugenie senkte den Kopf und starrte, wie es schien, auf ihre gefalteten Hände.
Webberly zog sich einen Sessel heran und setzte sich, um mit der Frau auf gleicher Höhe zu sein. Mit einer Kopfbewegung bedeutete er Richard Davies, sich ebenfalls zu setzen. Der nahm neben seiner Frau Platz und ergriff ihre Hand. Webberly erklärte es ihnen, so gut er konnte: Bei einem unerwarteten Tod, wenn jemand starb, der sich nicht in Behandlung eines Arztes befand, der einen Totenschein ausstellen konnte, wenn jemand bei einem Unglücksfall ums Leben kam - zum Beispiel durch Ertrinken -, dann schrieb das Gesetz eine Obduktion des Verstorbenen vor.
Eugenie blickte auf. »Soll das heißen, dass man sie aufschneiden wird?«
Webberly wich der Frage aus, indem er sagte: »Das geschieht, um die genaue Todesursache festzustellen.«
»Aber die kennen wir doch«, wandte Richard Davies ein. »Sie war oben - sie wurde gebadet, sie war in der Wanne. Ich hörte jemanden rufen, dann die Frauen schreien, und als ich nach oben lief, kam James heruntergestürzt -«
»James?«
»Unser Untermieter. Er war oben in seinem Zimmer und kam die Treppe heruntergerannt.«
»Wo waren die übrigen Hausbewohner?«
Richard warf seiner Frau einen fragenden Blick zu, aber die schüttelte den Kopf. »Ich war mit meiner Schwiegermutter in der Küche. Wir wollten das Abendessen machen. Sonia wurde meistens um diese Zeit gebadet, und -« Sie brach ab, als drohte durch das Aussprechen des Namens das Undenkbare sie zu überwältigen.
»Und Sie wissen nicht, wo die anderen waren?«
»Mein Vater und ich waren im Wohnzimmer«, sagte Richard Davies. »Wir sahen uns - mein Gott, wir haben uns Fußball angesehen! Wir haben uns ein Fußballspiel angesehen, und oben ertrank unser Kind!«
In Eugenie schien etwas zu zerbrechen. Sie begann endlich zu weinen.
Richard Davies, der mit seinen eigenen Gefühlen des Schmerzes und der Hoffnungslosigkeit beschäftigt war, nahm seine Frau nicht in den Arm, wie Webberly das von ihm erwartet hätte. Er sagte nur ihren Namen und versicherte ihr völlig nutzlos, es sei ja gut, das Kind sei jetzt bei Gott, der es ebenso sehr liebte, wie sie es geliebt hatten. Gerade sie, Eugenie, mit ihrem unerschütterlichen Glauben an Gott und seine unendliche Güte, wisse das doch, nicht wahr?
Welch armseliger Trost, dachte Webberly und sagte: »Ich möchte mit jedem sprechen, der zur Zeit des Unfalls im Haus war.«
Zu Richard Davies gewandt, fügte er hinzu: »Vielleicht braucht Ihre Frau einen Arzt, Mr. Davies. Wollen Sie nicht einen anrufen?«
Noch während er sprach, wurde die Wohnzimmertür geöffnet, und Sergeant Leach trat ein. Er nickte zum Zeichen, dass er seine Liste fertig gestellt und das Badezimmer versiegelt hatte, woraufhin Webberly ihm mitteilte, dass sie die Hausbewohner hier im Wohnzimmer befragen würden.
»Danke für Ihre Hilfe, Inspector«, sagte Eugenie.
Danke für Ihre Hilfe. Diese Worte gingen Webberly durch den Kopf, als er jetzt schwerfällig von der Parkbank aufstand. Vier schlichte Worte, im Ton tiefsten Elends gesprochen, die sein Leben verändert hatten: die aus dem Kriminalbeamten den Ritter ohne Furcht und Tadel gemacht hatten.
Weil sie, dachte er jetzt, als er nach Alfie rief, eine so besondere Mutter gewesen war. Eine Mutter, wie Frances sie nie hätte sein können. Das musste man bewundern. Einer solchen Mutter musste man als Mann einfach helfen wollen.
»Alfie, komm jetzt!«, rief er laut, als der Hund einem Terrier mit einem Frisbee im Maul nachlief. »Nach Hause. Komm! Ich lass dich auch frei laufen.«
Als hätte der Hund dieses letzte Versprechen verstanden, kam er zurückgerannt und blieb japsend und mit hängender Zunge vor Webberly stehen. Er hatte für diesen Morgen offensichtlich genug Auslauf gehabt. Mit einer Kopfbewegung beorderte Webberly ihn zum Parktor, wo er sich gehorsam setzte und seinen Herrn in Erwartung einer Belohnung mit wachem Blick fixierte.
»Nachher, wenn wir zu Hause sind«, sagte Webberly. Den ganzen Heimweg gingen ihm diese Wort durch den Kopf.
Sehr passend, eigentlich. Letztendlich und über allzu viele Jahre hinweg war alles, was in Webberlys armseligem kleinen Leben von Bedeutung war, auf »nachher« verschoben worden.
Lynley sah, dass Helen, die noch im Bett lag, höchstens einen Schluck von ihrem Tee getrunken hatte. Doch sie hatte sich herumgedreht und sah ihm beim Kampf mit seiner Krawatte zu, während er sie im Spiegel beobachtete.